Wie man auch ohne Pumpe einen verzögerten Bolus spritzen kann

4 Minuten

Community-Beitrag
Wie man auch ohne Pumpe einen verzögerten Bolus spritzen kann
Eines vorweg: Ich weiß um die vielen Vorteile, die eine Pumpentherapie im Alltag haben kann. Von wegen besseres Feintuning, mehr Flexibilität mit verschiedenen Basalraten, diskrete Bolusgabe in der Öffentlichkeit etc. Mich persönlich reizt eine Insulinpumpe derzeit trotzdem nicht. Ich habe mich mit meinem FreeStyle-Libre-Sensor angefreundet und empfinde ihn nicht als störend, doch ein weiteres (und doch noch um einiges größeres) Gerät am Körper zu tragen, schreckt mich bislang doch sehr ab. Ich bin zufrieden, wenn ich nach dem Insulinspritzen meine Pens in meinem Täschchen verstauen kann und meinen Körper danach wieder für mich habe – ohne dass ich an einen Katheter mit seinem Schlauch und den besten Aufbewahrungsort für die dazugehörige Pumpe denken muss.
 

Lantus für den Basalbedarf, Liprolog als Bolusinsulin

Solange mein Diabetes sich ohne Pumpe gut einstellen lässt, bin ich also glücklich und zufrieden. Und dass ich meinen Diabetes allein mit Insulinpens gut im Griff habe, liegt ein kleines bisschen auch daran, dass ich nicht nur zwei, sondern drei Sorten Insulin verwende, um meinen Blutzucker möglichst stabil zu halten. Um meinen Basalbedarf abzudecken, spritze ich einmal täglich Lantus. Bei mir hält eine Dosis Lantus tatsächlich 24 Stunden vor, bei mir liegt allenfalls ein minimales Dawn-Phänomen vor, insofern funktioniert meine Basaleinstellung mit Lantus prima. Für die Mahlzeiten verwende ich im Normalfall das schnellwirksame Bolusinsulin Liprolog. Es beginnt bei mir morgens nach einem Spritz-Ess-Abstand von etwa 20 bis 25 Minuten zu wirken, im weiteren Tagesverlauf reicht ein Spritz-Ess-Abstand von etwa 10 bis 15 Minuten. Liprolog wirkt bei mir je nach Zahl der gespritzten Einheiten für anderthalb bis 3 Stunden. Für ein normales Frühstück mit Vollkornbrot und Obstquark oder ein Reisgericht ist Liprolog bestens geeignet.
 

Normalinsulin für den verzögerten oder gesplitteten Bolus

Kniffelig wird das Blutzuckermanagement mit einem schnellen Analoginsulin bekanntlich bei Mahlzeiten, die viel Fett und Eiweiß enthalten und hierfür mit einigem zeitlichen Abstand zusätzliche Insulineinheiten (FPE) erfordern, zum Beispiel eine ordentliche Dosis Fleisch an einem Grillabend. Oder bei Mahlzeiten, die viele Kohlenhydrate und darüber hinaus auch viel Fett und Eiweiß enthalten, die das Anfluten der Kohlenhydrate verzögern, zum Beispiel Nudelgerichte mit Fleisch- oder Sahnesaucen oder Pizza. Für diese Fälle habe ich zusätzlich in meinem Täschchen noch einen dritten Insulinpen, der das Normalinsulin Insuman Rapid enthält. Der Name dieses Insulins täuscht ein bisschen – es ist nicht sonderlich schnell. Bei mir dauert es etwa 45 Minuten, bis die Wirkung eintritt. Sie hält dann je nach Dosis gute 4 bis 5 Stunden an. Mit Insuman Rapid simuliere ich also den verzögerten oder gesplitteten Bolus, den Pumpenträger an ihrer Insulinpumpe einstellen können.
 

Nach dem Grillabend gibt es vor dem Schlafengehen einen Schuss Normalinsulin

Bei einem Grillabend nutze ich Normalinsulin für einen verzögerten Bolus. Da ich kein großer Freund von Nudel- oder Kartoffelsalat bin, esse ich an einem typischen Grillabend kaum Kohlenhydrate, sondern vor allem Fleisch und Gemüse in Form von Salaten. Es kommen allenfalls ein paar kleine Scheiben Baguette dazu, für die ich ganz normal schnellwirksames Insulin spritze. Das im Fleisch enthaltene Fett und Eiweiß lässt den Blutzucker nicht unmittelbar steigen, also kümmere ich mich während des Grillens gar nicht darum. Ich habe beobachtet, dass der Blutzuckeranstieg nach einer ordentlichen FPE-Mahlzeit frühestens 3 bis 4 Stunden nach dem Essen einsetzt. Meist ist es dann nach so einem Grillabend Schlafenszeit. Also spritze ich dann vor dem Schlafengehen eine kleine Dosis Normalinsulin, das über Nacht den weiteren Blutzuckeranstieg durch die FPE abfängt. Es kostet zugegebenermaßen ein wenig Überwindung, bei einem guten Zubettgeh-Blutzucker 1 bis 2 Einheiten Insulin zu spritzen. Doch die schönen flachen Glukosekurven, die ich mir am nächsten Morgen auf dem Lesegerät des FreeStyle Libre anschauen kann, sprechen für sich.
 
Bildquelle: pixabay

Bei Nudeln oder Pizza spritze ich vor dem Essen zwei verschiedene Insuline

Wenn ich eine Pizza oder ein Nudelgericht vor mir habe, dann weiß ich, dass ein Teil der darin enthaltenen Kohlenhydrate schnell ins Blut gelangt und ein anderer Teil sich damit (zusammen mit den enthaltenen FPE) etwas mehr Zeit lässt. Wenn ich die gesamte Insulindosis unmittelbar vor dem Essen mit Liprolog spritze, kann es passieren, dass ich kurz nach dem Essen erst einmal unterzuckere, weil das Insulin schneller wirkt als die Gesamtmenge der Kohlenhydrate. Deshalb nutze ich Normalinsulin, um meine Insulindosis zu splitten. Ich spritze also vor dem Essen mit dem üblichen Spritz-Ess-Abstand etwa zwei Drittel der Insulindosis mit meinem Liprolog-Pen. Zum gleichen Zeitpunkt spritze ich die restliche Insulindosis mit meinem Insuman-Pen. Damit habe ich zum einen rasch Insulin verfügbar, das die schnellen Kohlenhydrate aus den Nudeln oder der Pizza abfängt, gleichzeitig habe ich aber eine Insulinreserve, die erst ein wenig später und dafür länger wirkt.
Bildquelle: Pixabay
 

Ein zusätzlicher Piks und ein weiterer Pen stören mich nicht wirklich

Ich habe eine ganze Weile herumgetüftelt, bis ich diese für mich passende Vorgehensweise gefunden hatte. Das FreeStyle Libre hat es mir natürlich erleichtert, meine Glukoseverläufe genau zu beobachten und dieses System zu verfeinern. Mein Diabetologe war zunächst etwas skeptisch, ob ich tatsächlich mit drei verschiedenen Insulinen hantieren und in Kauf nehmen möchte, dass ich vor manchen Mahlzeiten auf diese Weise zwei Injektionen benötige. Doch mich stört ein zusätzlicher Piks mit der Penkanüle nicht wirklich, und der dritte Pen passt gut in mein Diabetestäschchen, das ich ohnehin immer bei mir trage. Insofern kann ich andere Diabetiker, die ebenso wie ich (noch) keine Lust auf eine Insulinpumpe haben, nur ermuntern, einmal mit Normalinsulin zu experimentieren, damit sie auch einen verzögerten oder gesplitteten Bolus nutzen können.
 
Besteck
Bildquelle: Antje Thiel
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast: Wie gelingt es, blutzuckerfreundlich zu kochen, Kirsten Metternich von Wolff?
Blutzuckerfreundlich kochen – aber wie? Ernährungsexpertin Kirsten Metternich von Wolff stellt in dieser Podcast-Folge ihr neues Kochbuch vor. Sie erklärt, welche Lebensmittel wirklich helfen und welche Ernährungstrends bei Diabetes wenig bringen.
Diabetes-Anker-Podcast: Wie gelingt es, blutzuckerfreundlich zu kochen, Kirsten Metternich von Wolff? | Foto: Picture People/MedTriX

2 Minuten

Rezept: Glutenfreie Vanillekipferl
Weihnachten stellt Menschen mit Typ-1-Diabetes und Zöliakie vor besondere Herausforderungen, doch mit diesen glutenfreien Vanillekipferln wird die Adventszeit nicht zur Belastung, sondern zum Genuss.
Rezept: Glutenfreie Vanillekipferl

< 1 minute

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

  • stephanie-haack postete ein Update vor 3 Wochen

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

Verbände