Im zweiten Teil dieser Serie stand Insulin bildlich an der Kellertür: Je geringer seine Wirkung ist, desto leichter kann der Körper auf seine Fett-Reserven zugreifen. Gewicht können wir messen. Glukosewerte können wir rund um die Uhr verfolgen. Aber was hinter der Kellertür passiert, bleibt weitgehend unsichtbar.
Glukosesensoren haben den Diabetesalltag verändert. Wir sehen, was nach einer Mahlzeit passiert, welchen Unterschied Bewegung macht und wie lange ein Anstieg der Glukosewerte anhält. Doch die Glukosekurve zeigt nicht, wie stark Insulin die Freisetzung von Fett bremst oder ob der Körper wieder stärker auf gespeicherte Energie zurückgreift. Ein ruhiger Glukoseverlauf bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Kellertür weit offen steht.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Glukosewerte zeigen nur einen Teil des Energiestoffwechsels.
- Beim Fasten werden Fett-Reserven leichter zugänglich und Ketonwerte steigen.
- Ketone machen diesen Wechsel sichtbar, messen aber keinen exakten Fett-Verlust.
- Fasten-Ketose und diabetische Ketoazidose sind nicht dasselbe.
- Ziel bei Typ-2-Diabetes sind Gewichtsverlust, weniger Organfett und die Chance auf Remission.
Was beim Fasten passiert
Nach dem Essen ist der Kühlschrank gut gefüllt. Der Körper nutzt zunächst die Energie, die gerade hereingekommen ist. Die Insulin-Menge steigt, die Freisetzung von Fettsäuren wird gebremst, der Zugriff auf die Vorräte im Keller wird schwieriger.
Wenn längere Zeit keine neue Energie nachkommt, verändert sich das. Die Insulin-Menge sinkt, Fett-Reserven werden leichter zugänglich und der Körper greift zunehmend auf gespeicherte Energie zurück. Genau das geschieht beim Fasten. Die Fähigkeit, je nach Situation zwischen Energiequellen zu wechseln, nennt man metabolische Flexibilität. Gewichtsverlust braucht weiterhin ein Energie-Defizit. Aber der Körper reagiert akut nicht auf jede Kalorie gleich.
Plötzlich hinterlässt der Stoffwechsel eine Spur
Beim Fasten beginnt der Körper stärker, seine Fett-Reserven zu nutzen. Aus diesem Fett entstehen in der Leber unter anderem Ketonkörper. Und genau das ist interessant: Ketone lassen sich messen.
Wer länger fastet, kann erleben, wie die Ketonwerte allmählich steigen. Bei anhaltendem Energie-Defizit gehen der Anstieg der Ketonwerte, Fettverlust und Gewichtsverlust häufig gemeinsam einher. Ein einzelner Ketonwert sagt trotzdem nicht, wie viele Gramm Körperfett gerade verschwunden sind. Entscheidend ist der Verlauf.
Ein paar Gummibärchen und plötzlich sieht alles anders aus
Nach längerem Fasten können die Ketonwerte deutlich erhöht sein. Dann reichen einige Gramm schnell verfügbarer Zucker, zum Beispiel ein paar Gummibärchen, und die Bildung und Verstoffwechselung von Ketonen (Ketose) kann innerhalb kurzer Zeit regelrecht einbrechen.
Glukosewerte und Insulin-Menge steigen, die Fett-Mobilisierung wird stark gebremst und die Leber fährt ihre Keton-Produktion herunter. Wer Ketone misst, kann beobachten, wie die Werte fallen. Eine nahezu kohlenhydratfreie Mahlzeit aus Eiweiß und Fett kann trotz wesentlich mehr Kalorien ein ganz anderes Bild erzeugen. Das widerspricht der Energie-Bilanz nicht. Wie viele Kalorien wir aufnehmen und was diese Nahrung kurzfristig mit unserem Stoffwechsel macht, sind zwei verschiedene Fragen.
Aus Messen wird Motivation
Genau darin könnte die Stärke einer kontinuierlichen Keton-Messung liegen. Eine Waage macht niemanden schlank und ein Glukosesensor senkt nicht von selbst die Glukosewerte. Aber beide können Verhalten verändern, weil sie unmittelbare Rückmeldung geben.
Beim Fasten könnte ein Ketonwert etwas Ähnliches leisten. Aus dem abstrakten Gefühl „Ich esse gerade nichts“ wird die sichtbare Erfahrung: Mein Stoffwechsel verändert sich. Das kann motivieren – weil eine bisher verborgene Veränderung sichtbar wird.
Ketone bedeuten bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes nicht dasselbe
Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes heißen ähnlich, sind aber verschiedene Erkrankungen. Bei Typ-1-Diabetes fehlt das körpereigene Insulin. Steigende Ketonwerte können deshalb zusammen mit dem Insulin-Mangel Zeichen einer lebensgefährlichen Ketoazidose sein, einer massiven Übersäuerung des Körpers.
Bei Typ-2-Diabetes ist die Ausgangslage eine andere. Insulin ist meist vorhanden, anfangs oft sogar in hohen Mengen, seine Wirkung ist jedoch vermindert. Beim Fasten oder bei deutlichem Energie-Entzug kann eine Ketose entstehen, während der Körper stärker auf seine Energie-Reserven zurückgreift.
Nicht die Ketose selbst ist dabei das Therapieziel. Entscheidend sind Gewichtsverlust und der Abbau der Fettdepots, die den Typ-2-Diabetes oft mit antreiben – vor allem in Leber und Bauchspeicheldrüse. Ketone können helfen, einen Teil dieses Wegs sichtbar zu machen.
Eine wichtige Ausnahme: Unter der Therapie mit SGLT-2-Hemmern kann auch bei Typ-2-Diabetes eine Ketoazidose auftreten, ohne dass die Glukosewerte stark erhöht sein müssen.
Was wäre, wenn wir beide Kurven sehen könnten?
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gesehen, dass deutlicher Gewichtsverlust Krankheits-relevantes Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse reduzieren kann – und damit bei einem Teil der Menschen sogar ein Normalisieren der Glukosewerte ohne medikamentöse Therapie (Remission) möglich wird. Die schwierige Frage lautet also nicht: Wissen wir, dass Gewichtsverlust hilft? Sondern: Wie schaffen wir es, diesen Weg tatsächlich zu gehen und durchzuhalten?
Heute können wir die Glukosewerte kontinuierlich verfolgen, Ketonwerte dagegen meist nur punktuell. Was wäre, wenn wir künftig gleichzeitig sehen könnten, wie beide auf Essen, Bewegung und Fasten reagieren? Vielleicht würde aus komplizierter Stoffwechsel-Physiologie persönliche Erfahrung. Man könnte seinem Stoffwechsel beim Umschalten zusehen – und vielleicht leichter den Weg zum Gewichtsverlust durchhalten, der einen Typ-2-Diabetes grundlegend verändern kann. Genau um diese Möglichkeit geht es im nächsten Teil dieser Serie.
Weiterführende Literatur
- Stumvoll M et al.: Suppression of systemic, intramuscular, and subcutaneous adipose tissue lipolysis by insulin in humans. J Clin Endocrinol Metab 2000; 85: 3740 – 3745; doi: 10.1210/jcem.85.10.6898
- Martins C et al.: Association between β-Hydroxybutyrate Plasma Concentrations after Hypocaloric Ketogenic Diets and Changes in Body Composition. J Nutr 2023; 153: 1944 – 1949; doi: 10.1016/j.tjnut.2023.05.010
- Umpierrez GE et al.: Hyperglycemic Crises in Adults With Diabetes: A Consensus Report. Diabetes Care 2024; 47: 1257 – 1275; doi: 10.1007/s00125-024-06183-8
- Taylor R et al.: Remission of Human Type 2 Diabetes Requires Decrease in Liver and Pancreas Fat Content but Is Dependent upon Capacity for Cell Recovery. Cell Metab 2018; 28: 547 – 556.e3; doi: 10.1016/j.cmet.2018.07.003
von Thomas Roth
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (8/9) Seite 666-67
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