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Diabetes-Subtypen: Weg zur Präzisionsmedizin?
3 Minuten
Die Einteilung von Diabetes mellitus in Typ 1, Typ 2, Typ 3 sowie Schwangerschaftsdiabetes beschreibt das Krankheitsbild nur unzureichend. Forschende haben verschiedene Subtypen mit unterschiedlichem Risiko für Folgeerkrankungen entdeckt. Damit könnte es gelingen, Menschen mit Diabetes künftig individueller denn je zu behandeln: ein zentrales Thema am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).
Diabetes ist eine Krankheit, die recht unterschiedlich verlaufen kann. Manche Menschen mit Diabetes haben nur wenige Beschwerden. Andere hingegen bekommen zusätzlich zur Stoffwechselstörung Probleme mit Augen, Leber, Nieren, Herz und Kreislauf oder entwickeln Taubheits-Gefühle in Füßen und Händen. Dementsprechend benötigt nicht jeder Mensch mit Diabetes die gleiche Behandlung. Während einige gut auf eine Umstellung der Ernährung sowie mehr Bewegung ansprechen, benötigen andere Medikamente und Insulin.
Subgruppen bei Prädiabetes
Auch bei der Vorstufe von Diabetes gilt: Prädiabetes ist nicht gleich Prädiabetes. Das haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung gezeigt. Sie fanden anhand routinemäßig erhobener Daten sechs klar abgrenzbare Cluster, also Gruppen, die sich in dem Entstehen des Diabetes, dem Risiko für Diabetes und der Entwicklung von Folgeerkrankungen teilweise stark unterscheiden.
Subtypen des Diabetes verdeutlichen Komplexität
Die Erkrankung Diabetes ist sehr viel komplexer, als es die klassische Einteilung vermuten lässt. Im Jahr 2018 schlug daher ein schwedisch-finnisches Forschungsteam die Unterscheidung des im Erwachsenenalter auftretenden Diabetes in fünf Subgruppen vor. Diese spiegeln die vielfältigen Ursachen erhöhter Blutzuckerwerte wider und könnten theoretisch eine individuellere Behandlung ermöglichen. Zudem kann dadurch das Risiko für bestimmte Folgeerkrankungen genauer beurteilt werden und ein gezieltes Vorbeugen wird möglich.
Mit der Analyse-Methode aus Schweden untersuchten Forschende des DZD die Daten von 1105 Menschen, die an der Deutschen Diabetes-Studie (German Diabetes Study, GDS) teilnehmen. Dadurch konnten sie verschiedene Subtypen des Diabetes und deren Risiken für Folgeerkrankungen wie Fettleber und Schäden an Augen, Nerven oder Nieren feststellen. Die Deutsche Diabetes-Studie wird an acht Studienzentren in Deutschland durchgeführt und begleitet Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, um die Entwicklung der Krankheit über eine lange Zeit zu beobachten.
Subtypen in der Deutschen Diabetes-Studie
1. milder Adipositas-bedingter Diabetes (mild obesity-related diabetes, MOD):
- 35 Prozent der Menschen in der Studie hatten diesen Subtyp.
- Er tritt oft bei übergewichtigen Menschen auf.
- Der Krankheitsverlauf ist meistens nicht so schwer.
2. milder Alters-bedingter Diabetes (mild age-related diabetes, MARD):
- 29 Prozent der Menschen in der Studie hatten diesen Subtyp.
- Er tritt vor allem bei älteren Menschen auf.
- Auch hier ist der Krankheitsverlauf oft weniger schwer.
3. schwerer Insulin-defizienter Diabetes (severe insulin-deficient diabetes, SIDD):
- 3 Prozent der Menschen in der Studie hatten diesen Subtyp.
- Netzhautschäden und Taubheits-Gefühle an Händen und Füßen können auftreten.
4. schwerer Insulin-resistenter Diabetes (severe insulin-resistant diabetes, SIRD):
- 11 Prozent der Menschen in der Studie hatten diesen Subtyp.
