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Erfahrungsbericht: Mein Weg zur Insulin-Therapie bei Typ-2-Diabetes
7 Minuten
„Pass auf, sonst musst du spritzen!“ – ein Satz, der wie eine Drohung klingt. Daniel Kaul erzählt in seinem Erfahrungsbericht, wie er als junger Mann mit Typ-2-Diabetes zur Insulin-Therapie kam, noch bevor er später zusätzlich mit Typ 1 diagnostiziert wurde. Er berichtet, warum das Spritzen für ihn auch damals keine Bürde war, sondern vielmehr eine Chance auf bessere Blutzuckerwerte und mehr Lebensqualität.
„Hast du den normalen Diabetes oder den schlimmen, bei dem du spritzen musst?“ Wie oft hat man das schon als Mensch mit Diabetes gehört? Die Erweiterung für Menschen mit einem bekannten Typ-2-Diabetes ist dann noch: „Pass bloß auf, sonst musst du eines Tages Insulin spritzen!“
Jeder, der schon länger mit einem Diabetes zu tun hat, verdreht dabei sicher die Augen. Mach ich auch, gebe ich ja zu. Und ich will mich jetzt nicht über die Unwissenheit oder die Ignoranz anderer aufregen. Vielmehr möchte ich euch in meine Geschichte mitnehmen, wie die Injektionstherapie bei mir abgelaufen ist.
Meine Aufnahme in den „Club der Insuliner“
Zuallererst muss man wissen, dass ich mittlerweile einen Doppel-Diabetes habe. Ich kämpfe also mit Typ 1 und Typ 2. Bei mir ging es mit einem Typ 2 im Jahr 2000 los. Erst im Jahr 2013 kam dann die Typ-1-Diagnose mit dazu. Meine Therapie startete im Jahr 2000 zunächst mit Metformin, also Tabletten. Das lief soweit auch ganz gut.
Regelmäßig selbst zu messen war schwierig, da zu dieser Zeit für Menschen mit Typ-2-Diabetes von meiner damaligen Kasse keine Teststreifen übernommen wurden. Damit hatte man natürlich die Werte auch nicht permanent im Blick. Und so kam es, wie es kommen musste. Im April 2003 wurde dann beim Dreimonatstermin eine Entgleisung der Werte festgestellt. Das HbA1c war in den drei Monaten von 6,5 auf 9,4 Prozent angestiegen. Und das war der Zeitpunkt meiner Aufnahme in den „Club der Insuliner“.
Erste Insulin-Injektion im Frühjahr 2003
Die Blutuntersuchung hatte mein damaliger Hausarzt als Vorbereitung auf den Quartalstermin bei der Diabetologin durchgeführt. Damit hat auch er meine Insulin-Erstverordnung vorgenommen. Insuman Rapid war das damals, also ein Human-Insulin, umgangssprachlich auch „Alt-Insulin“ genannt. Weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Vorteil: Er ist auch Internist. Da saß ich im Sprechzimmer, leicht betreten und schaute ihm zu, wie er tief über ein Blatt Papier gebeugt murmelte, in den Taschenrechner hackte und immer wieder etwas notierte.
Was hatte er gemacht? Ein Spritzschema erstellt, wie ich mahlzeitenabhängig das Insuman spritzen sollte. Das hatte ich dann zwei Wochen bis zum Termin bei der Fachärztin gemacht. Die bekam dann einen mittleren Schreikrampf, als ich ihr das mit dem Spritzschema erzählt hatte. Von wegen, „Was bildet sich der Arzt ein? Spritzschema bei so jungen Patienten … machen wir alles anders!“
Damit folgte ein weiterer erster Kontakt: das Thema „Broteinheiten und BE-Faktoren“. Und selbstverständlich war mein Platz in der nächsten Insuliner-Schulung in der Praxis auch schon gebucht. Übrigens weiß ich noch ganz genau, wann ich mir die allererste Insulin-Injektion gesetzt hatte: Das war der 29. April 2003, abends. Wir waren da auf die Geburtstagsfeier meines jüngsten Onkels eingeladen. Sein Dreißigster. Joah … und seitdem war ich dabei. Die BE-Faktoren hatten wir relativ schnell raus. Die waren damals schon vergleichsweise hoch: 3 – 3,5 – 2,5.
