Kolumne | Zum guten Schluss: Ausgeliefert

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Kolumne | Zum guten Schluss: Ausgeliefert

Am letzten Wochenende hatte ich Rufbereitschaft in der Diabetes-Klinik und musste deswegen zu Hause bleiben, um für einen etwaigen Anruf aus der Klinik erreichbar zu sein. Es war ein typischer Sonntag und es herrschte die bekannte Winter-Tristesse bei leichtem Nieselregen.

In dieser Gemengelage versuchte ich, es mir gemeinsam mit meiner Frau Gaby so schön wie möglich zu machen. So saßen wir bei einem Tee und Keksen am Nachmittag auf dem Sofa und harrten der Dinge. “Manchmal fühle ich mich so ausgeliefert”, meinte Gaby und schaute mich mit ihren großen braunen Augen seelenverloren an. Innerlich dachte ich, dass sie damit hoffentlich nicht meine Gesellschaft meinte, weil sie jetzt mit mir hier auf dem Sofa sitzen musste.

“Alles ist irgendwie schrecklich”, fuhr Gaby fort. “Der Krieg in Europa, der Arbeitskräfte-Mangel, das Wetter, der trübe Sonntag und die Aussicht, morgen schon wieder in die Tretmühle an meiner Arbeitsstätte gehen zu müssen.” Irgendwie verstand ich sie, aber auch an solch trüben Tagen gibt es Dinge, die man einfach nicht beeinflussen kann. Dazu zählt natürlich das Wetter oder die aktuelle weltpolitische Lage.

Was man aber sehr wohl beeinflussen kann, ist, wie man damit umgeht. Muss ich wirklich alle Nachrichten anschauen und mich immer wieder mit dem Schrecken dieser Tage konfrontieren lassen? Nein, muss ich nicht. Muss ich über das Wetter jammern oder kann ich auch bei leichtem Nieselregen eine kleine Runde draußen drehen? Und muss ich mir jetzt schon ausmalen, was nächste Woche bei der Arbeit alles schieflaufen könnte, oder freue ich mich vielleicht darauf, sympathische Arbeits-Kollegen oder ein paar nette Kunden zu treffen?

Es gibt so viele Dinge, die man selbst in die Hand nehmen kann. Das Ganze hat etwas mit Resilienz zu tun, der eigenen Widerstandsfähigkeit, die man trainieren kann. Das vergessen wir aber zu oft und fühlen uns ausgeliefert, obwohl es besser wäre, etwas dagegen zu tun.

“Du hast recht”, meinte Gaby, “lass uns draußen eine Runde drehen und danach bei unserem Italiener unser Lieblingsessen bestellen.” “Gute Idee”, meinte ich, “und wenn dann das leckere Essen auf dem Tisch steht, hat das Wort AUSGELIEFERT doch eine viel bessere Bedeutung.”

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

von Dr. Hans Langer

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (3) Seite 82

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