Diabetes-Versorgung in Krankenhäusern: Kompetenz soll sich wieder lohnen

3 Minuten

Diabetes-Versorgung in Krankenhäusern: Kompetenz soll sich wieder lohnen

Auch wenn in Krankenhäusern inzwischen jeder fünfte Patient über 20 Jahren Diabetes hat, ist es mit dem Wissen über die Volkskrankheit auf Station oft nicht weit her, wie die DDG kritisiert. Diese fehlende Kompetenz wirkt sich negativ auf die Diabetes-Versorgung aus. Als einen Hebel für Verbesserungen sieht sie die geplante Reform der Klinikfinanzierung.

Hanebüchen bis erschreckend klangen die Beispiele, die Prof. Dr. Andreas Fritsche und Dr. Tobias Wiesner auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur Versorgung von Diabetespatienten im Krankenhaus gaben. Patienten mit Typ-1-Diabetes werde vor Koloskopien oder Herzkatheter-Untersuchungen Insulin vorenthalten, da die Betroffenen ja nüchtern blieben. „Da wird also Typ-1- und Typ-2-Diabetes verwechselt!“, so Fritsche.

Oder Patienten mit Diabetes, die bewusstlos in die Notaufnahme kommen, erhielten bei Unterzuckerung noch Insulin zusätzlich oder bei Überzuckerung noch Glukose. Dr. Wiesner nannte als Beispiel einen Patienten mit einem System zur automatisierten Insulin-Dosierung, das auf Geheiß der Klinik abgeschaltet werden musste. Mit dem Ergebnis, dass der Patient eine Ketoazidose erlitt.

„Solche Fälle kommen immer wieder vor, weil Ärzte mit Diabetes nicht mehr gut zurechtkommen“, mahnte Fritsche. „Auch eine Hüftoperation kann für einen Diabetespatienten extrem gefährlich werden, weil die Chirurgen gut die Hüfte operieren können, aber mit dem Diabetes überhaupt nichts am Hut haben“, so der DDG-Vizepräsident. Dass es sich nicht um anekdotische Einzelfälle handelt, verdeutliche auch eine Umfrage. In dieser berichten zum Beispiel über 80 Prozent der Nutzer von moderner Diabetestechnik, dass sie im Krankenhaus ohne Ansprechpartner für Insulinpumpe, System zum kontinuierlichen Glukose-Monitoring (CGM) und Co. geblieben wären.

Finanzreform mit erhoffter Auswirkung auf Diabetes-Kenntnisse in Kliniken

Dass sich diabetologische Stationen in immer weniger Kliniken finden, hat die DDG schon des Öfteren kritisiert. Nur 17 Prozent der Kliniken halten eine ausreichend qualifizierte Diabetes-Expertise gemäß DDG-Zertifizierung vor – mit sinkender Tendenz, wie die Fachgesellschaft kritisiert. Das eigentliche Thema der Pressekonferenz Anfang März war jedoch die von Gesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach geplante Reform der Krankenhaus-Finanzierung. Auf der Veranstaltung wurde klar, dass diese Reform an den beschriebenen Missständen wenn, dann nur indirekt und mit zeitlicher Verzögerung etwas ändern würde.

Bei der grundlegenden Reformbedürftigkeit des bisherigen Fallpauschalen-Systems (DRG-Systems) zur Finanzierung der stationären Versorgung waren sich der Grünen-Politiker Prof. Dr. Armin Grau und die anwesenden Diabetologen einig: „Benachteiligt waren in diesem Finanzierungs-System Fächer wie die Diabetologie, die wenig mit Operationen und Prozeduren zu tun haben, ja, deren Aufgabe es gerade genau ist, Operationen und Prozeduren zu vermeiden“, beschrieb Grau den Status quo. „Die ist sicherlich unterbezahlt gewesen in diesem System, und deswegen bedarf dieses System der deutlichen Reform“, erklärte das Mitglied im Bundestags-Gesundheitsausschuss. Die geplante Reform diene dazu, gegen den durch das bisherige DRG-System bedingten Hamsterrad-Effekt anzugehen, „da muss ganz klar ein Fach wie die Diabetologie auskömmlich finanziert werden“, bestätigte er.

