DIAlog – der Spiegel

3 Minuten

Community-Beitrag
DIAlog – der Spiegel

Ich drehte mich ein Stück weg. Vielleicht so? Nein, am Arm konnte ich ihn immer noch erkennen. Also Hand auf die Taille stützen. Toll, jetzt guckte er wieder an der Seite raus.

„Kannst du bitte mal einen Moment weggehen?“, motzte ich ihn schließlich an.

„Nö“, kam die plumpe Antwort vom Diabetes wieder.

Der Diabetes ist überall

Seufzend ließ ich meinen Blick über den Spiegel schweifen. Es war einfach unmöglich, ihn nicht überall zu entdecken. Da war noch hartnäckig der Kleber vom letzten Sensor übrig, die Einstichstellen säumten mich wie Sterne, das Insulin hatte es sich am Bauch zu gemütlich gemacht und die Pigmente auf der Rückseite meiner Unterschenkel waren irgendwie ein wenig verwirrt.

Es war nicht das Offensichtliche. Es war nicht das piepende Geräusch, bei dem gleich fünf Köpfe zu mir schnellten. Es war nicht die sich unter der Kleidung abzeichnende Pumpe. Es war noch nicht mal der schnelle Bolus mit dem Pen in der Bahn, weil es halt gerade nicht anders ging.

Quelle: Huda Said

Das waren Momente, die vorübergingen. Was ist mit dem, das blieb? Was ist mit den Spuren auf uns?

Die Spuren auf uns

Ich sah wieder zum Diabetes hinab. „Weißt du, wenn wir über dich und mich sprechen, über Liebe und Akzeptanz, dann geht es meistens darum, dass es keinen Grund dafür gibt, dich vor anderen verstecken zu müssen. Und das stimmt auch. Aber manchmal würde ich dich gerne vor mir selbst verstecken, würde dich gerne mal nicht sehen, würde dich gerne aus meiner Haut radieren. Manchmal will ich doch einfach nur wissen, was sich unter dir verbirgt.“

Der Diabetes hob verwirrt sein Bein hoch und begutachtete den Boden.

„Nicht so“, lachte ich und schloss die Augen, „sondern so.“

Ein Herzschlag. Wäre auch ein wenig beunruhigend, wenn nicht. Einatmen. Ausatmen. Kurze Erinnerung an den Geruch von frischer Luft nach dem Regen. Blut durch den Kopf rauschend. Erstaunlich leise dafür, dass es einen guten Meter in einer Sekunde rennt. Sollte mir wohl Gedanken darüber machen, warum es so eine gute Ausdauer hatte und ich nicht. Das Mittagessen von vorhin grummelte nochmal kurz was vor sich hin. Natürlich gab es auch die weniger gesprächigen Gesellen. Sie hielten nicht viel von Smalltalk, sondern erledigten lieber gewissenhaft ihre Arbeit. Abgesehen von der Bauchspeicheldrüse, die hatte sich erfolgreich vor einer Aufgabe drücken können.

Quelle: Huda Said

Wenn ich die Augen schloss, dann fragte ich mich nicht, ob all diese Wunder in mir hübsch aussahen. Ich sagte zu niemandem: „Hey, coole Leber, willst du mal meine sehen?“

Die angemessene Wertschätzung

Stattdessen hörte ich zu und war davon fasziniert, wie alles so stimmig miteinander funktionierte. Warum also bewundere ich das Innere meines Körpers und beurteile sein Äußeres, wenn doch jeder einzelne Fleck dieselbe Anerkennung verdient hätte?

Unter meinem Diabetes verbirgt sich lediglich die Erkenntnis, dass wir nicht dafür geboren wurden, um schön zu sein, sondern um zu leben.

Und all die Fußstapfen, die mein Mitbewohner während seiner Reise mit mir hinterließ, waren ein unglaublich kleiner Preis für unglaublich viele Tage.

Wenn ich also in den Spiegel blicke, dann behaupte ich nicht, ich würde alles an mir lieben. Stattdessen gestehe ich mir ein, dass mein Körper sich auch einfach mal kurz hässlich anfühlen darf – er hat genug mit mir und allem drumherum zu tun.


Hier findet ihr weitere DIAloge von Huda:

DIAlog – die Begegnung

DIAlog – der Geburtstag

DIAlog – die Renovierung

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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 1 Monat

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße