Alkohol bei Diabetes? Ja, aber …

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Alkohol bei Diabetes? Ja, aber …

Natürlich können Menschen mit Diabetes grundsätzlich auch Getränke mit Alkohol trinken. Es gibt aber spezielle Dinge, die Sie beachten sollten. Dr. Gerhard-W. Schmeisl erklärt Ihnen, welche das sind.

Gesund und gefährlich

Laut Deutschen Diabetes Zentrums (Uni Düsseldorf) fand man in der Zutphen-Studie heraus: Wer über längere Zeit ca. 20 g Alkohol täglich konsumiert, der reduziert sein Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um 30 Prozent – verglichen mit einem Alkohol-Abstinenten.

Die Gesamtsterblichkeit sank um 25 Prozent, die des Todes durch einen Schlaganfall um 57 Prozent; besonders gut schnitten Weintrinker ab! Aber: Der regelmäßige Alkoholkonsum birgt bei Diabetikern einige spezielle Gefahren in sich; und der unregelmäßige, jedoch exzessive Alkoholkonsum kann sogar lebensgefährlich sein – gerade bei Insulintherapie!

Das geschiet beim Alkoholabbau

Alkohol wird in erster Linie in der Leber abgebaut durch das Enzym Alkoholdehydrogenase. Die Leber ist in der Hinsicht teils trainierbar, wenn sie ansonsten gesund ist. Menschen, die erstmalig oder selten Alkohol trinken, haben schnell einen Schwips. Wer regelmäßig trinkt, dessen Leber ist in der Lage, mehr Alkohol abzubauen – mehr Enzym wird produziert; das geht bis zu einem gewissen Grad auf natürlichem Weg.

Bei Männern gibt es einen weiteren Weg des Alkoholabbaus: den mitochondrialen Weg. Diese Möglichkeit hat die Leber der Frauen nicht – deshalb vertragen die meisten Frauen auch Alkohol weniger gut. Nach Alkoholgenuss kommt es zunächst meist zum raschen Blutzuckeranstieg durch den enthaltenen Zucker. Der Alkoholabbau in der Leber wirkt dagegen meist nicht sofort auf den Blutzuckerspiegel – oft erst viele Stunden später.

Beim Alkoholabbau braucht die Leber ein Co-Enzym (NAD: Nicotinamidnucleotid): eine Art Helfer, damit die Alkoholdehydrogenase den Alkohol effektiv abbauen kann; dabei wird das Co-Enzym verbraucht. Das NAD wird in der Leber auch für weitere Stoffwechselprozesse benötigt, z. B. zur Zucker-Neubildung (Glukoneogenese), um immer dem Gehirn die benötigte Glukose zur Verfügung stellen zu können – auch nachts im Schlaf; andernfalls kommt es zur Unterzuckerung.

Gestörte Glukoseproduktion durch Überlastung der Leber

Das Gehirn selbst benötigt etwa 6 g Traubenzucker pro Stunde – tagsüber liefert die Leber ca. 10 g/Stunde, nachts etwa 8 g/Stunde, so dass der Blutzucker immer über 50 bis 60 mg/dl (2,8 bis 3,3 mmol/l) liegt. Wenn aber z. B. im Rahmen einer Fete reichlich Bier fließt und der Alkohol in der Leber abgebaut werden muss, wird dabei auch reichlich NAD verbraucht, das dann für mehrere Stunden für die Glukoneogenese fehlt; die wichtige Gegenregulation bleibt aus!

Bei einer schweren Unterzuckerung ist die Leber dann nicht mehr in der Lage, genug Zucker für das Gehirn zu produzieren (und somit für die Gegenregulation). Beispiel: Der Alkohol einer Flasche Bier ist nach etwa 3 Stunden abgebaut – die Glukoseproduktion in der Leber erholt sich jedoch erst viel später. Dies ist einer der Gründe, weshalb es zu schweren Unterzuckerungen nach reichlich Alkoholkonsum kommen kann.

Glukagon-Spritze wirkt bei Alkohol nicht!

In dieser Situation wirkt auch die Injektion der Notfallspritze Glukagon durch eine Begleitperson nicht – die Leber ist quasi durch den Alkoholabbau blockiert. Hier hilft nur die Gabe von Traubenzucker in die Vene durch den Notarzt.

Beachte: Schon ab einer Alkoholkonzentration im Blut von 0,45 Promille ist die Zuckerfreisetzung aus der Leber gestört!

Unterzuckerung folgt meist 4 bis 8 Stunden später

Je mehr Alkohol ein Diabetiker trinkt, desto länger und ausgeprägter ist die Zuckerneubildung in der Leber gehemmt. Zu einer schweren Unterzuckerung kommt es nach abendlichem Alkoholkonsum meist erst in der Nacht, 4 bis 8 Stunden später – besonders nach einer vorausgegangenen Insulininjektion und zu wenig gegessenen Kohlenhydraten.

Manche Betroffene berichten noch von Spät-Unterzuckerungen am nächsten Vormittag!

