Erektionsstörung: Alarm fürs Herz!

4 Minuten

© Yuri Arcurs - Fotolia
Erektionsstörung: Alarm fürs Herz!

Im Bett nicht so zu können, wie Mann will, ist für viele Diabetiker ein sehr belastendes Problem. Nun zeigt sich, dass die erektile Dysfunktion (ED) auch das Risiko für Herzerkrankungen erhöht. Warum ist das so? Und wie sollten Männer mit Diabetes und ED reagieren?

Die Erektionsstörung ist bei Männern mit Diabetes ein Marker für eine Durchblutungsstörung der Herzkranzarterien (koronare Herzkrankheit, KHK). Das mutet zunächst seltsam an, aber aktuelle Daten aus einer Grazer Studie zeigen, dass die koronare Herzkrankheit häufig mit einer Erektionsstörung einhergeht: 65 Prozent der 184 KHK-Männer der Studie hatten Erektionsstörungen.

Alarm für ihr Herz

Haben Männer also Erektionsstörungen, so bedeutet dies: Alarm für ihr Herz. Seit längerem ist bekannt, dass Durchblutungsstörungen der Beine (pAVK) ebenfalls ein Hinweis darauf sind, dass die Durchblutung der Herzkranzgefäße beeinträchtigt sein kann.

Nicht allen Ärzten ist aber klar, dass das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Durchblutungsstörungen der Beine) bei Diabetikern sehr hoch ist. Das zeigt eine Umfrage von Prof. Diethelm Tschöpe (Bad Oeynhausen): Nur 26 Prozent der befragten Ärzte schätzten das Risiko für Patienten mit Diabetes richtig ein und nannten ein bis zu 75-prozentiges Risiko.

Erektile Dysfunktion erhöht das Infarktrisiko

Die Basis aller Durchblutungsstörungen ist eine Schädigung der Gefäßinnenwand, des Endothels – das ist auch bei der erektilen Dysfunktion (ED) so. Das Risiko für eine ED steigt langsam ab etwa dem 50. Lebensjahr – bei Männern über 70 Jahre liegt das Risiko bei 67 Prozent.

Diabetes, Bluthochdruck und Rauchen sind schon lange als besondere Risikofaktoren für Erektionsstörungen bekannt – 30 bis 90 Prozent der Diabetiker, aber auch 17 bis 55 Prozent aller Patienten mit Bluthochdruck und 55 Prozent der Raucher haben Erektionsstörungen. Unter den Patienten, die nicht rauchen, haben nur etwa 20 Prozent eine ED!

Umgekehrt signalisiert die erektile Dysfunktion aber auch die Gefahr, an einer KHK zu erkranken: Das Risiko, in den fünf Jahren nach ED-Diagnose am Herzinfarkt zu sterben, ist etwa doppelt so hoch wie bei einem Mann ohne ED (Daten von Prof. Kurt J. G. Schmailzl, Neuruppin).

Auch das Sterberisiko ist erhöht

Und in einer wichtigen Studie mit Herz-Risikopatienten (ONTARGET/TRANSCEND) zeigte sich, dass das Sterberisiko bei Männern mit ED doppelt so hoch war wie bei Männern ohne ED. Ebenso hoch war das Risiko der ED-Männer, an einem Gefäßschaden zu sterben – speziell an einem Herzinfarkt. Je ausgeprägter die Erektionsstörung ist, desto höher ist auch das Risiko!

Eine Erklärung dafür könnte die “Artery Size”-Hypothese liefern: Danach führt die Schädigung der Arterieninnenwand in den kleinen Blutgefäßen des Penis sowie des Schwellkörpers eventuell eher zu Symptomen (Erektionsstörung), als dies bei Schädigung größerer Gefäße wie der Herzkranzgefäße, der Beinarterien etc. der Fall ist.

Potenz-Pille kann gefährlich sein

Einem Diabetiker mit ED einfach eine Pille zu geben, ohne nach weiteren Risiken zu fahnden, ist eher gefährlich und kann sogar fahrlässig sein! Stattdessen sollte das Herz bei einem Spezialisten (Kardiologen) eingehend untersucht werden.

Sinnvoll sind

  • Echokardiographie,
  • Belastungstest,
  • Fahndung nach weiteren Risikofaktoren (z. B. peripherer arterieller Verschlusskrankheit [pAVK, Schaufensterkrankheit], Fettstoffwechselstörung, Testosteronmangel, Bluthochdruck etc., psychischen Problemen).

Die Kooperation von Hausarzt bzw. Diabetologen, Urologen und Kardiologen (bzw. auch dem Angiologen, dem Gefäßspezialisten) sollte hier selbstverständlich sein. Und je ausgeprägter die Erektionsstörung ist, desto schneller sollte eine entsprechende Diagnostik und Therapie erfolgen – denn das Risiko ist auch deutlich höher! Hat ein Diabetiker mit erektiler Dysfunktion bereits einen Herzinfarkt hinter sich, so sollte er ebenfalls kardiologisch betreut werden.

Sex nach dem Herzinfarkt

Sex schadet in der Regel dem Herzen nicht – nur bei etwa zwei Prozent der Infarktpatienten war Sex der Auslöser. Die körperliche Belastung beim Sex entspricht etwa der Leistung von 75 bis 100 Watt auf dem Fahrradergometer oder dem Steigen von etwa 20 Treppenstufen in ca. 10 Sekunden – dabei geht der Puls meist nicht höher als 120 Schläge pro Minute.

Wenn Sie also zu Fuß zum Bäcker oder Arzt laufen und vielleicht auch noch ohne Probleme Treppen steigen können, gibt es auch beim Sex mit dem eigenen Partner kein erhöhtes Risiko. Vorsicht: Beim Fremdgehen steigt dagegen das Risiko!

Potenzmittel einsetzen?

Männer mit koronarer Herzkrankheit oder Männer, die bereits einen Infarkt hatten, sollten mit ihrem Arzt sprechen, bevor sie “Potenzmittel” einsetzen: Diese Phosphodiesterase-5–Hemmer bewirken eine Weitstellung der glatten Muskulatur und erhöhen so den Blutfluss in den Penisvenen – dadurch kommt die Erektion zustande. Die Weitstellung der glatten Muskulatur auch anderer Gefäße kann aber dazu führen, dass der Blutdruck abfällt oder es bei sehr niedrigem Ausgangsblutdruck zu ernsten Kreislaufproblemen kommt.

Diese Medikamente dürfen deshalb auch nicht mit bestimmten anderen Herzmedikamenten (Nitropräparaten, z. B. Isoket, Molsidomin, Nitro-Spray etc.) zusammen eingenommen werden, weil dann der Blutdruck abfällt.

Fazit

Sex ist natürlich trotz KHK und Diabetes weiter möglich und sinnvoll. Bestehen Sexualstörungen in Form einer Erektionsstörung, sollte jedoch unbedingt das Herz genau untersucht werden, um insbesondere Durchblutungsstörungen des Herzens rechtzeitig zu entdecken und zu behandeln.

Auch Hormonstörungen (z. B. Testosteronmangel) sollten ausgeschlossen werden (Urologe). Da nicht selten auch Medikamente (z. B. Betablocker, Neuroleptika, bestimmte Entwässerungsmittel, Antidepressiva) und Alkohol eine Erektionsstörung verursachen bzw. verstärken können, müssen die verschiedenen Fachärzte (Hausarzt, Diabetologe, Urologe, Kardiologe etc.) sich unbedingt austauschen.

Scheuen Sie sich also nicht, genau nachzufragen – beugen Sie aber auch selbst vor: Hören Sie auf zu rauchen, treiben Sie regelmäßig Sport und trinken Sie Alkohol nur noch in kleinen Mengen!


Autor:
Dr. Gerhard-W. Schmeisl, Bad Kissingen

Kontakt:
Internist/Angiologe/Diabetologe, Chefarzt Deegenbergklinik, Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71 / 8 21-0
sowie Chefarzt Diabetologie Klinik Saale (DRV-Bund), Pfaffstraße 10, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71 /8 5-01

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2012; 61 (3) Seite 34-37

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes

Caroline ist eine von wenigen Menschen, die auf Social Media offen über ihren Typ-2-Diabetes sprechen. Sie möchte als Diabetes-Awareness-Speakerin aufklären, mit Vorurteilen aufräumen und anderen Betroffenen Mut machen.
Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

14 Minuten

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 3/2026

Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Prof. Dr. med. Thomas Haak aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 3/2026 vor. U.a. geht es darum, wie der Klimawandel auch den Diabetes beeinflussen kann, um den Zusammenhang zwischen Unterzuckerungen und Demenz sowie den Nährstoff Eiweiß und proteinreiche Lebensmittel.
Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 3/2026 | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

4 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 15 Stunden, 50 Minuten

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände