„Disziplin beim Diabetes – das Schwierigste!“

4 Minuten

© www.irlstorfer.de
„Disziplin beim Diabetes – das Schwierigste!“

„Für mich als Typ-2-Diabetiker gibt es nichts Erfüllenderes, als Menschen eine Stimme zu verleihen, die das gleiche Schicksal teilen!“ Das sagt Erich Irlstorfer. Der CSU-Politiker sitzt seit 2013 als Abgeordneter im Bundestag – ebenso lang ist er ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss. Seine Erkrankung hält ihn nicht auf, sagt er. Das Einstehen für die eigene Meinung und die „ungeschönte Warheit“ seien „stetige Begleiter seines Handelns“.

Interviewtermin im Jakob-Kaiser-Haus in der Wilhelmstraße 68, Berlin-Mitte. Nur wenige Schritte sind es von hier zum Reichstagufer, nur ein Katzensprung liegt sein Büro vom Plenarsaal des Deutschen Bundestages entfernt. Erich Irlstorfer hat sich zum Interview verspätet, um 20 Minuten – eben erst landete der Flieger aus München in Berlin.

Er kommt etwas abgehetzt aus dem Lift – mit Trenchcoat am Arm, Aktentasche in der Hand und einem wortgewaltigen „Grüß Gott und Entschuldigung!“ Dass sein Wahlkreis in Bayern (Freising, Pfaffenhofen a.d. Ilm und Neuburg-Schrobenhausen ) liegt, lässt sich sprachlich – weiß Gott – nicht leugnen.

Sein Abgeordnetenbüro liegt im 3. Stock. Irlstorfers Gäste nehmen in der Regel auf dem schwarzen Ledersofa Platz, der Politiker lässt sich heute hinter seinem Holzschreibtisch nieder. Sicherheitsabstand in Corona-Zeiten – hier kein Problem. Auf seinen Diabetes zielt natürlich gleich die erste Interview-Frage ab …

Diabetes-Journal (DJ): „Ich stehe heute nicht nur als Abgeordneter am Rednerpult, sondern als betroffener Patient, der Diabetiker ist“: Mit diesen Worten haben Sie sich im Juli bei den Beratungen zur Nationalen Diabetes-Strategie im Bundestag öffentlich zu Ihrem Diabetes bekannt, den Sie schon 2013 diagnostiziert bekamen. Warum dieser Zeitpunkt für Ihr Diabetes-Outing?
Erich Irlstorfer:
Ich habe mir dabei nicht gesagt: Jetzt hau’ ich einen raus, jetzt sage ich’s der Welt! Sondern ich habe aus einer Verantwortung heraus gehandelt – mit direktem Praxisbezug: Dass alle sehen können: Da steht einer, der kennt diesen täglichen Kampf mit dem Diabetes, der weiß, was los ist. Der mitfühlen kann und eine Ahnung davon hat, dass das alles kein Spaß ist. Und um zu unterstreichen: Wir brauchen endlich eine Nationale Diabetes-Strategie!

DJ: Sie sind bei Ihrer Öffentlichmachung noch weitergegangen, haben auf typische Vorurteile zum Diabetes im Bundestag direkt angespielt, wie starkes Übergewicht …
Irlstorfer:
… Das ist richtig. So habe ich u. a. darauf abgestellt, dass ich mir sicher sei, dass jetzt alle sagen würden: Ja, typisch, schau ihn dir an. In dieser Gewichtsklasse. Selber schuld!‘ Dieses Vorurteil wollte ich entkräften: „Sie kennen mich nicht über viele Jahre. Deshalb wissen Sie nicht, dass ich früher ungefähr die Hälfte des Gewichts hatte. Niemand von Ihnen kann sich auch vorstellen, dass ich sportlich aktiv war und über Jahrzehnte jeden Tag auf dem Fußballplatz gestanden habe.

Ich habe diesen schleichenden Prozess einfach übersehen. Ich weiß um die Bedeutung, was Diabetes auslöst, und ich weiß auch, dass es teilweise ein Selbstmord mit Messer und Gabel ist.

DJ: Früher spielten Sie Fußball und Handball, waren sportlich sehr aktiv. 2002 machten Sie schließlich den Schritt in die Politik, bewegten sich ab dann wenig, nahmen viel zu. Heute sind Sie insulinspritzender Typ-2-Patient. Macht Politik krank?
Irlstorfer:
Wenn ich etwas mache, dann immer mit voller Leidenschaft. Das ist auch der Grund, warum ich den Diabetes viele Jahre nicht bemerkte, weil durch die Bewegung mein eigentlich unsolider und krankmachender Lebenswandel kaschiert wurde. Das war in der Zeit, als ich als Außendienstmitarbeiter für die AOK gearbeitet habe – 20 Jahre lang von 1993 bis 2013. Damals lernte ich auch viel über Ernährung, und da war es überhaupt kein Problem für mich, mein Gewicht einigermaßen in Balance zu halten. Ich war zwar immer an der Grenze, was Körpergewicht und Blutdruck anging – der Schlüssel zum Erfolg war für mich aber die Bewegung.

2002 wurde ich dann in den Stadtrat und 2008 in den Kreistag gewählt. Mit dem Einzug in den Stadtrat hörte ich auch mit dem Rauchen auf – ich war früher starker Raucher –, worauf mein Gewicht explodierte. Durch die Gewichtszunahme ließ ich dann auch den Sport bleiben, weil mir die Bewegung immer schwerer fiel.

Erich Irlstorfer mit Angela Monecke, DJ-Hauptstadtkorrespondentin.

DJ: Einige Kilos haben Sie inzwischen aber wieder runter, wie Sie sagen …
Irlstorfer:
… Irgendwann wog ich 194 Kilo bei 1,96 m. Das war viel zu viel. Dann nahm ich ab, Schritt für Schritt. Wer erzählt, dass das Spaß macht? Davon war ich weit entfernt. Den eigenen Lebensstil zu ändern und nicht kurz vor Mitternacht noch den Kühlschrank aufzumachen und drauflos zu essen, ist sehr schwer. Aber ich hatte durch mein starkes Übergewicht meine Insulindosis weiter erhöhen müssen, wurde träger und müder.

Es war ein extrem disziplinierter und harter Weg, um wenigstens wieder an die 150 Kilo zu kommen. Wenn ich jetzt noch mehr abnehmen will, muss ich vor allem meinen Milchschnitte-Vorrat im Büro dezimieren (lacht!) …

DJ: Was gibt es Neues zur Diabetes-Strategie?
Irlstorfer:
Die Nationale Diabetes-Strategie ist – und das wissen wir heute – nicht nur ein Gebilde des Deutschen Bundestages, sondern bedeutet vor allem die Mitnahme von 16 Bundesländern und deren Kultus- und Sozialministerien – mit Kitas, Grundschulen und weiterführenden Schulen. Aufklärung und Wissensvermittlung bei Kindern und Jugendlichen – das ist der Weg, den wir gehen müssen.

Gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn haben die Bundestagsfraktionen an einem neuen Papier zur Diabetes-Strategie gearbeitet, das spätestens im Februar 2021 veröffentlich werden soll. Mehr soll ich dazu aber nicht sagen, weil der zuständige Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Dietrich Monstadt ist – das wäre unfair.

DJ: Was wollen Sie anderen Menschen mit Diabetes noch auf den Weg geben?
Irlstorfer:
Ich wünsche ihnen vor allem Disziplin im Umgang mit ihrem Diabetes, denn das ist das Schwierigste. Aber auch viel Lebensfreude. Das Leben ist so voller Genuss und einfach schön. Lassen Sie sich deshalb den Spaß und die Freude am Leben nicht nehmen – auch mit Diabetes!


Autorin: Angela Monecke
Redaktionsbüro Angela Monecke,
Kopenhagener Str. 74, 10437 Berlin,
E-Mail: angelamonecke@aol.com

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (11) Seite 56-58

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes

Caroline ist eine von wenigen Menschen, die auf Social Media offen über ihren Typ-2-Diabetes sprechen. Sie möchte als Diabetes-Awareness-Speakerin aufklären, mit Vorurteilen aufräumen und anderen Betroffenen Mut machen.
Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

14 Minuten

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 3/2026

Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Prof. Dr. med. Thomas Haak aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 3/2026 vor. U.a. geht es darum, wie der Klimawandel auch den Diabetes beeinflussen kann, um den Zusammenhang zwischen Unterzuckerungen und Demenz sowie den Nährstoff Eiweiß und proteinreiche Lebensmittel.
Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 3/2026 | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

4 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 11 Stunden, 52 Minuten

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände