- Eltern und Kind
Deutschland – USA
4 Minuten
Die Behandlung von Kleinkindern mit Typ-1-Diabetes ist eine besondere Herausforderung, sowohl für die Eltern als auch für das Diabetesteam. Ein aktueller Vergleich mit den USA zeigt das hohe Niveau der medizinischen Versorgung in Deutschland und Österreich.
Die passende medizinische Behandlung von sehr kleinen Kindern unter sechs Jahren stellt die Eltern und das betreuende Diabetesteam vor große Herausforderungen. Zum einen ist besondere Aufmerksamkeit gefragt, weil Kinder in dieser Altersgruppe häufig unregelmäßig essen, zwischendurch herumtoben und die typischen Anzeichen für Unterzuckerungen noch nicht zuverlässig mitteilen können. Zum anderen muss die Entscheidung getroffen werden, welche Insulintherapie eingesetzt wird, um die sehr kleinen Insulindosen an den Bedarf des Kindes anzupassen.
In Deutschland hat sich für Vorschulkinder in den letzten Jahren die Pumpentherapie mehr und mehr durchgesetzt.
Diabetesregister
Interessant ist daher auch der Blick in andere Länder: Welche Therapie setzt man dort bevorzugt ein? Welche Unterschiede gibt es bei der Behandlung und Betreuung von Kleinkindern mit Typ-1-Diabetes?
In Deutschland und Österreich gibt es sehr verlässliche Daten über die aktuelle medizinische Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes. Seit 1995 werden durch die Initiative der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV), die an der Universität Ulm entwickelt wurde, bundesweite Daten zur medizinischen Behandlung sowie zu Therapieergebnissen – anonym erfasst. Die mehr als 400 an der DPV-Initiative teilnehmenden Diabeteszentren (Abbildung links, linke Hälfte) ermöglichen so ein genaues Bild der Situation von über 90 Prozent aller deutschen und über 70 Prozent aller österreichischen Patienten mit Typ-1-Diabetes unter 18 Jahren.
In den USA werden vergleichbare Daten seit September 2010 im Rahmen des Diabetesregisters T1D Exchange (T1DX) gesammelt. 70 pädiatrische und endokrinologische Praxen verteilt über die USA nehmen an dieser Initiative teil (Abbildung links, rechte Hälte). Ziel beider Initiativen ist es, die Behandlung von Kindern zu verbessern.
Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie
Auf der Basis der beiden Diabetesregister wurde nun untersucht, inwiefern sich die Behandlung und Betreuung von Kindern unter sechs Jahren zwischen Deutschland und Österreich auf der einen Seite und den USA auf der anderen Seite unterscheiden. Insgesamt werteten Wissenschaftler dazu die Daten von 1 948 Kindern aus Deutschland/Österreich und 674 Kindern aus den USA aus.
Therapieform
Deutsche und österreichische Kinder verwendeten deutlich häufiger die Insulinpumpe als US-amerikanische (74 Prozent im Vergleich zu 50 Prozent). Auch Blutzucker-Selbstmessungen wurden hier etwas häufiger durchgeführt als in den USA (im Mittel 8 im Vergleich zu 7 Messungen pro Tag).
Stoffwechseleinstellung: HbA1c und Unterzuckerungen
Eine gute Stoffwechseleinstellung zeigt sich in möglichst normnahen HbA1c-Werten und darin, dass akute Stoffwechselentgleisungen, wie schwere Unterzuckerungen (Bewusstlosigkeit) und diabetische Ketoazidosen, weitgehend fehlen.
Insgesamt waren die HbA1c-Werte in Deutschland/Österreich niedriger als in den USA (Abbildung auf dieser Seite). Interessantes Detail: Während es bei uns keinen Unterschied zwischen den beiden Therapieformen gab, hatten die US-amerikanischen Spritzenpatienten schlechtere HbA1c-Werte als die Pumpenpatienten. Der Anteil der Kinder mit mindestens einer schweren Unterzuckerung in den vergangenen zwölf Monaten war in beiden Diabetesregistern ähnlich hoch. Diabetische Ketoazidosen traten bei den deutschen und österreichischen Kindern nur halb so häufig auf wie bei den amerikanischen Kindern: drei Prozent im Vergleich zu sechs Prozent. Für beide Diabetesregister galt: Kinder mit höheren HbA1c-Werten hatten häufiger eine diabetische Ketoazidose. Die Zahl der schweren Unterzuckerungen war dagegen nicht von der Höhe des HbA1c-Wertes abhängig.
Was kann man aus der Studie lernen?
Insgesamt ist der Stoffwechsel deutscher und österreichischer Kinder unter sechs Jahren gut eingestellt. Die niedrigeren HbA1c-Werte als in den USA lassen sich damit erklären, dass hierzulande gemäß den Empfehlungen der Internationalen Kinderdiabetesgesellschaft (ISPAD) ein HbA1c-Wert unter 7,5 Prozent angestrebt wird, während die amerikanische Diabetesorganisation (ADA) bis vor kurzem für Kinder unter sechs Jahren einen HbA1c-Wert von weniger als 8,5 Prozent empfahl. Dies wurde stets mit der Sorge vor vermehrt auftretenden Unterzuckerungen begründet. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der hier vorgestellten Vergleichsstudie ist daher, dass in Deutschland und Österreich trotz der niedrigeren HbA1c-Werte nicht mehr schwere Unterzuckerungen auftraten als in den USA. Zeitgleich zeigen neuere Forschungen, dass länger andauernde hohe Blutzuckerwerte – Hyperglykämien – nicht nur bei Erwachsenen, sondern bereits bei jungen Kindern das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen können. Konsequenterweise hat die ADA daher im Juni dieses Jahres die HbA1c-Richtlinie für Kleinkinder von 8,5 Prozent auf ebenfalls 7,5 Prozent gesenkt. Für Kinder, die in Deutschland und Österreich betreut werden, ändert sich also nichts.
Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass in Deutschland und Österreich Insulinpumpen bei Kleinkindern stärker verbreitet sind als in den USA. Weitere Untersuchungen haben ergeben, dass sich dieses Verhältnis bei älteren Kindern und Jugendlichen umkehrt: So verwenden in Deutschland und Österreich beispielsweise 43 Prozent der Kinder mit Typ-1-Diabetes im Alter zwischen zehn und 14 Jahren eine Insulinpumpe, während es in den USA 60 Prozent sind.
Insulinpumpe oder Pen?
Letztendlich hängt die Entscheidung, ob Insulinpumpe oder Insulinpen, von den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes und der Eltern ab. Gemäß den Daten aus dem DPV-Register bieten beide Methoden eine Diabetesbehandlung auf international hohem Niveau.
Fazit
Kleinkinder mit Typ-1-Diabetes erhalten in Deutschland und Österreich eine Behandlung auf hohem Niveau. Der internationale Vergleich zeigt eine bessere Stoffwechseleinstellung mit niedrigeren HbA1c-Werten und weniger diabetischen Ketoazidosen als in den USA. Die Insulinpumpentherapie ist in der Altersgruppe der unter Sechsjährigen hier weiter verbreitet als in den USA.
Für die gesamte Autorengruppe: D. M. Maahs, J. M. Hermann, S. N. DuBose, K. M. Miller, B. Heidtmann, L. A. DiMeglio, B. Rami-Merhar, Roy W. Beck, E. Schober, W. V. Tamborlane, T. M. Kapellen, R. W. Holl:
von Julia Hermann
Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie, Universität Ulm
Kontakt:
E-Mail: julia.hermann@uni-ulm.de
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2014; 7 (4) Seite 18-20
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aus der Community
3 Minuten
- Begleit-Erkrankungen
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
stephanie-haack postete ein Update vor 3 Tagen, 16 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 3 Tagen, 18 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 3 Tagen, 16 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-
-
moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
