Highlights von der 62. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) in Mailand

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Der Eingangsbereich der Messe in Mailand mit dem Schriftzug „EASD 2026“.
Foto: EASD
Highlights von der 62. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) in Mailand

Die 62. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) fand vom 29. September bis zum 2. Oktober in Mailand statt. 16.000 Forscherinnen und Forscher aus über 130 Ländern diskutieren neuste Forschungsergebnisse. 2.770 Vortagsanmeldungen wurden eingereicht, ein Rekord! 1.283 davon wurden zum Vortrag eingeladen.

Claude-Bernard-Medaille für Prof. Dr. Ziegler aus München

Die höchste Auszeichnung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) ist die Claude-Bernard-Medaille. Bisher wurde sie nur sechsmal an Deutsche vergeben. Jetzt wurde Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler aus München für ihre Forschungsarbeiten über die Entwicklung des Typ-1-Diabetes ausgezeichnet. Sie fand heraus, dass dem Auftreten der gegen die Betazellen gerichteten Antikörper meist schon sehr früh im Säuglingsalter eine Stoffwechselstörung vorausgeht. Was diese auslöst, ist aber noch nicht eindeutig geklärt.

Prof. Dr. Ziegler berichtete auch über die neusten Ergebnisse der Anwendung von Teplizumab, das, nach Auftreten von Antikörpern gegen Inselzellen gespritzt, die weitere Entwicklung der Erkrankung einige Jahre verzögern kann. Die Anwendung dieses sehr teuren Präparats wird allerdings wegen seiner Nebenwirkungen und der psychischen Belastung von manchen Kinderärzten kritisch beurteilt.

EASD Präsident Prof. Giorgino überreicht Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler die Claude Bernard Medaille | Foto: EASD

Mit Stammzellen Typ-1-Diabetes heilen?

Seit vielen Jahren beherrscht man die Technik, gespendete Inselzellen zu implantieren. Aber die verschwindend geringe Zahl an Spenderorganen macht eine breite Anwendung dieser Technik unmöglich. Deshalb begann man, aus Stammzellen Betazellen zu züchten. Diese Technik hat in den letzten Jahren rasante Fortschritte gemacht. Führende Arbeitsgruppen berichteten beim EASD-Kongress über ihre Fortschritte.

In Peking arbeitet man daran, künstliche Intelligenz einzusetzen, die bei der Züchtung von Betazellen aus Stammzellen alle fehlerhaften Zellen sozusagen herauspickt. Aus China und Japan wurde von Patienten berichtet, bei denen aus Stammzellen erzeugte Inselzellen über längere Zeit funktioniert haben. Es gelingt auch, differenzierte Zellen zu Stammzellen zurück zu programmieren, was die Herstellung größerer Zellmengen vereinfacht.

Allerdings gibt es noch ein großes Problem: ohne die Abstoßung verhindernde Medikamente, die leider deutliche Nebenwirkungen haben, zerstören Inselzellantikörper die implantierten Zellen.

Betazellen für die Antikörper unsichtbar machen

In Schweden gibt es bereits einen Mann mit Typ-1-Diabetes, dem Betazellen eines Spenders implantiert wurden, deren Oberfläche von der US-Firma SANA Biotechnology so verändert wurde, dass die Antikörper die Betazellen nicht mehr erkennen. Er hatte nur wenige Zellen bekommen, er braucht weiter Insulin.

Zunächst funktionierten die Zellen gut, dann waren die Forscher erschreckt, denn die Insulinbildung ging zurück. Aber das lag daran, dass der Diabetes schlechter eingestellt war. Mit mehr Insulin stieg auch wieder die Insulinbildung der implantierten Zellen, gemessen am C-Peptid.

Mittlerweile funktionieren die Zellen schon seit 14 Monaten. Es ist nur ein Patient, aber auch 1921 hat die Revolution der Insulinbehandlung mit einem Patienten begonnen – später gab es dann den Nobelpreis. Jetzt liefern sich bereits mehrere Firmen einen Wettlauf um die Entwicklung nicht immunogener Betazellen aus Stammzellen.

Ein Bild für die Geschichtsbücher? Hier werden erstmals immunologisch veränderte Betazellen implantiert. | Foto: EASD

40 Jahre Diabetes – welche Zielwerte sollte man anstreben?

Kurz vor seinem 83. Geburtstag trug der berühmte Prof. Dr. Johnny Ludvigsson aus Schweden die Ergebnisse von 447 Menschen mit Typ-1-Diabetes vor, die 30 bis 42 Jahre lang beobachtet wurden. Über den gesamten Zeitraum lagen 52.545 HbA1c-Werte vor, im Mittel 2,7 Werte pro Patient und Jahr. 9 Prozent hatten eine Makroproteinurie entwickelt, 30 Prozent eine proliferative Retinopathie. Noch nie wurden so viele Menschen mit Typ-1-Diabetes über einen so langen Zeitraum so präzise beobachtet.

Es zeigte sich ein sehr enger Zusammenhang zwischen HbA1c und Folgeschäden. Unter einem HbA1c im Mittel von 56 mmol/L (7,3 Prozent) kam es auch nach 40 Jahren nicht zu einer proliferativen Retinopathie. Bei der Makroalbuminurie lag der Wert bei 63 mmol/L (7,9 Prozent) – wichtige Informationen für die Frage, welche Zielwerte bei der Einstellung angestrebt werden sollten.

Prof. Dr. Johnny Ludvigsson aus Schwedenbei der Vorstellung der Ergebnisse der Langzeitbeobachtung vor. | Foto: Dr. Viktor Jörgens
Dieses Schaubild zeigt den Zusammenhang zwischen dem HbA1c und dem Auftreten einer Retinopathie über einen Beobachtungszeitraum von 40 Jahren. | Foto: Dr. Viktor Jörgens

Vergleich Metformin mit Dapagliflozin

In Schweden verglich man Metformin mit dem SGLT-2-Hemmer Canagliflozin bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen. 1.039 erhielten Canagliflozin, 1.049 bekamen Metformin. Die Ergebnisse zeigten keinen Unterschied bezüglich sämtlicher Endpunkte der Studie.

In der Canagliflozin-Gruppe wurde die Behandlung etwas häufiger abgebrochen, wahrscheinlich wegen der für SGLT-2-Hemmer typischen Nebenwirkungen. Also kann man bei der Empfehlung bleiben, die medikamentöse Behandlung bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, die kein sehr hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben, mit Metformin zu beginnen.

Dies war erst die zweite Endpunktstudie mit Metformin nach der Studie UKPDS 1998. Beeindruckend an dieser ohne die Pharmaindustrie durchgeführten Studie war, dass alle Daten aus den Diabetes- und Melderegistern erhoben werden konnten. So kostete die Studie mit ca. 10 Millionen Euro nur ein Zehntel dessen, was die Endpunktstudien der Pharmaindustrie kosten.

KI ist dem Augenarzt gleichwertig

Der Medizinstudent Benedict Schleyer trug die Ergebnisse seiner Doktorarbeit an der Uni Bochum vor: Die Bewertung von Fundus-Bildern durch künstliche Intelligenz auf Netzhautschädigungen war der Beurteilung durch Augenärzten gleichwertig.

So könnte man in Zukunft den Betroffenen den Weg zum Screening beim Augenarzt ersparen – bei dem regional auch in Deutschland bestehenden Mangel an Augenärzten eine gute Lösung. Augenärzte könnten sich auf die Betreuung der Patienten mit relevanter Retinopathie konzentrieren und es würden mehr Patienten regelmäßig untersucht.

KI ersetzt den Augenarzt: Der Student Benedict Schleyer bei seinem Vortrag | Foto: Dr. Viktor Jörgens
EASD Vizepräsident Prof. Dr. Khunti (li.) verleiht Prof. Dr. Birkenfeld den Golgi-Preis. | Foto: EASD

Camillo-Golgi-Preis an Prof. Dr. Andreas Birkenfeld

Der Camillo-Golgi-Preis ging an Prof. Dr. Andreas Birkenfeld aus Tübingen. Seine Gruppe arbeitet an Untersuchungen zur Prävention des Typ-2-Diabetes. Er ist einer der Experten, die bis zur EASD-Tagung 2027 Empfehlungen zur Prävention des Typ-2-Diabetes erarbeiten werden. Interessant ist seine Beobachtung, dass ungesunde „Überfütterung“ zu anhaltenden Störungen führt:

Er übersättigte fünf gesunde, schlanke Studenten fünf Tage lang. Ihr Gewicht blieb gleich, aber es kam zu einer Insulin-Resistenz des Gehirns. Die Sättigungsregulation war gestört, der Fettgehalt der Leber stieg um 64 Prozent und es ließen sich Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz nachweisen. Bemerkenswert war, dass die Störungen eine Woche anhielten. Das passiert uns also bis Neujahr, wenn wir uns Weihnachten überfüttern.

„Diabetes Global Impact“ Preis an Prof Jens Holst

Mit 81 Jahren immer noch Top fit: Prof. Dr. Jens Holst hielt einen brillanten Vortrag über sein Lebenswerk: die Forschung an gastrointestinalen Hormonen und GLP-1-Analoga. Er ist der Meinung, dass die Nebenwirkungen der GLP-1-Analoga überschätzt werden.

Er betonte, dass sie nicht nur günstige Wirkungen auf Körpergewicht, Diabetes-Einstellung und kardiovaskuläre Endpunkte haben, sondern auch bei Fettleber und Alkoholismus wirksam sein können und mit seltenerem Auftreten mancher Krebsformen assoziiert sind – letzteres evtl. ein Effekt der Gewichtsreduktion.

Prof. Dr. Holst meint, dass sich der Siegeszug dieser Medikamente fortsetzen wird. Nachdem das Patent für Semaglutid ausgelaufen ist, wird es weltweit produziert und ist in Indien für monatlich acht Dollar zu haben. Die WHO hat 2025 Semaglutid, Liraglutid und Tirzepatid in die Liste der essentiellen Medikamente aufgenommen und Prof. Dr. Holst wird als Kandidat für den Nobelpreis diskutiert.

Global-Impact-Preis für den „Vater“ der GLP-1-Analoga Prof. Dr. Jens Holst. | Foto: EASD

Diabetes und Politik in den USA

Auf den Fluren des Meetings gab es ein großes Thema: Prominente US-Diabetologen unter Führung des Herausgebers der Zeitschrift Diabetes Care, Prof. Dr. Steven Kahn, wollen die Tagung und die Zeitschriften der Amerikanischen Diabetes Gesellschaft (ADA) boykottieren.

Der Grund ist, dass der ADA-Vorstand Kahn und andere ADA-Mitglieder von der Polizei aus dem Kongressgebäude des diesjährigen ADA-Meetings hat entfernen lassen, als sie Kopien eines Artikels verteilen wollten, in dem die Forschungspolitik der Trump-Regierung kritisiert wurde.

EASD-Tagung 2027 in Budapest

Erfreulicherweise wird die Tagung der EASD im Jahr 2027 in einem nicht mehr autokratisch regierten Ungarn stattfinden. Es werden mit Sicherheit mehr Amerikaner dabei sein.


von Dr. med. Viktor Jörgens

Dr. med. Viktor Jörgens ist Internist und Diabetologe. Er war fast drei Jahrzehnte tätig als Executive Director der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) und ihrer Stiftung EFSD. Zudem war er entscheidend an der Einführung der Patientenschulung in Deutschland beteiligt und ist ausgewiesener Experte für die Geschichte der Diabetes-Forschung.

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