- Behandlung
Alternative Medizin bei Diabetes auf dem Prüfstand
4 Minuten
Bittermelone, Zimt, Knoblauch: Viele Menschen setzen auf Wirkstoffe aus der Natur, die bei der Diabetestherapie zusätzlich oder gar anstatt Medikamenten wirken. Bei Typ-1-Diabetes ist die Sache klar: Ohne Insulin ist keine Therapie möglich, auch nicht 100 Jahre nach seiner Entdeckung. Wie sieht es bei den Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland aus? Eine Übersicht.
Die Behandlung von Menschen mit Diabetes Typ 2 besteht zusätzlich zu einer Ernährungs- und Bewegungstherapie (Basistherapie) aus der Gabe von Tabletten, GLP-1-Rezeptoragonisten und/oder Insulin. Menschen mit Diabetes Typ 1 hingegen werden in der Regel ausschließlich mit Insulin behandelt.
Zusätzlich zu diesen Therapiemöglichkeiten werden immer öfter alternative Behandlungsmethoden empfohlen, welche wissenschaftlich gesehen (noch?) keinen flächendeckenden Nutzen gezeigt haben. Dazu zählen Berberin, Glycowohl oder Kapseln mit Bittermelone (Ampalaya). Auch Gewürze wie Zimt, Kurkuma und Knoblauch sollen angeblich bei Diabetes helfen, den Blutzucker zu senken.
Alternativmedizin – was ist das?
Alternative Behandlungsmethoden als Ergänzung oder gar Ersatz für herkömmliche Therapien sind bei Diabetes Typ 1 und Typ 2 weitverbreitet, Hersteller lassen sich diese teils teuer bezahlen. Doch was nützt diese „Alternativmedizin“ bei Diabetes wirklich?
„Alternativmedizin“ oder „Alternative Medizin“ ist eine Sammelbezeichnung für Behandlungsmethoden und diagnostische Konzepte, die als Alternative oder Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Methoden der Schulmedizin angewendet werden. Hierzu zählen z. B. Naturheil- und Entspannungsverfahren, Homöopathie oder die Traditionelle Chinesische Medizin.
Ayurveda für Körper und Geist
Ayurveda ist eine der ältesten, traditionellen Heilkünste aus Indien (Traditionelle Indische Medizin, TIM) und bedeutet „Das Wissen vom Leben“. Verstanden wird darunter ein ganzheitliches Therapiesystem für Körper und Geist, welches Ernährung und Bewegung sowie Entspannung und Wellness beinhaltet. Doch warum soll dieses Therapiekonzept den Blutzucker senken?
Dies begründet sich vor allem in der „ayurvedischen Ernährung“, die täglich aus drei Mahlzeiten (Mittagessen als Hauptmahlzeit, Frühstück und Abendessen als leichte Mahlzeiten) besteht. Zwischenmahlzeiten sollen eher nicht verzehrt werden. Es werden frische und warme Mahlzeiten aus natürlichen Lebensmitteln zubereitet. Außerdem soll reichlich getrunken werden, am besten (Ingwer-)Wasser, Gewürz- oder Kräutertees (ohne Zucker). Das bedeutet, dass Kohlenhydrate, die den Blutzucker erhöhen, nur zu den drei Mahlzeiten verzehrt werden, zwischendurch oder in Form von Getränken werden keine Kohlenhydrate aufgenommen.
Blutzuckererhöhende Getränke (wie Softdrinks, Wasser mit Geschmack, Milch) oder Zwischenmahlzeiten (z. B. Obst, Kuchen, Gebäck, Süßigkeiten), die häufig die Ursache für erhöhte Blutzuckerwerte sind, werden bei dieser Lebensform nicht oder nur sehr selten verzehrt.
Ampalaya: Bittermelone, Bittergurke
Die Ampalaya (lateinisch: momordica charantia) oder auch „Bittermelone, Bittergurke“ genannt, hat einen hohen Protein-, Mineralstoff- und Kohlenhydratgehalt und soll eine „gesundheitsfördernde Wirkung“ haben. Die Früchte werden unreif, grün und aufgeschnitten mit Salz verzehrt. Aber Vorsicht: Verzehrt man diese Frucht in reifem Zustand, schmeckt die Ampalaya bitter und ist giftig. Möchte man die Ampalaya bei der Therapie des Diabetes einsetzen, empfiehlt es sich, das Pulver aus getrockneter Bittermelone in Form von Kapseln zu nehmen.
Werbeslogans wie „Studie belegt Wirksamkeit – Bittermelone kann gegen Diabetes helfen“ oder „Blutzuckersenkende Wirkung der Bittermelone“ sollen zeigen, dass Diabetespatienten bei Verzehr dieser Frucht einen großen Nutzen erwarten können. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Mehrzahl der Studien mit Ratten oder Mäusen durchgeführt wurde. Studien an Menschen mit Diabetes sind selten und zeigen hinsichtlich des Langzeitblutzuckerwertes (HbA1c) keinen Nutzen dieser Frucht. Lediglich der Nüchtern-Blutzuckerwert sinkt minimal um weniger als 1,0 mmol/l (18 mg/dl) bei Verzehr der Ampalaya in Kapselform.
Glycowohl
Glycowohl ist ein Extrakt aus den Früchten des Jambulbaums (lateinisch: syzygium cumini) und wird als „neues Naturarzneimittel bei Diabetes“ beworben. Ein Fläschchen mit 100 ml kostet ca. 37 bis 50 €. Neu ist Jambulextrakt jedoch nicht: Schon der berühmte Prof. Bernhard Naunyn schreibt in seinem Lehrbuch aus dem Jahr 1889, dass Jambulextrakte bei Diabetes nicht wirken. Bei mehrfach täglicher Anwendung (in Form von Tropfen) soll Glycowohl den „Blutzucker regulieren, wodurch der Langzeitblutzuckerwert gesenkt wird“ und die „Bauchspeicheldrüse schützen, wodurch länger Insulin produziert wird“.
