Diabetes: Rechtliche Tipps für den Job

4 Minuten

© contrastwerkstatt - stock.adobe.com
Diabetes: Rechtliche Tipps für den Job

Auch wenn der Diabetes zwischenzeitlich nur noch selten ein Hindernis bei der Berufswahl ist, gibt es am Arbeitsplatz dennoch einiges zu beachten. Hier erhalten Sie Tipps, wie Sie unnötige Probleme verhindern können.

Habe ich das Recht auf Sonderpausen?
Eine häufig gestellte Frage ist, ob man seinen Diabetes auch während der Arbeitszeit managen darf oder ob man das in der Pause machen muss. Hier gilt: Der Arbeitgeber darf die Blutzucker-Messung bzw. Insulin-Injektion nicht generell verbieten; allerdings muss er dafür in der Regel keine zusätzlichen Pausen gewähren. Wahrscheinlich wird aber kaum ein Arbeitgeber etwas dagegen haben, dass Sie durch das Messen des Blutzuckers auch Ihre Arbeitsfähigkeit sicherstellen und aufrechterhalten. Wie das Spritzen von Insulin ist dies in wenigen Sekunden erledigt und dürfte den Arbeitsfluss kaum beeinträchtigen.
Messen am Arbeitsplatz?
Ein Koch mit Diabetes, der nicht akzeptiert, dass er seinen Blutzucker nicht neben offenen Lebensmitteln in der Küche messen darf, muss mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Auch eine Kassiererin im Supermarkt muss respektieren, wenn der Arbeitgeber ausdrücklich untersagt, dass sie an der Kasse vor allen Leuten den Blutzucker misst. Umgekehrt muss der Arbeitgeber aber natürlich das Messen des Blutzuckers ermöglichen und hierfür auch die erforderlichen Pausen erlauben.
Sollten sich Kollegen durch den Anblick von Blut oder einer Kanüle belästigt fühlen und lässt sich hier keine Lösung im Gespräch finden, sollten Sie Rücksicht nehmen und die ­Diabetes-Maßnahmen diskret vornehmen oder sich hierzu eben etwas zurückziehen. Bislang gibt es dazu meines Wissens aber noch kein Gerichtsurteil, was allerdings auch daran liegen mag, dass dies in der Praxis grundsätzlich wohl gar kein „richtiges“ Problem darstellt: Im schlimmsten Fall können hierzu ja auch Toiletten- oder Rauchpausen genutzt werden.
Soll ich meine Kollegen informieren?
Aus Angst vor Nachteilen verhalten sich manche Diabetiker oft über Jahre hinweg möglichst „unauffällig“, verbergen Blutzucker-Messungen bzw. verschweigen die Erkrankung bei betriebsärztlichen Untersuchungen. Dies geht so weit, dass die Krankheit sogar dann hartnäckig geleugnet wird, wenn längst alle schon darüber Bescheid wissen … Das böse Erwachen kommt dann, wenn eine Unterzuckerung eintritt und keiner der Kollegen auf die Situation vorbereitet ist. Aus diesem Grund sollten Sie Ihre Erkrankung nicht komplett verheimlichen – zumindest nicht vor den engsten Kollegen. Informieren Sie diese sachlich über die Krankheit und die Notwendigkeit, zu spritzen, zu messen und ggf. bei einer Unterzuckerung zu essen. Denn die Kollegen müssen im Ernstfall mit der Situation umgehen können. Erläutern Sie daher ausführlich Ihre Symptome einer beginnenden oder eingetretenen Unterzuckerung und erklären Sie den Kollegen, was in einer solchen Situation zu tun ist.
Verzichten Sie dabei aber auf dramatische Schilderungen – denn Sie tun sich selbst keinen Gefallen, wenn Sie den Kollegen Angst machen! Probleme am Arbeitsplatz entstehen oft durch unausgesprochene Konflikte, die sich dann hochschaukeln – bis zu Mobbing und einem sehr unguten Klima im Betrieb.
Auch wenn man bestimmte Tätigkeiten nicht mehr machen kann und Kollegen diese dann übernehmen müssen, sollte man kein böses Blut entstehen lassen. Denn man sieht Ihnen den Diabetes ja nicht an – wer nichts äußerlich Erkennbares hat, aber als Schwerbehinderter keine Überstunden machen muss, gilt im Kollegenkreis recht schnell als „Drückeberger“.
Selbstverständlich sollten Sie auch alles tun, um eine Hilfe im Notfall durch Kollegen gar nicht erst erforderlich zu machen. Am Arbeitsplatz sollten daher unbedingt ausreichend Kohlenhydrate, ausreichend Traubenzucker sowie ggf. ein Glukagon-­Notfallset griffbereit sein; ein Hinweisblatt mit Erläuterungen für den Notfall ist ebenfalls empfehlenswert.
Und den Arbeitgeber informieren?
In manchen Fällen sollte auch der Arbeitgeber über die Krankheit informiert werden, insbesondere, wenn es Probleme bei der Arbeitszeit-Gestaltung oder den Mahlzeiten gibt. Aber das sollte nur der Ausnahmefall sein oder, wenn damit zu rechnen ist, dass dieser es ohnehin mitbekommt. Soweit möglich, sollten Sie aber unbedingt die ersten sechs Monate bzw. die Probezeit abwarten.
Kantinen-Zwang zulässig?
In manchen Betrieben ist geregelt, dass die Arbeitnehmer an der Gemeinschafts-Verpflegung in der Kantine teilzunehmen haben. Auch wenn dort Mahlzeiten „diabetikergerecht“ angeboten werden – also mit Angabe der Kohlenhydrate und Inhaltsstoffe –, kann man Sie nicht zwingen, in der Kantine zu essen.

