- Leben mit Diabetes
Kolumne „Fernweh“: Auszeit für alle
2 Minuten

In ihrer Kolumne “Fernweh” erzählt Susanne Löw von einem spontanen Kurztrip an die Nordsee: überfüllter Zug, genervte Mitreisende, ein Kind mit klugen Fragen. Am Ende fand sie ihre Auszeit trotzdem, abseits der Strandkörbe.
Wenn der Herbst Einzug hält, wärmen Erinnerungen an den Sommer, der auf einmal da, dann aber plötzlich und viel zu schnell schon wieder vorbei war. Wie jedes Jahr. Da war zum Beispiel dieses eine Wochenende, an dem 14 Bundesländer bereits Schulferien hatten. An dem fast alle meine Freunde verreist waren. An dem kurzfristig bombastisches Wetter angesagt war. Und an dem ich beschloss, nach einer stressigen Woche spontan für zwei Nächte an die Nordseeküste zu fahren.
Dank Deutschlandticket ist das von Hamburg aus attraktiv, weil die Fahrt bereits inklusive und kurz ist. Ein Zimmer in einem kleinen, charmanten Hotel gab es auch noch ab dem Folgetag – also buchen, packen und los.
Doch dann prallte die Vorstellung von einer ruhigen Auszeit auf die harte Realität. Der Zug in Richtung Nordsee: verspätet und knallvoll. Sitzende, stehende Menschen, viele Fahrräder, Kinderwagen, Gepäckstücke. Meine ursprüngliche Idee: mit Kaffee einsteigen, unterwegs lesen, die Aussicht genießen und Gedanken schweifen lassen.
Autorin Susanne Löw und ihre Kolumne Fernweh
Susanne Löw ist freie Journalistin und lebt in Hamburg. Die gebürtige Bayerin hat seit dem Jahr 2002 Typ-1-Diabetes und ist seitdem erst recht gern unterwegs. Über ihre weltweiten Erfahrungen mit „Zucker im Gepäck“ berichtet sie im Diabetes-Anker-Podcast.
In der Kolumne Fernweh schreibt sie in jeder Diabetes-Anker-Ausgabe über ihre Reise-Leidenschaft uns alles, was dazugehört.

Die Wahrheit: kein Kaffee, eingequetscht zwischen dem eigenen Mini-Trolley und der Reisetasche des Sitznachbarn auf dessen Schoß, halb mit den Füßen auf dem unter uns liegenden E-Roller (überhaupt: sechs riesige E-Roller in unmittelbarer Umgebung!). Aggressive Vibes lagen in der Luft. Älterer Herr: „Diese Roller haben hier nichts zu suchen!“ Frau von gegenüber (Besitzerin eines solchen Rollers): „Doch, gleiches Recht für alle: Hier ist der gekennzeichnete Fahrradbereich!“
Eine Anwohnerin, die offenbar nahe der Küste lebt, schimpfte über den Reise-Wahn: „Schlimm, eine Zumutung. Ich würde ja niemals an diese touristischen Orte am Meer fahren.“ Betretenes Schweigen der anderen. Aber auch Unterhaltsames war zu hören: Ein Junge gegenüber löcherte seine Mutter mit Fragen. „Wie spät ist es jetzt gerade daheim?“ Mutter: „Auch 13 Uhr, wir sind doch noch in Deutschland … schau mal, da drüben sind Windräder.“ Junge: „Machen die Wind?“ Mutter: „Nein, Strom. Und hör auf, an meiner Jeans rumzuspielen, mach die nicht kaputt!“ Junge (blickt auf ihre Jeans im „destroyed“ Look und sagt das, was wir alle denken): „Aber die ist doch schon kaputt.“
Es wurde übrigens dann doch noch ganz schön am Meer. Meinen Glukosewerten gefiel es mit 87 Prozent im Zielbereich auch. Und meine Ruhe fand ich abseits der Massen, die sich auf Strandkörbe und das Watt verteilten. Gleiches Recht für alle – das gilt eben auch für die individuelle Auszeit …
von Susanne Löw
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (10) Seite 82
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