- Behandlung
“Es geht darum, Fett zu verlieren und Muskeln zu erhalten”
4 Minuten
Sind Kohlenhydrate besser als ihr Ruf? Schädigt Eiweiß die Niere? Kann man allein durch Sport abnehmen? Im Interview erläutert der Ernährungsmediziner Dr. Hardy Walle aus Kirkel, Saarland, Ernährungs- und Bewegungstrends.
Im Rahmen des Kirchheim-Forum 2015 hat der Ernährungsmediziner und Vorstandsvorsitzender der Bodymed AG, Dr. Hardy Walle, Redakteurin Angela Monecke ein Interview für die Zeitschrift “Diabetes-Forum” gegeben, das auch für Menschen mit Diabetes interessant ist.
Übrigens: Noch mehr Artikel aus der Zeitschrift “Diabetes-Forum” finden alle, die beruflich mit Diabetes zu tun haben (medizinische Fachkreise mit Berufsnachweis), auf www.diabetologie-online.de.
Bei gesunder Ernährung und Bewegung geht es nicht um Gewichtsreduktion, sondern um den Stoffwechsel. Und eine Ernährungsumstellung ist effektiver als Bewegung. Das sagen Sie. Können Sie das auch beweisen?
Viele Menschen machen viel Sport, wenn sie abnehmen wollen. Das ist grundsätzlich gut. Aber allein durch Sport abzunehmen, ist für die meisten frustran. Es gibt spannende Meta-Analysen, mit denen Studien von über 20 000 Teilnehmern ausgewertet wurden. Nach einem Jahr kam heraus, dass am Schluss ein Kilo an Gewichtsabnahme übrigbleibt.
Das liegt einfach daran, dass sich adipöse Patienten nicht intensiv genug bewegen können. 500 Kilokalorien durch Bewegung verbrennen – das müsste das energetische Defizit sein, damit Sie vernünftig abnehmen. Das erreichten sie durch Sport aber nicht. Denn dafür müssten sie in einer Stunde 10 Kilometer laufen.
Die Leitlinien empfehlen u. a., sich mehr als 150 Minuten pro Woche mit einem Energieverbrauch von 1 200 bis 1 800 kcal/Woche zu bewegen. Jeder Bundesbürger läuft im Schnitt aber nur 940 Meter pro Tag. Für wie realistisch halten Sie das?
2,5 Stunden pro Woche sind richtig viel. Es geht aber nicht primär ums Abnehmen, sondern darum, Fett zu verlieren und Muskeln zu erhalten. Und je bewegungsärmer jemand ist, desto stärker muss er die Kohlenhydrate runterfahren. Kohlenhydrate muss man sich verdienen. Sie werden in letzter Zeit allerdings verteufelt, das ist absolut falsch. Man muss sie nur individuell anpassen. Wie viele Gramm jemand pro Tag essen soll, kann man nicht pauschal sagen, es kommt darauf an, wie viel er sich bewegt.
Was halten Sie generell von den Empfehlungen in den aktuellen Leitlinien – sind sie zeitgemäß?
Sie sind wieder zeitgemäß. Stufe 1 besagt: Reduktion von Fett oder Kohlenhydraten; die 2. Stufe geht noch weiter: Reduktion von Fett und Zucker, hier kommt der Begriff der Energiedichte ins Spiel. Stufe 3 betont: Mahlzeitenersatz bei Body-Mass-Index (BMI) ≥ 30. Stufe 4: Formula (BMI ≥ 40 kg/m²). Die jetzige Leitlinie vom April 2014 berücksichtigt alle Neuerungen, die es in den letzten Jahren gab.
Was sind für Sie die größten Irrtümer bei den Ernährungsempfehlungen?
Fett macht fett, Eier enthalten zu viel Cholesterin, nur die Vollwertkost ist gesund, je weniger Fleisch, desto besser, und allein durch Sport abnehmen. Ein Irrtum ist auch: Komplexe Kohlenhydrate sind gesund, einfache ungesund. Es muss heißen: Ballaststoffreiche Kohlenhydrate sind günstiger, weil sie langsamer verstoffwechselt werden.