Die Regeln des Alkohol-Konsums bei Diabetes

Ein paar Regeln, die Menschen mit Diabetes beim Alkohol-Genuss unbedingt beachten sollten:

  • Trinken Sie möglichst keinen hochprozentigen reinen Alkohol (Wodka etc.) – eher Wein oder Bier in kleinen Mengen.
  • Essen Sie immer etwas dazu (Kohlenhydrate in Form von Brezeln, Salzstangen etc.).
  • Die Kohlenhydrate im Alkohol (z. B. Bier) nie mitberechnen bei der Injektion des Insulins.
  • Über Nacht eher einen höheren Blutzucker (z. B. 200 mg/dl oder 11,1 mmol/l) akzeptieren!
  • Alkoholfreie Biersorten (die schmecken!) bevorzugen – enthalten keinen Alkohol und viel weniger Kalorien als herkömmliche Biere.
  • Fahren Sie unter Alkohol-Einfluss nie Auto (Hypoglykämie-Gefahr)!

Mit Diabetes: Frauen 10 g, Männer 20 g Alkohol pro Tag

Die Alkohol-Grenzwerte für Menschen mit Diabetes liegen nach neuesten Diabetes-Ernährungsleitlinien für Frauen praktisch nur noch bei 10 g Alkohol (etwa ¼ l Wein) und für Männer mit Diabetes bei 20 g Alkohol (½ Flasche Bier) pro Tag. Im Zusammenhang mit Alkohol müssen Menschen mit Diabetes neben der Wirkung des Insulins auch andere Faktoren berücksichtigen, die eine Unterzuckerung fördern – z. B. körperliche Aktivität wie Sport, Tanzen oder auch Sex!

Alkohol ist heute für Diabetiker in geringen Mengen sicher unbedenklich zur Förderung des Wohlbefindens – besonders zum Essen und in Gesellschaft; auf der anderen Seite werden die chronischen Folgen des Alkohols oft verharmlost.

Je nach erblicher Veranlagung, psychischer Verfassung und Umweltsituation kann sich bei dem einen früher, bei dem anderen später eine Abhängigkeit entwickeln, die oft so langsam und unauffällig voranschreitet, dass sie kaum bemerkt wird. Wird sie auffällig, ist häufig schon ein chronisches Stadium erreicht, das nur sehr schwer zu behandeln ist. Zum anderen hat Alkohol grundsätzliche negative Effekte, die Diabetiker berücksichtigen sollten:

Was gerade Diabetiker wissen sollten

Toxischer Leberschaden (direkte Giftwirkung)

Wer auch nur kleine Mengen Alkohol regelmäßig trinkt, riskiert eine Leberverfettung (Fettleber) bis hin zur Leberzirrhose. Die Leber ist dann oft nicht mehr in der Lage, genug Zucker zu speichern und somit bedarfsgerecht abzugeben z. B. im Rahmen einer Unterzuckerung.

Toxische Schäden an Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse

Direkte Giftwirkungen durch den Alkohol finden sich im Mund, in der Speiseröhre, an den Zähnen, im Magen-Darm-Trakt und auch in Form einer chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung – diese haben fast 30 Prozent aller Alkoholiker. Sie kann zu einer kompletten Zerstörung der Betazellen führen (pankreopriver Diabetes: Diabetes durch eine Bauchspeicheldrüsenerkrankung).

Sexualstörungen

Störungen der Sexualität zeigen sich oft in Form von Erektionsstörungen beim Mann und einem Libidoverlust (Verlust des sexuellen Verlangens) bei der Frau – manchmal schon sehr früh.

Polyneuropathien

Nicht selten sind Nervenschäden auf chronischen Alkoholabusus zurückzuführen – besteht gleichzeitig eine schlechte Blutzuckereinstellung, dann kann sich der Schaden natürlich potenzieren. Diabetiker, die schon “neuropathische Beschwerden” haben (wie Kribbeln, Taubheit an den Füßen etc.), sollten deshalb dringend neben der optimierten Blutzuckereinstellung auf Alkohol für längere Zeit verzichten (z. B. 6 Monate Auslassversuch). Nicht selten sind gerade in den Anfängen der Erkrankung die Beschwerden rückläufig!

Das Fazit

Alkohol ist in unserer zivilisierten Welt für viele nicht mehr wegzudenken. In kleinen Mengen – ob in Gesellschaft oder allein – genossen, hat er in der Regel keine negativen Auswirkungen – einigen Studien zufolge sogar schützende Funktionen.

Für Diabetiker gelten jedoch einige kritische, vorbeugende Hinweise, die Beachtung verdienen. Neben den direkt toxischen (Gift-) Wirkungen sind vor allem die oft gefährlichen Unterzuckerungen zu nennen. Auf die Abhängigkeit von Alkohol und den daraus oft folgenden Problemen (sozialer Abstieg, Krankheit, Sucht, Verlust der Arbeit/des Führerscheins) soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

Alkohol löst keine Probleme – schafft aber oft viele zusätzliche! Genießen Sie ihn deshalb in Maßen!


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2013; 62 (3) Seite 34-97

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  • uho1 postete ein Update vor 4 Tagen, 19 Stunden

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