Erwartungen von Diabetologen an das Digital-Gesetz: „Digitalisierung muss Entlastung werden”

3 Minuten

Erwartungen von Diabetologen an das Digital-Gesetz: „Digitalisierung muss Entlastung werden”
Foto: MedTriX Group – per KI erzeugt via DALL·E
Erwartungen von Diabetologen an das Digital-Gesetz: „Digitalisierung muss Entlastung werden”

Am Digital-Gesetz des Bundesgesundheitsministeriums wird aktuell noch geschraubt. Dr. Tobias Wiesner beschreibt im Interview, wie das Gesetz gestaltet sein sollte, damit die Digitalisierung für Menschen mit Diabetes und niedergelassene Diabetologen wie ihm tatsächlich Fortschritt und Erleichterung bringt.

Dr. Tobias Wiesner ist Vorstandsmitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und des Bundesverbands Niedergelassener Diabetologen (BVND). Zudem führt er eine diabetologische Schwerpunktpraxis in Leipzig.

Lieber Herr Dr. Wiesner, wie optimistisch sind Sie, dass das Digital-Gesetz pünktlich in Kraft treten wird?

Dr. Wiesner: Wichtig ist für uns in den Arztpraxen, dass eine Stetigkeit und Zuverlässigkeit in der Digitalisierung umgesetzt werden. Dazu gehört unter anderem auch, dass sowohl praktisch überprüft wird, ob Dinge, die ein Gesetz vorgibt, zu leisten sind. Andererseits aber auch ganz klare zeitliche Vorgaben ebenso erfüllt werden.

Über die letzten Jahre haben wir in den Arztpraxen viele Veränderungen auf den Weg gebracht und die Digitalisierung vorbereitet. Wir haben sowohl Hardware als auch Software angepasst oder neu angeschafft bzw. Abläufe geändert. Nicht jede dieser Änderungen ist auch in der Praxis angekommen. Dies enttäuscht natürlich. Und insofern wünsche ich mir, dass diese Zuverlässigkeit bei praktikabler Umsetzbarkeit für das Jahr 2024 nun auf den Weg gebracht wird.

Was sind für die niedergelassenen Diabetologen die wichtigsten Punkte?

Dr. Wiesner: Im Digitalgesetz sind wichtige Punkte verankert, die aus unserer Sicht notwendig für eine erfolgreiche Digitalisierung sind. Die Digitalisierung muss sowohl für den Patienten eine Verbesserung der Versorgung als auch für uns ärztliche und pflegerische Leistungserbringer eine Entlastung im Alltag bringen. Eine Mehrbelastung durch die Digitalisierung per se ist ein Anachronismus.

Insofern ist es uns wichtig, dass wir eine elektronische Patientenakte (ePA) sehen, die nicht eine Dokumentenverwaltungsakte ist. Das wäre keine Unterstützung im Alltag. Wir wünschen uns eine ePA, die Daten adäquat in einer Datenbankstruktur in der Behandlung zur Verfügung stellt. Unkompliziertes Erhalten der Informationen zu den eingenommenen Medikamenten ist natürlich etwas, was im Versorgungsprozess des Patienten eine enorme Rolle spielt und was bisher mit einem großen logistischen und zeitlichen Aufwand verbunden war. Hier eine Erleichterung zu schaffen, sorgt natürlich für eine Patientensicherheit als auch für Verordnungssicherheiten.

Wenn ich im Rahmen des BMG-Gesetzes auch in den Behandlungsprozess von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) eingebunden wäre, würde es mich umso mehr freuen, da wir diese Möglichkeit einer begleitenden Therapie des Patienten auch begleiten sollten und müssen. Das wäre meine Forderung, hier dies auch weiter zu öffnen und den therapeutischen Prozess zwischen Arzt und Patient mit zu integrieren, also Öffnung Risikoklasse IIb für DiGA.

