- Eltern und Kind
Wie wird eine Hypoglykämie behandelt?
3 Minuten
Was ist eigentlich eine Unterzuckerung? Gibt es Werte, die den Unterzucker genau definieren? Und was passiert bei einer schweren Unterzuckerung? Wie lässt sich eine Unterzuckerung beheben? Antworten auf diese grundlegenden Fragen hat Dr. Silvia Müther.
Unterzuckerungen (Hypoglykämien) sind eine häufige Begleiterscheinung für Menschen mit Typ-1-Diabetes, da die Regulation des Blutzuckers (BZ) ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Einflussgrößen im Körper ist.
- Grad 1: leichte Unterzuckerung – selbst wahrzunehmen und adäquat zu behandeln.
- Grad 2: mäßige Unterzuckerung – keine eigene angemessene Reaktion möglich, orale KH-Zufuhr ist aber möglich.
- Grad 3: schwere Unterzuckerung – Betroffener deutlich bewusstseinseingetrübt / bewusstlos; Glukose über die Vene oder Notfallspritze erforderlich
Die meisten sind leicht und kurzdauernd, lassen sich leicht beheben und sind ohne gesundheitliche Auswirkungen. Kleine Kinder ( unter 5 Jahre) sind jedoch besonders empfindlich gegenüber Unterzuckerungen, bei ihnen sollte daher nach unserer Erfahrung schon früher gegengesteuert werden (s. u.). Da sie Unterzuckerungen noch nicht verlässlich selbst erkennen und behandeln können, bedürfen sie einer besonderen Fürsorge.
Schwere Unterzuckerung
Sorgen bereiten vor allem schwere Unterzuckerungen, die mit Bewusstseinsstörungen und Kontrollverlust einhergehen und daher vom Betroffenen nicht mehr selbst behandelt werden können. Wegen ihrer bis hin zum Krampfanfall dramatischen Symptome sind sie verständlicherweise sehr angstbesetzt. Sie können im Extremfall medizinische Hilfe (Notarzt) oder das Verabreichen der Glukagon-Notfallspritze durch entsprechend geschulte Angehörige/Freunde erforderlich machen.
Bei schwereren Unterzuckerungen besitzt der Körper aber in Form der Gegenregulation (rasche, durch “Stress”-Hormone vermittelte Zuckerfreisetzung) ein wirksames Mittel, so dass in der Regel langdauernde Unterzuckerungen mit negativen Gesundheitsfolgen verhindert werden und auf Hilfe von außen verzichtet werden kann. Fremde Hilfe ist nur in seltenen Situationen und besonders unglücklichen Umständen erforderlich.
Wichtig: Bei deutlichen Symptomen erfolgt die Behandlung vor der Messung des Blutzuckerspiegels (“Erst essen, dann messen!”)
Grad 1/2
Sofort Gabe von Kohlenhydraten (KH): Traubenzucker oder Zucker (2 Plättchen Dextroenergen® oder 100 ml eines zuckerhaltigen Getränkes (Apfelsaft, keine “light”-Getränke!) = 10 g Glukose) nach folgender Regel:
Kinder unter 5 Jahre
– BZ ≤ 80 mg/dl (4,4 mmol/l): ½ KE schnellwirksame KH
– BZ ≤ 60 mg/dl (3,3 mmol/l): 1 KE schnellwirksame KH
Kinder unter 12 Jahre
– BZ ≤ 70 mg/dl (4,0 mmol/l): 1 KE schnellwirksame KH
– BZ ≤ 50 mg/dl (2,8 mmol/l): 2 KE schnellwirksame KH
Kinder 12 Jahre und älter
– BZ ≤ 70 mg/dl (4,0 mmol/l): 1 KE schnellwirksame KH, 1 KE langwirkende KH¹
– BZ ≤ 50 mg/dl (2,8 mmol/l): 2 KE schnellwirksame KH, 1 KE langwirkende KH¹
¹ Bei Hypoglykämie direkt oder innerhalb von 30 Min. vor einer geplanten Mahlzeit, nur die schnellwirksamen KH geben, gleich anschließend die Mahlzeit, danach spritzen und dabei die schnellwirkenden KE nicht anrechnen.
Wenn nach 5 – 10 min. keine Besserung der Symptome eingetreten ist, sollte die Gabe der schnellwirksamen KH wiederholt werden. Kurzfristige Kontrolle des BZ nach ca. 30 min. durchführen.
Grad 3
Bei einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstseinseintrübung besteht Gefahr des Verschluckens. Daher Notfallspritze mit Glukagon (Glukagen Hypokit 1 mg®).
