Beim Lunchtalk in Düsseldorf diskutierten Ärztinnen, Ärzte, Selbsthilfe und Fachverbände über die Versorgung von Menschen mit Diabetes in NRW. Im Fokus standen aktuelle Zahlen, der steigende Versorgungsbedarf und die Frage, wie moderne Strukturen künftig aussehen können.
Am Lunchtalk am 12. November 2025 konnten die Politiker des Landtags Nordrhein-Westfalen (NRW) wegen einer im Landtag anwesenheitspflichtigen Abstimmung zum Nachtragshaushalt leider nicht teilnehmen. Dagegen kamen zahlreiche Ärzte und Ärztinnen sowie Vertreter von Hersteller-Unternehmen sowie aus der Selbsthilfe.
Nach einer Begrüßung durch unseren Vereinsvorsitzenden Norbert Kuster und Olaf Spörkel aus dem Vorstand des Regionalen Innovationsnetzwerks Diabetes (RIN) und Leiter des Nationalen Diabetes-Informationszentrums (NDZ) führte Dr. Hansjörg Mühlen, Vorsitzender des Berufsverbands der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN) durch die Veranstaltung.
Diabetes in NRW in Zahlen
Dr. Matthias Kaltheuner vom Wissenschaftlichen Institut der niedergelassenen Diabetologen (winDiab) gab eine Einführung zum aktuellen Stand. Als bevölkerungsreichstes Bundesland kann NRW zum Vorreiter in Bezug auf Diabetes-Versorgung werden. In NRW leben rund 1,85 Millionen Menschen mit diagnostiziertem Diabetes, 95 Prozent mit Typ 2 und 4 Prozent mit Typ 1. Die Neuerkrankungsquote liegt bei etwa 100.000 pro Jahr, davon 15.000 Fälle mit Schwangerschaftsdiabetes.
Demgegenüber stehen etwa 11.000 Hausärzte in 5800 Praxen und ambulant tätige Diabetologen in rund 240 Praxen. Von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifizierte Diabeteskliniken gibt es etwa 80. Auch die Zahl der Lehrstühle für Diabetologie ist mit acht in NRW gering. Rund eine Million Menschen mit Typ-2- und 70 000 mit Typ-1-Diabetes sind in den jeweiligen Disease-Management-Programmen (DMP) eingeschrieben.
Dr. Bernd Hagen, Leiter des Fachbereichs Evaluation und Qualitätssicherung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, berichtete, dass die Zahl der an DMP teilnehmenden Patienten zwischen 2014 und 2024 stieg. Dagegen sanken die Zahlen der teilnehmenden Praxen.
Zahl der Diabetologen nimmt ab
Dazu kommt, dass die diabetologischen Schwerpunktpraxen trotz großen Bedarfs immer weniger werden. Grund war unter anderem die Krankenhausreform, wodurch Fachabteilungen für Diabetologie, die für die Ausbildung von neuen Diabetologen notwendig sind, reduziert wurden. Und Endokrinologen, die sich mit allen Hormonen des Körpers und deren Wirkungen auseinandersetzen, fehlt oft das spezifische Wissen von Diabetologen, die sich mit den zahlreichen und teils sehr Patienten-individuellen Aspekten des Diabetes auskennen.
Eine erneute Trennung, wie früher, wäre aufgrund der großen Zahl von Patienten, die kontinuierlich steigt, aus Sicht der Patienten und Ärzte sinnvoll und wünschenswert. Daher sollten auch die Hausärzte noch stärker an das DMP angebunden werden. Norbert Kuster merkte an, dass es im ländlichen Raum heute schon eine Unterversorgung an Diabetologen und auch Hausärzten gibt. Dies führe dazu, dass die Versorgung von Menschen mit Diabetes nicht mehr so gut ist und in der Zukunft wohl nicht mehr gesichert werden kann.
Diabetologin Dr. Jolanda Schottenfeld-Naor aus dem Vorstand des RIN betonte, dass es nicht nur einen Mangel an Diabetologen, sondern auch an Diabetesberatern und -beraterinnen sowie -assistenten und -assistentinnen gibt, ohne die eine Zulassung als diabetologische Schwerpunktpraxis nicht möglich ist.
Blick in die Zukunft
In 20 Jahren DMP konnte die Betreuung von Menschen mit Diabetes kontinuierlich strukturiert und verbessert werden, fasste Dr. Hansjörg Mühlen zusammen. Die Schaffung der diabetologischen Schwerpunktpraxen (DSP) hat die wesentliche Versorgungsstruktur auf Facharztniveau ermöglicht und so den stationären Sektor und die Hausarztpraxen entlastet.
Auch die Daten aus den neuen digitalen Hilfsmitteln wie Insulinpumpen, Systemen zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM) inklusive Systemen zur automatisierten Insulindosierung (AID) können direkt online an die DSP geschickt und dort ausgewertet werden. Die Sprechstunde erfolgt immer mehr über Online-Sprechstunden. Demnächst können und werden Auswertung und Dokumentation über durch künstliche Intelligenz (KI) gestützte Systeme erfolgen.
Die neuen Technologien und modernen Medikamente zur Behandlung des Diabetes sowie die damit verbundenen geringeren vorzeitigen Todesfälle werden auch weiter zu Kostensteigerungen führen, die mit dem bisherigen Mittel der Verordnungs-Regulierungen (Budgets, Einfallregresse usw.) nicht abgedeckt werden. Die Anforderung liegt darin, den jeweiligen Menschen die jeweils richtige Behandlung zu ermöglichen.
Finanzierung des Gesundheitssystems
Das kurzfristige Problem ist die Finanzierung des Gesundheitssystems. Aber langfristig muss ein System mit immer weniger Mitarbeitern in Praxen, Krankenhäusern, Krankenkassen und Verwaltung aufrechterhalten werden. Bürokratisierung und Überreglementierung machen das System teuer und fördern mit Frustpotenzial auch nicht den Nachwuchs. Es braucht neue und schlanke Versorgungskonzepte unter Einsatz von KI und Digitalisierung, die auf die individuelle Versorgung von Menschen mit Diabetes abgestimmt sind.
Dabei helfen keine Forderungen oder Honorar-Erhöhungen, sondern Gespräche mit den diabetologischen Berufsverbänden und Patienten-Organisationen. Dort ist die Kompetenz und alle Akteure können umsetzbare Entscheidungen treffen. Der Wunsch der Organisatoren des Lunchtalks ist zudem, dass diese Veranstaltung sich zu einem regelmäßigen Austausch zwischen Patienten, Behandelnden, Krankenkassen, Wissenschaft und Politik entwickelt, zum Thema Diabetes und zum Thema Adipositas.
von Sabine Härter
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (1/2) Seite 78-79
➤ zur Beitragsübersicht von Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes – LV NRW e.V.


