ATTD Kongress 2023: Neueste Ansätze zur Diabetes-Behandlung

3 Minuten

ATTD Kongress 2023: Neueste Ansätze zur Diabetes-Behandlung

Bereits zum 16. Mal fand der alljährliche ATTD-Kongress (Fortgeschrittene Technologien und Therapien bei Diabetes) 2023 statt. Über 3000 Teilnehmende vor Ort in Berlin und weitere Tausend Zuhörer virtuell diskutierten neueste Ansätze zur Diabetes-Behandlung.

Die ATTD-Tagung stellt ein einzigartiges Forum dar, bei dem Mitglieder aus Diabetesteams weltweit mit den Forschungsabteilungen der großen pharmazeutischen Firmen, kleinen Start-Ups und universitären Studieneinrichtungen über die neusten Ansätze in der Diabetes-Forschung diskutieren.

Ein Blutdruckmedikament schützt die Betazellen

Mit großer Spannung wurden die Ergebnisse der von der Juvenile Diabetes Forschungs-Stiftung (JDRF) geförderten CLVer-Studie (“clever” bedeutet übersetzt schlau) erwartet. In dieser Studie wurde die Gabe des seit vielen Jahren zur Blutdrucksenkung eingesetzten Medikaments Verapamil und der Einsatz einer Hybrid-Closed Loop (HCL) Insulinpumpentherapie direkt nach der Diagnose eines Typ-1-Diabetes bei Jugendlichen untersucht.

Zeitgleich zur Präsentation der Ergebnisse durch Studienleiter Greg Forlenza vom Barbara Davis Diabetes-Zentrum in Denver, USA, wurde die Studie in zwei Artikeln im renommierten wissenschaftlichen Journal JAMA veröffentlicht. Die CLVer-Studie ergab, dass Verapamil im Vergleich zur Behandlung mit einem Placebo die Betazellfunktion bei 113 Jugendlichen im Alter von sieben bis 17 Jahren mit neu aufgetretenem Typ-1-Diabetes über 52 Wochen teilweise erhalten konnte.

Ein möglicher Grund könnte eine zelluläre Stress-Reduktion durch Verapamil sein. Allerdings reichte der Effekt nicht aus, um auf eine Insulingabe zu verzichten. Ein Routineeinsatz bei Manifestation kommt daher gegenwärtig nicht in Frage. Vielleicht aber ein Einsatz in der Kombinationsbehandlung bei neuen Studien zur Immuntherapie.

HCL-Insulinpumpe bei
Manifestation?

Darüber hinaus ergab die Studie, dass es keinen signifikanten Unterschied bei der Aufrechterhaltung der Insulinsekretion zwischen einer Closed-Loop-Verwendung von Diabetesbeginn an und der Standardbehandlung (Insulingabe und kontinuierliche Glukosemessung ohne automatische Insulindosierung) gab.

Trotzdem hatten HCL-Insulinpumpen-Anwender eine höhere Zeit im Zielbereich (Glukosewerte zwischen 70 und 180mg/dl) von 78 % im Vergleich zu Nicht-Anwendern von 64 % (3,4 Stunden/Tag Unterschied). Ähnliche Ergebnisse hatte schon eine zweijährige Studie aus Cambridge in England mit dem CamAPS-System ergeben. Angesichts der Wichtigkeit einer guten Stoffwechseleinstellung von Beginn an, bieten diese Studien aber Argumente für einen frühen Einsatz von AID-Systemen.

Fortschritte bei der automatischen Insulindosierung

Die 12-Monats-Ergebnisse der ADAPT-Studie von Medtronic mit 82 Studienteilnehmern wurden ebenfalls auf dem ATTD veröffentlicht. Sie ergaben, dass die Gruppe, die von einer Behandlung mit mehrfachen täglichen Insulininjektionen im Zufallsverfahren auf die MiniMed 780G HCL-Insulinpumpe umgestellt wurde, eine Senkung des HbA1c-Wertes um 1,4 % auf 7,5 % und eine Verbesserung der Zeit im Zielbereich um 6,5 Stunden pro Tag auf 71 % verzeichnen konnte.

Roy Beck vom Diabetes-Statistik-Zentrum JAEB aus Florida präsentierte eine Analyse der 369 Teilnehmer aller drei Zulassungsstudien mit dem Tandem Control-IQ-Insulinpumpensystem. HCL-Benutzer hatten einen Vorteil von 2,8 Stunden pro Tag gegenüber der Kontrollgruppe. Diese Ergebnisse stimmen mit den Daten von Anwendern aus der täglichen Praxis überein, berichtete er.

Das französische Start-Up Diabeloop kündigte die Entwicklung eines vollständig geschlossenen Kreislaufsystems ohne Notwendigkeit einer Mahlzeiteneingabe an. Zuvor hatten Medtronic und Dexcom/TypeZero bereits ähnliche Ankündigungen gemacht. Diabeloop präsentierte auch die Ergebnisse von über 6.000 Anwendern ihres DBLG1-Systems in der Praxis. Die Zeit im Zielbereich lag dabei in fünf EU-Ländern im Schnitt bei ~ 70 %.