Quantensprung: Wechsel auf Analog-Insulin
Nächstes Highlight war der erste Insulin-Wechsel. Da ich damals noch auf der Uni war, konnte ich sehr oft den Spritz-Ess-Abstand (nach Lehrbuch) nicht einhalten. Ich hatte also die Ärztin gefragt, ob man das Insuman vielleicht aus diesen Gründen gegen ein Analog-Insulin tauschen könnte. Sie ging sofort mit.
Also Insulin Nummer 2: NovoRapid. Für mich ein Quantensprung, aber auch eine Umgewöhnung. Die Wirkgeschwindigkeit war schon irre. Allerdings war es schon damals so, dass die große Menge, die ich aufgrund der Insulin-Resistenz spritzen musste, die Wirkungsdauer des Analog-Insulins deutlich verlängerte. Muss man wissen, dass sowas auch passieren kann.
Eine große Herausforderung einige Zeit später war dann, als meine damalige Krankenkasse plötzlich das Analog-Insulin nicht mehr bezahlen wollte. Natürlich war es deutlich teurer als das Alt-Insulin. Aber eben auch viel praktikabler für mich. Stichwort: Lebensqualität.
Das hatte die Kasse damals nicht interessiert. „Für Typ-2-Diabetiker übernehmen wir keine Kosten für Analog-Insuline!“. Widerspruch und Gutachten hatten leider auch nichts gebracht. Was war das Resultat? Ich musste mir eine neue Krankenkasse suchen, die das Analog-Insulin übernimmt. Zum Glück ging das damals ziemlich schnell.
Ausgeprägtes Dawn-Phänomen machte ICT notwendig
Und wieder ging einige Zeit ins Land, in der die Werte ziemlich gut waren. Durch die Insulin-Therapie sogar sehr gut. Ich kann mich an meinen besten HbA1c-Wert aller Zeiten erinnern. Der lag damals bei 4,9 Prozent. Ein Ausreißer, zugegeben. Die meiste Zeit bewegte ich mich um die 6 Prozent. Auch darüber beschwert man sich nicht.
Aber auch da kam dann nach einiger Zeit ein neues Problem auf: Meine Nüchtern-Werte wurden immer schlechter. Aber der Tag lief weiterhin super. Durch nächtliche Messungen kamen wir dann darauf, dass mein Blutzucker ab etwa 4 Uhr morgens begann, anzusteigen. Und das ziemlich rasant und ziemlich heftig. Diagnose: ein sehr ausgeprägtes Dawn-Phänomen.
Also wurde der Daniel mit einem neuen Medikament bekannt gemacht: dem Basal-Insulin und damit auch einer neuen Therapieform, der ICT (auf Deutsch: intensivierte konventionelle Therapie). Das Basal-Insulin müsste damals Protaphane gewesen sein, wenn ich mich recht erinnere. Auf jeden Fall war es eines, das man vor der Injektion schwenken musste. Und damit begann dann meine Suche nach dem passenden Basal-Insulin.
Denn es zeigte sich relativ schnell, dass dieses Insulin mein Problem leider nicht lösen konnte. Wir haben die Dosis immer weiter gesteigert, aber eine wirkliche Besserung konnte an den hohen Nüchtern-Werten nicht erreicht werden. Die Werte blieben konstant hoch morgens. Gut, von den 300 mg/dl (16,7 mmol/l) und höher waren wir zum Glück doch dauerhaft weg.
