Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)

5 Minuten

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)

Oft haben Betroffene ein leichtes Ziehen beim Gehen in Waden oder Oberschenkeln; nach kurzer Pause geht es wieder – bis zum nächsten schmerzbedingten Stopp. Im Volksmund nennt man das “Schaufensterkrankheit”, da die Betroffenen oft so tun, als würden sie die Auslagen eines Schaufensters ansehen – ihre Beschwerden verheimlichend. Es geht um die “periphere arterielle Verschlusskrankheit” oder anders: das Raucherbein.

Gefäßerkrankungen betreffen meist den ganzen Körper – im Fall der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) die großen Brust- und Bauchschlagadern genauso wie die Becken-Bein-Arterien. Sie sind in mehr als 95 Prozent durch arteriosklerotische Verkalkungen in Fettablagerungen bedingt. Durchblutungsstörungen der Arme und Hände sind sehr selten.

Das Fallbeispiel

Pfarrer Mendel aus D. hatte diese Beschwerden schon seit Monaten: Wenn er auf der Kanzel stand, bemerkte er kaum etwas – aber nach 300 Metern schnellen Gehens waren die Schmerzen in den Waden oft nicht auszuhalten. Er entschloss sich, in das nicht so weit entfernte “Gefäßzentrum” der Stadt zu gehen, um sich untersuchen zu lassen.

Dort hatte sich bestätigt, was er schon vermutete – eine Durchblutungsstörung seiner Oberschenkelarterien, rechts mehr als links. Also stimmte er schließlich einer Operation zu. Denn ohne eine solche Operation kam bei Belastung kaum noch Blut in die Waden.

Beide Oberschenkelarterien wurden über einen Zugang zu den Arterien in der Leiste mittels eines Drahtes mit einem Ballon aufgedehnt und anschließend mit einem Stent (einer Gefäßstütze) versorgt. Er kann jetzt, 6 Wochen nach dem Eingriff, fast wieder wie früher gehen. Er hatte Glück – seinen Lebensstil muss er jedoch in Zukunft etwas umgestalten! Vor allem auf das Rauchen will er nun verzichten – über 30 Jahre lang hinterließen täglich 30 bis 40 Zigaretten deutliche Spuren …

20 Prozent der über 65-jährigen sind betroffen

In Deutschland leiden etwa 20 Prozent aller Menschen über 65 Jahren daran. Die Lebenserwartung von Menschen mit einer pAVK ist ca. 10 Jahre geringer als bei Vergleichspersonen! 50 bis 70 Prozent von ihnen sterben am Herzinfarkt, 10 bis 20 Prozent erleiden einen Schlaganfall, und 10 bis 20 Prozent sterben durch andere Gefäßkomplikationen. Problem: Nur 1 von 10 Patienten hat die typischen, oben beschriebenen Schmerzen, die der Krankheit den Namen Schaufensterkrankheit gaben.

Typischerweise nimmt mit den Jahren die Gehstrecke ab, die ein Betroffener ohne Schmerzen gehen kann – die Symptome können sich aber auch weiterentwickeln bis hin zum Ruheschmerz. Manchmal treten auch ohne größere Vorboten Geschwüre am Fuß auf, die schlecht heilen. Besteht zusätzlich eine diabetische Polyneuropathie, also ein Nervenschaden, verursacht das Geschwür keine Schmerzen. Es besteht die Gefahr einer kritischen Durchblutungsstörung, Infektion und Amputation.

Es gibt einen sehr engen Zusammenhang zwischen der pAVK und dem Auftreten einer koronaren Herzkrankheit (KHK) sowie dem Risiko für einen Schlaganfall. Die pAVK spiegelt sozusagen als Marker den Gesamtzustand des Gefäßsystems eines Menschen wider.

Ursachen: Blutfette, Übergewicht und Lebensstil

In den meisten Fällen liegt der pAVK eine Ablagerung von schlechtem Cholesterin (LDL-Cholesterin) in den Arterienwänden zugrunde. Im Verlauf der Erkrankung werden darin zusätzlich Kalk eingelagert und die Gefäßinnenwand (Endothel) geschädigt – Diabetes und Rauchen fördern zusätzlich diese Endothel-Schädigung.

Die Gefäßwände können sich immer schlechter dehnen, so dass die Gefäße bei Bedarf nicht mehr so viel Blut aufnehmen können. Die Wände werden starr, der Platz in den Gefäßen wird immer enger und somit auch die Blutversorgung immer schlechter. Durch ein Gerinnsel (arterieller Thrombus) kann so ein Gefäß aber auch plötzlich und ohne Vorboten verschlossen werden.

Rechtzeitiges Erkennen – wie?

Durch einfache, überall durchführbare Tests könnte die pAVK rechtzeitig erkannt und dadurch adäquat behandelt werden. Durch eine rechtzeitige Diagnose ergibt sich darüber hinaus die Chance, andere betroffene Gefäßgebiete (z. B. Halsschlagadern, Herzkranzgefäße) rechtzeitig auf Engstellen zu untersuchen und so ggf. rasch einschreiten zu können.

Beim Hausarzt bzw. beim Gefäßspezialisten werden als Basisdiagnostik zunächst zwei wichtige Untersuchungen durchgeführt:

  • die Messung des Blutdrucks über den Knöchelgefäßen an den Füßen und vergleichend an den Armgefäßen in Ruhe,
  • die Untersuchung der Durchblutung unter Belastung z. B. auf einem Laufband mit Bestimmung der schmerzfreien Gehstrecke.

Als wichtigste Methode folgt nach der körperlichen Untersuchung eine Ultraschall-Duplex-Untersuchung (Farb-Duplex-Sonographie), mit der die betroffenen Blutgefäße angesehen, die Blutströmung gemessen bzw. eine Engstelle genau dargestellt werden können. Diese Befunde stimmen nahezu perfekt mit Befunden überein, die mit einem Katheter und Röntgen erhoben werden. Gerade bei Menschen mit Diabetes und womöglich schon Nierenschäden sind Ultraschall-Techniken zunächst zu bevorzugen, weil das Kontrastmittel für die Nieren schädlich sein kann.

Wie behebt man die Engstelle?

Wie kann eine mögliche Engstelle der Blutgefäße wieder behoben werden? Muss man immer operieren? Ein durch Kalk- und/oder Fettablagerungen bzw. auch ein Gerinnsel verengtes Gefäß kann man je nach Situation mit einem der genannten Verfahren behandeln:

  • Lyse-Therapie: An der Stelle der Einengung kann man über einen Katheter ein Medikament (z. B. Alteplase) einbringen und so versuchen, z. B. ein Gerinnsel aufzulösen.
  • PTA (perkutane transluminale Angioplastie): Durch Einbringen eines Ballons über einen Katheter meist über die Leistenarterie kann man die lokale Engstelle aufdehnen.
  • Stent mit PTA: Nach der Ballonaufweitung des Gefäßes erfolgt nicht selten das zusätzliche Einbringen einer Gefäßstütze (Stent), um das Gefäß an dieser Stelle zu stabilisieren und offen zu halten.
  • TEA (Thrombendarteriektomie): Darunter versteht man das Ausschälen größerer und ausgeprägter Wandverkalkungen bzw. auch von Gerinnseln mit eventuell dem Aufnähen einer Art “Flicken” (Patch-Plastik) durch den Gefäßchirurgen, um den Defekt zu schließen.
  • Gefäß-Bypass: Umgehen eines engen bzw. verschlossenen Gefäßabschnittes durch ein Stück eigener Vene (z. B. aus dem Ober-/Unterschenkel) bzw. Kunststoff (PTFE-Bypass) als Bypass (Umgehungskreislauf).

Welches Verfahren im Einzelfall zum Einsatz kommt, hängt ganz vom örtlichen Befund ab (Ausdehnung?, kompletter Verschluss?) und von der Dringlichkeit: Ist das Bein akut gefährdet? Oder kann durch Gehtraining und womöglich durch Medikamente noch etwas erreicht werden? Sind konservative Maßnahmen ausgereizt? Wenn trotz konservativer Maßnahmen die Lebensqualität des Betroffenen z. B. durch Schmerzen stark eingeschränkt ist, sollte gehandelt werden.

Konservative Maßnahmen

Was weiß man heutzutage über konservative Maßnahmen – welche Maßnahmen sind sicher hilfreich? Nun, zu den sinnvollen konservativen Maßnahmen gehören:

  • regelmäßiges Gehtraining (Gefäßsport): kann die Gehstrecke eines Menschen trotz Gefäßverengung deutlich verlängern, es fördert das Entstehen z. B. von Kollateralen, d. h. von Umgehungskreisläufen über kleinere Arterienäste; diese können manchmal sogar ein Hauptgefäß komplett ersetzen – längeres Training vorausgesetzt,
  • vernünftige Ernährung: kalorienreduzierte Ernährung mit mehr einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, weniger Kohlenhydraten (weniger Softdrinks, Saucen), viel Gemüse und etwas Obst,
  • Einstellen des Rauchens,
  • medikamentöse Senkung des LDL-Cholesterins (z. B. mit dem Fettsenker CSE-Hemmer), evtl. mäßige Reduktion des Blutdrucks,
  • eventuell Umstellung der Medikamente bei Diabetes: z. B. weniger gewichtsfördernde Medikamente wie Sulfonylharnstoffe, Insulin, sondern SGLT-2-Hemmer,Metformin und darmhormonbasierte Medikamente wie Inkretin-Analoga und DPP-4-Hemmer,
  • Blutplättchenhemmer (Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS, Clopidogrel etc.).

Die Zusammenfassung

Rauchen ist nach wie vor der wichtigste Risikofaktor für die pAVK – die Menge des Rauchens korreliert direkt mit dem Schweregrad der pAVK, der erhöhten Amputationsrate und der Sterblichkeit! Ein Nikotin-Stopp ist für einen Raucher mit pAVK unabdingbar! Starke Raucher sollten jede erdenkliche Hilfe in Anspruch nehmen, um es zu schaffen: Nikotinersatz, Nikotinpflaster, Nichtraucherprogramme mit psychologischer Unterstützung oder Ähnliches.

Da der Diabetes auch ein unabhängiger Risikofaktor für das Entstehen und das Fortschreiten der pAVK darstellt, ist auch eine gute Blutzuckereinstellung mit einem Ziel-HbA1c-Wert um etwa 7 Prozent erstrebenswert; das HbA1c-Ziel sollte aber individuell vereinbart werden. Dem Einsatz von Blutplättchenhemmern kommt ebenfalls eine wichtige Bedeutung zu.

Ein tägliches Gehtraining (ca. 1 Stunde) in Intervallen von 5 bis 15 Minuten ist als Basis sehr zu empfehlen – es fördert neben der peripheren Durchblutung zusätzlich die Herz-Kreislauf-Fitness und hilft so eventuell auch, Gewicht zu reduzieren.

Da die periphere arterielle Verschlusskrankheit eine Markererkrankung für manchmal noch schwerwiegendere Folgeschäden ist wie eine KHK (mit drohendem Herzinfarkt) oder Hirndurchblutungsstörungen (mit drohendem Schlaganfall), sollte bei entsprechender Veranlagung dringend nach ihr gefahndet werden.


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2015; 64 (5) Seite 30-33

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet
Eine Fotokampagne rückt Menschen in den Blick, die durch eine pAVK ihre Füße oder Teile davon verloren haben. Die Aktion zeigt eindringlich, wie viele Fälle zu den vermeidbaren Amputationen zählen und wirbt für frühzeitige Diagnose sowie bessere Behandlungswege im Gesundheitssystem.
Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet | Foto: Kristian Schuller / Abbott GmbH 2026

3 Minuten

Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt: #44 | Serie zu Vorsorgeuntersuchungen (4) – das Herz
Herzinfarkt und Schlaganfall gehören zu den häufigsten Todesursachen bei Diabetes. Warum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Diabetes deutlich erhöht ist und welche Vorsorgeuntersuchungen schützen, erklärt Caro in ihrer Kolumne.
#44: Vorsorgeuntersuchung (4) – das Herz

3 Minuten

Community-Beitrag
Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