- Behandlung
Erste AID-App mit Apple-Watch-Kompatibilität
5 Minuten
Wer steht hinter Tidepool ?
Howard Look ist Chief Executive Officer von Tidepool und hatte bereits eine Karriere als Software-Entwickler im amerikanischen Silicon-Valley, dem wirtschaftlich bedeutendsten Standort der IT- und Hightech-Industrie weltweit, hinter sich. Unter anderem war er Vizepräsident für Software bei Pixar, was erfolgreiche Zeichentrickfilme wie "Toy Story" oder "Findet Nemo" geschaffen hat. Bei Amazon leitete er ein geheimes Softwareprojekt zur Entwicklung von Geräten zur Nutzung von Cloud-Diensten. "Es gibt nichts, was ein Vater nicht für seine Tochter tun würde", sagte er von sich, nachdem bei seiner Tochter im Jahr 2012 Typ 1 Diabetes diagnostiziert worden war. Tidepool wurde am 9. Mai 2013 als gemeinnützige Gesellschaft gegründet und schuf seitdem eine einzigartige Open-Source-Datenplattform zum einheitlichen Auslesen verschiedener Datenquellen der Diabetestechnologie zum Management von Typ-1-Diabetes. Tidepool integriert Daten von Medtronic, Tandem, Omnipod, Dexcom, Libre und anderen – alles an einem einzigen Ort. Man kann damit die Daten von den Geräten beim Praxis- oder Klinikbesuch genauso wie auch von zu Hause aus hochladen, wo nicht mehrere Anwendungen oder Mehrfachanmeldungen nötig sind. Tidepool Loop war von den "Open-Source" Entwicklern am geschichtsträchtigen 11. Januar 2021, also 99 Jahre nach dem der 14-jährige Junge mit Diabetes namens Leonard Thompson die allererste Insulinspritze erhalten hatte, von der Tidepool-Initiative bei der Behörde eingereicht worden. Zwei Jahre später sind sie dem Ziel, diese App zur automatischen Insulindosierung im App Store weithin verfügbar zu machen, einen großen Schritt nähergekommen. Bisher sind die Tidepool-Produkte legal nur für den amerikanischen Markt zu nutzen. Es bleibt aber fraglich, ob dieses System trotz FDA-Zulassung mit den europäischen Datenschutzvorschriften kompatibel sein könnte.
Was ist Tidepool Loop ?
Tidepool Loop ist neuer Ansatz, mit dem sich verschiedene kommerzielle Pumpen und Sensoren von einer App zunächst über die Apple Watch steuern lassen. Sie ist für die Behandlung von Typ-1-Diabetes bei Menschen mit Diabetes ab dem sechsten Lebensjahr gedacht. Mit Tidepool Loop können die Anwender einen Glukosewert oder -bereich auswählen, auf den Tidepool Loop durch die Regulation der Insulinzufuhr einen eingestellten Korrekturbereich von 87 mg/dL bis 180 mg/dL erreichen soll. Tidepool Loop verfügt über mehrere Funktionen, die sich von anderen verfügbaren AID-Systemen unterscheiden. Erstens verfügt die App über einen "Pre-Meal-Preset"-Modus, der es den Nutzern ermöglicht, ihren gewünschten Glukosebereich rund um eine Mahlzeit einzustellen und so das Risiko eines niedrigen Blutzuckerspiegels zu verringern, der durch Insulinbolus-Gabe vor den Mahlzeiten entsteht. Das System ermöglicht es den Benutzern, die Insulinmenge nach einer Mahlzeit proaktiv oder rückwirkend anzupassen. Diese erweiterte Bolusfunktion ermöglicht eine schnelle Anpassung an die potenziell unvorhersehbaren Glukoseschwankungen während einer Mahlzeit. Tidepool verwendet verschiedene Lebensmittel-Emojis, um unterschiedliche Mengen an Kohlenhydraten anzuzeigen. So kann der Nutzer beispielsweise auf ein Lollipop-Emoji tippen, um eine kleine Menge schnell wirkender Kohlenhydrate für einen 30-minütigen Insulinbolus anzuzeigen, auf einen Taco für Zwischenmahlzeiten und die meisten Mahlzeiten für einen 3-Stunden-Bolus, oder auf eine Pizza für eine größere Mahlzeit mit einem längeren, 5-stündigen Bolus.
Tidepool ist auch die erste AID-App, die direkt von einer Apple Watch aus gesteuert werden kann, was den Benutzern mehr Diskretion und Komfort bei der Insulindosierung bietet. Die App wird bei der Markteinführung nicht für Android-Geräte verfügbar sein; laut der Tidepool-Website arbeitet das Unternehmen jedoch daran, die Kompatibilität mit Android-Geräten zu erweitern.
Ziel: Interoperabilität in der Diabetestechnologie
Tidepool befolgt dabei eine Strategie der amerikanischen Zulassungsbehörde, die den Bereich der automatischen Insulindosierung in drei verschiedene modulare Bereiche trennt: Pumpe, Sensor und Algorithmus. Die Maxime ist, dass jeder Mensch mit Diabetes, der über ein Smartphone verfügt, Zugang zu den neuesten Innovationen der Medizintechnik hat, und zwar mit der Flexibilität, die Komponenten auszuwählen, zu denen er den besten Zugang hat, oder von denen er glaubt, dass sie ihm die gewünschte Entlastung bringen. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde hat drei Arten von Komponenten für die Automatische Insulindosierung festgelegt und für jede einen eigenen Regulierungspfad definiert. Erstens, eine sogenannte "alternativ steuerungsfähige Pumpe" (ACE-Pumpe), das bedeutet, dass die Pumpe so konzipiert ist, dass sie mit mehr als einem Algorithmus (Rechenprogramm bzw. App) zur Insulineinstellung sicher arbeiten kann. Die zweite Komponente ist ein "integrierter kontinuierlicher Glukosemonitor" (iCGM), der kontinuierlich gemessene Glukosewerte übermitteln kann, die Kriterien der Zulassungsbehörde für Genauigkeit und Sicherheit bei der Insulindosierung erfüllen können. Das Gehirn des Systems ist dann schließlich der iAGC, der "interoperable Automatische Glukose-Controller", also zum Beispiel "Tidepool Loop". Das bedeutet, der Algorithmus (die Rechenlogik) ist so konzipiert, dass er mit den beiden anderen kompatiblen Komponenten der Diabetestechnologie in einem modularen System kommunizieren kann. Es bleibt abzuwarten in wie weit die Tidepool Loop App dabei den auch in Deutschland erhältlichen Steuerungssystemen CamAPS FX oder Diabeloop, die ebenfalls mit verschiedenen Insulinpumpen bzw. Glukosesensoren eingesetzt werden können, vergleichbar ist.
Noch kein Zeitplan für die Einführung in den USA
Bisher war DIY-Looping nur möglich, wenn die Benutzer bereit waren, ihre Insulinpumpen zu "hacken" und neue Software zu installieren. Dies erforderte nicht nur technisches Fachwissen, sondern die Nutzer übernahmen auch die gesamte Verantwortung für eine Fehlfunktion der Pumpe – ein Risiko, das viele vermeiden wollten. Ein FDA-zugelassenes System wie Tidepool könnte diese Einschränkungen beseitigen und es viel mehr Menschen mit Typ-1-Diabetes ermöglichen, die Vorteile dieser Art von AID-Systemen zu nutzen. Tidepool hat noch keinen voraussichtlichen Zeitplan für die Einführung des neuen AID-Systems bekannt gegeben. Das Unternehmen arbeitet derzeit an Partnerschaften mit CGM- und Pumpenherstellern, um die Kompatibilität mit Tidepool Loop zu bestätigen und ein offizielles Einführungsdatum festzulegen. Genaue Angeben, mit welchen Geräten Tidepool Loop funktioniert und wann die App auch auf Android-Geräten verwendet werden kann, sind noch nicht publik gemacht worden. Tidepool hat ebenfalls noch nicht bekannt gegeben, welche Geräte mit dem System kompatibel sein werden, aber das Unternehmen hat bestehende Partnerschaften mit dem CGM-Hersteller Dexcom und den Pumpenherstellern Medtronic und Insulet. Tidepool hat erklärt, dass es beabsichtigt, eine zukünftige Version des Omnipods von Insulet, eine zukünftige Bluetooth-fähige MiniMed-Insulinpumpe von Medtronic, das CGM von Dexcom und das Guardian Connect CGM von Medtronic mit Tidepool Loop zu unterstützen. Tidepool hat noch keine Preisinformationen über das System veröffentlicht.
Menschen mit Diabetes sind Eigentümer ihrer Diabetesdaten
Mit dieser Maxime entwickelt Tidepool ihre Software für Kliniker und Menschen mit Diabetes. Als eine gemeinnützige Organisation hoffen sie, damit den Bedürfnissen der Diabetes-Community stets Vorrang vor gewinnmaximierenden Investoren einräumen zu können. Tidepools Programmierungscode und Entwürfe sind Open Source – das Mitarbeiterhandbuch ist es auch. Außerdem stellen sie die ihrer Software zugrunde liegende Plattform anderen Entwicklern und Innovatoren zur Verfügung. Somit ermöglichen sie ihren Nutzern den Zugriff auf ihre Daten über andere Anwendungen und Dienste ihrer Wahl. Im Mittelpunkt sollen Tools für den Zugriff auf individuelle Daten des Menschen mit Diabetes stehen, der die volle Kontrolle über Daten hat und bestimmt, wie viele Daten freigeben und mit wem sie geteilt werden. Das schließt beispielsweise auch ein, die Daten anonym für Forschende, Gerätehersteller und Innovatoren zur Verwendung in der Forschung zu spenden. Wie dies mit der europäischen Datenschutzrichtlinie zu vereinbaren ist, bleibt im Moment noch unklar. Dass aber der Weg von einer "Do-it-your-self"-Anwendung zu einem zugelassenen Medizinprodukt aus der Diabetes-Community gelungen ist, stellt fraglos einen Meilenstein der Diabetes-Forschung dar. Ob die Tidepool-Produkte eines Tages auch in Deutschland legal zu nutzen sein werden, bleibt aber abzuwarten.|
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hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 3 Tagen, 17 Stunden
Hallo,
das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann? -
uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?
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diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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gregor-hess antwortete vor 1 Woche, 5 Tagen
Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion -
diahexe antwortete vor 1 Woche, 5 Tagen
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.
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crismo antwortete vor 4 Tagen, 8 Stunden
@gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…
Kann es nur empfehlen!!!
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Hallo hexle,
ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”
Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.
Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.
Beste Grüße
PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.
Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.
@ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.
@schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….