„Erfrischungsgetränke“ in Deutschland deutlich überzuckert

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„Erfrischungsgetränke“ in Deutschland deutlich überzuckert

Mehr als jedes zweite „Erfrischungsgetränk“ in Deutschland ist überzuckert. Das ist das Ergebnis einer umfassenden Marktstudie von foodwatch, die die Verbraucherorganisation heute in Berlin vorstellte. Demnach enthalten 274 von insgesamt 463 getesteten Produkten (59 Prozent) mehr als fünf Prozent Zucker. In 171 Produkten (37 Prozent) stecken sogar mehr als acht Prozent Zucker, also sechseinhalb Stück Würfelzucker pro 250 Milliliter. Besonders die bei Kindern und Jugendlichen beliebten Energydrinks und Limonaden seien völlig überzuckert.

DDG und Deutsche Diabetes-Hilfe fordern Konsequenzen

„Diese Ergebnisse sind erschreckend“, erklärt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). „Sie demonstrieren wieder einmal auf deutliche Weise, dass die Mehrheit der Hersteller am Übergewicht verdient und Krankheitsfolgen wie Diabetes, Herzkreislauf- und Krebserkrankungen in Kauf nimmt.“ Die Fachgesellschaft fordert daher die Bundesregierung auf, dem Beispiel anderer Länder zu folgen und eine Steuer oder Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke einzuführen.

diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe sieht einen weiteren Ansatz bei den Jüngsten und fordert seit Jahren einen Paradigmenwechsel von der Verhaltens- zur Verhältnisprävention. Dazu gehört die Veränderung von Lebenswelten bei Kindern und Jugendlichen. „Ein Baustein der Verhältnisprävention ist, dass wir unsere Kinder dringend vor dem Konsum von übermäßig zuckerhaltigen Getränken schützen sollten, denn die Beweise für schädliche Wirkungen im Hinblick auf die Entstehung von Übergewicht und Diabetes Typ 2 sind erdrückend“, sagt der Diabetologe Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE.

Getestete Getränke in den meisten Fällen wahre Zuckerbomben

Foodwatch hatte alle Erfrischungsgetränke auf Zuckergehalt und Süßstoffe getestet, die in den drei größten deutschen Supermärkten angeboten werden – darunter Limonaden, Energydrinks, Saftschorlen, Brausen, Eistees, Fruchtsaft und sogenannte Near-Water-Getränke. Dabei gilt in der Foodwatch-Untersuchung als „überzuckert“, was einen Anteil von mehr als fünf Prozent Zucker je 100 Milliliter Flüssigkeit aufweist. Dieser Wert bemisst sich an der jüngst beschlossenen Softdrink-Steuer in Großbritannien. Dort müssen Hersteller ab 2018 eine gestaffelte Abgabe zahlen, sofern Getränke diese Fünf-Prozent-Grenze erreichen beziehungsweise überschreiten. Im Schnitt enthalten die zuckergesüßten Getränke hier mehr als sechs Stück Würfelzucker je Viertelliter. Energydrinks und Limonaden rangieren ganz oben auf der Liste.

Mehr Wasser als Durstlöscher an Schulen

Als bester Durstlöscher an Schulen gilt deshalb nach wie vor frisches Wasser, möglichst frisch gezapft von der Trinkwasserstation. Trinkwasser hat jedoch bei den Schülern keine Chance, wenn gleichzeitig zuckerhaltige Erfrischungsgetränke angeboten werden. Deshalb setzt die Förderung des Trinkwasserkonsums an Schulen ein gleichzeitiges Verkaufsverbot von zuckerhaltigen Getränken voraus. „Schule hat Vorbildfunktion und alle Schüler aller sozialen Schichten werden hier erreicht. Deshalb muss die Politik dieses Setting noch mehr für die Gesundheitsförderung nutzen. Auch wenn wir wissen, dass Einzelmaßnahmen die komplexe ‚Herausforderung Primärprävention‘ nicht allein bewältigen können, leistet jede doch einen sinnvollen Beitrag“, so Kröger von diabetesDE.

„Der Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke und Übergewicht ist durch mehrere Studien belegt“, ergänzt Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost, als Vorstandsmitglied von diabetesDE zuständig für die Themen Wissenschaft und Ernährung. So hatten Teilnehmer einer Studie, die täglich mehr als einen Viertelliter zuckerhaltiger Getränke verzehrten, über acht Jahre hinweg ein Kilogramm pro Jahr zugenommen. Die Gewichtszunahme bei den Teilnehmern, die weniger als eine solche Portion pro Woche tranken, betrug im selben Zeitraum nur 0,15 Kilogramm jährlich [Schulze et al., 2004].

Mehrere Interventionsstudien zeigten, dass eine Beschränkung des Zuckerkonsums zum Gewichtsabbau beziehungsweise einer geringeren Gewichtszunahme beiträgt. In einer Studie an übergewichtigen oder adipösen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren wurde die Zuckeraufnahme aus zuckerhaltigen Getränken von 33,5 Gramm pro Tag in der Kontrollgruppe auf 7,3 Gramm täglich verringert und dadurch nach einem Jahr ein Gewichtsunterschied von knapp zwei Kilogramm erreicht [Ebbeling et al., 2012].

Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke und Typ-2-Diabetes mehrfach bewiesen

Der Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke und Typ-2-Diabetes zeigte sich ebenfalls in prospektiven Beobachtungsstudien: Studienteilnehmer, die täglich mehr als einen Viertelliter eines zuckerhaltigen Getränks täglich tranken, hatten ein circa 1,8-faches Risiko, in den nächsten fünf Jahren an Diabetes zu erkranken als Teilnehmer, die weniger als 250 Milliliter pro Woche verzehrten [Schulze et al., 2004]. Dieses Ergebnis wurde mehrfach in anderen Studien reproduziert und durch Metaanalysen gesichert. Professor Joost erklärt: „Da zuckerhaltige Getränke eine Gewichtserhöhung verursachen, muss erwartet werden, dass diese Gewichtszunahme auch das Diabetesrisiko entsprechend erhöht“. Viele Experten sehen es deshalb auf Grund der Datenlage als gesichert an, dass zwischen Zuckeraufnahme, Übergewicht und Typ-2-Diabetes eine kausale Beziehung besteht [Hu, 2013; Bray et al., 2014].

Abgabe oder Steuer – Sollte die Bundesregierung handeln?

Großbritannien ist nicht das einzige Land, das Maßnahmen erlässt, um den Verbrauch von Zuckergetränken zu verringern. Auch Finnland, Frankreich, Belgien, China, Ungarn, Mexiko und einige US-amerikanische Städte erheben Steuern auf zugesetzten Zucker. Diese Nationen folgen der Auffassung von Margret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach das bisherige Scheitern beim Kampf gegen die Übergewichts-Epidemie nicht auf individuelle Willensschwäche zurückzuführen ist, sondern auf mangelnden politischen Willen. „Jetzt sollte endlich auch die Bundesregierung aktiv werden, um die bedrohliche Adipositas-Welle zu stoppen“, fordert Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der DDG.

Der Vorschlag der DDG sieht vor, stark zuckerhaltige Getränke mit dem vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu besteuern, gesunde Lebensmittel hingegen durch Wegfall der Mehrwertsteuer zu entlasten. „Damit würde man eine Preisspreizung erreichen, die gesünderes Konsumverhalten belohnt und ein Umdenken bei den Herstellern anstößt“, meint Garlichs. „Das Instrument Mehrwertsteuer wäre transparent und nachvollziehbar“, fügt der DDG Geschäftsführer hinzu. Aber auch eine Herstellerabgabe, wie Großbritannien sie einführt, sei aus Sicht der DDG eine gute Lösung, um die zunehmende Übergewichtsdynamik einzudämmen. „Ob nun Abgabe oder Steuer“, resümiert Garlichs, „konkret bezogen auf die Foodwatch-Studie sollte das Ergebnis am Ende des Tages sein: mehr leichte Fruchtsaft-Schorlen, weniger Cola, Limo & Co.“

Literatur
Bray GA, Popkin BM. Dietary sugar and body weight: have we reached a crisis in the epidemic of obesity and diabetes?: health be damned! Pour on the sugar. Diabetes Care 2014;37:950-6.
Ebbeling CB, Feldman HA, Chomitz VR, Antonelli TA, Gortmaker SL, Osganian SK, Ludwig DS. A randomized trial of sugar-sweetened beverages and adolescent body weight. N Engl J Med 2012;367:1407-16.
Hu FB. Resolved: there is sufficient scientific evidence that decreasing sugar-sweetened beverage consumption will reduce the prevalence of obesity and obesity-related diseases. Obes Rev 2013;14:606-19.
Muckelbauer R, Lubida L, Clausen K, Toschke AM, Reinehr T, Kersting M (2009): Promotion and provision of drinking water in schools for overweight prevention: randomized, controlled cluster trial. Pediatrics 123(4):e661-667
Schulze MB, Manson JE, Ludwig DS, Colditz GA, Stampfer MJ, Willett WC, Hu FB. Sugar-sweetened beverages, weight gain, and incidence of type 2 diabetes in young and middle-aged women. JAMA 2004;292:927-34.

Quelle: Pressemitteilungen von diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

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  • Hallo ihr Lieben….Mein Name ist Laila…Ich bin neu hier…Ich wurde seit 2017 mit Diabetes 2 diagnostiziert.Da bekam ich den Diabetes durch laufen ohne Medies in den Griff.Das ging so bis Januar 2025.Ich weiss heute nochicht warum…aber ich hatte 2024 den Diabetes total ignoriert und fröhlich darauf losgegessen.Mitte 2025 ging ich Sport machen und gehen nach dem Essen.Und nahm immer megr ab.Htte einen Hb1C Wert von 8…Da ich abnahm, dachte ich, das der Wert besser ist…Bis Januar 2025…Da hatte ich einen HbA1C Wert von 14,8…Also Krankenhaus und Humalog 100 zu den Malzeiten spritzen…Und Toujeo 6 EI am Morgen…Irgendwann merkte ich, das mich kein Krankenhaus einstellen konnte.Die Insulineinheiten wurden immer weniger.Konnte kein Korrekturspritzen megr vornehmen.Zum Schluss gin ich nach 5 Mon. mit 2 Insulineinheiten in den Hypo…Lange Rede …kurzer Sinn.Ich ging dann auf Metformin…Also Siofor 500…Ich war bei vielen Diabethologen….Die haben mich als Typ 1 behandelt.Mit Metformin ging es mir besser.Meine letzte Diaethologin möchte, das ich wieder spritze.Ich komme mit ihr garnicht zurecht.Mein HbA1C liegt jetztbei 6,5…Mein Problem ist mein Gewicht.Ich wiege ungefähr 48 Kilo bei 160 m…Ich bräuchte dringend Austausch…Habe so viele Fragen…Bin auch psychisch total am Ende. Achso…Ja ich habe seit 1991 eine chronisch kalfizierende Pankreatitis…Und eine exokrine Pankreasinsuffizienz…Also daurch den Diabetes 3c.Wer möchte sich gerne mit mir austauschen?An Michael Bender:” Ich habe Deine Geschichte gelesen . Würde mich auch gerne mit Dir austauschen, da Du ja auch eine längere Zeit Metformin eingenommen hast.” Ich bin für jeden, mit dem ich mich hier austauschen kann, sehr dankbar. dankbar..Bitte meldet Euch…!!!

    • Hallo Leila, ich bin Suzana und auch in dieser Gruppe. Meine Geschichte kannst du etwas weiter unten lesen.
      Es ist sicher schwer aus der Ferne Ratschläge zugeben, dennoch: ich habe mich lange gegen Insulinspritzen gewehrt aber dann eingesehen, dass es besser ist. Wenn die Pankreas nicht mehr genug produziert ist es mit Medikamenten nicht zu machen. Als ich nach langer Zeit Metformin abgesetzt habe, habe ich erst gemerkt, welche Nebenwirkungen ich damit hatte.
      Ja auch ich muss aufpassen nicht in den unterzucker zu kommen bei Sport und Bewegung aber damit habe ich mich inzwischen arrangiert. Traubensaft ist mein bester Freund.
      Ganz wichtig ist aber ein DiabetologIn wo du dich gut aufgehoben fühlst und die Fragen zwischendurch beantwortet.
      Weiterhin viel Kraft und gute Wegbegleiter!

    • @suzana: Ich danke Dir für die Nachricht.Könnten wir uns weiterhin austauschen?Es wäre so wichtig für mich.Vielleicht auch privat? Gebe mir bitte Bescheid…Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus…Wäre echt super…😊

  • vio1978 postete ein Update vor 2 Tagen, 3 Stunden

    Habe wieder Freestyle Libre Sensor, weil ich damit besser zurecht kam als mit dem Dexcom G 6. ist es abzusehen, ob und wann Libre mit d. Omnipod-Pumpe kompatibel ist?🍀

  • gibt es Tips oder Ratschläge dieser Pumpe betreffend?

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