Kinder unter 12 Jahre: 0,5 mg (½ Spritze)
Kinder über 12 Jahren: 1,0 mg (ganze Spritze)
Nach Wiederherstellung des Bewusstseins orale KH-Gabe.
* Siehe auch: Schema für die Behandlung niedriger Blutzucker nach Gewicht vom Kinderkrankenhaus “Auf der Bult” (Hannover) auf Seite 31.
Die Definition einer Unterzuckerung ist nicht einheitlich. Überwiegend wird ein BZ unter 65 – 70 mg/dl (unter 3,3 – 3,9 mmol/l) als Unterzuckerung bezeichnet, da bei diesen Werten die gegenregulatorischen Hormone ansteigen, der Körper also selbst die “Notbremse” zieht.
Das Erkennen der individuellen Hypoglykämiezeichen ist wichtig, um richtig reagieren zu können. Schnellwirkende Kohlenhydrate (KH) (z. B. Traubenzucker oder Fruchtsaft) sollten immer griffbereit sein.
Sehr belastend kann auch die grundsätzlich berechtigte Sorge vor unerkannten nächtlichen Unterzuckerungen sein. Durch Blutzuckerkontrollen oder auch durch kontinuierliche Zuckermessungen (zum Beispiel mit einem CGM-System oder der Flash-Glukose-Messung) können kritische Werte schon im Vorfeld bemerkt und dadurch Unterzuckerungen verhindert werden.
Wichtiges Schulungsthema
Das Thema Unterzuckerung soll in der Schulung von Eltern, Kindern und Betreuungspersonen einen wichtigen Platz einnehmen. Unter Einbeziehung der individuellen Lebenssituation sollen klare und praktikable Regeln im Umgang mit Hypos vermittelt werden.
Risikofaktoren für Unterzuckerungen sind z. B. Wechsel von Therapieschema/-dosis, vermehrte Bewegung; Infekte mit verminderter Nahrungsaufnahme, Erbrechen, Genuss von Alkohol. Solche Situationen erfordern besonders sorgfältige Stoffwechselkontrollen.
Viele Unterzuckerungen können durch eine intelligente Anpassung der Insulindosis (z. B. Reduktion der abendlichen/nächtlichen Basalinsulindosis oder -rate zur Vermeidung nachhängender Unterzuckerungen nach starker körperlicher Belastung) vermieden werden.
Stark schwankende BZ-Werte mit häufigen und vor allem nächtlichen Unterzuckerungen können eine Indikation für den Einsatz kontinuierlicher Zuckermesssysteme sein.
Fazit
Die meisten Unterzuckerungen sind leicht, dauern nicht lange an und lassen sich auch leicht beheben. Schwere Unterzuckerungen sind selten; die Gegenregulation durch Stresshormone verhindert meist, dass schwere Unterzuckerungen lange andauern. Wichtig ist, dass Kinder und Eltern lernen, die Zeichen für eine Unterzuckerung zu erkennen, um richtig reagieren zu können. Oft können Unterzuckerungen vermieden werden, indem die Insulindosis der Situation angepasst wird.
Dr. med. Silvia Müther
Leiterin des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche, DRK-Kliniken Berlin | Westend, E-Mail: s.muether@drk-kliniken-berlin.de
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2016; 9 (2) Seite 6-7
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lelolali postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 2 Tagen, 16 Stunden
Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂
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jasminj postete ein Update vor 2 Tagen, 23 Stunden
Hi,
Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!-
lelolali antwortete vor 2 Tagen, 16 Stunden
Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂
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jasminj antwortete vor 2 Tagen, 15 Stunden
@lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
Wie hat Dir der Tag gefallen? -
lelolali antwortete vor 2 Tagen, 14 Stunden
@jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂
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jasminj antwortete vor 2 Tagen, 13 Stunden
@lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂
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gregor-hess antwortete vor 1 Tag, 19 Stunden
@jasminj & @lelolali: Leider funktionieren die DM aktuell tatsächlich nicht, sorry! Wir kümmern uns schnellstmöglich darum!
LG Gregor aus der Redaktion -
gregor-hess antwortete vor 1 Tag, 5 Stunden
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jasminj antwortete vor 1 Tag, 4 Stunden
@gregor-hess: vielen lieben Dank! Hab es direkt ausprobiert und es sieht gut aus 🙂
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galu postete ein Update vor 6 Tagen, 20 Stunden
hallo,
ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus-
connyhumboldt antwortete vor 6 Tagen, 18 Stunden
Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!
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Hey, ich bin Lara und 23 Jahre alt. Ich komme zwar nicht aus Berlin, aber bin im Mai wieder dort. Freue mich trotzdem immer über Austausch, auch wenn es digital ist. Liebe Grüße
@laratyp1life: Hallo, über digitalen Austausch freue ich mich natürlich auch 🙂