Kooperation zwischen den Sektoren

Prinzipiell stimmte Grau auch der Forderung nach Kenntnissen über Diabetes in den Kliniken zu: „Diabetologische Fach-Expertise muss überall hingebracht werden – bei einer Volkskrankheit von 8,7 Millionen ist das dringend notwendig!“ Über die Art und Weise, dieses Ziel zu erreichen, sagte er dagegen wenig Konkretes. Wo es im klinischen Alltag offene, nicht klärbare Fragen gibt, sei zum Beispiel moderne Digitalisierung, telemedizinische Vernetzung auch ein wichtiges Thema.

Der gelernte Neurologe erläuterte, dass die unterste Ebene der Kliniken im Reform-Vorschlag noch einmal unterteilt ist: Level 1n seien Krankenhäuser, die die Notfallversorgung sicherstellen, Level-1i-Krankenhäuser können diese Notfallversorgung nicht bieten und sollen geöffnet werden auch für eine enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Fachärzten und Hausärzten. Hier komme die Diabetologie ganz stark mit ins Spiel, „da kann man sich auch von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen den Sachverstand hereinholen ins Krankenhaus“, erklärte Grau.

DDG präsentiert einen 5-Punkte-Plan

Die DDG hat auf der Jahrespressekonferenz einen 5-Punkte-Plan zum Schaffen besserer Versorgungsstrukturen an Kliniken vorgestellt. Er fordert:

  • die Einrichtung von Diabetes Units in Krankenhäusern,
  • qualifizierte zertifizierte und abgestufte Diabetesbehandlung auf allen Ebenen der Krankenhausversorgung,
  • Krankenhäuser mit Diabetesbehandlungsstrukturen sollten finanzielle Zuschläge erhalten, Einrichtungen ohne diabetologische Expertise finanzielle Abschläge,
  • vulnerable Gruppen sollen geschützt werden; Kinder oder multimorbide ältere Patienten mit einem Diabetes brauchen besondere Pflege und zeitintensive ärztliche Betreuung, was kostendeckend abgebildet sein muss,
  • obligates Diabetes-Screening (HbA1c) und Management in den Notaufnahmen und Stationen der Krankenhäuser.

Die geplante Reform biete aus Sicht der Niedergelassenen die Möglichkeit, sektorenübergreifende Planung auf den Weg zu bringen, sagte Wiesner. Grau berichtete, dass eine sektorenübergreifende Versorgungsplanung nicht im ersten von der Bundesregierung geplanten Versorgungsgesetz enthalten sein werde, sie werde „aber hoffentlich auch bald kommen“. Der Grünen-Politiker machte seine Meinung klar: „Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema!“, was im Prinzip auch im Koalitionsvertrag stehe. „Ich wünsche mir sehr, dass das auch noch in ’23 gelingt“, gab er zu Protokoll.


von Marcus Sefrin

Marcus Sefrin ist Fachjournalist mit Schwerpunkt Medizin und Diabetes. Er war tätig als Chefredakteur der Fachzeitschrift DiabetesNews, produziert Fachtexte, Kongressberichte, Produktmonografien und begleitet Diabetes-Kongresse national und international.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (5) Seite 48-49

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
An der Krankenhausreform wird schon eine Weile gewerkelt. Seit Ende März hat diese Dauerbaustelle zur Neuordnung der Kliniklandschaft und -finanzierung nun alle parlamentarischen Hürden genommen. Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik? | Foto: bluedesign – stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetes-Kompetenz in Kliniken: Ringen um das Transparenzgesetz
Der Showdown bei der geplanten Krankenhausreform rückt näher. Die Erwartungen sind hoch, auch die Diabetologie hat unlängst wieder drei Punkte hervorgehoben, die für eine bessere Versorgung von Menschen mit Diabetes in Kliniken wichtig wären. Doch das Ringen um die Inhalte der Reform, etwa im Transparenzgesetz, ist hart.

3 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • olivers postete ein Update vor 3 Tagen

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 4 Tagen, 2 Stunden

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂

  • Hallo,

    hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
    Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
    Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
    Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
    Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
    Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁

    LG Sandra

    • olivers antwortete vor 3 Tagen

      Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
      Gruß Oliver

    • @olivers: Haben wir alles gemacht und hat dennoch nicht geholfen 🙁
      Wir haben auch spezielle Pflaster zum drauf kleben,aber die machen keine Probleme.
      Nun sollten bis mitte nächster Woche die neuen Sensoren kommen und ich hoffe es klappt dann mal ohne Probleme

      Gruß Sandra