Entwicklung der Diabetes-Versorgung in NRW im Wandel: Lunchtalk im Apollo Varieté in Düsseldorf

4 Minuten

Entwicklung der Diabetes-Versorgung in NRW im Wandel: Lunchtalk im Apollo Varieté in Düsseldorf | Foto: Jonas Härter
Foto: Jonas Härter
Entwicklung der Diabetes-Versorgung in NRW im Wandel: Lunchtalk im Apollo Varieté in Düsseldorf

Beim Lunchtalk in Düsseldorf diskutierten Ärztinnen, Ärzte, Selbsthilfe und Fachverbände über die Versorgung von Menschen mit Diabetes in NRW. Im Fokus standen aktuelle Zahlen, der steigende Versorgungsbedarf und die Frage, wie moderne Strukturen künftig aussehen können.

Am Lunchtalk am 12. November 2025 konnten die Politiker des Landtags Nordrhein-Westfalen (NRW) wegen einer im Landtag anwesenheitspflichtigen Abstimmung zum Nachtragshaushalt leider nicht teilnehmen. Dagegen kamen zahlreiche Ärzte und Ärztinnen sowie Vertreter von Hersteller-Unternehmen sowie aus der Selbsthilfe.

Nach einer Begrüßung durch unseren Vereinsvorsitzenden Norbert Kuster und Olaf Spörkel aus dem Vorstand des Regionalen Innovationsnetzwerks Diabetes (RIN) und Leiter des Nationalen Diabetes-Informationszentrums (NDZ) führte Dr. Hansjörg Mühlen, Vorsitzender des Berufsverbands der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN) durch die Veranstaltung.

Durch die Veranstaltung führten Dr. Olaf Spörkel (links) und Norbert Kuster. | Foto: Jonas Härter
Dr. Bernd Hagen (links) und Dr. Hansjörg Mühlen befassten sich mit DMPs und Schwerpunktpraxen.
Dr. Bernd Hagen (links) und Dr. Hansjörg Mühlen befassten sich mit DMPs und Schwerpunktpraxen. | Foto: Jonas Härter

Diabetes in NRW in Zahlen

Dr. Matthias Kaltheuner vom Wissenschaftlichen Institut der niedergelassenen Diabetologen (winDiab) gab eine Einführung zum aktuellen Stand. Als bevölkerungsreichstes Bundesland kann NRW zum Vorreiter in Bezug auf Diabetes-Versorgung werden. In NRW leben rund 1,85 Millionen Menschen mit diagnostiziertem Diabetes, 95 Prozent mit Typ 2 und 4 Prozent mit Typ 1. Die Neuerkrankungsquote liegt bei etwa 100.000 pro Jahr, davon 15.000 Fälle mit Schwangerschaftsdiabetes.

Demgegenüber stehen etwa 11.000 Hausärzte in 5800 Praxen und ambulant tätige Diabetologen in rund 240 Praxen. Von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifizierte Diabeteskliniken gibt es etwa 80. Auch die Zahl der Lehrstühle für Diabetologie ist mit acht in NRW gering. Rund eine Million Menschen mit Typ-2- und 70 000 mit Typ-1-Diabetes sind in den jeweiligen Disease-Management-Programmen (DMP) eingeschrieben.

Dr. Bernd Hagen, Leiter des Fachbereichs Evaluation und Qualitätssicherung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, berichtete, dass die Zahl der an DMP teilnehmenden Patienten zwischen 2014 und 2024 stieg. Dagegen sanken die Zahlen der teilnehmenden Praxen.

Zahl der Diabetologen nimmt ab

Dazu kommt, dass die diabetologischen Schwerpunktpraxen trotz großen Bedarfs immer weniger werden. Grund war unter anderem die Krankenhausreform, wodurch Fachabteilungen für Diabetologie, die für die Ausbildung von neuen Diabetologen notwendig sind, reduziert wurden. Und Endokrinologen, die sich mit allen Hormonen des Körpers und deren Wirkungen auseinandersetzen, fehlt oft das spezifische Wissen von Diabetologen, die sich mit den zahlreichen und teils sehr Patienten-individuellen Aspekten des Diabetes auskennen.

Eine erneute Trennung, wie früher, wäre aufgrund der großen Zahl von Patienten, die kontinuierlich steigt, aus Sicht der Patienten und Ärzte sinnvoll und wünschenswert. Daher sollten auch die Hausärzte noch stärker an das DMP angebunden werden. Norbert Kuster merkte an, dass es im ländlichen Raum heute schon eine Unterversorgung an Diabetologen und auch Hausärzten gibt. Dies führe dazu, dass die Versorgung von Menschen mit Diabetes nicht mehr so gut ist und in der Zukunft wohl nicht mehr gesichert werden kann.

Diabetologin Dr. Jolanda Schottenfeld-Naor aus dem Vorstand des RIN betonte, dass es nicht nur einen Mangel an Diabetologen, sondern auch an Diabetesberatern und -beraterinnen sowie -assistenten und -assistentinnen gibt, ohne die eine Zulassung als diabetologische Schwerpunktpraxis nicht möglich ist.

Blick in die Zukunft

In 20 Jahren DMP konnte die Betreuung von Menschen mit Diabetes kontinuierlich strukturiert und verbessert werden, fasste Dr. Hansjörg Mühlen zusammen. Die Schaffung der diabetologischen Schwerpunktpraxen (DSP) hat die wesentliche Versorgungsstruktur auf Facharztniveau ermöglicht und so den stationären Sektor und die Hausarztpraxen entlastet.

Auch die Daten aus den neuen digitalen Hilfsmitteln wie Insulinpumpen, Systemen zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM) inklusive Systemen zur automatisierten Insulindosierung (AID) können direkt online an die DSP geschickt und dort ausgewertet werden. Die Sprechstunde erfolgt immer mehr über Online-Sprechstunden. Demnächst können und werden Auswertung und Dokumentation über durch künstliche Intelligenz (KI) gestützte Systeme erfolgen.

Die neuen Technologien und modernen Medikamente zur Behandlung des Diabetes sowie die damit verbundenen geringeren vorzeitigen Todesfälle werden auch weiter zu Kostensteigerungen führen, die mit dem bisherigen Mittel der Verordnungs-Regulierungen (Budgets, Einfallregresse usw.) nicht abgedeckt werden. Die Anforderung liegt darin, den jeweiligen Menschen die jeweils richtige Behandlung zu ermöglichen.

Finanzierung des Gesundheitssystems

Das kurzfristige Problem ist die Finanzierung des Gesundheitssystems. Aber langfristig muss ein System mit immer weniger Mitarbeitern in Praxen, Krankenhäusern, Krankenkassen und Verwaltung aufrechterhalten werden. Bürokratisierung und Überreglementierung machen das System teuer und fördern mit Frustpotenzial auch nicht den Nachwuchs. Es braucht neue und schlanke Versorgungskonzepte unter Einsatz von KI und Digitalisierung, die auf die individuelle Versorgung von Menschen mit Diabetes abgestimmt sind.

Dabei helfen keine Forderungen oder Honorar-Erhöhungen, sondern Gespräche mit den diabetologischen Berufsverbänden und Patienten-Organisationen. Dort ist die Kompetenz und alle Akteure können umsetzbare Entscheidungen treffen. Der Wunsch der Organisatoren des Lunchtalks ist zudem, dass diese Veranstaltung sich zu einem regelmäßigen Austausch zwischen Patienten, Behandelnden, Krankenkassen, Wissenschaft und Politik entwickelt, zum Thema Diabetes und zum Thema Adipositas.


von Sabine Härter

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (1/2) Seite 78-79


zur Beitragsübersicht von Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes – LV NRW e.V.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“

Entdecken, mitreden, erleben – der Landesdiabetestag 2026 kommt! Unter dem Motto „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick!“ erwartet die Besucher in Wilhelmshaven ein Tag voller Wissen, praktischer Impulse und spannender Einblicke rund um Diabetes. Lassen Sie sich inspirieren, tauschen Sie sich aus und holen Sie sich neue Ideen für Alltag, Therapie und Prävention.
Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“ | Foto: DNI

2 Minuten

Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen

Ein Familienwochenende von Diabetiker Thüringen e.V. bietet im März 2026 Gelegenheit für Austausch, Bewegung und Entlastung. Familien mit einem Kind mit Diabetes können sich informieren, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsame Aktivitäten am Bleiloch‑Stausee erleben.
Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen | Foto: SEZ Kloster

< 1 minute

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • cina_polada postete ein Update vor 1 Tag, 7 Stunden

    Hi, ich bin Julija und komme aus Frankfurt. Vor ein paar Wochen wurde bei mir Diabetes Typ 2 mit gerade mal 33 Jahren diagnostiziert.. Kämpfe im Moment noch sehr mit der Diagnose und würde mich über etwas Austausch sehr freuen 🙂

  • lauf-chris postete ein Update vor 1 Tag, 9 Stunden

    Ich habe jetzt seit ca 1 Jahr die YpsoPump. Bin gut damit zufrieden. Ist aber auch kein Selbstläufer!

  • Huhu, ich bin Marina und 23 Jahre alt, studiere in Marburg, habe schon etwas länger Typ 1 Diabetes und würde mich total über persönlichen Austausch mit anderen jungen Menschen/Studis… freuen, vielleicht auch mal ein Treffen organisieren oder so 🙂 Schreibt mir gerne, wenn ihr auch Lust habt!

Verbände