Anwendungsformen des kontinuierlichen Glukosemonitorings (CGM)

5 Minuten

© Kirchheim-Verlag | Illustrationen: Christian Mentzel
Anwendungsformen des kontinuierlichen Glukosemonitorings (CGM)

Im letzten Beitrag wurde versprochen, auf verschiedene Anwendungsformen des CGM einzugehen.

Charakteristisch ist, dass CGM die Diabetologie in verschiedene Richtungen verändert bzw. sogar revolutioniert. Hervorzuheben ist dabei, dass CGM

  1. eine diagnostische Methode darstellt, welche einen lückenlosen Einblick in die dynamische Regulierung des Glukoseverlaufs bietet,
  2. den Patienten ein „Biofeedback“ liefert,
  3. grundlegend die Sicht auf den Glukosestoffwechsel und dessen Beurteilung ändert,
  4. nur minimal-invasiv und damit weniger belastend für die Patienten ist als die Blutglukosemessung, wodurch sich diese minimieren, zum Teil sogar ersetzen lässt,
  5. eine Methode zur Therapieunterstützung darstellt, besonders von insulinbehandelten Patienten (sensorunterstützte Therapie (ICT plus CGM), sensorunterstützte Pumpentherapie (CSII plus CGM)), aber auch darüber hinaus,
  6. gerätetechnisch ein Teil von AID-Systemen (AID – automated insulin delivery; automatisierte Insulindosierung) ist und eine grundlegende Voraussetzung dafür darstellt,
  7. unter der Voraussetzung vorliegender Interoperabilität die Möglichkeit der Kopplung mit verschiedenen Geräten (Smart-Pens, Insulinpumpen bis hin zu AID-Systemen) und Softwarelösungen bietet,
  8. ein wichtiges Instrument zur Digitalisierung darstellt (Übergabe und Analyse der Daten in Datenmanagementsystemen, Patienten- und Therapieentscheidungshilfssystemen).

Diese Anwendungsbreite macht CGM zu einer der wichtigsten, vielleicht sogar der wichtigsten Innovation für die Diabetologie der letzten Jahrzehnte.

Bei seiner ersten Zulassung im Jahr 1999 war CGM ausschließlich ein diagnostisches Werkzeug. Das damalige CGMS®Gold (Medtronic) war ein verblindetes System. Das heißt, die Glukosewerte wurden nicht unmittelbar angezeigt, waren also auch nicht nutzbar für die Unterstützung der Therapie. Erst nach der Messung über 3 Tage erfolgte der Download der Daten in eine spezielle Software und nach deren Analyse die Darstellung der Glukoseprofile und der statistischen Parameter. Man bezeichnete dieses System auch als „Holder“, in Anlehnung an ein 24-Stunden-EKG oder 24-Stunden-Blutdruckmessgerät. Dieses CGM lag ausschließlich im Nutzungsbereich der Ärzte.

Die Patienten wünschten sich dagegen ein CGM für die Anwendung unter Alltagsbedingungen, also zur Unterstützung ihrer Diabetestherapie. Das setzt voraus, dass die aktuellen Glukosewerte auf dem Display eines Monitors, einer Insulinpumpe oder eines Smartphones dargestellt werden. Grundsätzlich können alle aktuell verwendeten CGM-Systeme die Glukosedaten anzeigen, die sich natürlich auch zu Diagnosezwecken von dem medizinische Personal nutzen lassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Glukoseverlauf nicht allein die Regulierung des Stoffwechsels durch die Therapie zeigt, sondern auch durch den Patienten beeinflusst wird, wenn er diesen beobachten kann.

Zwei Anwendungsfelder des CGM im Alltag

Herausgebildet haben sich zwei Anwendungsfelder des unter Alltagsbedingungen nutzbaren CGM: das rtCGM (Real-Time-CGM) und das iscCGM (CGM mit intermittierendem Scannen). Dabei ist es zunächst egal, ob die Glukosewerte sofort sichtbar sind (rtCGM) oder ob dazu vorher noch eine Handlung auszuführen ist, wie das Scannen des Glukosesensors mit dem Monitor oder dem Smartphone (iscCGM). In beiden Fällen handelt es sich technisch um ein Real-Time-CGM, seitens der therapeutischen Anwendung liegt der Unterschied jedoch in der Notwendigkeit des Scannens, also darin, eine Handlung ausführen zu müssen, bevor die Daten einsehbar sind. Letzteres betrifft die Geräte FreeStyle Libre der ersten Generation (ohne Alarmierungsmöglichkeit) und FreeStyle Libre 2 (mit optional einstellbaren Alarmen) des Unternehmens Abbott.

Im Prinzip ordnet sich das iscCGM methodisch ein zwischen der Blutglukosemessung (SMBG – self measurement of blood glucose; Selbstmessung der Blutglukose) und dem rtCGM mit den sich daraus ergebenden Möglichkeiten, über das Glukosemanagement hinaus auch ein Insulinmanagement zu realisieren (Abb. 1). Aktuell sind die beiden iscCGM-Geräte die weltweit am meisten genutzten Systeme (ca. 4 Millionen Anwender weltweit) [1], wobei deren wichtigstes Anwendungsgebiet in der Minimierung des SMBG zu sehen ist. Dazu trägt bei, dass die FreeStyle-Libre-Sensoren werkskalibriert sind und sich auch gar nicht kalibriere lassen. Der Patient nutzt SMBG also nur noch, wenn er die angezeigten Werte einmal überprüfen will.

Abb.1: Methodische Unterschiede zwischen SMBG, iscCGM und rtCGM; Quelle: Dr. Andreas Thomas

Die Zahl der Anwender eines rtCGM ist geringer als beim iscCGM. Weltweit nutzen dies etwa 1 Millionen Patienten, davon circa 650.000 mit einem AID-System. Gegenüber dem iscCGM liegt beim rtCGM eine Differenzierung vor. Im einfachsten Fall wird ein rtCGM zusätzlich und unabhängig von der bestehenden Therapieform genutzt. Bei der sensorunterstützten Therapie (SuT) betrifft das in der Regel die intensivierte Insulintherapie (ICT).

Das rtCGM kann den Anwender vor zu hohen und zu tiefen Glukosewerten warnen, zum Beispiel über eingestellte Voralarme und natürlich durch Blick auf die fortlaufend angezeigte Glukosekurve. Daraus kann er vorausschauend reagieren, die Entwicklung des Glukoseverlaufs beobachten, zum Beispiel nach einer Mahlzeit oder beim Sport. Gleiches betrifft die Kombination mit der Insulinpumpentherapie (CSII), woraus sich die sensorunterstützte Pumpentherapie (SuP) ergibt.

In der Regel ist das CGM dabei aber nicht mehr unabhängig von der Insulinpumpe und sendet die Glukosedaten auf deren Display. Seit 2009 wurde die SuP schrittweise modifiziert, indem der Glukosesensor zunehmend auch auf die Insulinabgabe Einfluss nahm. So erfolgte zunächst die Unterbrechung der Insulinzufuhr, wenn die Glukosewerte den eingestellten Wert für eine Hypoglykämieschwelle erreichten. Später wurde das Hypoglykämienmanagement eingeführt.

Zwei Beispiele für rtCGM (links: MiniMed 780G, rechts: Dexcom G6)

Bei sinkenden Glukosewerten und der Gefahr einer Hypoglykämie in der nächsten Zeit (bei der MiniMed 640G waren das 30 Minuten) unterbrach die Insulinpumpe die Insulinabgabe (also bereits, bevor sich eine Unterzuckerung einstellte) und schaltete diese wieder zu, wenn die Gefahr vorbei war. Seit 2016 (in Deutschland seit 2019) wird die Insulinabgabe zum Teil vom CGM gesteuert. Bei dem ersten Gerät dieser Art, der MiniMed 670G, und bei allen nachfolgenden Systemen MiniMed 780G, t:slim X2 CONTROL IQ, Accu-Chek Insight mit Diabeloop wird die basale Insulinabgabe adaptiv gesteuert. Das heißt, die aktuell von dem rtCGM gemessenen Glukosewerte werden mit Hilfe eines Algorithmus so verarbeitet, dass ein gewählter Glukosezielwert erreicht wird.

Die Boli zur Mahlzeit werden dagegen bei diesen Hybrid-AID-Systemen weiterhin manuell abgegeben (deswegen „Hybrid“: automatische basale Insulingabe, manueller Bolus). Dagegen werden die Korrekturboli bei den letzten drei genannten Systemen ebenfalls automatisch dosiert. Es ist einleuchtend, dass das Zusammenwirken des rtCGM mit verschiedenen Ebenen des Insulinmanagements zu völlig unterschiedlichen Therapiemodifikationen führt und damit auch zu einer unterschiedlichen Qualität der Diabeteseinstellung.

Es sind noch zwei weitere Optionen für die Anwendung des rtCGM gegeben. Die eine betrifft das Zusammenwirken mit Smart-Pens. Über eine Bluetooth-Verbindung wirkt der Smart-Pen mit dem CGM zusammen. Weiterhin ist das System mit einer Smartphone-App verbunden. Der Anwender kann so die Wirkung der gegebenen Insulinboli verfolgen, das verbleibende Insulin berechnen lassen und Dosierungserinnerungen erhalten. Das kann unter anderem zu einer digitalen Gesundheitsanwendung (DiGA) führen, welche, wenn zugelassen, von dem Arzt per Rezept verordnet werden kann. Schließlich lassen sich die CGM-Daten nutzen, um von einem zentralen Computer aus Handlungsempfehlungen auf das Smartphone des Anwenders zu schicken. Derzeit sind solche PDSS (patient decision support systems; Patientenentscheidungshilfssysteme) in Deutschland noch nicht zugelassen.

Die gesamte genannte Palette von therapeutischen Optionen mit Hilfe von rtCGM-Systemen erfordert Interoperabilität. Daraus folgt, dass sich das Glukosemanagement mit dem Insulin-, Daten- und Alltagsmanagement vereinigt. Deshalb wurde ein sogenanntes iCGM durch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) definiert, was integriertes, interoperables CGM bedeutet. Als Erstes erfüllte das rtCGM Dexcom G6 von Dexcom dieses Prädikat. Der Guardian 4 von Medtronic und der FreeStyle Libre 3 werden diesem folgen. Neben der prinzipiellen Möglichkeit der Kopplung des rtCGM-Systems an verschiedene Geräte und Softwarelösungen wird dabei auch eine entsprechend hohe Anforderung an die Messqualität definiert [2]. Darauf werde ich demnächst eingehen.

[1] Kelly Close Report. Diabetes Technology 3Q21 Industry Roundup 19.01.2022

[2] American Food and Drug Administration. Integrated continuous glucose monitoring system. DEN170088, March 27, 2018.


Zum ersten Teil der Reihe von Dr. Andreas Thomas um das CGM im Diabetes-Management gelangt ihr hier: Systeme für das kontinuierliche Glukosemonitoring (CGM): methodisch-technischer Überblick.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast: Diabetes-Technologie – darum ist die Teilnahme an der neuen Umfrage zum dt-report 2026 so wichtig

Der jährliche dt-report zeigt, wie Menschen mit Diabetes moderne Technologien wie CGM- und AID-Systeme nutzen und bewerten. Im Podcast erklären Prof. Kulzer und Prof. Heinemann, warum es wichtig ist, das viele an der Umfrage teilnehmen. Die neue Erhebungsphase geht vom 1. November bis zum 15. Dezember 2025.
Diabetes-Anker-Podcast: Diabetes-Technologie – darum ist die Teilnahme an der neuen Umfrage zum dt-report 2026 so wichtig | Foto: Ludwig Niethammer / privat / MedTriX

2 Minuten

Diabetes-Anker-Podcast – „Höhen & Tiefen“: Welche Technologie hilft bei welchem Diabetes-Typen?

Im Community-Format „Höhen & Tiefen” lernt ihr auch dieses Mal wieder zwei Menschen mit Diabetes kennen: Hört zu, wie sich Kathi Korn und Ümit Sahin zusammen mit Moderatorin Stephanie Haack im Diabetes-Anker-Podcast über Diabetes-Technologie für verschiedene Diabetes-Typen austauschen.
Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Welche Technologie hilft bei welchem Diabetes-Typen? | Foto: MedTriX/privat

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 18 Stunden, 37 Minuten

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände