Nachgefragt | Psychologie: Braucht Kaja eine Integrationskraft für die Schule?

3 Minuten

© © Sergey Novikov - Fotolia
Nachgefragt | Psychologie: Braucht Kaja eine Integrationskraft für die Schule?

Braucht ein Kind mit Typ-1-Diabetes eine Integrationskraft für die Schule? Prof. Dr. Karin Lange erklärt, wann eine solche Unterstützung sinnvoll ist – und warum sie in vielen Fällen nicht notwendig sein muss.

Die Frage

Unsere Tochter Kaja (5 Jahre) wird im nächsten Jahr in die Schule kommen. Sie hat seit zwei Jahren Diabetes, trägt eine Pumpe und besucht den Kindergarten halbtags, ohne dass es bisher zu Problemen bei der Diabetes-Behandlung gekommen ist. Im Gespräch mit anderen Eltern erhielt ich den Rat, mich frühzeitig um eine Integrationskraft für die Schule zu kümmern. Ich erlebe unsere Tochter nicht als beeinträchtigt und frage mich, ob das erforderlich ist.

Frau K.

Die Antwort von Prof. Dr. Karin Lange

Ob ein Kind mit Diabetes in den ersten Schuljahren einen Integrationshelfer benötigt, hängt von seinem Entwicklungsstand und der Unterstützung durch Lehrkräfte und Eltern ab. Ein klares “Ja” oder “Nein” gibt es nicht.

Zunächst sollten Sie wissen, dass Kinder mit Typ-1-Diabetes in ihrer schulischen Leistungsfähigkeit allgemein nicht eingeschränkt sind. In einer aktuellen Studie mit über 300 jungen Erwachsenen, die bereits in der Kindheit Diabetes bekommen haben, zeigte sich, dass diese Gruppe etwas bessere Schulabschlüsse erreicht hat als Gleichaltrige ohne Diabetes.

Kinder in den ersten Grundschulklassen sind jedoch mit der selbstständigen Behandlung überfordert. Sie benötigen Erwachsene, die sie an Blutzuckermessungen erinnern, die Messergebnisse interpretieren und überwachen, ob der richtige Bolus über die Insulinpumpe abgegeben wurde. Und im Notfall einer Unterzuckerung sollten sie sehr schnell Hilfe erhalten.

Kinder, die bereits zu Hause gelernt haben, altersgemäße Regeln zuverlässig einzuhalten, können dies auch auf die Schule übertragen. Viele Lehrkräfte sind inzwischen bereit, Kinder mit Diabetes zu unterstützen, nachdem sie von Diabetesberaterinnen und/oder Eltern darin geschult wurden.

Einige Kinderkliniken bieten außerdem strukturierte Vorbereitungskurse für Kinder vor dem Schuleintritt an, z. B. “Fit für die Schule” am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. In einer Nachuntersuchung zeigte sich dabei für die große Mehrheit dieser Kinder, dass sie mit Unterstützung ihrer Eltern und Lehrer die Schule ohne weitere Hilfen erfolgreich besuchen. Weder ihre Stoffwechseleinstellung noch ihre Schulleistungen waren beeinträchtigt. Die Kinder sind gut integriert, selbstbewusst und haben keine Sonderstellung in der Klasse.

Infobroschüre für Lehrer

Die Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD) hat eine Broschüre speziell für Lehrer und Lehrerinnen entwickelt, in der alle wichtigen Dinge kurz und klar erklärt werden. Die Broschüre steht hier zum Download bereit.

Wenn Sie Ihre Tochter altersgemäß selbstständig und zuverlässig erleben und Sie sich gemeinsam mit den Lehrkräften um die Behandlung kümmern, ist aus meiner Sicht keine zusätzliche Hilfe notwendig. Diese würde eher dazu führen, dass sich Ihre Tochter stärker beeinträchtigt erlebt als sie in Wirklichkeit ist.