Sie raten zu einer eiweißoptimierten Ernährung: 1 bis 1,2 Gramm pro Kilo Körpergewicht. Viele Typ-2-Diabetiker sind multimorbide, nehmen oft viele Tabletten ein, die die Niere schädigen können. Und dann noch so viel Eiweiß?
Diese Regel gilt für nierengesunde Menschen. Ein Diabetiker ohne Nephropathie kann 20 Prozent oder mehr Eiweiß am Tag zu sich nehmen. Bei einer Nephropathie muss der Bedarf angepasst werden auf 0,8 g oder weniger.
Wir wissen aber auch: Eiweiß schädigt nicht die Niere. Sonst wären alle Bodybuilder, die 3 oder 4 g Eiweiß pro Kilo Körpergewicht zu sich nehmen, an der Dialyse. Der beste Schutz einer geschädigten Niere ist eine gute Blutzucker- und Blutdruckeinstellung.
Heute weiß man, dass nicht jeder adipöse Mensch automatisch an Typ-2-Diabetes erkrankt. Welche Rolle spielt die Fettleber?
Prof. Dr. Hans-Ulrich Häring aus Tübingen hat den Satz geprägt: “Ohne Fettleber kein Diabetes.” Wir wissen, dass bis zu 90 Prozent der Diabetiker eine nicht-alkoholische Fettleber haben. Die Leber ist dann insulinresistent.
Wie sieht effektives Leberfasten aus?
Es gibt viele Arbeiten der letzten Jahre, die bestimmte Kriterien festlegen. Ein Faktor ist, Kalorien runterzufahren. Als Grundform gelten die Hafertage.
Das Problem ist hier die Compliance: Nach 3 bis 4 Tagen macht das kein Patient mehr mit. Wir haben daher ein Konzept entwickelt im Bereich der Formula (Diät, bei dem eine oder mehrere Mahlzeiten pro Tag z. B. durch einen Fertigdrink ersetzt werden: Anm. d. Redaktion), das die Grundprinzipien der Hafertage adaptiert, aber genügend Eiweiß liefert, damit sich der Muskel nicht abbaut.
Sie haben ja das Bodymed-Programm konzipiert, das auf eine eiweißoptimierte Ernährung setzt und überwiegend in Arztpraxen angeboten wird. Wie erfolgreich ist es, und wird es inzwischen von den Kassen bezahlt?
Es ist in Deutschland das derzeit effektivste Programm mit einem hohen Gewichtsverlust. Eine aktuelle Arbeit mit 700 Teilnehmern zeigt, dass sie durchschnittlich 10 Kilo verloren haben. Selbst nach 3 Jahren gibt es noch eine Gewichtsabnahme von 5 Prozent. Die Bezuschussung durch die Kassen ist ein Problem, sie sind gesetzlich nicht dazu verpflichtet. Inzwischen sind wir aber fast flächendeckend in 600 Arztpraxen vertreten.
Was ist besser: schnelles oder langsames Abnehmen?
Es gibt keine Daten, dass nur langsames Abnehmen nachhaltig wirkt. Man denkt inzwischen eher umgekehrt: Je mehr und je schneller ein Patient abnimmt – wenn er überwiegend Fett abbaut – desto motivierter ist er für eine nachhaltige Lebensstil-Modifikation.
Was halten Sie von der bariatrischen Chirurgie/Adipositas-Chirurgie?
Bei stark übergewichtigen Patienten, die schon alles versucht haben, wie ein halbjähriges Abnahmeprogramm, halte ich das für sinnvoll.
Wie lassen sich Neuheiten der Ernährung in die Schulung integrieren, ohne die Patienten zu überfordern?
Neu heißt nicht automatisch besser. Orientierung bietet die Leitlinie. Man muss aber immer den einzelnen Patienten sehen und individuelle Entscheidungen treffen. Die beste Motivation ist ein verbesserter Blutzucker. Was das Stoffwechselwissen angeht, sind wir heute viel weiter als vor 20 Jahren. Stichwort Leber: Wir setzen an der Ursache an.
Quelle: Diabetes-Forum, 2015; 27 (3) Seite 17-18
Redaktion Diabetes
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 4 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 1 Tag, 18 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 1 Tag, 17 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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