Basalinsulin einmal pro Woche?

Eine Gruppe renommierter Fachleute erörterte, warum einmal wöchentlich verabreichte Basal-Insuline die “Zukunft” sind. Allerdings bezog sich die Diskussion hauptsächlich auf die Behandlung des Typ-2-Diabetes. Eine Studie mit dem ultralangwirksamen Insulins Icodec der Firma NovoNordisk bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes hatte eine etwas höhere Unterzuckerungsrate gegenüber einer täglichen Gabe von Degludec (Tresiba®) als Basalinsulin.

Vielleicht war dies auch der Grund, warum die geplante Kinderstudie mit Icodec abgesagt wurde. Neuesten Daten für das ultralangwirksame Basalinsulin Fc (BIF) von Lilly, auch bekannt als Efsitora Alfa, wurden ebenfalls diskutiert.

Erfolge der Kinderdiabetologie

Der amtierende Präsident der internationalen Kinderdiabetesgesellschaft ISPAD, David Maahs von der Stanford University, gab einen Überblick über die Diabetes-Technologie und -Therapie bei Kindern im vergangenen Jahr und hob dabei das Potenzial des hybriden Closed-Loop zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes hervor.

Bei den jüngsten Kindern mit Typ-1-Diabetes (im Alter von ein bis sieben Jahren) ergab eine multinationale Studie mit dem CamAPS-System, dass dies zu einer 9%igen Erhöhung der Zeit im Zielbereich (+2,2 Stunden/Tag) und zu einer 0,4%igen Senkung des durchschnittlichen Blutzuckerspiegels führte. Zuvor hatte eine multizentrische Studie mit einem schlauchlosen HCL-System (Omnipod 5, Fa. Insulet) eine 16%ige Erhöhung der TIR (+3,7 Std./Tag) und eine 0,7%ige Senkung des A1c-Wertes ergeben.

Schließlich hob Dr. Maahs Australien als Vorreiter bei der Ermöglichung des Zugangs zu kontinuierlichen Glukosemessung für alle Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes hervor. Das universelle Erstattungsprogramm des Landes für kontinuierliche Glukosemessung führte zu einem zweifachen Anstieg der statistischen Wahrscheinlichkeit für das Erreichen des Ziel-HbA1c-Wertes (<7 %), zu einem dreifachen Rückgang des Risikos für einen HbA1c-Wert >9 % und zu einer zweifachen Verringerung des Auftretens einer diabetischen Ketoazidose. Dies seien viele gute Nachrichten für die Kinder-Diabetologie, schloss Prof. Maahs seine Übersicht.

Im Frühjahr 2024 wird beim 17. ATTD- Kongress in Florenz erneut Gelegenheit für eine Diskussion der Fortschritte sein.


von Prof. Dr. med. Thomas Danne

Prof. Dr. med. Thomas Danne ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Diabetologe. Er war Chefarzt der Klinik für Pädiatrische Diabetologie am Kinderkrankenhaus Auf der Bult (Hannover) und ist seit April 2024 Chief Medical Officer International bei Breakthrough T1D. Er hat über 300 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht.

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2023; 11 (2) Seite 6-7

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Kathy und Leonie Dalinger im Interview: Seinem Kind mit Diabetes vertrauen und es unterstützen
Als Vorsitzende der Stiftung Dianiño möchte Kathy Dalinger andere Diabetes-Familien unterstützen. Sie und ihr Mann haben es mit viel Offenheit und Vertrauen geschafft, ihrer Tochter Leonie als Kind mit Diabetes eine unbeschwerte Zeit zu ermöglichen.
Kathy und Leonie Dalinger im Interview: Seinem Kind mit Diabetes vertrauen und es unterstützen | Foto: privat

13 Minuten

Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Schwangerschaft mit Typ-1-Diabetes – Lesley‑Ann berichtet über ihre Erfahrungen
Im Diabetes-Anker-Podcast berichtet Lesley‑Ann, wie sie ihre Schwangerschaft und den Start ins Elternsein mit Typ-1-Diabetes erlebt hat. Zwischen Therapie-Herausforderungen, einer Frühgeburt und emotionaler Belastung fand sie ihren Weg und macht anderen Betroffenen Mut.
Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Schwangerschaft mit Typ-1-Diabetes – Lesley‑Ann berichtet über ihre Erfahrungen | Foto: privat

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Tagen, 9 Stunden

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 2 von 3 )
    66.67%
    ( 0 von 3 )
    0%
    ( 1 von 3 )
    33.33%
  • schubidu postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 2 Wochen

    Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • uho1 antwortete vor 2 Wochen

      @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/