Patientenvertretung und das „Gesundes-Herz- Gesetz“

3 Minuten

Patientenvertretung und das „Gesundes-Herz-Gesetz“ | Foto: MQ-Illustrations – stock.adobe.com
Foto: MQ-Illustrations – stock.adobe.com
Patientenvertretung und das „Gesundes-Herz- Gesetz“

Wie der Gesundheitsminister mit einem kleinen Hebel einen großen Brocken bewegen will und was dies für die Patientenvertretung bedeuten sollte.

Wir Patientenvertreter in der Diabetes-Selbsthilfe haben uns bei der Durchsicht des Referenten-Entwurfs eines „Gesetzes zur Stärkung der Herzgesundheit“, das vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) etwas griffiger auch gern „Gesundes-Herz-Gesetz“ (GHG) genannt wird, die Augen gerieben: Was will Lauterbach damit erreichen? Geht es ihm tatsächlich um die Herz-Gesundheit oder steckt doch etwas anderes dahinter? Zum Beispiel eine Neuordnung der Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen? Oder noch krasser vielleicht: um die Abschaffung der Selbstverwaltung? Wenn ja, wie stehen wir Patientenvertreter dazu?

Warum ein Gesundes-Herz-Gesetz?

Der Reihe nach: Das GHG verfolgt inhaltlich eine richtige Richtung. Denn es muss tatsächlich dringend etwas dafür getan werden, dass sich die enormen Ausgaben für das Gesundheitswesen in Deutschland, die mit knapp 5000 Euro pro Einwohner und Jahr über 50 Prozent höher sind als der EU-Durchschnitt, in einer höheren Lebenserwartung in Deutschland niederschlagen als derjenigen aller EU-Länder. Oder sind wir 50 Prozent kränker als die Menschen im restlichen Europa? Und weil Deutschland eine der höchsten Alters-standardisierten Sterblichkeitsraten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der EU hat, muss genau hier angesetzt werden.

Im Referenten-Entwurf wird einleitend als Problem beschrieben. „Aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer hohen Krankheitslast haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine zentrale bevölkerungsmedizinische und gesundheitspolitische Bedeutung“. Die Verfasser des Referenten-Entwurfs erkennen aber auch sehr klar, dass die Herz-Kreislauf-Erkrankungen überwiegend durch „modifizierbare Lebensstilfaktoren“ verursacht sind. Dazu zähen bspw. ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und Alkoholkonsum.

Jetzt war der Schritt natürlich nicht mehr weit zu unserem Thema. Das sind alles exakt diejenigen Treiber für das starke Wachstum von Typ-2-Diabetes, auf die wir seit Jahren hinweisen und für die wir Gegenstrategien fordern. Der Gesetz-Entwurf greift hier nun an, durch ein Bündel an Maßnahmen zur Früherkennung bei Kindern und Jugendlichen und bei Erwachsenen, mit der Stärkung von Disease-Management-Programmen (DMPs), mit der Vorbeugung, mit der Unterstützung der Reduktion des Nikotinkonsums und mit Regelungen zur Stärkung der Apotheken bei der niedrigschwelligen Beratung und der Prävention.

Die jeweiligen medizinischen und pharmazeutischen Fachgesellschaften werden diese einzelnen Elemente des Gesetzes kommentieren. Die Lobbyverbände werden entweder den Untergang ihrer Klientel befürchten oder einfach nach mehr Geld rufen. Das alles kennen wir und das ist wirklich nichts Neues.

Ist die Selbstverwaltung noch zeitgemäß?

Neu ist jedoch, dass Bundesminister Prof. Dr. Karl Lauterbach mit diesem GHG eine ganz besondere Schwachstelle im deutschen Gesundheitswesen offenlegt: die bürokratisch überbordende und damit zur Langsamkeit verdammte Selbstverwaltung im Gesundheitswesen! Auf der Homepage des BMG ist nachzulesen: „In Deutschland gilt das Prinzip der Selbstverwaltung (im Gesundheitswesen, Anm. d. Verf.). Der Staat gibt zwar die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Aufgaben vor, die Versicherten und Beitragszahler sowie die Leistungserbringer organisieren sich jedoch selbst in Verbänden, die in eigener Verantwortung die medizinische Versorgung der Bevölkerung übernehmen“. So steht das auch im Sozialgesetzbuch (SGB) V. Das ist grundsätzlich auch gut so, weil eine „Staatsmedizin“, wie sie z.B. in England existiert, nun wirklich keine Garantie einer besseren Versorgung bietet.

Wenn aber diese Selbstverwaltung den Erfordernissen einer modernen, digitalisierten, durch künstliche Intelligenz (KI) gestützten und sich rasant verändernden Gesundheitsversorgung nicht mehr gerecht werden kann, sondern sich selbst beschäftigt mit langwierigen Prozessen und gegenseitigen Blockaden, dann stimmt das System nicht mehr. Und wenn in der Selbstverwaltung eine entscheidende Stimme fehlt, nämlich die der Betroffenen, der Patienten selbst, dann stimmt ohnehin etwas nicht im System.

Patientenvertretung braucht endlich Stimmrecht beim G-BA

Weniger Bürokratie und schneller Ergebnisse! Nur so ist zu erklären, dass im Referenten-Entwurf des BMG zum „Gesundes-Herz-Gesetz“ an verschiedenen Stellen von einer „Rechtsverordnungsermächtigung“ zur Umsetzung konkreter Vorgaben die Rede ist. Und nur so wird verständlich, dass Lauterbach beim Thema DMP nun ganz gehörig aufs Gaspedal tritt. Er beauftragt den Gemeinsamen Bundesausschuss der Selbstverwaltung (G-BA) gesetzlich, Anforderungen an ein neues strukturiertes Behandlungsprogramm für behandlungsbedürftige Versicherte mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu beschließen. Das ist zwar ein beispielloser Eingriff in die Selbstverwaltung, aber er scheint dringend nötig zu sein, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Akteure im G-BA beispielsweise die Überarbeitung von DMPs vorantreiben.

Im Gesundheitswesen muss natürlich weiterhin gelten, Maßnahmen und Programme auf ihre Wirksamkeit hin genau zu überprüfen. Aber es muss im Interesse von uns Patienten auch gelten: „Time is of the essence“ – es kommt nun auch auf die Geschwindigkeit an, unser Gesundheitswesen zu verbessern. Dazu müssen die Prozesse in der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen schlanker, schneller, genauer und wirksamer werden. Ich denke, dies will Lauterbach mit dem GHG erreichen. Patienten eine Stimme geben! Wir fordern zusätzlich: Erkennt die Patienten endlich als gleichwertige Partner der Selbstverwaltung an und gebt uns Sitz UND STIMME im G-BA.


von Leonard Stärk, Vorsitzender DDF e.V.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“

Entdecken, mitreden, erleben – der Landesdiabetestag 2026 kommt! Unter dem Motto „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick!“ erwartet die Besucher in Wilhelmshaven ein Tag voller Wissen, praktischer Impulse und spannender Einblicke rund um Diabetes. Lassen Sie sich inspirieren, tauschen Sie sich aus und holen Sie sich neue Ideen für Alltag, Therapie und Prävention.
Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“ | Foto: DNI

2 Minuten

Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen

Ein Familienwochenende von Diabetiker Thüringen e.V. bietet im März 2026 Gelegenheit für Austausch, Bewegung und Entlastung. Familien mit einem Kind mit Diabetes können sich informieren, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsame Aktivitäten am Bleiloch‑Stausee erleben.
Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen | Foto: SEZ Kloster

< 1 minute

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 2 Tagen, 3 Stunden

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 1 Woche

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände