Schwerstarbeit Gewichtsreduktion – Schritt für Schritt

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Schwerstarbeit Gewichtsreduktion – Schritt für Schritt

Ist Abnehmen tatsächlich solch ein schwieriges Unterfangen? Wer aufgibt, Auswahl und Menge der Lebensmittel dem Energieverbrauch anzupassen, wird früher oder später auch einen wesentlichen Teil seiner eigenen Gesundheit aufgeben. Besser ist es, die Verantwortung für den eigenen Körper wieder selbst in die Hand zu nehmen. Unmöglich ist Abnehmen nicht, aber mit Arbeit verbunden. Dazu finden Sie hier ein Fünf-Schritte-­Programm, das Ihnen dabei helfen kann.

Regelmäßig nimmt Sabine M. Beratungsgespräche bei ihrer Diabetologin wahr. Schließlich möchte sie sich trotz der bestehenden Erkrankungen – Adipositas (extremes Übergewicht), Typ-2-Diabetes, Fettleber und Bluthochdruck – möglichst fit fühlen. Bei der routinemäßigen Verlaufskontrolle zeigte sich der HbA1c-Wert (Langzeitzuckerwert) deutlich höher als im vorhergehenden Quartal.

Zunächst war keine klare Ursache erkennbar, denn Sabine M. hatte ihre Insulindosis exakt nach Plan injiziert. Als die Diabetesberaterin das Körpergewicht ermittelte, zeigte die Waage jedoch 4 Kilogramm mehr an als beim letzten Mal. Das Insulin konnte durch die Gewichtszunahme nicht mehr so gut wirken.

Schon ein paar Kilos weniger helfen

Jetzt war es höchste Zeit, abzunehmen – nur wie? All die bisherigen Versuche hatten nur eine kurzfristige Wirkung. Sabine M. hatte einiges ausprobiert: von Low-Fat über Low-Carb, Punktezählen und Diätprogramme aus Frauen­zeit­schriften – doch leider ohne anhaltenden Erfolg. Im Gespräch mit ihrer Diabetesberaterin wurde ihr bewusst, dass sie eine Dauer­lösung für das Gewichtsproblem brauchen würde. Die Beraterin hatte ihr zuvor erklärt, dass ihr Gewicht weiter ansteigen würde, sobald sie nicht mehr darauf achtete, was und wie viel sie täglich esse und sich bewege.

Das hänge auch mit dem Alter zusammen, denn Sabine M. befindet sich mit ihren 55 Jahren mitten in den Wechseljahren. In diesem Moment wurde der Mitfünfzigerin bewusst, dass sie ihr ganzes weiteres Leben auf ihr Gewicht achten muss. Früher hatte sie nach dem Erreichen des Zielgewichts häufig den Blick auf die Waage verloren – die Folge war ein Jo-Jo-Effekt.

Ein Plan zur Gewichtsabnahme muss her

Leider gibt es kein Patentrezept. Sämtliche Abnehmprogramme haben jedoch die Kalorienreduktion zum Ziel. Irgendwo muss eingespart oder mehr verbraucht werden, sonst geht der Körper nicht an seine Fettreserven. Die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Gewichtsmanagement ist die Überzeugung, etwas so Schwieriges wie eine Gewichtsreduktion zu meistern. Sich einem qualifizierten Gewichtsreduktionsprogramm anzuschließen, ist sinnvoll. Hindernisse, wie zu viel Stress oder Frust, müssen zuvor aus dem Weg geräumt werden. Denn so lässt sich die erforderliche Kraft für die nötigen Veränderungen einsetzen.

Gewichtsreduktion in 5 Schritten:
  1. Insulinspiegel niedrig halten
  2. Blutzucker-Eskapaden verhindern
  3. sich mehr bewegen
  4. sich der Macht der Gewohnheiten ­bewusst werden
  5. Erfolge kontrollieren

Formula-Diäten sind von den Fachgesellschaften mittlerweile anerkannt und können den Einstieg deutlich erleichtern. Allerdings sollten diese immer in ein Therapiekonzept mit regelmäßigen Gewichtskontrollen eingebunden sein (siehe auch Seite 14). Zudem braucht es ein konkretes Zielgewicht. Denn wer nicht weiß, wohin er will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt.

Erster Schritt: Anstreben einer niedrigen Insulinkonzentration

Eine hohe Insulinkonzentration im Körper ist für den Körper ein Signal, Fett aufzubauen. Schließlich steigt der Insulinbedarf nach dem Essen an, um die Glukose aus den verzehrten Kohlenhydraten zu verarbeiten. Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Bauchspeicheldrüse das Insulin noch selbst produziert oder dieses von außen gespritzt wird. Das Insulin hilft auch bei Sport, die Glukose als „Muskelbenzin“ zu verbrennen, aber nur bei ausreichender Intensität. Bei Inaktivität leitet es die Glukose zur Leber, die damit zuerst ihre Glukosespeicher füllt – sind diese voll, wird aus der Glukose Fett gebildet. Das sicherte früher das Überleben, heute macht es jedoch zunehmend die Menschen krank.

Zweiter Schritt: Verhindern von starken Blutzuckeranstiegen

Um den ersten Schritt zu erreichen, braucht es eine Ernährung mit möglichst niedrigem Anteil an Kohlenhydraten. Nur so müssen die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse weniger arbeiten beziehungsweise lässt sich die zu spritzende Insulindosis reduzieren. Insbesondere Nudeln, Reis, Kartoffeln, Obst oder Brot sorgen neben Süßem für hohe Glukosewerte. Inzwischen gibt es zahlreiche schmackhafte Low-Carb-Brot­sorten und Nudeln aus Leinsamenmehl mit bis zu 80 Prozent weniger Kohlenhydraten. Sogar Kartoffelsorten mit 30 Prozent weniger Stärke können dazu beitragen, einen besseren Zuckerverlauf zu erreichen.

Bei Obst kommt es neben der Portionsgröße und dem Reifegrad vor allem auf die Sorte an. Beeren schneiden besonders günstig ab. Auch kleine Mengen Zitrusfrüchte werden meist gut toleriert. Zum Naschen und Knabbern eignen sich Zartbitterschokolade mit mehr als 80 Prozent Kakaoanteil und kleine Portionen zum Beispiel von Nüssen (etwa 30 Gramm). Ob die verzehrte Menge Kohlenhydrate adäquat war, zeigt der Blutzuckerwert etwa zwei Stunden nach der Mahlzeit. Werte unter 140 mg/dl (7,8 mmol/l) sind ein Zeichen für eine gute Nahrungsmittelwahl.

Dritter Schritt: Mehr Bewegung

Handeln ist die Voraussetzung, um Änderungen zu bewerkstelligen. Der bloße Vorsatz reicht nicht aus. Ohne zusätzliche körperliche Aktivität wird Abnehmen längerfristig nur schwer gelingen. Zudem verbessert Sport die Körperform und strafft das Bindegewebe. Hierbei ist es wichtig, eine passende Herzfrequenz zu erzielen – die Belastungsintensität sollte vorab am besten ärztlich abgeklärt werden. Ist die Pulsfrequenz zu niedrig, wird sich der Zeiger auf der Waage kaum zu kleineren Zahlen bewegen. Steigt der Puls bei Überlastung zu stark an, stoppt der Körper die Fettverbrennung und es entstehen häufig Heißhunger-Attacken. Sinnvoll ist, die Herzfrequenz durch einen Pulsmesser zu überprüfen.

Vierter Schritt: Alte Gewohnheiten ­überdenken

Am bisherigen Verhalten etwas zu verändern, gehört mit zu den größten Hürden beim Abnehmen. Hierbei ist es erforderlich, sich erst einmal bewusst zu werden, welche Gewohnheiten dick machen. Ein schwieriges Unterfangen, denn wer sieht diesen Tatsachen schon gern ins Auge? Weiters braucht es Mittel, sich dickmachende Angewohnheiten wieder abzutrainieren. Aber auch, wenn beispielsweise die ersten Tassen Kaffee ohne Zucker bitter schmecken, lässt sich der süße Geschmack doch nach und nach reduzieren – wer regelmäßig Kaffee ohne Zucker trinkt, für den schmeckt gesüßter Kaffee plötzlich ungenießbar. Alte Gewohnheiten lassen sich nur durch kontinuierliche Übung von neuen Verhaltensweisen ändern.

Fünfter Schritt: Erfolgskontrolle

Regelmäßiges Wiegen dient der Verlaufskontrolle. Es zeigt, ob die Maßnahmen ausreichen. Sich nicht mehr zu wiegen, ist, wie mit der Kreditkarte einzukaufen, ohne den Konto­stand zu prüfen. Hilfreich ist es, den Gewichtsverlauf in einem Kalender zu dokumentieren – ohne Wenn und Aber. So gelingt es leichter, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen, wenn sich das Gewicht in die falsche Richtung entwickelt.

Wieder leistungsfähiger zu werden oder beim Shoppen eine Kleidergröße kleiner auszuwählen, sind Anerkennung für die gesetzten Schritte. Die verbesserten Laborwerte unterstreichen den Erfolg. Hinzu kommt, dass man sich körperlich und auch seelisch meistens besser und belastbarer fühlt.

Erreichbare Ziele setzen und umsetzen

Planen Sie lieber kleine Schritte in der Realität als allzu große in der Fantasie. Nichts wirkt demotivierender als nicht erreichte Ziele. Ein sinnvolles Ziel ist eine Abnahme um etwa 10 Prozent vom Ausgangsgewicht. Sabine M. sollte bei einem Gewicht von 117 Kilogramm demnach etwa 12 Kilogramm abnehmen. Ein Zeitraum von einem halben Jahr ist hier rea­listisch. Durch die anfängliche Auswahl an Lebensmitteln mit geringen Kohlenhydratgehalten kann sie die Insulindosis deutlich reduzieren. Dadurch gelingt Sabine M. die Gewichtsreduk­tion leichter und das Risiko für Unterzuckerungen reduziert sich.

Einfach ist eine Gewichtsreduktion nie. Stellen Sie am besten selbst fest, ob sich der Aufwand lohnt. Wir sind der Meinung: Ja!


von Helmut Nussbaumer MSc.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (2) Seite 20-22

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  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

  • sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
    Liebe Grüße
    Sayuri

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