Lieferengpässe bei Medikamenten – ein Problem mit vielen Ursachen

4 Minuten

© ImageFlow - stock.adobe.com
Lieferengpässe bei Medikamenten – ein Problem mit vielen Ursachen

Immer wieder kommt es vor, dass Medikamente, die einem verordnet wurden, in der Apotheke nicht erhältlich sind. Das Problem der Lieferengpässe hat in letzter Zeit zugenommen – aber es wird auch an praktikablen Lösungen gearbeitet.

Jeder von uns hat diesen Satz sicher schon einmal in einer Apotheke gehört: “Darf ich Ihnen dieses Medikament bestellen?” Im Regelfall liegt das gewünschte Medikament noch am selben oder aber spätestens am nächsten Tag zum Abholen für Sie bereit. Doch was ist, wenn Sie stattdessen Folgendes hören: “Leider ist dieses Medikament momentan nicht lieferbar.”

Traurige Höchstmarke

Diesen Satz bekommen Patientinnen und Patienten in letzter Zeit sehr oft zu hören. Und Apothekerinnen und Apotheker müssen ihn mittlerweile zu oft sagen. Mit mehr als 300 Arzneimitteln hat dieser Wert in diesem Jahr eine traurige Höchstmarke erreicht. Doch was führt zu solchen Lieferengpässen?

Ein Problem – viele Gesichter

Spätestens, als in den Nachrichten von Lieferengpässen bei Arzneimitteln für Kinder, wie Fieber- oder Antibiotikasäften, berichtet wurde, merkte man, dass das Problem in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Lieferengpässe hat es zwar immer wieder mal gegeben, doch in letzter Zeit häufen sich die Meldungen über nicht lieferbare Arzneimittel. Die Gründe hierfür sind vielfältig und eine einfache Lösung ist meist nicht möglich.

Die Rabattverträge

Seit 2007 existieren Rabattverträge in Deutschland. Dabei schließen die Krankenkassen mit den pharmazeutischen Unternehmen Verträge ab, in denen die Unternehmen den Krankenkassen Rabatte gewähren. Die Apotheken sind hierfür verpflichtet, bei einer Verordnung eines entsprechenden Medikaments ein Präparat abzugeben, für das es solch einen Rabattvertrag gibt, sofern dies nicht durch anderweitige Gründe ausgeschlossen ist. Dies führt dazu, dass der Kostendruck auf die Unternehmen erhöht wird und eine Herstellung mitunter nicht mehr profitabel ist.

So kann es passieren, dass zum Teil ein Medikament nur noch von einem Unternehmen produziert wird. Kommt es dann bei diesem Unternehmen z.B. zu Problemen in der Produktion oder müssen Produktions-Kapazitäten wie letzten Winter u.a. durch steigende Energiekosten heruntergefahren werden, führt dies zwangsläufig zu einem Lieferengpass.

Wo Medikamente produziert werden

In unserer globalisierten Welt ist es viel einfacher geworden, Dinge im Ausland herzustellen und diese über den Erdball zu transportieren. Wie viele andere Produkte werden Wirkstoffe für Medikamente oft außerhalb Deutschlands hergestellt. Auch wenn die “Endfertigung” der Tabletten in Deutschland geschieht, kommen mehr als 80 Prozent der Wirkstoffe aus Indien oder China. Gerade globale Krisen, wie der Ukraine-Krieg oder die Corona-Pandemie, führen zu Problemen in den Lieferketten. Zudem führt diese Monopolisierung der Produktion der Wirkstoffe zu einer weiteren Erhöhung des Kostendrucks. Denn die Unternehmen können die Preise diktieren und an den jeweils Höchstbietenden verkaufen.

Engpässe bei Diabetes-Medikamenten

Bei der Therapie des Diabetes werden Arzneimittel eingesetzt, die leider auch zeitweise oder dauerhaft nicht lieferbar sind oder deren Herstellung aufgrund von Problemen in der Produktion ganz eingestellt wurden. Dies betrifft Medikamente aus den Gruppen der Insuline und der Diabetes-Tabletten (orale Antidiabetika), aber auch GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Die Gründe hierfür sind, wie bei anderen Arzneimitteln, vielfältig.

Die wichtigsten sind Probleme in den Lieferketten, Mangel an Rohstoffen, Inflation, niedrige oder extrem hohe, teilweise regional stark wechselnde Nachfrage, Störungen an Abfüllanlagen, Verzögerungen bei der Lieferung von Komponenten und Materialien für die Verpackung, aber auch Off-Label-Use. Darunter versteht man den Gebrauch von Arzneimitteln für andere Indikationen außerhalb der Zulassung. Beispiele hierfür sind die GLP-1-Rezeptor-Agonisten Dulaglutid und Semaglutid. Diese werden neben der Behandlung des Typ-2-Diabetes auch eingesetzt zur Gewichtsreduktion, wenn kein Typ-2-Diabetes vorliegt.

