Schwankungen des Blutzuckers durch Fettansammlungen?

4 Minuten

© Gennadiy Poznyakov - Fotolia
Schwankungen des Blutzuckers durch Fettansammlungen?

Wenn die Zuckerwerte stark schwanken, müssen Betroffene auf die Suche nach den Ursachen gehen. Eine mögliche Erklärung für schwankende Werte sind Lipo-Hypertrophien – Fettansammlungen, die durch eine nicht optimale Spritztechnik entstehen.

Ein Fall aus der Praxis

Ein typischer Fall ist der der 76-jährigen Frau Löwenbarth, die seit 18 Jahren Insulin spritzt. In letzter Zeit bemerkt sie immer wieder unerklärliche Schwankungen ihres Blutzuckers – mal hat sie extrem hohe Werte, mal sehr niedrige:

Als Frau Löwenbarth vom Hausarzt zum Diabetologen geschickt wird, bemerkt dessen Diabetesberaterin sofort die fast „monströsen Schwellungen“ rechts und links des Bauchnabels. Dies sind Fettgeschwülste, Lipo-Hypertrophien, die sich durch regelmäßiges Spritzen an von ihr bevorzugten Stellen entwickelt haben: Jetzt wirkt das Insulin nicht mehr gleichmäßig, denn es wird nicht mehr kontinuierlich aus diesen Stellen ins Blut abgegeben! Darüber hinaus hatte Frau Löwenbarth mit einer 12-mm-Nadel auch am Oberschenkel gespritzt – und damit wahrscheinlich öfter in den Muskel als ins Unterhautfettgewebe getroffen: Dort wirkt Insulin schneller, und es schmerzt!

Lipo-Atrophien und Lipo-Hypertrophien

Wer Insulin spritzt und jahrelang regelmäßig mal rechts, mal links vom Nabel oder auch am Oberschenkel Insulin spritzen muss (vor allem mit langen Nadeln (8 bis 12 mm), kann Lipo-Atrophien entwickeln (Abbau von Fettgewebe). Oder aber, was häufiger vorkommt, Fettansammlungen (Lipo-Hypertrophien). Häufig zeigen sich diese Fettansammlungen am Bauch (Hängebauch) oder als „Reithosen“ am Oberschenkel.

In Zeiten, in denen noch nicht hochgereinigte Humaninsuline eingesetzt wurden, kamen derartige Veränderungen noch sehr viel häufiger vor als heute. Aber sie sind einer der häufigsten Gründe für „oft unerklärliche Blutzuckerschwankungen“, da das Insulin in diese Stellen ungleichmäßig aufgenommen und damit auch ungleichmäßig ins Blut abgegeben wird. Wie stark das Insulin wirkt, wird unkalkulierbar.

Die Informationen aus diesem Newsletter-Beitrag stammen von Dr. Gerhard-W. Schmeisl. Dr. Schmeisl ist Internist und Diabetologe und arbeitet als Chefarzt an der Deegenbergklinik und an der Klinik Saale (beide in Bad Kissingen). Seit vielen Jahren betreut er im Diabetes-Journal den Diabetes-Kurs, der über grundlegende Themen rund um den Diabetes informiert.

Woraus die Fettansammlungen bestehen

Eine aktuelle Studie zeigt, dass Fettansammlungen ausschließlich aus Fettzellen bestehen. Bei ausgeprägten Fettansammlungen ist das Fett faserig und relativ arm an Blutgefäßen. Diese Fettzellen sind doppelt so groß wie normale Fettzellen und bestehen nur aus Fetttröpfchen. Werden diese Stellen als Spritzstellen für Insulin genutzt, führt das oft zu unerklärlichen Blutzuckerschwankungen.

Bei vielen Menschen mit Lipo-Hypertrophien zeigt sich, dass sich die Blutzuckerwerte rasch bessern, wenn sie in neue Stellen spritzen – insbesondere mit kurzen Nadeln s.c. (subkutan). Manchmal bessern sich die Werte so stark, dass die Insulindosis extrem reduziert werden kann – und sogar muss, denn sonst droht eine Unterzuckerung! Dies sollten Arzt und Patient unbedingt berücksichtigen, wenn auf neue Spritzstellen und vielleicht auch kürzere Nadeln umgestellt wird.

Welche Nadellänge ist richtig?

Die Haut ist in den Bereichen, in die Insulin gespritzt wird, etwa 2 mm dick – ganz egal, wie viel jemand wiegt, wie alt er ist und ob er ein Mann oder eine Frau ist.

