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“Das Schöne ist doch, dass jeder selbst Vorsorge treffen kann”
4 Minuten
Bis zu 50 Prozent der Krebsfälle wären einfach zu verhindern, belegen Studien. Trotzdem ist die Zahl der Krebsneuerkrankungen im Zehnjahreszeitraum bis 2015 weltweit um über 30 Prozent gestiegen. Die Vorsorge nimmt eine Schlüsselrolle ein bei der Eindämmung von Krebs, erklärt Prof. Stefanie Klug, Inhaberin des Lehrstuhls für Epidemiologie an der Technischen Universität München (TUM). Klug befasst sich mit Krebsfrüherkennung. Im Interview spricht die Professorin über Krebsscreenings, Vorsorgemuffel und was jeder Einzelne gegen Krebs tun kann
Technische Universität München (TUM): Wie hoch ist denn die Teilnahme an der Krebsvorsorge – können Sie dazu generelle Aussagen treffen?
Prof. Stefanie Klug: Nehmen wir zum Beispiel den Pap-Abstrich (Anm.: Abstrich vom Muttermund der Frau, um mögliche Krebszellvorstufen von Gebärmutterhalskrebs frühzeitig zu erkennen): Dieser ist harmlos und viele spüren ihn nicht einmal, dennoch liegt die jährliche Teilnahmerate nur bei 50 bis 60 Prozent.
Woran liegt es denn, dass so viele nicht zur Vorsorge gehen?
Klug: Einige Menschen kennen diese Angebote nicht. Andere haben Angst vor einer Krebsdiagnose oder kein Vertrauen in den Arzt. Doch das ist gefährlich: Wenn eine Erkrankte mit dem Arztbesuch zu lange wartet, kann die Krankheit unter Umständen so fortgeschritten sein, dass nicht mehr viel zu retten ist. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, Wege aufzuzeigen, wie solche Personen motiviert werden können, trotz ihrer Ängste zur Untersuchung zu gehen.
Wie können Menschen dazu motiviert werden, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen?
Klug: Wir haben vor einiger Zeit eine Studie namens MARZY durchgeführt, dabei ging es um die Teilnahme an der Krebsfrüherkennung. Es war eine Studie mit insgesamt über 5000 Teilnehmerinnen. Heraus kam, dass gerade bei älteren und sozial schwächeren Frauen eine persönliche Einladung zu der Untersuchung viel bewirkt. Das ist aufs Darmkrebsscreening vermutlich genauso übertragbar. Teilweise wissen viele nicht, dass Vorsorgeuntersuchungen kostenlos sind, da könnte eine Erinnerung vom Hausarzt viel helfen.
Wie oft sollte jemand zu einem Krebsscreening gehen?
Klug: Das hängt vom Alter und von der Screeninguntersuchung ab. Im Jahr 2013 wurde auf der Basis des Nationalen Krebsplanes das Krebsfrüherkennungs- und registergesetz vom Bundesministerium für Gesundheit erlassen, das im Bundestag verabschiedet wurde. Bis 2018 soll nun ein organisiertes Krebs-Screeningprogramm für Gebärmutterhals- und Darmkrebs mit einem Einladungsschreiben eingeführt werden. Die Eckpunkte für das Gebärmutterhalsscreening: Für Frauen zwischen 20 und 34 Jahren bleibt es beim jährlichen Pap-Abstrich, Frauen ab 35 sollen nur noch alle drei Jahre den Pap-Abstrich machen lassen.
Aber – und dafür haben wir lange gekämpft – es wird zusätzlich für diese älteren Frauen ebenfalls alle drei Jahre einen HPV-Test geben. Denn wir wissen, dass HPV die Ursache für diese Krebsart ist und die allermeisten Frauen sind negativ. In dem Fall liegt bei Frauen kein Risiko für die Erkrankung vor. Die wenigen HPV-positiven Frauen in diesem Alter – es sind weniger als zehn Prozent – müssen dagegen engmaschig beobachtet werden. Auch bei Darmkrebs soll es wiederum künftig eine persönliche Einladung zur Darmspiegelung (Koloskopie) im 55. Lebensjahr geben. Ist alles in Ordnung, dann erfolgt eine Wiederholung zehn Jahre später. Wer familiär vorbelastet ist, der hat natürlich die Möglichkeit, früher zum Screening zu kommen.
Für eines Ihrer Forschungsprojekte zum Thema Hautkrebsscreening wurden Daten von rund 60.000 Patienten überprüft von 2002 bis 2011. Zwar wurden Tumore im frühen Stadium öfter erkannt, aber die späten Tumorstadien waren nicht rückläufig. Was lässt dieses Ergebnis für Rückschlüsse zu?
Klug: Genau, das Ziel des Hautkrebsscreenings ist es, dass die Sterberate (Mortalität) zurückgeht. Heraus kam aber, dass es (bisher) nicht dazu beiträgt. Tatsächlich ist das Hautkrebsscreening sehr umstritten, wir hier sind das einzige Land in Europa, das ein Hautkrebsscreening anbietet, während andere Länder das gar nicht im Programm haben. Australien etwa hat sich gegen ein Hautkrebsscreening ausgesprochen, obwohl sie viele hellhäutige Einwohner, eine starke Strahlung und Häufigkeit (hohe Inzidenz) von Melanomen haben. Möglicherweise ist es noch zu früh, um einen Rückgang der Mortalität zu erkennen, hier muss weiter evaluiert werden
.
Was machen denn dann andere Länder?
Klug: Primäre Prävention. Es wird davon abgeraten, sich zu stark der Sonne auszusetzen. Wer in die Sonne geht, sollte Hautcreme auftragen, lange Kleidung und Hüte tragen sowie die Mittagssonne meiden – das wäre auch für uns vermutlich der bessere Weg. Denn ein Screening ist immer nur eine Sekundärprävention, bei der eine möglicherweise bereits vorhandene Veränderung festgestellt werden soll. Das Schöne ist aber doch die Vorsorge, die jeder selbst treffen kann, wie etwa eine Impfung oder Sport als auch das Verhindern von Sonnenbrand, wodurch ein Tumor gar nicht erst entsteht.
Wie kommen Sie bei Ihren Studien an die Daten?
Klug: Wir gehen über die Einwohnermeldeämter, denn wir wollen eine bevölkerungsbezogene Stichprobe etwa von allen Frauen zwischen dem Altern von 30 und 40 haben. Wir möchten alle Gruppen in der Bevölkerung darin abbilden. Die Personen aus dieser Stichprobe laden wir dann per Brief ein, an unseren Studien teilzunehmen. Bei der Studie MARZY etwa haben wir Daten von fast 10.000 Frauen aus Rheinland-Pfalz ausgewertet, um einen guten Querschnitt durch die weibliche Bevölkerung zu erhalten.
Welche Verbindung hat Ihr Fachgebiet, das sich mit der Häufigkeit bestimmter Krankheiten in der Bevölkerung befasst, mit dem Sport?
Klug: Gerade im Bereich der Prävention liegt die Verknüpfung mit der Epidemiologie. Das betrifft nicht nur mich und meinen Fachbereich, sondern die gesamte Fakultät. Alle hier widmen sich auch dem großen übergreifenden Thema Prävention. Inwieweit kann Sport als vorbeugende Maßnahme gegen die Volkskrankheiten von Diabetes über Herz-Kreislauf bis zu Krebs eingesetzt werden? Das muss noch näher erforscht werden.
Welche Pläne haben Sie für neue Studienprojekte?
Klug: Wir planen größere Studien mit sportlichen Interventionen, bei denen versucht wird, die Leute zu Bewegung zu motivieren. Dazu gibt es schon viel mit Kindern, aber es wäre genauso wichtig, das mit Erwachsenen zu erforschen. Es reicht nicht, die Kinder zum Sport zu bewegen, sondern auch im höheren Alter müssen Menschen Sport treiben. Denn Bewegungsmangel wird bereits jetzt als „die Zigarette von morgen“ bezeichnet, weil er ein dramatischer Risikofaktor ist für die heutigen Zivilisationskrankheiten ist, genau wie Rauchen und Lungenkrebs.
Zum Schluss eine allgemeine Frage: Was für Empfehlungen können Sie geben?
Klug: Eigeninitiative durch primäre Prävention. Jeden Tag Bewegung – vom Treppen steigen über das Spazierengehen bis zum Putzen und Sport treiben – alles ist gut, was einen mehrmals pro Woche vom Sofa runter treibt und zum Schwitzen bringt!
Quelle: Pressemitteilung der Technischen Universität München
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hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 5 Tagen, 22 Stunden
Hallo,
das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann? -
uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen
Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?
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diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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gregor-hess antwortete vor 2 Wochen
Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion -
diahexe antwortete vor 2 Wochen
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.
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crismo antwortete vor 6 Tagen, 13 Stunden
@gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…
Kann es nur empfehlen!!!
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Hallo hexle,
ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”
Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.
Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.
Beste Grüße
PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.
Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.
@ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.
@schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….