- Ernährung
Beschränkung für Werbung: Duell der Faktenchecks
3 Minuten

Seit Bundesernährungsminister Cem Özdemir Ende Februar seinen Gesetzentwurf für die Beschränkung an Kinder gerichteter Werbung für ungesunde Lebensmittel vorgelegt hat, wird um das Für und Wider der Regelung gerungen. Beide Seiten haben nun Faktenchecks vorgelegt, mit denen sie die Argumente der anderen widerlegen wollen.
Für die einen ist es ein Meilenstein, für die anderen die Diffamierung einer ganzen Branche. Der am 27. Februar vorgelegte Entwurf eines “Gesetzes zum Schutz von Kindern vor Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt (Kinder-Lebensmittel-Werbegesetz – KWG)” spaltet entlang klarer Linien.
Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und Foodwatch loben den Gesetzentwurf, erfüllt er doch quasi alle Forderungen, die die Organisationen über lange Zeit engagiert erhoben haben. Die betroffene Industrie, von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) über den Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie bis zum Verband Privater Medien (VAUNET), kritisiert die geplanten Maßnahmen als rein symbolisch, nicht zielführend und gefährlich für die eigenen Unternehmen.
Jede Seite beansprucht die Fakten für sich
Bei den ersten Stellungnahmen der Interessenverbände ist es nicht geblieben. Die BVE startete Ende März eine Website unter dem programmatischen Titel “lieber-mündig.de“. Diese wurde begleitet von einer Anzeigenkampagne in auflagen- und meinungsstarken Tageszeitungen. Den dort aufgeführten Argumenten gegen die von Özdemir geplanten Werbebeschränkungen begegnete DANK Anfang April mit einem Faktencheck.
Und der wiederum wurde von der BVE mit einem Gegen-Faktencheck beantwortet. Wenn man wohlwollend ist, kann man sagen, dass hier zumindest keine Politik im Hinterzimmer gemacht wird. Vielmehr sind ganz transparent zwei konträre Meinungen in den Wettstreit eingetreten – Ausgang offen.
Das Faktencheck-Duell im Detail
Ein Argument der Lebensmittelindustrie ist, dass zu den vorgeschlagenen Maßnahmen keine Wirksamkeitsstudien vorliegen. “Es gibt zwar Untersuchungen, wonach sich das Kaufverhalten bestimmter Produkte durch Werbeverbote verschoben hat bzw. gesunken ist. Allerdings sagt das Kaufverhalten noch nichts über die Übergewichtsentwicklung aus, die als Zielgröße für die Maßnahme ‚Werberestriktionen‘ genannt wird. (…) Außerdem gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit der Werbebeschränkungen auf die Gesamternährung und die Entwicklung von kindlichem Übergewicht”, heißt es auf lieber-mündig.de.
DANK nennt diese Argumentation irreführend, denn die Auswirkungen von Werberegulierungen auf das Kaufverhalten seien gut dokumentiert. Eine weltweite Studie, die die Junkfood-Verkaufszahlen aus 79 Staaten mit verbindlichen Werbebeschränkungen, freiwilligen Selbstverpflichtungen und ohne Werbebeschränkung vergleicht, zeige: In den 16 Ländern mit gesetzlichen Werbebeschränkungen war der Junkfood-Verkauf im Zeitraum 2002 bis 2016 um 8,9 Prozent gesunken. In den 30 Ländern ohne Werbebeschränkungen war er hingegen um 13,9 Prozent. In Ländern mit freiwilligen Selbstverpflichtungen war ein Anstieg um 1,7 Prozent zu beobachten. Dass noch keine belastbaren Untersuchungen der Auswirkung auf die Entwicklung von kindlichem Übergewicht existieren, sei nicht anders zu erwarten.
„Schwache wissenschaftliche Evidenz“?
Zum einen seien die einzigen ähnlich umfassenden gesetzlichen Regelungen in Chile und Portugal erst vor wenigen Jahren in Kraft getreten. Zum anderen seien belastbare epidemiologische Messungen zur Entwicklung des Gewichtsstatus bei Kindern und Jugendlichen sehr aufwendig und würden oft nur etwa zehnjährlich erhoben. Genau auf diesen Umstand bezog sich die BVE in ihrem Gegen-Faktencheck und konstatierte eine “schwache wissenschaftliche Evidenz”. Es sei “politisch fragwürdig und nicht verhältnismäßig”, auf dieser Wissensbasis die geplanten Einschränkungen beschließen zu wollen.
Ein anderes Industrie-Argument ist, dass der Gesetzentwurf auf ein fast generelles Werbeverbot für Lebensmittel hinauslaufe, nicht etwa nur für “Junkfood”. In der Anzeigenkampagne der BVE ist plakativ von “Cem Özdemirs Verbotskatalog” die Rede. Auf lieber-mündig.de abgebildet werden Lebensmittel, für die nicht mehr geworben werden dürfe.
Im Faktencheck von DANK werden die genannten Lebensmittel im Detail analysiert, bei den meisten ist das Fazit, dass von einem kategorischen Werbeverbot keine Rede sein könne, sondern vielmehr die gemäß den WHO-Nährwertprofilen ungesunden Vertreter der Produktgruppe nicht mehr im für Kinder zugänglichen Umfeld beworben werden dürften, die gesundheitlich unbedenklichen dagegen schon.
Tabaklobby-Startegie?
Özdemir hatte schon bei Vorstellung des Entwurfs herausgestellt: “Werbetreibende können auch weiterhin gegenüber Kindern für Lebensmittel werben, die keinen zu hohen Gehalt an Zucker, Fett oder Salz haben. Und genau dahin sollte der Trend gehen: Weniger ist mehr! Wir setzen auf die Bereitschaft der Lebensmittelwirtschaft, Rezepturen zu verbessern.” DANK gestand ein, dass zum Beispiel verarbeitetes Fleisch und Schinkenwurst oder Laugengebäck die WHO-Kriterien in der Regel nicht einhalten und vom Werbeverbot betroffen wären. Dies sei aber ernährungsphysiologisch gut begründbar und spreche für die Validität des Modells.
In seiner Replik bezeichnete die BVE Abweichungen der Nährwerte einzelner Lebensmittel nach oben oder unten als selbstverständlich und “in der wunderbaren Lebensmittelvielfalt begründet, die wir hierzulande zu bieten haben”. Jeder Verbraucher könne anhand der Nährwerttabelle ablesen, wie viel Zucker, Salz und Fett genau in einem Produkt enthalten sind …
DANK kritisiert die Lieber-Mündig-Kampagne der BVE gegen eine Beschränkung der Lebensmittelwerbung als “irreführend auf allen Ebenen”. Die Ernährungsindustrie bediene sich eins zu eins der Strategien der Tabaklobby, so das Bündnis. “Mit ihrer Kampagne versucht die Ernährungsindustrie, das Problem zu verharmlosen, Zweifel an den Gegenmaßnahmen zu säen und Verantwortung auf andere abzulenken”, moniert DANK-Sprecherin Barbara Bitzer.
von Marcus Sefrin
Marcus Sefrin ist Fachjournalist mit Schwerpunkt Medizin und Diabetes. Er war tätig als Chefredakteur der Fachzeitschrift DiabetesNews, produziert Fachtexte, Kongressberichte, Produktmonografien und begleitet Diabetes-Kongresse national und international.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (6) Seite 50-51
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Ernährung

3 Minuten
- Ernährung

3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Tagen, 19 Stunden
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]
schubidu postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche, 6 Tagen
Hallo zusammen,
ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!- calvin240 antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.
- uho1 antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
@calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!
- calvin240 antwortete vor 1 Woche, 5 Tagen
@uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
Liebe Grüße
stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/