Tipps für den Arbeitsalltag
Beim Umgang mit dem Diabetes am Arbeitsplatz sollten Sie folgende „goldene“ Regeln beherzigen:
  • Gehen Sie „normal“ mit Ihrem Diabetes um Auch Diabetiker sind grundsätzlich so leistungsfähig wie gesunde Menschen – Sie sollten daher durch Ihr Verhalten am Arbeitsplatz kein anderes Bild abgeben: Gehen Sie sachlich mit der Krankheit um, und vermeiden Sie übertriebene Schilderungen von Unterzuckerungs-Situationen. Zeigen Sie, dass Vorurteile oder Vorbehalte gegenüber Diabetikern meistens unzutreffend sind.
  • Nehmen Sie keine Vorrechte in Anspruch, die Ihnen nicht zustehen Ursachen für Probleme am Arbeitsplatz sind oft über längere Zeit aufgebaute Aggressionen und Neidgefühle. Fatal ist es, sich unter Hinweis auf die Diabetes-Erkrankung vor unangenehmen Arbeiten, Überstunden oder Terminen zu „drücken“. Selbst wenn Sie am Anfang noch auf Verständnis und Toleranz stoßen mögen – nach einiger Zeit wandelt sich das oft in Neid und Missgunst und führt nicht selten zur schleichenden Ausgrenzung.
  • Nehmen Sie Rücksicht auf Kollegen Diabetiker dürfen von der Umwelt die erforderliche Rücksichtnahme und Toleranz erwarten. Dies gilt allerdings auch umgekehrt: Wenn jemand anders im Team beispielsweise kein Blut sehen kann, gebietet es einfach die Höflichkeit, die Messung entweder diskret oder zumindest nicht vor den Augen dieser Person durchzuführen. Gebrauchte Messstreifen, Kanülen oder Spritzen sollten ebenfalls umgehend entsorgt werden und nicht offen am Arbeitsplatz herumliegen. Auch sollte man davon absehen, zu provozieren oder die Krankheit in übertriebener Form zur Schau zu stellen.
  • Nicht an die „große Glocke“ hängen Am Arbeitsplatz sollte Ihre Tätigkeit und nicht Ihre Erkrankung im Vordergrund stehen. Vermeiden Sie daher, überall und jedem von Ihrem Diabetes zu erzählen. Denken Sie auch immer daran: Wenn ­Arbeitgeber und Kollegen mit Ihrer Person zuerst den Diabetes verbinden und sich erst in zweiter Linie an Ihre Leistung(en) erinnern, läuft etwas verkehrt.
  • Wirken Sie Vorurteilen rechtzeitig entgegen Manche Aufgaben lassen sich möglicherweise mit den vorhandenen Arbeitsmitteln und innerhalb der vorgegebenen Zeit nicht erledigen, ohne dass dies mit Ihrem Diabetes zu tun hat. Mitunter werden Sie auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, die nicht in Zusammenhang mit Ihrer Diabetes-Erkrankung stehen. Nennen Sie dann das „Kind beim Namen“ – es sollte in diesen Fällen nicht das Gerücht kursieren, dass Ihr Diabetes hieran „schuld“ sei. Wehren Sie sich auch, wenn man Ihnen unter falscher Rücksichtnahme auf Ihren Diabetes manche Aufgaben nicht zutraut oder Sie deshalb von bestimmten Tätigkeiten fernhält.

Autor:
© Oliver Ebert
Oliver Ebert

REK Rechtsanwälte
Nägelestraße 6A
70597 Stuttgart

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (6) Seite 48-49

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 4/2026
Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Dr. Katrin Kraatz aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 4/2026 vor. U.a. geht es um die Früherkennung des Typ-1-Diabetes, präventive Maßnahmen, um das erhöhte Krebsrisiko durch Diabetes zu senken sowie Tipps für abwechslungsreiches Kochen im Single-Haushalt.
Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 6/2026 | Foto: Mike Fuchs / Konstantin Yuganov – stock.adobe.com / MedTriX

4 Minuten

Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann?
Ist mehr als ein Diabetes-spezifische Antikörper bei einem Bluttest nachweisbar, liegt ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes vor. Wie geht es einer Familie, in der eine der Töchter drei Diabetes-spezifische Antikörper und somit ein hohes Risiko hat, bald einen Diabetes zu entwickeln? Das berichten Katrin, Jule und Angelina Hellmann im Interview.
Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann? | Foto: privat

17 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
    📧 moin@hanseatic-kids.de
    📞 040 851 59 747

    Uploaded ImageUploaded Image
  • Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/

  • Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.

    Genau hier setzt die TIMES-Studie an. Wir möchten besser verstehen, wie sich der Zyklus auf Glukosewerte und Insulinbedarf auswirkt – und wie Betroffene damit im Alltag umgehen.

    👉 Wen suchen wir?
    Personen mit Typ-1-Diabetes (18–40 Jahre), wohnhaft in Deutschland, mit regelmässigem Menstruationszyklus und Nutzung eines automatisierten Insulinabgabesystems.

    👉 Was bedeutet die Teilnahme?
    Dauer: 6 Monate, bequem alles von zu Hause aus
    Erfassung von Insulin-, Zyklus- und Aktivitätsdaten
    Als Dankeschön: Clue-Abo (1 Jahr), Garmin-Uhr (zum Behalten) + Aufwandsentschädigung (siehe Flyer)

    Mit eurer Teilnahme helft ihr, Diabetes-Technologien zukünftig besser an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen 💙

    Mehr Infos im Flyer 👇

    Uploaded Image
Verbände