Es gibt aber auch Kinder mit Diabetes, die auf die Unterstützung eines Integrationshelfers (§ 53ff SGB XII) angewiesen sind, um eine Regelschule besuchen zu können. Dies kann der Fall sein, wenn die Lehrkräfte nicht bereit sind, das Kind ausreichend zu unterstützen oder das Kind mehr Überwachung benötigt als normal, weil z. B. zusätzlich eine ADHS vorliegt. Zusätzlich kann es auch manchen Eltern, bedingt durch starke berufliche Anforderungen oder andere schwierige Lebensumstände, schwerfallen, ein Grundschulkind mit Diabetes gemeinsam mit den Lehrkräften gut zu behandeln.

Die Schwierigkeit der Betreuung in der Schule liegt jedoch darin, dass Integrationshelfer für grundpflegerische Leistungen und alltagspraktische Tätigkeiten vorgesehen sind, nicht jedoch für die Behandlungspflege (Blutzuckermessungen, Insulingaben etc.). Es gibt zwar einige Beispiele engagierter Integrationshelfer, die sich auch dafür verantwortlich fühlen, sie sind aber nicht die Regel. Anderenfalls müsste die Behandlungspflege durch einen Pflegedienst geleistet werden.

Antworten auf Ihre Fragen zu psychologischen Aspekten bei Kindern mit Diabetes

Der gut nachvollziehbare Wunsch vieler Eltern nach einer kompetenten Diabetesbetreuung für ihr Kind während der Schulzeit ist daher in Deutschland – trotz vieler Fortschritte – noch nicht überall Realität.

Ich möchte Ihnen raten, mit Ihrem Diabetesteam über die Einschulung Ihrer Tochter, eine Schulung für Katja und eine Schulung der Lehrkräfte zu sprechen und zuversichtlich auf diesen neuen Lebensabschnitt zuzugehen. Diese Zuversicht und das Zutrauen, dass Sie Ihrer Tochter vermitteln, stärkt ihr Selbstbewusstsein und hilft ihr, den Diabetes nicht als große Beeinträchtigung zu erleben.


von Prof. Dr. Karin Lange

Prof. Dr. Karin Lange ist Diplom-Psychologin und Fachpsychologin Diabetes DDG. Sie war bis 2023 Leiterin der Forschungs- & Lehreinheit Medizinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie entwickelte diabetologische Schulungsprogramme, schreibt Leitlinien und schult Behandelnde.

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal2014; 7 (4) Seite 22-23

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Nachgefragt | Psychologie: Was steckt dahinter, wenn mein Sohn nachts CGM-Alarme nicht wahrnimmt?
Eine Mutter wundert sich, dass ihr 14-jähriger Sohn nachts die Alarme seines CGM-Systems nicht wahrnimmt. Frau Prof. Lange erklärt in der Rubrik „Nachgefragt: Psychologie“, dass ein normales psychologisches Phänomen dahinterstecken könnte.

2 Minuten

Nachgefragt | Psychologie: Wann und warum hat unser Kind Übergewicht?
Übergewicht bei Kindern mit Typ-1-Diabetes ist ein sensibles Thema – gerade wenn die Therapie gut läuft. Doch wie entsteht das Zuviel an Kilos, und was können Familien konkret tun? Prof. Dr. Karin Lange gibt in der Rubrik „Nachgefragt | Psychologie“ Antworten.

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • olivers postete ein Update vor 4 Tagen, 2 Stunden

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 5 Tagen, 3 Stunden

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂

  • Hallo,

    hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
    Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
    Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
    Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
    Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
    Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁

    LG Sandra

    • Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
      Gruß Oliver

    • @olivers: Haben wir alles gemacht und hat dennoch nicht geholfen 🙁
      Wir haben auch spezielle Pflaster zum drauf kleben,aber die machen keine Probleme.
      Nun sollten bis mitte nächster Woche die neuen Sensoren kommen und ich hoffe es klappt dann mal ohne Probleme

      Gruß Sandra