- Soziales und Recht
Lieferengpässe: Darum fehlen immer wieder Medikamente
3 Minuten
Die seit Monaten anhaltenden Lieferengpässe bei Medikamenten haben auch für Menschen mit Diabetes Folgen. Es kommt mitunter vor, dass Insuline, andere Diabetes-Medikamente oder auch Hilfsmittel wie Teststreifen und Sensoren kurzfristig nicht erhältlich sind. Meistens handelt es sich nur um einen regionalen oder wenige Tage andauernden Engpass. Insuline mit dem Namen Insuman werden voraussichtlich aber sogar noch mehrere Wochen oder gar Monate Mangelware sein, wie der Hersteller Sanofi mitteilt.
Seit Schmerzmittel und Antibiotika für Kinder knapp wurden, wird in Deutschland verstärkt über Lieferengpässe bei Arzneimitteln diskutiert. Das Bundesgesundheitsministerium unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) hat inzwischen angekündigt, die Situation mit einem neuen Gesetz verbessern zu wollen. Dabei geht es aber in erster Linie um patentfreie Medikamente, deren Produktion aus Kostengründen nach China und Indien verlagert wurde. Dort kam es zu Produktions-Verzögerungen und -Ausfällen durch Lieferengpässe von Rohstoffen im Zuge weltweiter Krisen wie des Russland-Ukraine-Kriegs und der Corona-Pandemie.
Insuline werden üblicherweise nicht in Asien produziert
Die Politik will die Versorgungssituation in Zukunft verbessern, indem ein Teil der Produktion nach Europa zurückgeholt wird. Zudem soll es für Ärzte und Apotheker nach Möglichkeit einfacher werden, Patienten bei einer Mangellage ein wirkungsgleiches Präparat eines anderen Herstellers zu verschreiben und auszuhändigen. Bislang scheitert dies häufig an Rabattverträgen zwischen Krankenkassen und Herstellern, an die Ärzte und Apotheker gebunden sind, wenn die Kostenerstattung durch die Krankenkasse nicht gefährdet werden soll. Wird trotz Rabattvertrags ein Medikament eines anderen Herstellers ausgehändigt, muss der Patient gegebenenfalls eine Zuzahlung leisten, deren Höhe vom Preis des Arzneimittels abhängig ist. Diese Kosten entstehen den Betroffenen zusätzlich zur Rezeptgebühr.
Bei Insulinen und anderen Diabetes-Medikamenten (Antidiabetika) sowie den Hilfsmitteln für die Diabetes-Behandlung ist die Situation aber ohnehin eine andere, erläutert der langjährige Apotheker Manfred Krüger aus Krefeld, der unter anderem für die Kommission Apotheker in der Diabetologie der Bundesapothekerkammer und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) tätig ist. Zum einen werden Medikamente, die gekühlt gelagert werden müssen, in der Regel sowieso in Europa oder den USA produziert. Zum anderen gibt es im Bereich Diabetologie nur eine geringe Anzahl an patentfreien Medikamenten. Ein Beispiel hierfür ist Metformin, das häufig bei Typ-2-Diabetes zum Einsatz kommt.
Etwas früher für Nachschub sorgen
Die Ursachen für Lieferengpässe bei Insulinen und Antidiabetika sind laut Krüger vielfältig. Zwar komme es auch bei diesen Medikamenten vor, dass die Produktion durch das Fehlen eines Rohstoffs ins Stocken gerät. Manchmal fehlt lediglich ein Verpackungsteil, das sich auf die Schnelle nicht ersetzen lässt. Besonders häufig kommt es allerdings zu kurzfristigen regionalen Lieferengpässen, die meistens durch eine unerwartet hohe Nachfrage verursacht werden. Die Hersteller neigten in Deutschland dazu, nicht viele Medikamente auf Vorrat zu produzieren, um ein Überschreiten des Haltbarkeitsdatums zu verhindern, erläutert Krüger – denn dann müsste ein bereits produziertes Arzneimittel vernichtet werden, was für den Hersteller Kosten verursacht.
Über langfristige Lieferengpässe informiert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Internet Dort können Patienten, Ärzte und Apotheker nachlesen, wie lange der Mangel voraussichtlich andauern und ob eine Umstellung auf ein anderes Präparat empfohlen wird. Kurzfristige und regionale Lieferengpässe seien dort jedoch nicht aufgelistet, da sie in der Regel nicht vorhersehbar sind, erläutert Krüger. In solchen Fällen sei es auch für Ärzte und Apotheker sehr schwierig, an genauere Informationen zu kommen.
Mitunter komme es vor, dass nur bestimmte Packungsgrößen vorübergehend nicht lieferbar sind. In solchen Fällen kann der Apotheker prüfen, ob es möglich ist, eine andere Packungsgröße nach Rücksprache mit dem Arzt abzugeben. Sofern ein Insulin oder ein Antidiabetikum nur regional knapp ist, weil der örtlich zuständige Großhändler nichts mehr auf Lager hat, lässt sich das Medikament meistens noch woanders besorgen. Wichtig ist in diesen Fällen jedoch, dass der Apotheker ein paar Tage Zeit für die Recherche und das Bestellen hat, so der Experte.
Rat: Immer frühzeitig um Nachschub zu kümmern
Die Öffentlichkeit über einen Lieferengpass zu informieren, birgt indes ein weiteres Risiko: In solchen Fällen neigen Patienten und Kliniken dazu, größere Mengen eines Medikaments zu lagern, als sie tatsächlich benötigen, was die Mangelsituation weiter verschärft. Dieser Effekt ließ sich auch bei anderen Waren zu Beginn der Corona-Pandemie in den Supermärkten beobachten.
Der Apotheker hält es für eher unwahrscheinlich, dass sich an der Versorgungslage mit Arzneimitteln kurzfristig etwas ändern wird. Der wichtigste Rat an Patienten lautet deshalb, sich immer frühzeitig um Nachschub zu kümmern, damit bei einem Lieferengpass noch ausreichend Zeit zum Bestellen des Medikaments oder zum Besprechen einer Alternative besteht. Da sich beim Wechsel zu einem anderen Insulin oftmals die Dosis und die Wirkkurve beim Patienten ändern, muss eine Umstellung unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Eine intensivierte Blutzuckerselbstkontrolle gibt dann die notwendige Sicherheit.
Trotzdem sollte man nicht mehr Medikamente zu Hause lagern, als man tatsächlich braucht, um die Situation nicht unnötig weiter zu verschärfen. “Patienten in Deutschland müssen keine Angst haben, dass sie am Ende womöglich gar kein Insulin erhalten”, beruhigt Manfred Krüger. Es gebe hierzulande derart viele Alternativen, dass letztlich immer eine individuelle Lösung gefunden werde.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (4) Seite 42-43
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lelolali postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 12 Stunden
Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂
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jasminj postete ein Update vor 19 Stunden, 36 Minuten
Hi,
Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!-
lelolali antwortete vor 12 Stunden, 8 Minuten
Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂
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jasminj antwortete vor 11 Stunden, 46 Minuten
@lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
Wie hat Dir der Tag gefallen? -
lelolali antwortete vor 10 Stunden, 39 Minuten
@jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂
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jasminj antwortete vor 9 Stunden, 45 Minuten
@lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂
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galu postete ein Update vor 4 Tagen, 16 Stunden
hallo,
ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus-
connyhumboldt antwortete vor 4 Tagen, 14 Stunden
Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!
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