Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt

3 Minuten

Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt | Foto: Jo Panuwat D - stock.adobe.com
Foto: Jo Panuwat D - stock.adobe.com
Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt

Für die Therapie von Gefäß-Verschlüssen gibt es Standard-Verfahren. Mitunter reichen diese Möglichkeiten jedoch bei der Behandlung einer Atherosklerose nicht aus. Ein Blick über den Tellerrand zeigt, das eine Enzym-Infusion hier Abhilfe schaffen kann.

Atherosklerose („Gefäß-Verkalkung“) ist eine chronische Erkrankung der Arterien, also der Gefäße, die das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen in den Körper transportieren. Bei der Atherosklerose lagern sich Fette, vor allem Cholesterin, in der Gefäßwand ab. Es entstehen Ablagerungen (Plaques), die Gefäße verengen oder instabil werden lassen. Folgen können Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungs-Störungen in anderen Organen sein. Diese Erkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen und verursachen hohe Kosten.

Bekannte Risikofaktoren sind unter anderem hohe Cholesterinwerte, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und erbliche Faktoren (z. B. erhöhtes Lipoprotein(a)). Die übliche Behandlung zielt heute vor allem darauf ab, diese Risikofaktoren zu senken, z. B. mit Fett-Senkern (Statinen), Blutdruck-Senkern und Rauchstopp. Wenn Gefäße schon stark verengt sind, kommen oft Eingriffe mit Kathetern, Stents oder Bypass-Operationen zum Einsatz.

Glykokalyx schützt die Gefäße

Dabei ist der Körper grundsätzlich in der Lage, überschüssiges Cholesterin aus der Gefäßwand zu entfernen. Dieser Prozess heißt „Reverse Cholesterol Transport“. Hierbei nehmen Abwehrzellen (Makrophagen) in der Gefäßwand abgelagertes Cholesterin auf und geben es an das High Density Lipoprotein (HDL) ab. HDL bringt das Cholesterin zur Leber, wo es über die Galle ausgeschieden wird.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die endotheliale Glykokalyx. Das ist eine haarfeine, gelartige Schutzschicht auf der Innenfläche der Gefäße. Man kann sie sich wie einen weichen „Schutzteppich“ vorstellen, der den Durchtritt von Fetten wie Low Density Lipoprotein (LDL), das ebenfalls Cholesterin binden kann, in die Gefäßwand bremst. Gleichzeitig erleichtert die Glykokalyx HDL den Zugang zu den Zellen in der Gefäßwand und hemmt Entzündungen und Blutgerinnsel (Thrombosen).

Bei Atherosklerose, Diabetes und Entzündungen wird die Glykokalyx nach und nach entzündlich umgebaut. Dann dringt mehr LDL in die Gefäßwand ein, der Abtransport von Cholesterin wird erschwert – die Gefäße „vermüllen“.

Schutzschicht regenerieren

Das Enzym Hyaluronidase kann bestimmte Zuckerbestandteile der Glykokalyx spalten. Wird es in eine Vene (intravenös) gegeben, kann es die Glykokalyx vorübergehend ausdünnen. Die Wirkdauer des Enzyms im Blut ist sehr kurz und es wird innerhalb von wenigen Minuten abgebaut. Der Abbau der Glykokalyx beginnt ebenfalls innerhalb von Minuten, hält aber nur so lange an, wie das Enzym verabreicht wird.

Die Glykokalyx wird anschließend innerhalb von ein bis drei Tagen weitgehend wieder neu aufgebaut. Durch die Erneuerung der Gefäß-Oberfläche wird der ursprüngliche physiologische Aufbau der Gefäß-Strukturen wieder hergestellt. Dadurch wird z. B. der Zugang für HDL verbessert und damit der natürliche Cholesterin-Abtransport wieder unterstützt.

Therapie-Verfahren bei Gefäß-Verkalkung (Atherosklerose)

  1. Grundlage jeder Atherosklerose-Behandlung sind bewährte Maßnahmen, u. a. Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung.
  2. Standard-Therapien sind Katheter, Stents und Bypässe.
  3. Eine Alternative kann die Therapie mit Hyaluronidase sein.

Erfolge bei Tieren und Menschen

Die Idee, Hyaluronidase zur Behandlung von Atherosklerose einzusetzen, ist nicht neu. Dies wurde in Jena und Leipzig bereits in den 1960er-Jahren erfolgreich durchgeführt und später in England in den 1980er-Jahren weiter untersucht. Durch die Erfindung von Stents und Ballonkathetern geriet die Hyaluronidase in Vergessenheit, wurde aber niemals ganz aufgegeben.

