Opium? Insulin! Die Geschichte der Diabetesforschung

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Opium? Insulin! Die Geschichte der Diabetesforschung

“Die Geschichte der Diabetesforschung”: So heißt das neue Buch von Dr. Viktor Jörgens. Ausgegraben und entdeckt hat er dafür viele spannende Geschichten. Im Interview erzählt er über das Buch.

Diabetes-Journal (DJ): Herr Dr. Jörgens, für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?
Dr. Viktor Jörgens: Spannend ist dieses Buch für alle, die sich für Diabetes interessieren – man muss für die Lektüre nicht Medizin studiert haben. Das Buch ist für den Nachttisch geschrieben: Man kann es irgendwo aufschlagen, ein Kapitel lesen und mit mehr Wissen über die Geschichte des Diabetes einschlafen. Jedes Kapitel erzählt seine eigene Geschichte: Es gibt darin Lustiges, wie das Spottgedicht von Prof. Adolf Kußmaul über die Wiener Mediziner, und auch Bedrückendes, wie die Probleme mit der Insulin-Versorgung im Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der vielen deutschen Diabetologen jüdischer Herkunft.

DJ: Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?
Jörgens: Mit meinem Freund Prof. Massimo Porta in Turin hatte ich gerade ein wissenschaftliches Buch über die Geschichte der Diabetesforschung in Englisch herausgebracht. Als dann die Corona-Pandemie kam – keine Reisen, keine Kongresse –, habe ich diese Zeit genutzt, um ein allgemeinverständliches Buch über die Diabetes-Geschichte in deutscher Sprache zu schreiben.

DJ: Spannend ist, dass viele Diabetesforscher ganz andere Lebenspläne hatten, wie der berühmte Claude Bernard, der eigentlich Schriftsteller werden wollte …
Jörgens: Auch Apollinaire Bouchardat hat ein Theaterstück geschrieben – ein Glück für die Forschung, dass diese Stücke keinen Erfolg hatten.

DJ: Interessante Informationen haben Sie auch über die deutschen Professoren Katsch und Bertram gefunden, nach denen Auszeichnungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft benannt sind. Worum geht es da?
Jörgens: Ich wusste vor meinen Recherchen nicht, dass Prof. Ferdinand Bertram und Prof. Gerhardt Katsch in der NSDAP waren, Katsch war sogar bei der SA und Fördermitglied der SS. Erst jüngste Forschungen haben dies ans Licht gebracht. Die wissenschaftliche Bedeutung der beiden wird meiner Meinung nach weit überschätzt. Sie konnten nur lange die deutsche Diabetologie bestimmen, weil die besten Diabetesforscher Deutschland verlassen hatten.

DJ: Was könnte das für die beiden Auszeichnungen bedeuten?
Jörgens: Andere Fachgesellschaften haben längst ihre Vergangenheit aufarbeiten lassen. Es freut mich sehr, dass auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft jetzt entsprechende historische Gutachten in Auftrag gegeben hat. Meine persönliche Meinung dazu habe ich im Buch deutlich dargestellt: Die Katsch-Medaille nach dem Kinderarzt Prof. Karl Stolte zu benennen und statt eines Bertram-Preises einen Kimmelstiel-, Magnus-Levy- oder einen Thannhauser-Preis zu verleihen, wäre medizinhistorisch und politisch korrekt. Auch der herausragende Entdecker Freiherr von Mering oder Georg Ludwig Zülzer kämen als Namensgeber in Frage. Die Geschichte der deutschen Diabetesforschung ist reich an bedeutenden Persönlichkeiten.

DJ: Die Entdeckung des Insulin müsste man eigentlich auch neu schreiben, oder?
Jörgens: Dass der Berliner Zülzer schon 1914 sehr wirksames Insulin hergestellt hatte, ist heute kaum mehr bekannt. Nur der Kriegsausbruch und die Dummheit der Führungskräfte eines Pharmaunternehmens haben 1914 die Einführung der Insulin-Behandlung verhindert – sonst hätte Zülzer den Nobelpreis bekommen! Auch er musste später aus Deutschland fliehen und wurde wie zahlreiche jüdische Forscher fast vergessen.

DJ: Der Untertitel Ihres Buchs lautet “Vom Opium zum Insulin”. Warum?
Jörgens: Bis zur Entdeckung des Insulins wurde die Behandlung mit Opium von allen berühmten Diabetes-Professoren empfohlen, selbst von Bismarcks Arzt Prof. Friedrich Theodor Frerichs. Auch viele andere Behandlungen sind im Laufe der Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden, entweder, weil sie völlig wirkungslos waren, oder, weil sie wegen erheblicher Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen werden mussten.

DJ: Die Leistungen von Banting und Best als Entdecker des Insulins sehen Sie kritisch. Warum?
Jörgens: Die Hunde-Versuche von Banting und Best im Sommer 1921 waren ein unnötiges Gemetzel. Das Verdienst, brauchbares Insulin hergestellt zu haben, kommt dem Chemiker James Collip zu. Und kaum bekannt ist, wie bedeutend die Fortschritte der Insulin-Herstellung durch den Chemiker Clowes bei Eli Lilly waren. Ohne seine Arbeit wäre es nicht möglich gewesen, so schnell so vielen Menschen mit Insulin das Leben zu retten. Vor allem Charles Best hat seine und Bantings Leistungen immer mehr in den Vordergrund gerückt und die Leistungen anderer wurden dadurch vergessen.

DJ: Was war bei Ihren Recherchen für das Buch besonders bemerkenswert?
Jörgens: Nicht vergessen werde ich die persönlichen Kontakte zu den Nachkommen berühmter Diabetesforscher. Der Enkelin des Diabetologen Thannhauser, einem Großneffen von Prof. Zülzer und den Nachkommen von Bouchardat verdanke ich Informationen und Abbildungen, die Familienhistorikerin der von Merings lieferte mir bisher völlig Unbekanntes aus dem Leben des Entdeckers der SGLT-2-Hemmer und des Pankreasdiabetes.

DJ: Das letzte Kapitel in Ihrem Buch ist sehr bewegend …
Jörgens: Diese Geschichte wollte ich den Lesern nicht vorenthalten. Eine bewegende Story: Ein junges Paar muss vor den Nazis aus Prag nach China fliehen, Eva Saxl bekommt dort Diabetes und dann gibt es plötzlich wegen der japanischen Invasion kein Insulin mehr. Ich habe Eva Saxl noch kennengelernt – sie war eine beeindruckende Persönlichkeit und hat sich lebenslang in den USA und in Chile für Menschen mit Diabetes eingesetzt.

DJ: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Jörgens! Das Buch ist als Lektüre wirklich zu empfehlen.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (10) Seite 10-11

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