- Aus der Community
Die Zügel in der Hand behalten – ein Interview mit Johann Kimmerle
4 Minuten

Ich habe das Interview mit Herrn Kimmerle am Telefon geführt. Ein schönes Gefühl, dass unsere Diabetes-Community keine Altersgrenzen kennt, denn wir haben gleich einen guten Draht zueinander gefunden und ein interessantes Gespräch geführt. Der Austausch hat mir Mut gemacht, auch im Alter gut mit meinem Diabetes klarzukommen. Ein Thema, das mich in der letzten Zeit immer mal wieder beschäftigt.
Steckbrief
Name: Johann Kimmerle
Alter: 71 Jahre
Diabetestyp: Diabetes Typ 1
Therapieform: Insulinpumpe und FreeStyle Libre 2
Wohnsituation: zu Hause
Diabetesdauer: 51 Jahre
Ortswechsel – Herausforderungen und Wünsche
In meiner ersten Frage in diesem Telefoninterview geht es um die Gründe, die Herrn Kimmerle bewegt haben, an dieser Interview-Aktion teilzunehmen. Er schildert mir daraufhin eine Situation, die ältere Menschen mit Diabetes vor eine Herausforderung stellen können. Vor kurzem erfuhr er nämlich folgendes aus der Zeitung (lieber hätte er es persönlich erfahren): Die ortsansässige Diabetologin, die auch ihn betreut, zieht in einen 16 km entfernten Ort und auch die Diabetesberaterin verlässt die Klinik. Nimmt die Mobilität im Alter ab, kann das einen unfreiwilligen Wechsel bedeuten. Herrn Kimmerle ist es aktuell glücklicherweise noch möglich, den längeren Weg zu bewältigen, aber andere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, verlieren ihre vertrauten und geschätzten Ansprechpartner:innen in der Diabetes-Therapie und müssen sich auf eine neue Situation einstellen.

Bei solchen Gesprächen rattert es dann auch in meinem Kopf. Wie ist das, wenn ich nicht mehr so mobil bin? Aktuell kommuniziere ich mit meiner Diabetologin per Mail oder am Telefon. Den Praxisbesuch ersetzt es natürlich nicht vollständig, denn mein Blut geht noch nicht durch die Leitung, aber es zeigt mir Möglichkeiten, die im Alter eine Erleichterung für mich sein können.
Die Zügel in der Hand behalten – Erfahrung mit dem „Diabetes-Fremdmanagement“
Ich nehme Herrn Kimmerle am Telefon als sehr aktiven Menschen wahr, der sein Diabetes-Management selbst in der Hand hat. Er hat eine klare Philosophie für seinen Alltag mit Diabetes: sich trauen, neugierig sein, auch vor nicht-optimalen Tagen keine Angst haben. Bei der Umsetzung unterstützt es ihn bis heute, diszipliniert zu sein und sich einen strukturierten Alltag zu schaffen.
Zum Thema „Diabetes-Fremdmanagement“ erzählt er mir von einer Situation beim Röntgen. Der behandelnde Arzt erkundigte sich danach, was „das“ denn sei, und zeigte auf seine Insulinpumpe. Glücklicherweise konnte er den Arzt davon überzeugen, dass er die Pumpe bei der Untersuchung nicht abnehmen muss. Auch bei Empfehlungen zur Diabetes-Therapie, die von nicht in Sachen Diabetes geschultem, medizinischem Personal kommen, bleibt er skeptisch. Am liebsten macht er es selber, betont er nochmal mit Nachdruck. Seine Erfahrungen beschränken sich bisher glücklicherweise darauf, dass er sich bei einem Krankenhausaufenthalt darüber Gedanken gemacht hat, was wäre, wenn er seine Pumpe nicht bedienen könnte.
Ich habe meinen Diagnose mit 15 bekommen und erst zwei Jahre später angefangen, Insulin zu spritzen. Das bedeutet, mein Diabetes-Management lag von Anfang an nahezu komplett alleine in meinen Händen. Heute meine Pumpe in andere Hände zu geben, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Allerdings empfinde ich es auch als Erleichterung, mein gesammeltes Wissen in meiner Pumpe speichern zu können wie z.B. meine BE-Faktoren, Basalraten, Korrekturfaktoren. Wenn mal akut etwas wäre, ist es leichter zu erklären, welche Eingabe zu machen ist.
Diabetes-Management – Wünsche für die Zukunft
Die Gedanken von Herrn Kimmerle kreisen bei den Wünschen für die Zukunft um die Technik. Er trägt seit 32 Jahren eine Insulinpumpe, die er auf keinen Fall missen möchte. Die Technik entwickelt sich immer weiter, was zwar Erleichterungen mit sich bringt, aber trotzdem wünscht er sich, dass die Pumpen nicht noch mehr technisiert werden. Denn er hat dabei Bedenken, dass er die neuen Generationen der Insulinpumpen irgendwann nicht mehr bedienen kann oder sich auch nicht mehr traut, sie zu bedienen bei der Vielzahl der Funktionen. Wie es sich für „gute Diabetiker“ gehört, tauschen wir uns auch über unsere persönliche Diabetes-Technik aus und ich erzähle ein bisschen was über den Automodus meiner Insulinpumpe.
Die Technik ist auch das, was meine Stirn runzeln lässt. Allerdings habe ich eher die Hoffnung, dass zu dem Zeitpunkt, wenn ich es eventuell nicht mehr alleine kann, die Automatisierung so weit fortgeschritten ist, dass noch mehr (fast alles?) von alleine läuft, und damit verbunden die Bedenken, dass es doch nicht so schnell geht, wie ich es vielleicht brauche.
Wie viel Zeit bleibt mir also? Diese Frage passt bestens zu den guten Wünschen, die ich zum Abschluss des Gesprächs von Herrn Kimmerle bekomme. Er wünscht mir nämlich, dass ich die 20 Jahre, die mir aktuell zu seiner Diabetesdauer noch fehlen, auf jeden Fall noch voll bekomme. Genau das und sogar noch ein bisschen mehr habe ich vor. Am Ball bleiben und die Chancen nutzen, ist dafür wohl das richtige Motto. Und ansonsten ist die „Diabetes-Alters-WG“ auch eine schöne Idee. Wer weiß schon, was sich noch alles tut.
Wer noch ein bisschen mehr über den Alltag mit Diabetes von Herrn Kimmerle erfahren möchte, der schaut doch einfach auch bei Michis Beitrag vorbei, der ebenfalls erschienen ist. 51 Jahre mit Diabetes bieten nämlich eine Menge interessanten Gesprächsstoff.
Ein weiteres Interview aus unserer #DiabetesimAlter-Reihe findet ihr zum Beispiel von Susanne: Zufriedenheit ist das höchste Gut – ein Interview mit Christoph Engelsmann
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aus der Community

5 Minuten
- Leben mit Diabetes

4 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
thomas55 postete ein Update vor 1 Woche
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 2 Tagen
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]






Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße