- Behandlung
Demenz und Typ-2-Diabetes: im Alter eine häufige, gefährliche Kombination
4 Minuten
Das Wort Demenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „weg vom Geist“ oder „ohne Geist“. Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes etwa doppelt so häufig eine Demenz entwickeln wie Menschen ohne Diabetes. Aber erst in den letzten Jahren wurde intensiv an den Ursachen dieser Häufung geforscht. Zu hoher und zu niedriger Blutzucker spielen eine wichtige Rolle, aber auch viele andere Faktoren tragen zum Demenzrisiko bei. Gute Nachricht: Es gibt heute diverse Möglichkeiten, das individuelle Demenzrisiko zu reduzieren.
Demenz ist ein Oberbegriff für Krankheitsbilder, die durch den Verlust von Hirnleistung und Gedächtnis gekennzeichnet sind. Dies führt bei Menschen mit Diabetes früher oder später dazu, dass die Fähigkeiten, den Diabetes selbst zu behandeln (u. a. Blutzuckermessen, Insulinspritzen), abnehmen und schließlich verloren gehen. In späteren Krankheitsstadien kommt es dann zum Rückgang der Alltagskompetenz und zu einem Persönlichkeitszerfall.
Diabetes ist leider eine Krankheit, die zum häufigeren Auftreten von Demenz disponiert, also das Auftreten wahrscheinlicher macht.In Deutschland leben derzeit ca. 1,7 Millionen Menschen mit Demenz.
Zu hohe, aber auch zu niedrige Blutzuckerwerte sind gefährlich
Bereits seit den 1990er-Jahren ist bekannt, dass chronisch erhöhte Blutzuckerwerte eine schlechte geistige Leistungsfähigkeit bewirken. Viele Menschen mit Diabetes spüren es selbst: Hoher Zucker macht schlapp, müde und geistig lahm. Weniger auffällig ist der Zusammenhang zwischen langfristig erhöhten Zuckerwerten und chronisch nachlassender Hirnleistung. Aber auch Unterzucker (Hypoglykämie) bewirkt akut ein Nachlassen der Hirnleistung, je nach Tiefe bis hin zum Koma.
Lange war man der Meinung, dass nach Beseitigung der Unterzuckerung wieder alles normal läuft. Aber: In den letzten Jahren konnte mehrfach gezeigt werden, dass schwere Hypoglykämien das spätere Auftreten einer Demenz bei Menschen mit Typ-2-Diabetes fördern. 2008 fand man heraus, dass drei und mehr schwere Hypoglykämien das Demenzrisiko sogar verdoppeln. Dies gilt allerdings nicht bei Typ-1-Diabetes. Warum das so ist, konnte noch nicht sicher festgestellt werden.
Nicht nur die Diabeteseinstellung, auch der Lebensstil entscheidet
Aber es ist nicht nur der Diabetes. Auch andere Faktoren spielen bei der Demenzentwicklung eine Rolle. Hochinteressant ist der Zusammenhang zwischen Lebensstilfaktoren und Demenzentwicklung. Das Alter ist zwar der stärkste bekannte Risikofaktor für den kognitiven Rückgang, Demenz ist aber keine natürliche oder unvermeidliche Folge des Alterns.
Mehrere neuere Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung von kognitiver Beeinträchtigung und Demenz und lebensstilbezogenen Risikofaktoren wie körperlicher Inaktivität, Tabakkonsum, ungesunder Ernährung und schädlichem Alkoholkonsum gezeigt. Besonders wichtig ist die Rolle der Bewegung: Fehlende Bewegung ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Demenzentwicklung und Ursache für ein Fünftel der auftretenden Demenzerkrankungen.
Wechselseitige Verschlechterung
Einerseits führt Diabetes zu einem häufigeren Auftreten von Demenz, andererseits führt das Vorliegen von Demenz häufiger zu Therapieproblemen wie Unterzuckerungen. Dieser Zusammenhang ist geradezu der klassische Teufelskreis, bei dem sich die Probleme gegenseitig verstärken.
Für eine erfolgreiche Diabetes(selbst)behandlung benötigen Betroffene eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten, darunter Gedächtnisleistung, Handlungsplanung, Ausführung sowie Aufmerksamkeitsleistung. Defizite dabei können die Diabetes(selbst)behandlung beeinträchtigen und Menschen mit Diabetes durch Behandlungsfehler gefährden.
Diese Defizite gehen mit einer schlechteren Stoffwechseleinstellung und einem erhöhten Risiko für Unterzuckerungen einher, die bei älteren Menschen mit Diabetes wiederum schwere Konsequenzen nach sich ziehen können, z. B. einen Sturz mit Schenkelhalsbruch.
Ist eine Demenz bereits so weit fortgeschritten, dass eine sichere, selbstständige Diabetestherapie nicht mehr erfolgen kann, wird entweder Fremdhilfe erforderlich oder eine Therapieform muss an die Fähigkeiten des Betroffenen angepasst werden; beispielsweise kann eine intensivierte Insulintherapie vereinfacht werden, um die Fehleranfälligkeit zu verringern.
Das Anpassen der Therapieformen im Alter muss – besonders bei Insulintherapie und bei Typ-1-Diabetes – immer in Abstimmung mit den Betroffenen selbst erfolgen. Der Erhalt von Eigenständigkeit spielt gerade bei der Diabetesbehandlung eine wichtige Rolle.
Verschiedene Demenzarten
Ungefähr 15 Prozent der Demenzkranken leiden unter einer vaskulären Demenz (bedingt durch Durchblutungsstörungen), für die größere und kleinere Hirninfarkte die Ursache sind. Weitere 15 Prozent zeigen ein gemischtes Bild aus einer degenerativen Demenz (Abbau von Hirnsubstanz mit Funktionseinschränkungen) vom Alzheimer-Typ und zusätzlichen Durchblutungsstörungen.
Für dieses Drittel an Demenzerkrankungen gibt es recht klare Zusammenhänge zur Qualität der Diabetesbehandlung, insbesondere zum Metabolischen Syndrom. Sowohl die Hyperlipidämie (zu hohe Blutfette) als auch die Hypertonie (Bluthochdruck), aber vor allem die chronische Hyperglykämie (chronisch erhöhte Blutzuckerwerte) haben bei Menschen mit Typ-2-Diabetes Einfluss auf das Entstehen dieser Demenzen.
Unter den degenerativen Demenzen spielt die Demenz vom Alzheimer-Typ mit einem Anteil von ca. 60 Prozent die größte Rolle. Bei dieser Demenzform kommt es zu Veränderungen des Zuckerstoffwechsels im Gehirn, zur Ablagerung von Abfallprodukten in den Nervenzellen und letztlich zu deren Zerstörung.
Viele Zusammenhänge zum Diabetes sind inzwischen entdeckt worden: Der Glukosestoffwechsel des Gehirns scheint bei der Alzheimer-Demenz bereits früh verändert zu sein. Eine Insulinresistenz der Muskulatur und der inneren Organe scheint auch mit einer Insulinresistenz im Gehirn verbunden zu sein. Die kognitive Leistung kann bei Menschen ohne und vermutlich auch bei Menschen mit Diabetes durch die Gabe von Insulin durch die Nase verbessert werden.
Auch haben in einzelnen Studien bestimmte Behandlungsstrategien eine schützende Wirkung in Hinblick auf die Demenzentwicklung gezeigt. So können unter der Therapie mit dem Wirkstoff Pioglitazon, aber auch mit Metformin gewisse Effekte erwartet werden, die vor der Entwicklung einer Demenz schützen.
Schutz vor der Demenzentwicklung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Mai 2019 eine Leitlinie zur Vorbeugung von Hirnleistungsstörungen und Demenz herausgegeben. Darin spielen Lebensstilveränderungen die Hauptrolle (siehe Kasten).
Eine Demenz verhindern – bei Diabetes gilt zusätzlich:
- langfristig erhöhte Blutzuckerwerte verhindern (gilt bei Typ-1-und Typ-2-Diabetes)
- schwere Unterzuckerungen verhindern (bei Typ-2-Diabetes)
- Übergewicht reduzieren
- Bluthochdruck gut behandeln (auf jeden Fall unter 140/90 mmHg halten)
- Depression behandeln
- im Alltag mehr bewegen
- nicht rauchen
Ganz besonders wichtig – weil auch für Herz und Gefäße günstig – ist körperliche Aktivität. Es muss nicht immer Sport sein – tägliches Spazierengehen, am besten zusammen mit Freunden, senkt das Demenzrisiko mehr, als der Diabetes es erhöhen kann …
Schwerpunkt: Älter werden mit Diabetes
- Rechtzeitig planen: Wie kann und will ich im Alter versorgt sein?
- Diabetes-Schulung für ältere Menschen
- Demenz und Typ-2-Diabetes: im Alter eine häufige, gefährliche Kombination
von PD Dr. med. Andrej Zeyfang
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (11) Seite 38-40
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moira postete ein Update vor 2 Wochen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 5 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 1 Tag, 22 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 1 Tag, 21 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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