Diese Wirkung soll bei Diabetes Typ 2 und auch Typ 1 (!) helfen, die ärztliche Therapie zu ergänzen. Menschen mit Diabetes Typ 1 haben einen absoluten Insulinmangel, d. h. die Bauchspeicheldrüse kann kein eigenes Insulin produzieren, was eine Insulintherapie bereits zu Beginn der Erkrankung nötig macht. Es wäre hier fatal anzunehmen, dass Glycowohl diese Therapie ersetzen könne.
Doch woher stammen diese Aussagen? Schaut man sich die Werbung von Glycowohl an, werden einige Studien zitiert. Die meisten Untersuchungen beziehen sich dabei auf kurzzeitig durchgeführte Studien mit Ratten. Studien an Menschen mit Diabetes zur Wirksamkeit der Glycowohl-Tinktur existieren bisher nicht.
Eine kleine Anzahl von Untersuchungen an Menschen mit Diabetes Typ 2 wurde mit Pulver oder Tee aus den getrockneten Samen des Jambulbaums durchgeführt, wobei sich ein geringer Nutzen gezeigt hat. Diese Zubereitungen (Pulver, Tee) sind jedoch mit der Glycowohl-Tinktur nicht vergleichbar. Studien mit diesen Mitteln an Menschen mit Diabetes Typ 1 existieren nicht.
Berberin
Berberin ist ein Extrakt, welches unter anderem aus den Pflanzenteilen der Berberitze (lateinisch: Berberis vulgaris) gewonnen wird. Berberin wird zumeist in Kapselform in der Einzeldosis von 500 mg oder in Kombination mit Kurkuma verkauft (Kosten: 60 Kapseln ca. 15 bis 20 €) und soll unter anderem „gut für den Blutzuckerspiegel“ sein. Empfohlen wird eine tägliche Einnahme von 2 bis 3 Kapseln.
In einer großen Untersuchung wurden diverse Studien zur Effektivität von Berberin bei Menschen mit Diabetes Typ 2 zusammengetragen. Dabei hat sich gezeigt, dass Berberin eine ähnliche Wirksamkeit auf den Langzeitblutzuckerwert wie eine ärztlich verordnete Therapie mit Tabletten hat. Doch Achtung: Berberin wurde bisher trotzdem nicht als Diabetes-Medikament zugelassen, da Sicherheitsstudien zu Nebenwirkungen von Berberin bei der Langzeitbehandlung fehlen. Berberin kann z. B. zu Verdauungsproblemen führen.
Zimt, Kurkuma und Knoblauch
Zimt wird seit vielen Jahren als „Antidiabetesmittel“ oder „Diabeteskiller“ betitelt, da Zimt „die Blutzuckerwerte senken kann“. Nach aktueller Studienlage stimmt dies auch: Zimt kann den Blutzucker senken. Doch wie viel Zimt müssen wir täglich konsumieren, damit diese Wirkung eintritt? Und um wie viel senkt sich der Blutzucker? Dies wird zumeist nicht berichtet.
Bei Einnahme von bis zu 6 g Zimt jeden Tag (!) – dies entspricht ca. 3 Teelöffeln Zimt – senkt sich der Nüchtern-Blutzuckerwert lediglich um 1,3 mmol/l (23 mg/dl) und der Langzeitblutzuckerwert um 0,16 %. Um diesen geringen Nutzen zu erreichen, muss man jedoch lebenslang eine große Menge Zimt zu sich nehmen. Ein weiteres Problem ist, dass die preiswerten Zimtpräparate aus Cassia-Zimt im Gegensatz zum teureren Ceylon-Zimt viel Kumarin enthalten, das bei so großen täglichen Mengen Nebenwirkungen hervorrufen kann.
Mit Kurkuma und Knoblauch verhält es sich ähnlich. Es muss eine verhältnismäßig große Menge dieser Gewürze jeden Tag verzehrt werden, um einen geringen Nutzen zu erzielen. In Kapselform sind Zimt, Kurkuma und Knoblauch auch erhältlich. Als Nebeneffekt ist jedoch zu nennen, dass man nach Verzehr dieser Kapseln sehr häufig aufstoßen muss.
Das Fazit
Es existiert eine Vielzahl alternativer Behandlungsmethoden, welche die ärztliche Therapie des Diabetes Typ 1 und Typ 2 aktuell nicht ersetzen können. Einige Mittel können höchstens die Therapie ergänzen – mit jedoch eher geringem Nutzen. Es sind große Mengen und teilweise auch viel Geld nötig, um diese minimalen Effekte zu erzielen.
Viel wichtiger wäre es an dieser Stelle, das eigene Ess- und Trinkverhalten zu überprüfen und gegebenenfalls (noch einmal) an einer Diabetesschulung teilzunehmen. Zumeist finden sich hier Reserven, um den Blutzucker zu senken.
Schwerpunkt „Diabetes alternativ behandeln?“
- Als die Professoren Diabetes noch mit Opium behandelten
- Alternative Medizin bei Diabetes auf dem Prüfstand
- Mit Hanföl Diabetes behandeln oder verhindern?
- Kommentar: Hanföl-Produkte mit CBD – legal, aber auch wirksam?
von Dr. rer. nat. Nadine Kuniß
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (2) Seite 20-22
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bloodychaos postete ein Update vor 6 Tagen, 21 Stunden
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55 -
sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen
Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
Liebe Grüße
Sayuri

Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGM
Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.