Mehr zum Thema
➤ Kodex Digitalisierung: Diabetes-Fachverband legt der Politik einen Handlungsrahmen vor

Hatten Sie schon Kontakt mit der Gematik, die ja den direkten Kontakt zur Ärzteschaft suchen wollte?

Dr. Wiesner: Erfreulicherweise hatten wir auf vielen Ebenen inzwischen Kontakt mit der Gematik, welche doch einen regen Austausch mit uns niedergelassenen Ärzten eingegangen ist. Auch hier freue ich mich über viele Kontakte, die über die DDG und auch über den Berufsverband geknüpft wurden und wir tiefer- und weitergehende Gespräche miteinander führen konnten und uns, gerade was die Strukturabläufe in der Praxis betrifft, Klarheit verschaffen konnten sowie auch schon bestimmte Strukturerhebungen auf den Weg bringen konnten.

Im Digitalgesetz ist viel die Rede von einem dDMP – dem digitalen Disease-Management-Programm. Was wäre der Vorteil einer solchen Digitalisierung?

Dr. Wiesner: Das digitale DMP, welches als parallele Struktur neben dem aktuellen DMP gedacht ist, wurde noch nicht in aller Konsequenz ausformuliert. Die Zeitvorgabe aus dem BMG ist zwar klar definiert. Aber hier müssen wir tatsächlich noch wichtige Inhalte mit allen prozessbeteiligten Protagonisten absprechen.

Uns erscheint es wichtig zu sagen, dass Parallelstrukturen immer Ressourcen verbrauchen werden. Insofern ist unsere/meine Forderung an ein digitales DMP, dass es bei aktuellen DMP-Prozessen beteiligt sein soll. Hier werden wir also klar formulieren, dass digitale Prozesse in die bestehenden DMP integriert werden sollten und somit die Daten aus verschiedenen und unterschiedlichen Versorgungsebenen zusammengeführt werden. Dies deckt sich auch mit der Forderung nach Interoperabilität und strukturierten Behandlungsdaten, die wir im Rahmen unseres Code of Conduct DDG formuliert haben.

Was kann schiefgehen? Immerhin ist das DMP für die Niedergelassenen essenziell.

Dr. Wiesner: Wichtig ist, dass digitale DMP in der Versorgung von Patienten, die diesen vollumfänglich kennen, erbracht werden müssen. Das heißt, dass die diabetologische Schwerpunktpraxis auch die digitalen DMP führen sollte.

Wenn andere Anbieter digitale DMP anbieten und führen, ist der gesundheitliche Ansatz einer Betreuung vom Patienten in all ihren Facetten, die eine komplexe Erkrankung, wie der Dia­betes mellitus es mit sich bringt, nicht gegeben. Insofern ist aus meiner Sicht das digitale DMP in die regionalen Vor-Ort-Strukturen des DMP zu integrieren. Auch weil die Existenz der Schwerpunktpraxen und vor allem der Schulungsberufe darauf fußt.



Interview: Manuel Ickrath

zuerst erschienen in diatec-journal 4/2023

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer im Interview: Zuckersteuer, Diabetes-Kongress-Highlights und Blick in die Zukunft
Zuckersteuer, neue Therapien, Prävention: Beim Diabetes Kongress 2026 in Berlin zieht DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer im Interview mit Sebastian Alsleben Bilanz für den Diabetes-Anker und erklärt, warum die als Herstellerabgabe angekündigte Zuckersteuer nur ein erster Schritt sein kann.
DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer im Interview: Zuckersteuer, Diabetes-Kongress-Highlights und Blick in die Zukunft | Foto: MedTriX

2 Minuten

Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
An der Krankenhausreform wird schon eine Weile gewerkelt. Seit Ende März hat diese Dauerbaustelle zur Neuordnung der Kliniklandschaft und -finanzierung nun alle parlamentarischen Hürden genommen. Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik? | Foto: bluedesign – stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • stephanie-haack postete ein Update vor 3 Wochen

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 3 Wochen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

Verbände