Es gibt z.B. Berichte über die Wirksamkeit bei genetisch veränderten Kaninchen. Hier zeigten Tiere, die wiederholt Hyaluronidase bekamen, deutlich weniger starke Gefäßverkalkungen als Vergleichstiere, die nur Kochsalzlösung bekamen. Es gibt auch Einzelfall-Berichte bei Menschen. So zeigten Patienten mit schwerer koronarer Herzkrankheit nach Serien von Infusionen eine bessere Durchblutung in den Herzkranzgefäßen und weniger Beschwerden.

Bei einer Patientin mit schwerem Diabetischem Fußsyndrom heilte ein hartnäckiges Geschwür am Fuß und ein zuvor bereits verschlossenes Gefäß im Bein öffnete sich wieder. In weiteren Fällen besserten sich Blutdruckwerte und Durchblutung. Diese Berichte sind ermutigend, aber es handelt sich um Einzelfälle, nicht um große, kontrollierte Studien.

Therapie wird gut vertragen

In den bisher beschriebenen Fällen (teilweise seit den 1960er-Jahren) wurden keine auffälligen Häufungen von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Thrombosen im Zusammenhang mit zeitlich begrenzten Infusions-Serien berichtet. In größeren Studien vertrugen die rund 600 Patienten mit akutem Herzinfarkt die Hyaluronidase in sehr hohen Dosen gut, ohne Hinweis auf verstärkte Gefäß-Komplikationen.

Trotzdem bleiben Vorsichtsmaßnahmen wichtig. Die aktuell verfügbaren tierischen Enzyme können Allergien oder Immunreaktionen auslösen. Bei bestehenden Herzrhythmus-Störungen oder schweren Gefäß-Erkrankungen muss das Thrombose-Risiko sorgfältig bedacht werden. Bei chronischen Entzündungen kann sich die Regeneration der Glykokalyx verzögern.

Weitere Informationen zur Therapie mit Hyaluronidase bietet Professor Pfützner auf seiner Website.

Aktuell Therapie im Einzelfall

Die intravenöse Gabe von Hyaluronidase zur „Erneuerung“ der Glykokalyx ist kein etablierter Standard, sondern stellt immer einen individuellen Heilversuch dar, den die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstatten. Die Therapie könnte vor allem bei schwerer, weit fortgeschrittener Atherosklerose eine zusätzliche Option darstellen – insbesondere, wenn übliche Therapien ausgeschöpft sind.

Wichtig bleibt, dass bewährte Maßnahmen wie Cholesterin-Senkung, Blutdruck-Kontrolle, Blutzucker-Normalisierung, Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung weiterhin die Grundlage jeder Atherosklerose-Behandlung darstellen. Hyaluronidase-Infusionen können diese Maßnahmen nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen.

Die Therapie wird bundesweit in wenigen Zentren angeboten. Es sind jedoch weitere, gut geplante klinische Studien nötig, um Wirksamkeit, Sicherheit, Dosierung und Patienten-Auswahl genau festzulegen. Fragen zu diesem Thema sollten immer ausführlich mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.


von Prof. Dr. Dr. Andreas Pfützner

Avatar von andreas-pfuetzner

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (3) Seite 40-41

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Amputationen beim Diabetischen Fuß noch zu häufig – Recht auf Zweitmeinung nutzen!
Ein diabetisches Fußsyndrom kann schlimmstenfalls dazu führen, dass Amputationen durchgeführt werden müssen. Betroffene haben jedoch seit seit zwei Jahren das Recht auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung, um einen solchen schweren Eingriff zu verhindern. Doch leider wird dieser Rechtsanspruch noch zu selten von Patientinnen und Patienten genutzt, bedauert der VDBD.
Diabetisches Fußsyndrom – Recht auf Zweitmeinung nutzen, Amputationen verhindern!

2 Minuten

Parodontitis: Diabetes und der Mund
Bei Folgeerkrankungen des Diabetes denken die meisten Menschen an die Gefäße, das Herz, das Gehirn, die Augen, die Nieren, die Nerven und die Füße. Dass aber auch die Zähne und der Zahnhalteapparat zu den Folgeerkrankungen gehören, ist vielen nicht bekannt. Dabei ist es hier sogar ein Problem in zwei Richtungen: Diabetes und Parodontitis und auch …

5 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 1 Monat

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße