- Psyche
Body-Shaming – es gibt keinen „Happy Obese“
4 Minuten
Übergewicht bringt gesundheitliche Probleme auf verschiedenen Ebenen mit sich. Aber auch kosmetisch fühlen sich Menschen mit einem Zuviel auf der Waage oft unwohl – sie schämen sich für ihr Aussehen. Verstärkt werden kann das durch äußere Einflüsse wie Blicke oder entsprechende Bemerkungen. Wie die Mechanismen hierbei ablaufen, was man selbst tun kann und was die Wissenschaft sagt, erfahren Sie im folgenden Artikel.
Übergewicht und Adipositas in Deutschland
Übergewicht und Adipositas nehmen in Deutschland immer mehr zu. Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig. Das bedeutet: Sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 kg/m2. Ab einem BMI von mehr als 30 kg/m2 spricht man von Fettleibigkeit oder Adipositas. Hiervon sind 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Deutschland betroffen. Aber auch die Zahlen der Betroffenen im Kindes- und Jugendalter sind alarmierend. Nach Angaben der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS (2014 – 2017) waren 15,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen übergewichtig sowie 5,9 Prozent adipös.
Übergewichtige oder adipöse Menschen haben diverse gesundheitliche Risiken und fühlen sich häufig weniger belastbar. Bereits alltägliche Dinge wie Treppensteigen oder Bücken machen Betroffenen zu schaffen. Häufig ist Übergewicht oder Adipositas mit Scham behaftet. Dies führt bei vielen zu einem verminderten Selbstwert und das löst bei den Betroffenen einen sozialen Rückzug aus. Laut Dr. Andreas Hagemann, Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen, sind 25 Prozent der Menschen mit starkem Übergewicht depressiv. Ihr Risiko für psychische Erkrankungen liegt damit um 50 Prozenthöher als bei normalgewichtigen Menschen. Durch Body-Shaming werden diese Aspekte verstärkt.
Body-Shaming
Dabei handelt es sich um eine Form der Diskriminierung, Beleidigung und Demütigung von Menschen aufgrund des äußeren Erscheinungsbilds. Das Verb “to shame somebody” stammt aus dem Englischen und bedeutet, jemanden zu beleidigen, zu beschämen. Eine große Rolle spielen dabei auch unrealistische Schönheitsideale in den Medien und sozialen Netzwerken. Personen, die den gesellschaftlichen Vorstellungen nicht entsprechen, werden abgewertet. Jungen und Mädchen im pubertären Alter sind besonders anfällig für solche Bewertungen. Aufgrund der körperlichen Veränderungen fühlen sich viele in ihrem Körper ohnehin verunsichert. In solch unsicheren Phasen orientieren sich Jugendliche gern am Äußeren: Wie muss ich mich präsentieren, wie muss ich aussehen, damit ich besonders viele Likes bekomme? Die Folgen davon steuern nicht selten in eine Ess-Störung.
Um Kinder vor dieser Gefahr zu schützen, sind der Umgang und das Vorleben zu Hause wichtige Aspekte. Wenn sich eine Mutter vor dem Spiegel unzufrieden in den Bauch kneift oder die Großmutter bei einer Gewichtszunahme dem Kind in die Backen kneift, prägt das oft ein Leben lang. Auch vermeintlich gut gemeinte Kommentare können einen ähnlichen Effekt haben. Wenn das Kind oder der Jugendliche beispielsweise aufgrund seines flachen Bauchs ständig gelobt wird, knüpft sich das Selbstwertgefühl daran an. Expertinnen und Experten raten, dass sich Eltern und Verwandte mit Kommentaren über das Äußere zurückhalten sollten. Viel wichtiger ist, den Kindern zuzuhören und den Selbstwert auf ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten zu fokussieren.
Adipositas auch medizinisch bedeutsam
Das Problem von Adipositas ist nicht “nur” ein kosmetisches. Betroffene haben eine niedrigere Lebenserwartung und ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten und Gesundheitsprobleme. Dazu gehören Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Fettleber, Krebs-Erkrankungen, orthopädische Probleme und Depressionen. Deshalb sollten Übergewicht und Fettleibigkeit durch eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung im besten Fall von vornherein verhindert und Menschen mit Übergewicht oder Adipositas eine Gewichtsreduktion angeraten werden.
Stress und Übergewicht hängen zusammen
Doch warum fällt genau das vielen Menschen so schwer? Warum funktioniert keine Diät? Damit hat sich ein Forschungsteam um Dr. Achim Peters, Professor für Innere Medizin und Adipositas-Experte aus Lübeck, beschäftigt. Dabei stellten sie fest: Übergewicht ist von Stress nicht zu trennen. Nicht jeder Stress-Esser wird übergewichtig – so, wie nicht jeder bei entsprechendem Konsum alkohol- oder nikotinabhängig wird. Allerdings liegt bei vielen Menschen eine Stoffwechselstörung des Gehirns vor – genau in dem Bereich, der unsere Fähigkeit steuert, Energie aus den Körperdepots zu ziehen. Unser Gehirn macht gerade einmal 2 Prozent unseres gesamten Körpergewichts aus, verbraucht aber 50 Prozent der Glukose, die wir zu uns nehmen.
Wenn die Depots nicht für genug Nachschub in den grauen Zellen sorgen, erhält das Hungergefühl durch die zugrunde liegende Fehlregulation immer neue Nahrung: “Hilfe! Gib mir mehr, ich bekomme nicht genug ab!” Bei entsprechender Veranlagung sind die Folgen, dass wir immer mehr essen müssen, um dem Gehirn, das vor allen anderen Organen den Zucker für sich abgreift, ausreichend Nachschub zu beschaffen. Aus dieser Spirale kommt man, so Achim Peters, nicht mit Diäten heraus, denn das führt zu erneutem Stress für unser Gehirn. Nur, wenn man die Haupt-Stressoren ausschaltet, kann man sein Gehirn beruhigen. Im Wesentlichen sind dies psychosoziale Stressoren, sowohl für das Gehirn als auch für den Körper. Peters empfiehlt, in seinen Bauch hineinzuhorchen. Was belastet mich? Diese Belastungen müssen raus aus dem Leben. Unterstützung kann man zum Beispiel über einen Coach erhalten.
Was ist ein Happy Obese?
Mancher hat vielleicht schon einmal etwas über die “glücklichen Dicken”, die “Happy Obese” gehört. Doch was genau verbirgt sich dahinter und gibt es die Happy Obese wirklich? Die Tübinger Familienstudie zeigt, dass Adipositas nicht gleich Adipositas ist und diese in Subtypen unterteilt werden kann. Prof. Dr. Hans-Ulrich Häring vom Universitätsklinikum Tübingen berichtet, dass etwa 30 Prozent der Adipösen zur Gruppe der Happy Obese gehören. Das bedeutet, dass sie trotz massiven Übergewichts eine ähnlich gute Insulinempfindlichkeit wie Normalgewichtige aufweisen und dadurch ein geringes Risiko haben, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Ebenfalls scheint ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht erhöht zu sein. Das bedeutet, dass sie keine Stoffwechsel-Probleme durch ihr Zuviel an Körperfett haben.
Diesen Happy Obese steht aber eine Gruppe adipöser Menschen gegenüber, die deutlich im Nachteil sind: Diese Menschen haben multiple Stoffwechsel-Störungen und eine ausgeprägte Insulinresistenz. Glückliche und unglückliche Dicke unterscheiden sich vor allem in der Art der Fett-Speicherung. Leber und Gehirn scheinen einen entscheidenden Einfluss darauf zu haben, zu welcher Gruppe man gehört.
Andere Studien widerlegen jedoch eindrucksvoll das Märchen vom gesunden Dicken. Neben bekannten Risiken für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht ein Zuviel an Körpergewicht unter anderem die Gefahren für Krebs-Erkrankungen, Depressionen und Demenz.
Übergewicht darf also nicht verharmlost werden, da es immensen Einfluss auf die Gesundheit und potenziell unsere Lebensdauer und die Lebensqualität im Alter hat. Auch die im Juni 2017 veröffentlichte besorgniserregende Publikation “Health Effects of Overweight and Obesity in 195 Countries over 25 Years” von “The Global Burden Disease 2015 Obesity Collaborators” in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine betont die Dramatik von Übergewicht als Krankmacher.
Gesunder Lebensstil ist beste Prävention
Wer sich vor Stoffwechsel-Störungen und ihren Folgen schützen möchte, dem helfen zwei Dinge: Bewegung und Ernährung. Körperliche Bewegung reduziert nicht nur die Adipositas und Insulinresistenz, sondern verbessert auch den Blutdruck und gestörte Blutfette. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen und sorgt für eine ausgeglichene Energiebilanz.
Schwerpunkt: „Übergewicht mit Erfolg angehen“
- Abnehmen findet im Kopf statt
- Body-Shaming – es gibt keinen „Happy Obese“
- Darmhormone können beim Abnehmen unterstützen
- Adipositas – wann ist eine Operation sinnvoll?
von Simone Pschiebl
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2024; 73 (2) Seite 17-20
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 3 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 21 Stunden, 2 Minuten
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 20 Stunden, 1 Minute
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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