Lange Suche nach dem richtigen Basal-Insulin
Aber wir kamen nicht mal in die Nähe von guten oder auch nur akzeptablen Werten. Und dann ging es los mit dem Probieren. Ich muss ja gestehen, dass meine damalige Ärztin wirklich hervorragend war. Sie hat wirklich alles Mögliche versucht und sämtliche Register gezogen, die uns zur Verfügung standen. Ich bekomme jetzt nach der langen Zeit die ganzen Namen nicht mehr zusammen, aber wir hatten beinahe jedes auf dem Markt verfügbare Basal-Insulin ausprobiert.
Ich war sogar einige Monate als Basal-Insulin auf einem Misch-Insulin unterwegs. Ich glaube mit dem Verhältnis 70 Basal zu 30 Bolus. Und das alles mit sehr hohen Dosen. Wir sprechen hier von weit mehr als 20 Insulin-Einheiten (IE) um 22 Uhr. Aber leider kamen wir dennoch nicht mal ansatzweise in einen guten Bereich für die Nüchtern-Werte.
Sogar eine stationäre Reha in einer Spezialklinik für Diabetes hat da nichts gebracht (das war auch ein Wahnsinn, ist aber eine andere Geschichte). Zwischendurch hatten wir sogar einen Antrag auf eine Pumpe aufgrund meines ausgeprägten Dawn-Phänomens und der Tatsache, dass ich mit ICT nicht eingestellt werden konnte, eingereicht. Der wurde damals aber abgelehnt. Denn ein Typ-2-Diabetiker kriegt per se keine Pumpe. Schöner Mist das.
Hohe Insulin-Dosen und trotzdem hohe Werte
Am Ende der langen Suche hatten wir dann eine halbwegs annehmbare Lösung gefunden: Levemir als Basal-Insulin. Mit einer Dosis von 48 (!) IE um 22 Uhr. Das wurde natürlich aufgeteilt in zwei Injektionen gespritzt: 24 IE in den linken Oberschenkel und 24 IE in den rechten. Der Wahnsinn war aber, dass ich durch diese schon immens hohe Dosis, aber kein merkliches Absinken des Blutzuckers hatte. Nur ein ganz kleines bisschen. Nicht der Rede wert.
Naja, aber was kam dann morgens raus? Wenn ich gegen 6 Uhr aufstand, lag ich irgendwo um die 200 mg/dl (16,7 mmol/l). Das hatten wir als bestmöglichen Nüchtern-Werte einfach damals akzeptiert. Das heißt, ich hab mich immer gefreut, wenn ich mal unter 200 mg/dl (16,7 mmol/l) morgens war. In Bayern sagen wir: „In der Not trinkt der Teufel das Weihwasser.“ Und es stimmt. Wenn das das Optimum ist, was man erreichen kann, dann akzeptiert man das einfach. Zwar nicht schön, aber es hilft eben nicht.
Eine weitere Optimierung hatten wir dann auch hinbekommen, als FIASP auf den Markt kam. Das noch schnellere Bolus-Insulin war für mich Gold wert. Die hohen Werte gingen deutlich schneller runter und auch Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten wurden flacher. Tolle Sache!
Weitere Herausforderungen – bis zur LADA-Diagnose
Es wäre aber auch langweilig, wenn man nicht weitere Herausforderungen hätte. Mit dem erreichten Optimum der Nüchtern-Werte musste man dann aber auch schauen, dass der Wert schnell runter ging. Also gab’s trotz des Analog-Insulins FIASP für den Bolus einen sehr deutlichen Spritz-Ess-Abstand. Da war etwas Tüfteln angesagt, um die Balance zwischen ausreichend Korrektur und nicht in die Hypo fallen zu finden. Klappte dann aber nach einiger Zeit auch ganz gut.
Zwischendurch war dann auch mein Insulin nicht mehr als Pen-Ampulle verfügbar, weil dem Hersteller die weltweit einzige Maschine dafür kaputtgegangen war. Gut, also gab’s da dann mal über einige Jahre hinweg Durchstechflaschen und Einmalspritzen. Auch wieder was Neues. Das Metformin hab ich übrigens weiterhin behalten.
Und das war dann der Status, den wir beibehalten haben – auch der mittlerweile neue Diabetologe, weil meine alte Ärztin in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war – bis wieder alles eskaliert ist und schließlich die Diagnose Typ-1-LADA gestellt wurde. Wie es ab da dann weiterging, ist aber eine andere Geschichte und hat mit der Insulin-Therapie für Typ 2 nicht mehr was zu tun. 😉
Ein unüblicher Weg, der die Lebenserfahrung gestärkt hat
Mein Weg der Insulin-Therapie mit Typ 2 ist sicher nicht üblich und kommt wohl auch nicht so oft vor. Man darf an der ganzen Sache aber auch nicht vergessen, dass sich diese ganze Geschichte zwischen 2003 und 2013 abgespielt hat. Seit dieser Zeit hat sich schon wieder sehr viel auf dem Feld getan. Neue Insuline, bessere Therapie-Optionen und vor allem auch die Möglichkeiten, dass es nicht mehr kategorisch ausgeschlossen ist, als Typ-2er eine Insulin-Pumpe zu bekommen.
Ich bin aber auch nicht wirklich böse, wie es bei mir gelaufen ist. Die ganze Sache liegt bei mir in der Schublade „Lebenserfahrung“. Und was man auch nicht vergessen darf, ich habe in der ganzen Zeit auch aktiv mitgearbeitet und mich mit meinen Ärztinnen und Ärzten über Möglichkeiten ausgetauscht. Was mir wieder deutlich mehr in meinem eigenen Werkzeugkasten gebracht hat.
Ich hab gelernt, nicht alles einfach hinzunehmen, sondern mich aktiv an der Therapie zu beteiligen. Ich hab viel über Insuline und Wirkungsweisen gelernt. Und das allerwichtigste, ich habe dabei mich selber und meinen Körper besser kennen gelernt. Das kam mir bisher für meinen Weg mit Diabetes auch immer wieder zugute. Und ich denke, dass ich davon auch weiterhin profitieren werde.
Insulin-Therapie bei Typ 2: keine Strafe, sondern eine Chance
So gesehen ist alles was sich um „… sonst musst du spritzen …“ dreht eigentlich absoluter Käse. Es ist ja keine Strafe, sondern eine Möglichkeit, die Therapie zu optimieren und bessere Werte zu bekommen. Und damit langfristig auch Spätfolgen zu vermeiden oder zumindest zu minimieren. Ich war der ganzen Sache mit der Injektionstherapie in meiner Zeit als „nur Typ-2er“ niemals abweisend eingestellt.
Ich war immer offen für die Möglichkeiten und die neuen Wege, die sich ergeben. Das kann ich euch allen nur mit auf eure Reise geben. Es ist keine Strafe, es ist eine Chance. Nehmt sie wahr! Schaut, dass ihr euch das notwendige Wissen zur Bolus-, Basal- oder intensiviert konservativer Therapie raufschaufelt. Das ist heute alles einfacher als vor 23 Jahren. Hier ist Wissen wirklich Macht! Und auf eurem weiteren Weg mit eurem Begleiter Diabetes ist das einfach unbezahlbar. Ihr kriegt das hin!
von Daniel Kaul
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thomas55 postete ein Update vor 1 Tag, 1 Stunde
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55 -
sayuri postete ein Update vor 2 Tagen
Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
Liebe Grüße
Sayuri -
cina_polada postete ein Update vor 6 Tagen, 2 Stunden
Hi, ich bin Julija und komme aus Frankfurt. Vor ein paar Wochen wurde bei mir Diabetes Typ 2 mit gerade mal 33 Jahren diagnostiziert.. Kämpfe im Moment noch sehr mit der Diagnose und würde mich über etwas Austausch sehr freuen 🙂
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lena-schmidt antwortete vor 3 Tagen, 11 Stunden
Hallo Cina,
wir vom Diabetes-Anker treffen uns am 25.2 virtuell per Teams falls das für dich relevant ist 🙂
Schau gerne mal in den Veranstaltungen
Liebe Grüße
Lena
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