- Behandlung
Gut sehen mit Verstand und Augenarzt
4 Minuten
Viele Menschen, die über 20 Jahre Diabetes haben, bekommen Probleme mit den Augen. Dies betrifft Typ-1- wie Typ-2-Diabetiker. Wichtig ist, Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Wie? Das erfahren Sie hier.
Peter M. hatte in den letzten Wochen schon mehrfach abends, als es langsam dunkel wurde und er mit seinem Auto von der Arbeit nach Hause fuhr, beinahe parkende Autos mit seinem eigenen Auto gerammt – nur mit Mühe konnte er gerade noch an ihnen vorbeifahren. Die Sehverschlechterung hatte er anfangs nicht ernst genommen (auch beim Lesen der Zeitung hatte er schon länger Probleme), doch jetzt wurde es gefährlich.
Ohne seiner Frau etwas zu sagen, suchte er einen Augenarzt auf, den er schon einmal vor 8 Jahren besucht hatte – anlässlich der Entdeckung seines Diabetes. Jetzige Diagnose: beginnender diabetischer Netzhautschaden; eine Laser-Therapie wurde vorgeschlagen!
Nach mehreren Fotokoagulationsterminen beim Augenarzt sieht er glücklicherweise wieder deutlich besser, tagsüber fährt er wieder Auto – in der Dämmerung und nachts lässt er es aber vernünftigerweise in der Garage stehen.
Häufigste Komplikation an den kleinen Gefäßen
Die diabetische Retinopathie (diabetischer Netzhautschaden) ist die häufigste Komplikation bei Diabetikern an den kleinen Blutgefäßen. Laut Hammes (Dtsch. Gesundheitsbericht Diabetes 2014, Augenerkrankungen) ist sie allerdings nicht mehr die häufigste Ursache der Erblindung durch Diabetes. Diese soll auf die altersbedingte Makuladegeneration und den grünen Star zurückzuführen sein.
Bei Typ-1-Diabetikern drohen vor allem Gefäß-Neubildungen – die proliferative diabetische Retinopathie, mit Erblindungsgefahr. Bei Typ-2-Diabetikern ist es hauptsächlich die diabetische Makulopathie – eine Erkrankung, bei der die Stelle des schärfsten Sehens (gelber Fleck) betroffen ist.
Wie kommt es zum Netzhautschaden?
Es ist der ständig erhöhte Zucker im Blut, der die Zellen der Blutgefäße (Endothel) und die Zellen der Netzhaut (Stäbchen und Zapfen) direkt schädigt; so ist es kein Wunder, dass mit der Dauer des Diabetes vor allem bei schlechter Blutzuckereinstellung auch das Risiko für Netzhautschäden zunimmt! Besonders verschlechternd wirken sich noch erhöhter Blutdruck (Hypertonie)und Rauchen aus!
Erste Zeichen dafür, dass eine Netzhautschädigung vorliegt, sind Mikroaneurysmen: kleine Aussackungen an den Blutgefäßen der Netzhaut. Sie erscheinen bei der augenärztlichen untersuchung wie kleine Trauben in der Netzhaut.
Unkontrollierte Neubildung der Blutgefäße
Sind größere Gebiete der Netzhaut nicht mehr mit Blut versorgt, da die kleinsten Blutgefäße (Kapillaren) verschlossen sind, versucht der Körper, den Sauerstoffmangel auszugleichen, indem er Blutgefäße neu bildet. Diese neuen Blutgefäße (Proliferationen) sind jedoch sehr brüchig, und es kann leicht zu Blutungen kommen.
Darüber hinaus wachsen diese brüchigen Gefäße häufig in den der Netzhaut anliegenden Glaskörper ein – dort können sie ebenfalls ganz leicht zu Blutungen und einer Netzhautablösung führen.
Narbenbildungen und anschließende Schrumpfung
Besonders gefährlich sind eine Blutung, eine Durchblutungsstörung oder eine Ansammlung von Wasser (Ödem) an der Stelle des schärfsten Sehens: Hier gibt es kaum Blutgefäße, so dass das Licht weitgehend ungehindert auf die Netzhaut auftreffen kann.
Der eigene Organismus versucht dann, diese Stellen selbst zu “reparieren” – dies geht jedoch häufig mit Narbenbildungen und anschließender Schrumpfung einher; die Netzhaut kann hierdurch ein- bzw. abreißen – Erblindungsgefahr! Der Augenarzt sieht oft weißlich-flockige Areale im Auge, die wie Baumwoll-Flocken aussehen.
Warnzeichen rechtzeitig beachten!
Die Frühformen der Erkrankung verlaufen oft völlig ohne Beschwerden – dies ist einer der Gründe, warum eine regelmäßige augenärztliche Kontrolluntersuchung der Netzhaut (und natürlich auch der übrigen Augenabschnitte inkl. Augendruckmessung) selbstverständlich sein sollte.
Die Augenuntersuchung sollte möglichst bei erweiterter Pupille (durch Tropfen) erfolgen. Nur so sieht der Augenarzt auch die Blutgefäße am Rande der Netzhaut, diese sind häufig anfangs betroffen! Eine Fotografie mit einer Spezialkamera (kostet meist extra!) stellt diese Gebiete auch ohne Pupillenerweiterung bildlich dar. Nach einer Untersuchung mit erweiterter Pupille darf man nicht Auto fahren – das Sehvermögen ist vorübergehend eingeschränkt.
Nächste Seite: Warnzeichen ernst nehmen +++ Risikofaktoren für Netzhautschädigungen +++ Therapieoptionen
Zuerst merkt man nichts
Beginnende diabetische Netzhautveränderungen verlaufen oft sehr lange völlig symptomlos, d. h. man bemerkt selbst oft nichts davon. Gerade deshalb sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen unabdingbar. Denn: Sind die diabetischen Veränderungen schon fortgeschritten, gibt es nur noch wenige Optionen für eine Verbesserung. Vorbeugende oder auch den Netzhautschaden positiv beeinflussende Medikamente gibt es bis heute nicht.
Deshalb: Warnzeichen ernst nehmenund sofort reagieren! Warnzeichen können sein:
- plötzliche Sehverschlechterungen (Visusverlust),
- Leseschwierigkeiten bis zum Verlust der Lesefähigkeit,
- Störungen des Farbsinns,
- verschwommenes Sehen, z. B. wie “Rußregen” (bei Glaskörpereinblutungen oder Netzhautablösung).
Eine zu schnelle Normalisierung des Blutzuckers zum Beispiel von regelmäßig 250 mg/dl auf 120 mg/dl (13,9 auf 6,7 mmol/l) kann ebenfalls der Netzhaut schaden – es treten dann manchmal Blutungen auf (die Netzhaut ist oft an den schon lange erhöhten Blutzucker gewöhnt!). Deshalb sollte der Blutzucker langsam über Tage bzw. auch Wochen gesenkt und auch erst dann z. B. eine neue Brille angepasst werden. Denn nicht immer ist an einer Sehverschlechterung ein Netzhautschaden schuld.
Wird der Blutzucker z. B. besser eingestellt, kann es ebenfalls vorübergehend zu einer Sehverschlechterung kommen: wegen des veränderten Brechungsverhaltens der Linse (und Hornhaut) durch den unterschiedlichen Wassergehalt (Änderung des Brechungswinkels des Lichtes) bei hohem bzw. niedrigem Blutzucker!
- Diabetesdauer
- schlechte Blutzucker-Einstellung (hoher HbA1c-Wert)
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- Nierenschaden (Nephropathie ), Eiweiß im Urin (Proteinurie)
- Fettstoffwechselstörungen (Hyperlipidämie)
- zu schnelle HbA1c-Senkung (rasche Blutzucker-Normalisierung!)
Dr. David Kubiak, Insulinpumpentreffen, April 2014 in Bad Kissingen
Welche Therapieoptionen bestehen?
Die nach wie vor wichtigste Therapiemöglichkeit bei diabetischer Retinopathie/Makulopathie ist die Laserfotokoagulation; das bedeutet die Behandlung der Netzhaut mit einem hoch energetischen Lichtstrahl. Bei der Vitrektomie, also der Entfernung des Glaskörpers, werden Glaskörperblutungen bzw. Gefäßneubildungen entfernt und es wird versucht, die Netzhaut ggf. wieder anzulegen.
Die Therapie liegt also ganz in den Händen des Augenarztes. Wichtig ist aber auch die begleitende Therapie durch den Hausarzt bzw. Diabetologen bezüglich des Blutdrucks, des Blutzuckers und ggf. auch der Senkung erhöhter Blutfette.
Die Injektion von Medikamenten gegen Wachstumsfaktoren der Netzhaut-Blutgefäße direkt ins Auge kann meist nur noch marginal, aber manchmal doch sehr effektiv helfen, noch ein Restsehen zu erhalten. Folgende Medikamente stehen zur Verfügung: Avastin, Lucentis und Eylea. Die Injektionen werden von spezialisierten Augenärzten in oft mehreren Sitzungen direkt in das Auge durchgeführt – speziell beim Makulaödem und bei der feuchten Makuladegeneration.
Kaum zu glauben …
Es ist kaum zu glauben, wie viele Menschen mit Diabetes trotz der bekannten und auch einleuchtenden Empfehlungen nicht regelmäßig zur Augevorsorge gehen – zeigen Sie im eigenen Interesse, dass es auch anders geht!
von Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist/Angiologe/Diabetologe, Chefarzt Deegenbergklinik sowie Chefarzt Diabetologie Klinik Saale (DRV-Bund)
Kontakt:
Deegenbergklinik, Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 21-0
sowie Klinik Saale, Pfaffstraße 10, 97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 5-01
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2014; 63 (6) Seite 30-33
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diahexe postete ein Update vor 1 Woche
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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ckmmueller postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen
Ich habe ein Riesenproblem mit den Sensoren Guardian 4 von Medtronic. Es klappt nicht. Transmitter neu, aber auch das hilft nicht. Fast jeder Sensor braucht 2 Stunden, normale Wartezeit, dann beginnt er zu aktualisieren …. Nix passiert, außer das mein BZ unkontrolliert ansteigt. Vorletzte Woche über 400, letzte Woche hatte ich BZ 510 – ein Wert, den ich über 25 Jahre nicht mehr hatte. Ich bin sehr verzweifelt, weil es mit CGM von Medtronic nicht funktioniert. Gerade warte ich mal wieder darauf, dass der neue Sensor arbeitet. Heute habe ich mich über ChatGPT über andere Pumpen und Sensoren informiert. Tandem und Dexcom 7 soll gut sein und die Wartezeit des Sensors braucht nur 30 minuten. Kennt sich jemand damit aus? Hat ähnliche Probleme mit Medtronic wie ich? Dank für Antworten / Infos
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diahexe antwortete vor 1 Woche
Hallo, ich habe ein ähnliches Problem gehabt. Samstags neuen Sensor gesetzt, hat nach 2 Stunden aktualisiert, lief dann ein paar Stunden, wieder aktualisiert und dann aufgefordert den Sensor zu wechseln. Bis Montag hatte ich dann 4!Sensoren verbraucht. Habe dann einen neuen Transmitter geben lassen und eine völlig neue Einstichstelle gewählt. Danach ging es. Mein neustes Problem ist, dass sich meine Pumpe und mein Smartphone dauernd entkoppelt und sich dann stundenlang nicht mehr koppeln lassen. Manchmal muss ich dann die App neu laden bis es wieder funktioniert.
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anseaticids postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.
Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“
Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.
Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.So können Kinder lernen, wachsen und
selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
Unsere Mission ist einfach:✔ Kindern Sicherheit geben
✔ Familien den Alltag erleichtern
✔ Kita- und Schulteams entlasten
✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.
Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.
Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
📧 moin@hanseatic-kids.de
📞 040 851 59 747



Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.