Für die Nadellänge bedeutet dass, dass normal bzw. leicht übergewichtigen Menschen mit einer 4-mm-Nadel ohne Hautfalte sicher in das Unterhautfettgewebe stechen – also dorthin, wo das Insulin hingelangen soll. Mit einer 5-mm-Nadel kommt man ohne Falte bei sehr schlanken Personen oder Kindern oft schon zu tief – nämlich auf die Muskelfaszie oder in den Muskel selbst. Das kann wehtun und/oder bewirken, dass das gespritzte Insulin schneller wirkt. Mit einer 6-mm-Nadel ist man dann fast immer bereits auf der Muskelfaszie, mit einer 8-mm-Nadel bei schlanken Patienten meist schon im Muskel!

Übergewichtige Menschen, die am Bauch genug Fett haben, können weiterhin 8-mm-Nadeln verwenden, wenn sie damit bisher gut zurechtgekommen sind. Am Oberschenkel sollten 8-mm-Nadeln aber auch von Übergewichtigen nur noch dann verwendet werden, wenn sie eine Hautfalte bilden können und die Injektion schräg erfolgt. Andernfalls spritzt man hier regelmäßig in den Muskel und nicht ins Unterhautfettgewebe (subkutan). Die Folge: Das Insulin wirkt viel zu schnell, auch wenn Basalinsulin verwendet wird.

Der Injektionsort entscheidet

Studien haben gezeigt, dass Insulin je nach Injektionsort unterschiedlich schnell aus dem Unterhautfettgewebe aufgenommen (resorbiert) wird: Insulin wird besonders schnell aus dem Unterhautfettgewebe resorbiert, wenn es rechts oder links oder unterhalb des Nabels injiziert wird. Am schnellsten wirkt es jedoch bei Injektionen einige Zentimeter oberhalb des Nabels, am langsamsten bei Injektion seitlich am Oberschenkel – jeweils ins Unterhautfettgewebe.

Deshalb gilt:

  • Kurzzeit-Human- bzw. Kurzzeit-Analog-Insuline sollten grundsätzlich nur am Bauch injiziert werden – mit 4- bis 8-mm-Nadeln und immer subkutan (s.c.), also ins Unterhautfettgewebe.
  • Basale Humaninsuline sollen grundsätzlich am Oberschenkel s.c. gespritzt werden, in der Regel mit 4- bis 8-mm-Nadeln.
  • Auch das Langzeit-Analog-Insulin Levemir® soll am Oberschenkel s.c. gespritzt werden, ebenfalls mit 4- bis 8-mm-Nadeln. Levemir darf keinesfalls in den Muskel gespritzt werden, deshalb also unbedingt nur kurze Nadeln nehmen! Gelangt es in den Muskel, wirkt es wie ein schnellwirksames Insulin.
  • Insulin Glargin (Lantus®) kann am Oberschenkel und auch s.c. am Bauch gespritzt werden.
Das sollten Sie beachten, um Lipo-Atrophien oder Lipo-Hypertrophien zu vermeiden:
  • Die Injektionsstelle sollte regelmäßig gewechselt werden.
  • Sind Lipo-Hypertrophien entstanden, sollte in diese Stellen kein Insulin mehr gespritzt werden.
  • Die Bereiche, in die das Insulin injiziert wird (Injektionsareale), sollten regelmäßig kontrolliert werden. Dazu reicht es nicht, sie nur anzusehen – die Stellen sollten auch betastet werden.
  • Wer sich nicht mehr sicher ist, in welcher Weise die Spritzstellen am besten gewechselt werden, sollte es sich noch einmal erklären lassen (evtl. erneute Schulung).
  • Nach jeder Injektion muss die Nadel gewechselt werden! Injektionsnadeln sind Einmalartikel, die bei mehrmaligem Gebrauch das Gewebe verletzen können!

Redaktion Diabetes
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-online.de

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Forschungsprojekt untersucht Dipeptide bei Diabetes: Bieten Eiweißbausteine Schutz vor Gefäß- und Nierenschäden?
Die beiden Forschenden Professorin Dr. Verena Peters und Professor Dr. Claus P. Schmitt stehen in weißen Laborkitteln vor einem Computer-Bildschirm und betrachten gemeinsam die Darstellung einer mikroskopischen Zellaufnahme; Prof. Schmidt zeigt auf den Monitor, während Prof. Peters die Maus bedient.

3 Minuten

Medikamente zum Abnehmen: Adipositas-Gesellschaft fordert klare Kriterien für Versorgung und Abrechnung
Die Debatte um die Medikamente zum Abnehmen aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten braucht laut Deutscher Adipositas-Gesellschaft mehr als ein Fokus auf die Kostenfrage: Die Fachgesellschaft fordert evidenzbasierte Kriterien, multimodale Therapien und einen verlässlichen Zugang für klar definierte Patientengruppen. Zugleich drängt sie auf den Ausbau des DMP Adipositas.
Medikamente zum Abnehmen: Adipositas-Gesellschaft fordert klare Kriterien für Versorgung und Abrechnung | Foto: Andreas Prott – stock.adobe.com

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 4 Wochen

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße