Wenn der Blutzucker verrücktspielt

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Wenn der Blutzucker verrücktspielt

Eine schlechte Blutzuckereinstellung oder starke Blutzuckerschwankungen sind für viele Menschen oft unerklärlich: für Typ-1- wie für Typ-2-Diabetiker. Wir nennen Ursachen – und geben Tipps für Lösungsansätze.

Der Autor
Dr. Gerhard-Schmeisl ist Internist, Angiologe und Diabetologe. Er arbeitet als Chefarzt an der Deegenbergklinik und als Chefarzt Diabetologie an der Klinik Saale in Bad Kissingen. Im Diabetes-Journal schreibt er über die Diabetes-Therapie und darüber, wie man Folgeerkrankungen verhindern kann. 2014 ist er ausgezeichnet worden für seine sozialmedizinischen Dienste.

Wenn der Blutzucker verrücktspielt: Damit sind nicht der gelegentlich erhöhte Blutzucker (Hyperglykämie) und der Unterzucker (Hypoglykämie) gemeint, die wohl viele Menschen mit Diabetes von Zeit zu Zeit erleben. Nein, hier geht es um die manchmal für die Betroffenen nicht kalkulierbaren Blutzuckerschwankungen, Blutzuckererhöhungen am Morgen (wie Dawn-Phänomen) und auch Blutzuckerentgleisungen.

Egal ob Sie einen Typ-1- oder einen Typ-2-Diabetes haben: Wir hoffen, dass Ihnen die vielen praktischen Hinweise im Alltag nützen mögen – und Sie vielleicht das eine oder andere unangenehme Erlebnis so verhindern können.

Oberstes Ziel: den Blutzucker im Normbereich halten

Der menschliche Organismus strebt danach, den Blutzucker unter allen Lebensumständen möglichst im Normbereich zu halten; dies ergibt sich vor allem aus der Tatsache, dass das Zentralnervensystem des Menschen (Gehirn, Nerven etc.) zur Energiegewinnung Glukose (Traubenzucker) verwendet. Kohlenhydrate und Fette (Lipide) sind die wichtigsten Energiequellen einer Zelle.

Das Gehirn braucht kein Insulin

Das Gehirn bedient sich direkt aus dem strömenden Blut – es benötigt kein Insulin, um Glukose in die Zellen aufnehmen zu können. Das Gehirn braucht für seine Tätigkeit etwa 6 g Glukose pro Stunde, die vor allem aus den Vorräten der Leber kommen: Sie liefert 10 g Glukose pro Stunde. Eine normale Blutzuckerkonzentration ist neben Sauerstoff eines der existentiellen Dinge, die erst das Leben der Menschen ermöglichen.

Weithin bekannt ist, dass zu hohe Blutzuckerwerte (Hyperglykämien) für Diabetiker langfristig schädlich sind – aber nicht nur sie:

Schädliche Schwankungen

Studien (gerade Studien mit Typ-1-Diabetikern mit Insulinpumpe) haben gezeigt, dass gehäuft vorkommende starke Blutzuckerschwankungen mit Unter- und Überzuckerung Organen, die glukoseempfindlich sind, schaden können – wie der Netzhaut des Auges, in der Blutungen auftreten können.

Darüber hinaus scheint es ein „Glukose-Langzeit-Gedächtnis der Organe“ zu geben: Je früher der Blutzucker gut und gleichmäßig eingestellt ist, umso geringer ist das Risiko, dass Diabetes-Folgeerkrankungen entstehen. Das gilt für Typ-1- und Typ-2-Diabetiker – wie große Studien zeigten.

Gar nicht hoch genug einschätzen lässt sich das, was Menschen mit Diabetes – Typ 1, Typ 2, Kinder, Jugendliche, Erwachsene im berufstätigen Alter und ältere Menschen – tagtäglich leisten, um ihren Diabetes im Griff zu haben.

Ursachensuche beim Typ-1-Diabetes

Bei Typ-1-Diabetikern sind ein hoher Langzeitwert (HbA1c) und ein Auf und Ab der Blutzuckerwerte häufig der Grund dafür, dass man genau suchen muss, wo die Ursachen dafür liegen – aber auch sehr niedrige HbA1c-Werte (also eine vermeintlich sehr gute Blutzuckereinstellung) mit häufigen Unterzuckerungen und mit der Gefahr der Entwicklung einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung müssen zu einer Ursachensuche führen.

Typ-1-Diabetes wird oft noch gleichgesetzt mit jugendlichem Diabetes – aber Typ-1-Diabetiker gibt es in allen Altersstufen. Durch die sich ändernden Lebensumstände beim Erwachsen- und Älterwerden und möglicherweise auch durch Folgeerkrankungen ist deshalb immer wieder eine Anpassung der Insulintherapie erforderlich.

Da Typ-1-Diabetiker unbedingt Insulin brauchen, ist es sehr wichtig, dass man die Probleme analysiert, die im Zusammenhang mit der Blutzuckereinstellung auftauchen. Denn so lassen sich am ehesten akute Probleme und chronische Folgeerkrankungen vermeiden – bei guter Lebensqualität.

Akute und chronische Folgeerkrankungen

Die akuten und die chronischen Folgen einer schlechten Diabeteseinstellung können die Lebensqualität von Typ-1-Diabetikern spürbar einschränken. Denken Sie an Unterzuckerungen oder gefährlich hohe Blutzuckerwerte mit Ketoazidose; denken Sie an Erkrankungen der Nieren, Nerven und der Netzhaut – oder denken Sie an schwere Hypoglykämien mit Krankenhauseinweisung.

Schlechte Werte, Schwankungen bei Typ-1-Diabetes

Ursachen für eine schlechte Blutzuckereinstellung bzw. schwankende Blutzuckerwerte bei Typ-1-Diabetikern:

  • Akzeptanz- und Verarbeitungsprobleme bei Diabetes
  • Null-Bock-Mentalität bei jungen und jugendlichen Typ-1-Diabetikern
  • Zu viel Basalinsulin bei der intensivierten Insulintherapie
  • Zu viel oder zu wenig Insulin besonders bei Sport/Bewegung
  • Zu wenige Blutzuckerkontrollen oder Kontrollen zu Zeitpunkten, die keine aussagekräftige Analyse ermöglichen
  • Mangelhafte Dokumentation der Blutzuckerwerte (Nachvollziehbarkeit dann oft nicht mehr gegeben
  • Zu häufiges Herunterspritzen erhöhter Werte im Laufe eines Tages mit wiederholten Hypoglykämien (Gefahr: Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung)
  • Falsche Injektionstechnik mit schlechter Insulinaufnahme
  • Magenlähmung und dadurch ungleichmäßige Nahrungsverwertung

Typ-2-Diabetes: Hier steht anderes im Vordergrund

Beim Typ-2-Diabetes reden wir nur über einen relativen Insulinmangel: Hier ist die Blutzucker-Stoffwechsellage meist stabiler und gleichmäßiger – nicht selten aber insgesamt trotzdem nicht gut. Tabletten (orale Antidiabetika) mit Unterzuckerungsrisiko wurden über Jahrzehnte hinweg verordnet – bis heute mit dem negativen Nebeneffekt einer Gewichtszunahme.

Insulin wird oft immer noch zu spät in die Therapie eingeführt, aus Angst vor Unterzuckerungen und einer möglichen Gewichtszunahme. Die Studienergebnisse der letzten Jahre haben uns andererseits gezeigt, dass es notwendig ist, gerade bei älteren Typ-2-Diabetikern Unterzuckerungen zu vermeiden: Denn viele ältere Menschen haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig, sind also multimorbid.

Neue und sicherere Möglichkeiten bei der Typ-2-Diabetes-Therapie

Jedoch ist es ebenso notwendig, eine weitere unerwünschte Gewichtszunahme durch die Therapie selbst zu vermeiden. Die inkretinbasierten neuen Therapien mit der zusätzlichen Möglichkeit der Insulingabe haben hier nicht geahnte, neue und sicherere Möglichkeiten der Therapie eröffnet. Trotzdem müssen auch ältere Typ-2-Diabetiker mit zunächst oft „unerklärlichen Blutzuckerschwankungen“ rechnen – und damit fertig werden.

Schlechte Werte, Schwankungen bei Typ-2-Diabetes

Ursachen für eine schlechte Blutzuckereinstellung bzw. für schwankende Blutzuckerwerte bei Typ-2-Diabetikern:

  • Tabletten (orale Antidiabetika mit der Gefahr der Unterzuckerung 8z. B. Sulfonylharnstoffe und Glinide) und Gegenregulation
  • Keine oder zu wenige Blutzuckerkontrollen trotz Insulintherapie bzw. oraler Medikamente, die die Insulinausschüttung anregen
  • Überforderung alter oder sehr alter Patienten mit dem Medikamenten
  • Überforderung mancher Patienten mit einer zu komplizierten Insulintherpie
  • Trotz Nierenerkrankung Einnahme von Medikamenten ohne Anpassung der Dosis
  • Falsche Technik der Insulininjektion, falsche Injektionsutensilien oder falsche Injektionsareale
  • Unpassende Schulung älterer Typ-2-Diabetiker besonders bei erforderlicher Insulintherapie
  • Unpassende Diabetestherapie älterer Typ-2-Diabetiker – wenn Begleit- und Folgeerkrankungen nicht berücksichtigt werden (z. B. Zustand nach Herzinfarkt oder Schlaganfall, Sehstörungen, beginnende Demenz)

von Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist/Angiologe/Diabetologe, Chefarzt Deegenbergklinik sowie Chefarzt Diabetologie Klinik Saale (DRV-Bund)

Kontakt:
Deegenbergklinik, Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 21-0
sowie Klinik Saale, Pfaffstraße 10, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 5-01

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  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 3 Wochen

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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