- Es besteht ein höheres Risiko für Nieren- und Lebererkrankungen.
5. schwerer Autoimmun-Diabetes (severe autoimmune diabetes, SAID):
- 22 Prozent der Menschen in der Studie hatten diesen Subtyp.
- Dieser Subtyp entspricht dem klassischen Typ-1-Diabetes.
- Es treten häufiger Komplikationen mit schwererem Verlauf auf.
Neue Studie zeigt die Vielfalt des Typ-2-Diabetes
Nun hat ein Team des DZD einen neuen Algorithmus, also ein neues mathematisches Verfahren, genutzt, um noch besser zu verstehen, wie unterschiedlich Typ-2-Diabetes sein kann. Mit dem neuen Verfahren lässt sich einfach darstellen, wie empfindlich Menschen auf Insulin reagieren, wie viel Insulin sie selbst produzieren, wie ihr Körperfett verteilt ist und ob sie dazu neigen, ständig Entzündungen im Körper zu haben. So lassen sich verschiedene Formen des Typ-2-Diabetes darstellen, wie die Abbildung auf der Seite rechts oben anhand von drei Personen zeigt. Dafür werden nur Messwerte benötigt, die routinemäßig beim Arzt erhoben werden können.
Deutsche Diabetes-Studie
An der Deutschen Diabetes-Studie (GDS) können Menschen mit einem neu festgestellten Diabetes teilnehmen. Ziel der Studie ist, frühzeitig Anzeichen für verschiedene Formen von Diabetes zu finden. Dadurch sollen neue Methoden für Behandlung und Vorsorge entwickelt werden, um Folgeerkrankungen zu verhindern. Auch der Einfluss der Gene auf den Verlauf der Krankheit wird untersucht.Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie erhalten kostenlos die Möglichkeit, frühzeitig Anzeichen von Diabetes-bedingten Schäden an Nerven, Blutgefäßen und der Netzhaut der Augen zu erkennen.
Weitere Informationen finden Sie auf der DZD-Website
Erkenntnisse lassen sich im Alltag praktisch anwenden
“Die Ergebnisse der Studie haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Typ-2-Diabetes verstehen und behandeln, zu verändern”, erläutert Prof. Dr. Robert Wagner. Der DZD-Forscher leitet das Klinische Studienzentrum am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf und ist stellvertretender Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik Düsseldorf.
“Es existiert bereits ein Online-Tool, das hilft, die verschiedenen Typen von Typ-2-Diabetes zu erkennen”, führt Wagner weiter aus. Dieses Tool ist einfach zu benutzen und könnte als Vorlage für genauere Ansätze bei der Therapie dienen. Allerdings müssen klinische Studien noch bestätigen, ob Behandlungen, die mit diesen Werkzeugen der Präzisionsmedizin gesteuert werden, tatsächlich Vorteile bringen.
Präzise Behandlung in der Zukunft
In den vergangenen Jahren haben DZD-Forschende viel darüber herausgefunden, wie man Diabetes in verschiedene Gruppen unterteilen kann. Nun wird daran gearbeitet, diese Erkenntnisse weiter zu verbessern, um in Zukunft eine präzisere Behandlung zu ermöglichen. Durch die Einteilung in Untergruppen sollen neue Ansätze zur Vorbeugung und Behandlung schneller entwickelt werden, um Hochrisikogruppen gezielt zu behandeln.
Schwerpunkt „Forschung für präzisere Behandlung“
- Diabetes-Subtypen: Weg zur Präzisionsmedizin?
- Frau – Mann? Unterschiede auch bei Diabetes
- Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bei Diabetes ans Herz denken!
- Studien: Lösen Viren Typ-1-Diabetes aus?
von Birgit Niesing
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2024; 73 (8) Seite 20-21
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stephanie-haack postete ein Update vor 4 Tagen, 19 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 4 Tagen, 21 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 4 Tagen, 19 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
