- Bewegung
Lebensecht: Loslaufen statt wegrennen
5 Minuten
Georg Schnell ist gern unterwegs und erkundet die Welt, am liebsten zu Fuß oder mit dem Rad. Als er im Urlaub erfährt, dass er Diabetes hat, stellt er sich der neuen Situation und probiert aus: Was geht noch? Die Antwort ist schnell klar: Alles!
Raus aus dem Hamsterrad. Neue Eindrücke sammeln. Zeit für das Buch, was man schon lange lesen wollte. Den Kopf mal wieder richtig frei kriegen. So der Plan von Georg Schnell, als er mit seiner Familie nach Korsika aufbrach. Auf diese drei Wochen hatten sich alle gefreut. Von Tagmersheim aus, einer kleinen Gemeinde zwischen Augsburg und Nürnberg, waren mit dem Auto Zwischenstopps in Innsbruck und am Gardasee geplant. Am Ende kam alles ein bisschen anders: Der Gardasee musste von der Reiseroute gestrichen werden, aus einem Tag in Innsbruck wurden fünf und Amos Oz’ Geschichte von Liebe und Finsternis wich verschiedenen Diabetes-Ratgebern und -Kochbüchern.

Die Symptome hatte Georg Schnell schon einige Wochen zuvor bemerkt. Ständig musste er aufs Klo, hatte Durst und er nahm immer mehr ab. Er schob es auf den beruflichen Stress. “Im Urlaub gibt sich das wieder”, war er sich sicher. Als er an der Tankstelle den Preis-Aushang nicht mehr richtig lesen konnte und die Fahrt immer wieder von Toiletten-Pausen unterbrochen werden musste, drängte seine Frau darauf, etwas zu unternehmen. Sie googelte und kam zum Schluss: Es könnte Diabetes sein. Ein Blutzucker-Test in der Apotheke ergab die Zahl 700. “Was heißt das?”, fragte Georg Schnell. “Notaufnahme”, antwortete die Apotheken-Angestellte.
Ausprobieren und experimentieren
Nach fünf Tagen im Uniklinikum Innsbruck entließ sich Georg Schnell selbst. Eins stand für ihn fest, den Urlaub wollte er sich nicht nehmen lassen. Im Nachhinein war das genau die richtige Entscheidung. Auf Korsika hatte er den Freiraum, den er brauchte, um sich mit dem Diabetes auseinanderzusetzen. Er las, recherchierte im Internet, probierte Rezepte aus und nutzte die Zeit, den Alltag mit dem Diabetes zu erleben.
Wie ändert sich der Blutzucker, wenn ich eine Viertelstunde im Meer schwimme und schnorchele? Sind die Werte in der Frühe beim Wandern so wie am Mittag oder am Abend? Wie schlagen Brot-Einheiten zu unterschiedlichen Zeiten an? In kurzen Intervallen testete er den Blutzucker, damals noch per Piks, und notierte die Werte, um seinen Diabetes so gut wie möglich zu verstehen. Er stellte fest: Radtouren, Wandern, Städtetrips – all das geht noch gut, auch mit dem Diabetes. “Das war die erfreulichste Erkenntnis des Urlaubs”, sagt er.
Das war 2017. Gehadert mit der Diagnose habe Georg Schnell nie, dafür sei er nicht der Typ, berichtet er. “Viele Menschen tragen einen Rucksack und das ist jetzt eben meiner. Ich bin dankbar, dass ich in einer Zeit lebe, in der man mit der Krankheit sehr gut leben kann, und in einem Land zu Hause bin, in dem es ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt”, so Schnell.
An der Krise wachsen
Dennoch machte er sich anfangs Sorgen darüber, wie der Diabetes von anderen wahrgenommen werden könnte. Zu dieser Zeit war er amtierender Bürgermeister. “Ich fürchtete, dass es Zweifel von außen geben könnte, ob ich noch in der Lage wäre, mein Amt auszuüben”, so Georg Schnell.



Besuche zu Geburtstagen und Jubilaren habe er bewusst vormittags angetreten. Denn da gab es meist Weißwürste und Semmeln, bei denen er einschätzen konnte, wie sie auf den Blutzucker wirken. “Torten sind für mich unberechenbar. Wenn jemand zu mir sagte ‚Sie müssen doch die gute Schwarzwälder von meiner Frau probieren‘, war es schwierig, das abzulehnen”, erzählt er. Nach eineinhalb Jahren habe er seinen Diabetes schließlich öffentlich gemacht. “Meine Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Ich bin auf viel Verständnis und Neugierde gestoßen.”
Einmal habe sich ihm auf einer Feier eine Frau im Gespräch anvertraut. Ihr Ehemann lebe nun schon zehn Jahre mit Diabetes und habe die Diagnose immer noch nicht überwunden. So etwas bestürzt Georg Schnell. Für ihn steht fest: “Eine Krise kann immer beides sein. Man kann daran zerbrechen oder man wächst.” Er selbst habe die Diagnose als Herausforderung gesehen und nicht als Schicksalsschlag. “Ich bin auch psychisch stärker geworden”, sagt er.
Sicher unterwegs – nicht ängstlich
Heute ist Georg Schnell im Ruhestand und arbeitet nebenher in einer Einrichtung für benachteiligte Jugendliche, die er früher einmal leitete. Aber auch hier ist dieses Jahr Schluss. Am Haus und im Garten gibt es genug zu tun, und umso mehr Zeit hat er nun für seine große Leidenschaft, das Reisen. Neben dem Entdecken anderer Kulturen spornt ihn vor allem an, sich Ziele sportlich zu erlaufen oder zu erradeln. Einmal im Jahr geht es daher ins Hochgebirge auf bis zu 3000 Höhenmeter. Im Winter hält er sich mit dem Rudergerät und Ergometer fit. “Ich möchte so lange wie möglich gesundheitlich vital sein.”


Die Motivation, etwas für sich selbst zu tun, sei groß. “Auch, damit meine Angehörigen so lang wie möglich etwas von mir haben. Was am Ende herauskommt, habe ich nicht in der Hand, aber ich will meines dazu tun”, sagt Georg Schnell. Dafür hält er sein Diabetes-Management konsequent ein. Er wiegt noch viele Mahlzeiten, das sei Routine. Die Werte seines Glukose-Sensors hat er immer im Auge, gerade auf Reisen. Mit dem Diabetes sei gute Planung noch wichtiger geworden. Mehr als einen Ersatz-Sensor packe er aber nicht ein. Er sei kein ängstlicher Mensch und schließlich solle der Rucksack unter zehn Kilo wiegen.
In einigen Tagen geht es für Georg Schnell auf die zweite Etappe des Franziskuswegs, von Assisi nach Rom, rund 280 Kilometer in 15 Tagen. Trotzdem betont er: “Ich bin kein Ausnahme-Mensch oder Extremsportler.” Andere möchte er mit seiner Geschichte ermutigen: “Lasst euch vom Diabetes nicht ins Bockshorn jagen. Man kann gut mit ihm leben.”
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2024; 72 (6) Seite 40-41
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diahexe postete ein Update vor 6 Stunden, 52 Minuten
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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ckmmueller postete ein Update vor 3 Tagen, 17 Stunden
Ich habe ein Riesenproblem mit den Sensoren Guardian 4 von Medtronic. Es klappt nicht. Transmitter neu, aber auch das hilft nicht. Fast jeder Sensor braucht 2 Stunden, normale Wartezeit, dann beginnt er zu aktualisieren …. Nix passiert, außer das mein BZ unkontrolliert ansteigt. Vorletzte Woche über 400, letzte Woche hatte ich BZ 510 – ein Wert, den ich über 25 Jahre nicht mehr hatte. Ich bin sehr verzweifelt, weil es mit CGM von Medtronic nicht funktioniert. Gerade warte ich mal wieder darauf, dass der neue Sensor arbeitet. Heute habe ich mich über ChatGPT über andere Pumpen und Sensoren informiert. Tandem und Dexcom 7 soll gut sein und die Wartezeit des Sensors braucht nur 30 minuten. Kennt sich jemand damit aus? Hat ähnliche Probleme mit Medtronic wie ich? Dank für Antworten / Infos
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diahexe antwortete vor 6 Stunden, 45 Minuten
Hallo, ich habe ein ähnliches Problem gehabt. Samstags neuen Sensor gesetzt, hat nach 2 Stunden aktualisiert, lief dann ein paar Stunden, wieder aktualisiert und dann aufgefordert den Sensor zu wechseln. Bis Montag hatte ich dann 4!Sensoren verbraucht. Habe dann einen neuen Transmitter geben lassen und eine völlig neue Einstichstelle gewählt. Danach ging es. Mein neustes Problem ist, dass sich meine Pumpe und mein Smartphone dauernd entkoppelt und sich dann stundenlang nicht mehr koppeln lassen. Manchmal muss ich dann die App neu laden bis es wieder funktioniert.
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anseaticids postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen
Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.
Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“
Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.
Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.So können Kinder lernen, wachsen und
selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
Unsere Mission ist einfach:✔ Kindern Sicherheit geben
✔ Familien den Alltag erleichtern
✔ Kita- und Schulteams entlasten
✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.
Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.
Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
📧 moin@hanseatic-kids.de
📞 040 851 59 747