Aber die Versorgung muss gesichert werden und ist für viele Menschen mit Diabetes lebenswichtig. So werden verschiedene Lösungen angeboten, wie Kontingentierung, um Hamsterkäufe und Off-Label-Use zu verhindern, keine Neueinstellungen auf die Medikamente, Umstellung auf lieferbare Packungsgrößen und Stärken oder Umstellung auf den gleichen oder sehr ähnlichen Wirkstoff anderer Unternehmen. In Apotheken und Arztpraxen sollte darüber offen und transparent informiert und die Patientinnen und Patienten sollten aktiv in die Entscheidung eingebunden werden.

Wie kann man bei Lieferengpässen vorsorgen?

  • frühzeitig in notwendigem Maß eine Neuverordnung der Arzneimittel in der Arztpraxis bestellen und abholen
  • frühzeitig das Rezept in der Apotheke vorlegen, damit die Apotheke genügend Zeit hat, alle Möglichkeiten der Bestellung wahrzunehmen
  • offen sein für zwingend notwendige Umstellungen oder Anpassungen
  • bei Umstellungen durch Beobachtung und Messungen zu garantieren, dass der gleiche therapeutische Erfolg erreicht wird; ansonsten Rücksprache mit Ärztin oder Arzt

Der Gesetzgeber hat Verantwortung

Auch die Politiker um Gesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach haben sich der Problematik angenommen und das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG), kurz Lieferengpass-Gesetz, auf den Weg gebracht. Dies soll verhindern, dass sich Lieferengpässe ausweiten und eine Versorgung in Zukunft sichergestellt ist. So fallen beispielsweise die Rabattverträge für nicht mehr patentierte Arzneimittel (Generika) für Kinder weg und die Unternehmen müssen sich bei versorgungskritischen Wirkstoffen ausreichend bevorraten, sodass eine Lieferfähigkeit dieser Arzneimittel über sechs Monate gewährleistet ist. Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, doch viele kritisieren, dass das Gesetz allein die Lieferengpass-Problematik nicht lösen wird.

Bestmöglich versorgt – trotz Engpasses

Lieferengpässe stellen alle Personen im Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Dennoch wird alles dafür getan, dass Patientinnen und Patienten optimal versorgt sind. So prüfen die Apotheken vor Ort mehrmals täglich die Lieferfähigkeit bestimmter Medikamente und können bei fehlender Verfügbarkeit auf ein Präparat eines anderen Unternehmens mit gleichem Wirkstoff umschwenken.

Sollte ein Medikament mit einem bestimmten Wirkstoff von keinem Unternehmen in der Apotheke vorrätig oder lieferbar sein, kann die Apotheke wenigstens im Filial-Netzwerk nachschauen, ob das Medikament dort vorrätig ist, oder bei Apotheken von Kolleginnen und Kollegen nachfragen. Sollten all diese Stricke reißen, ist auch das kein Grund zur Sorge. In Absprache mit Ärztin oder Arzt kann die Medikation umgestellt und so garantiert werden, dass trotz des Lieferengpasses sinnvoll medikamentös behandelt wird.

Aktuelle Informationen

Aktuelle Informationen zu Lieferengpässen gibt es vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, auch mit einer Datenbank der betroffenen Medikamente:
www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelinformationen/Lieferengpaesse/_node.html

Und auch im Fall der Lieferengpässe bei den Fiebersäften für Kinder konnte eine pragmatische Lösung gefunden werden. So wurde die Möglichkeit gegeben, das Herstellen dieser Säfte in den Apotheken vorzunehmen und sie auch aus dem Ausland importieren zu dürfen, sodass die Versorgung sichergestellt werden kann.


von Bastian Hirn-Derksen

Avatar von bastian-hirn-derksen

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (10) Seite 21-23

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Cholesterin-Dialog 2026: Werte messen, Risiko kennen und das Herz schützen
Ein erhöhter LDL-Cholesterinwert tut nicht weh – und ist trotzdem gefährlich. Beim Cholesterin-Dialog 2026 am Weltherztag stand im Mittelpunkt, dass jeder Mensch sein Herzrisiko kennen sollte, besonders Menschen mit Diabetes. Denn bei ihnen können hohe Cholesterinwerte das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöhen.
Cholesterin-Dialog: Werte messen, Risiko kennen und das Herz schützen

3 Minuten

Erhabener Moment am Gipfel: Mit Diabetes und dem Mountainbike auf den Kilimandscharo

8 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • darktear postete ein Update vor 56 Minuten

    Hallo,

    hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
    Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
    Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
    Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
    Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
    Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁

    LG Sandra

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 2 Wochen

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena