Osteoporose – eine unterschätzte Erkrankung

5 Minuten

© airborne77 - Fotolia
Osteoporose – eine unterschätzte Erkrankung

Am Beispiel von Heide D. (68) erklären unsere Autoren, wie bei ihr der Knochenschwund festgestellt wurde, warum gerade sie diese “Osteoporose” erlitt – und mit welchen Maßnahmen man die Verfassung ihres Knochengerüsts deutlich verbessern konnte. Vielleicht ein gutes Beispiel für Sie selbst, liebe Leser?

Osteoporose ist eine Erkrankung des Knochengerüsts (Skeletts). Hierbei kommt es zu einer verminderten Knochendichte und einer reduzierten Knochenqualität. Stellen Sie sich doch einfach den Eiffelturm in Paris vor. Der Turm ist schon 128 Jahre so stabil, weil er eine bestimmte Materialmenge (Schmiedeeisen) und eine fein ausgeklügelte Architektur aufweist. Würde man die Eisenmenge vermindern und/oder mehrere Quer- und Längsverstrebungen entfernen, dann würde das Bauwerk instabil.

Genauso verhält es sich mit osteoporotischen Knochen. Sie haben weniger Mineralgehalt und damit eine geringere Knochendichte und eine deutlich verschlechterte Mikroarchitektur (weniger Quer- und Längsverstrebungen). Dabei verläuft die Osteoporose, also der Abbau der Knochensubstanz und die Verschlechterung der Mikroarchitektur, schleichend und von den Patienten unbemerkt.

Was sind Folgen der Osteoporose?

Schreitet die Erkrankung voran, kann es zum Knochenbruch kommen, auch wenn man nur einen schweren Gegenstand angehoben hat oder von der Bordsteinkante abgerutscht ist. Und ohne dass man einen schweren Sturz oder einen Unfall hatte. Dabei sind am häufigsten Knochenbrüche der Hüfte (Schenkelhalsfraktur), der Wirbelkörper und des Unterarms (distale Radiusfraktur).

Solch ein Knochenbruch macht starke Schmerzen, und er kann besonders im Fall einer Schenkelhalsfraktur lebensbedrohlich sein – auch bei optimaler Bruchversorgung. Daher ist es wichtig zu wissen, ob man eine Osteoporose hat.

So wie bei Heide D. (68) …

So ging es auch unserer Patientin Heide D., 68 Jahre, die vor zwei Jahren beim Heben eines Mineralwasserkastens plötzlich starke Rückenschmerzen verspürte. Die Schmerzen waren so stark, dass sie sich kaum noch bewegen konnte. Als sie mit ihren Freundinnen telefonierte, hörte sie Sätze wie “man wird halt älter” und “das wird schon wieder”. Als die Schmerzen sich nicht besserten, ging sie zum Hausarzt, der eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule veranlasste und sie mit der Diagnose “Wirbelkörperbruch bei Verdacht auf Osteoporose” in unsere Behandlung überwies.

Wer ist gefährdet, eine Osteoporose zu bekommen?

Im Volksmund heißt es: “Die Osteoporose ist eine Erkrankung der alten Frauen.” Zwar sind Frauen nach den Wechseljahren stärker gefährdet, eine Osteoporose zu entwickeln, aber auch Männer können eine Osteoporose bekommen. Die Osteoporose-Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu, aber es gibt Risikofaktoren, die auch bei jüngeren Menschen geschlechtsunabhängig zu einer Knochendichteminderung führen können – und besonders zu einer verschlechterten Mikroarchitektur: eine “Erbkomponente”, viele Erkrankungen, Mangelernährung, Lebensstil-Faktoren und Medikamente.

Erkrankungen, die eine Osteoporose begünstigen, sind u. a. eine Schilddrüsenüberfunktion, entzündliches Gelenk- oder Wirbelsäulenrheuma, bestimmte Darmerkrankungen wie die Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), Herzschwäche, der Morbus Parkinson sowie gerade der Typ-1-Diabetes; aber auch Typ-2-Diabetiker bekommen vermehrt Osteoporose.

Lebensstilfaktoren: Mangelernährung, Rauchen & Co.

Eine Mangelernährung mit zu wenig Kalzium, Vitamin D oder auch Eiweiß kann ebenfalls zu Osteoporose führen; Kalzium hat einen wichtigen Anteil am Knochenmineralgehalt, und ein Mangel geht mit verringerter Knochendichte einher. Vitamin D ermöglicht die Kalzium-Aufnahme aus dem Darm und stärkt die Muskeln: Das ist sehr wichtig für die “schnellen” Muskelfasern – wegen der Sturzverhinderung.

Auch ein Mangel an Vitamin D, der gerade bei Menschen über 65 Jahren häufig zu beobachten ist, kann deshalb zu Osteoporose führen. Eiweiß ist nötig für die Zellneubildung und den Muskelaufbau. Starke Muskeln bedeuten starke Knochen, da diese durch Druck und Zug der Muskeln aufgebaut werden können.

Zu den Lebensstil-Faktoren, die eine Osteoporose begünstigen, zählen Rauchen, Untergewicht, hoher Alkoholkonsum, zu wenig Bewegung und Mangelernährung.

Auch Medikamente können eine Osteoporose begünstigen

Medikamente, die zu einer Osteoporose beitragen, sind u. a. Kortison (schon niedrige Dosierungen), viele Neuroleptika und Beruhigungsmittel (die auch die Sturzgefahr steigern), Magensäurehemmer sowie bestimmte blutzuckersenkende Medikamente (Antidiabetika).

Unsere Patientin Heide D. hat einen seit 45 Jahren bekannten Typ-1-Diabetes, raucht seit über 30 Jahren mindestens 15 Zigaretten pro Tag, ist mit 58 kg bei 169 cm sehr schlank und meidet Milch und Milchprodukte, weil sie diese nicht mag.

Wie kann ich feststellen, ob ich persönlich eine Osteoporose habe?

Der Arzt wird intensiv fragen nach Stürzen, Knochenbrüchen in der Vorgeschichte, familiärer Osteoporose-Häufung, Erkrankungen, Lebensstil und Medikamenten, die eine Osteoporose begünstigen. Die dann gesammelten Risikofaktoren werden zusammen mit dem Alter des Patienten in einem Risiko-Score ausgewertet.

Wer erhält eine Osteoporose-Diagnostik? Generell wird die Diagnostik durchgeführt bei Frauen und Männern ab dem 70. Lebensjahr – aufgrund des ab diesem Alter erhöhten Risikos für einen Knochenbruch. Auch Patienten mit einem bereits stattgehabten Osteoporose-typischen Knochenbruch erhalten eine entsprechende Osteoporose-Diagnostik. Bei jüngeren Patienten ohne Knochenbruch wird der Arzt anhand der oben beschriebenen Risikofaktoren über eine weitere Diagnostik entscheiden.

Heide D. wurde von uns befragt und untersucht. Dabei stellte sich zusätzlich heraus, dass ihre Mutter im Alter von 71 Jahren bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hatte, von dem sie sich nie richtig erholt hatte und 10 Monate später verstorben war. In Abstimmung mit der Patientin führten wir eine weitere Osteoporose-Diagnostik durch.

Osteoporose: die Diagnostik

Nach einer ausführlichen Befragung und Untersuchung (zum Beispiel der Wirbelsäule) werden weitere Untersuchungen veranlasst: Bei Schmerzen zum Beispiel an der Wirbelsäule können Röntgen-Untersuchungen der Wirbelsäule durchgeführt werden. Eine verminderte Knochendichte (ein zu niedriger Knochenmineralgehalt) lässt sich durch die Messung der Knochendichte (Osteodensitometrie; Methode: “DXA”) feststellen. Ist diese um einen bestimmten Betrag (T-Wert: unter -2,5) vermindert, ist eine Osteoporose anzunehmen.

Auch Patienten mit höherer Knochendichte können bei Vorliegen schwerwiegender Risikofaktoren eine Osteoporose entwickeln und benötigen gegebenenfalls eine Osteoporose-Therapie, da bei ihnen besonders Veränderungen der Mikroarchitektur vorliegen können.

Bei Heide D. wurde die Knochendichte in der DXA-Untersuchung mit einem T-Wert von -4 deutlich erniedrigt gemessen.

Eine Osteoporose kann man meist gut behandeln

Die Behandlung einer Osteoporose gelingt in den allermeisten Fällen gut. Der Knochen ist nämlich kein totes, nur mineralisches Gewebe, sondern es besteht an nahezu allen Stellen ein Knochenauf- und Knochenabbau durch zwei Zellarten, die ständig den Knochen umbauen. Überwiegt der Knochenabbau zum Beispiel im hohen Alter, bei viel zu geringer Bewegung, Rauchen oder auch Diabetes, wird eine Osteoporose entstehen.

Umgekehrt kann der Knochenaufbau gefördert werden – indem die Zellen des Knochenaufbaus gefördert werden durch Ernährung, Sport und Osteoporose-Medikamente oder eine Hemmung der Zellen des Knochenabbaus durch Osteoporose-Medikamente.

Ernährungsumstellung, Lebensstiländerung, Medikamente

Ist eine Osteoporose diagnostiziert, muss man sie auch effektiv und langfristig behandeln: Hierzu gehören eine Verbesserung der Ernährung und womöglich die Gabe von Kalzium, Vitamin D und Eiweiß sowie Lebensstil-Veränderung mit mehr Bewegung und Rauchverzicht. Bestehen Erkrankungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder natürlich ein Diabetes, müssen diese optimal behandelt werden. Medikamente sollten auf ihre Notwendigkeit überprüft und gegebenenfalls ersetzt werden.

Für die spezielle Osteoporose-Therapie gibt es verschiedene Medikamente, die den Knochenabbau hemmen bzw. den Knochenaufbau zusätzlich fördern. Hierzu wird Sie der osteologisch versierte Arzt beraten.

Unserer Patientin Heide D. geht es inzwischen deutlich besser; sie hat kaum noch Rückenschmerzen, hat das Rauchen aufgegeben und hat sich einer Diabetes-Sportgruppe angeschlossen. Ihren Kalzium-Bedarf deckt sie über das Trinken sehr kalziumreichen Mineralwassers. Als medikamentöse Therapie erhält sie Vitamin D sowie ein Medikament (das Bisphosphonat Ibandronsäure), das den Knochenabbau hemmt. Eine kürzlich durchgeführte Knochendichtemessung zeigte einen deutlich gebesserten T-Wert von -2,8.

Das Fazit

Osteoporose ist eine oft unterschätzte, schleichend verlaufende Erkrankung mit Verminderung der Knochendichte und verschlechterter Knochenqualität, die zu oft schweren Knochenbrüchen führt. Nicht nur Alter und weibliches Geschlecht, sondern auch viele Risikofaktoren wie der Diabetes mellitus, Rauchen oder zu wenig Bewegung tragen zur Ausbildung dieser Erkrankung bei. Eine Therapie ist möglich und wirkungsvoll, um (weitere) Knochenbrüche zu verhindern.

Schwerpunkt: „Diabetes und Osteoporose“


von Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek und Dr. med. Mechthild Lakomek

Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek ist Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie. Er war Direktor der Klinik für Rheumatologie, Physikalische Medizin und Geriatrie am Johannes Wesling Klinikum in Minden und ist Inhaber einer außerplanmäßigen Professur an der Universität Düsseldorf. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Rheumatologie, Geriatrie und interdisziplinären Versorgung älterer Menschen.

Dr. med. Mechthild Lakomek ist Fachärztin für Innere Medizin. Sie ist tätig als Lehrbeauftragte an der Klinik für Rheumatologie und Geriatrie des Johannes Wesling Klinikums Minden. Sie beschäftigt sich insbesondere mit der medizinischen Lehre, der Kommunikation im Arzt-Patienten-Verhältnis sowie mit Themen an der Schnittstelle von Diabetes, Osteoporose und Altersmedizin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (2) Seite 18-23

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Osteoporose: Wie kann ich selbst aktiv vorbeugen?
Rund 6 Mio. Menschen in Deutschland sind an einer Osteoporose erkrankt, jedes Jahr kommen 800.000 dazu. Wir selbst können einiges tun, damit unsere Knochen gesund bleiben: Schon in der Kindheit, in der die Knochensubstanz aufgebaut wird, beginnt die Vorsorge. Letztlich ist ein knochenfreundlicher Lebensstil aber eine lebenslange Aufgabe, die sich bis ins hohe Alter lohnt.

4 Minuten

Osteoporose-Risiko: Steckt Diabetes in den Knochen?
Als wäre der Diabetes allein nicht schon Belastung genug: Diabetiker erkranken häufiger an Osteoporose als Menschen ohne Diabetes. Glukosestoffwechsel auf der einen Seite und Knochenstoffwechsel auf der anderen Seite – lange Zeit stand ein Zusammenhang beider Erkrankungen nicht im Fokus. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben die Sichtweise verändert.

3 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