Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes: „Er/Sie hat Zucker: Selbst schuld! Futtert zu viel und bewegt sich zu wenig!“

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Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes: „Er/Sie hat Zucker: Selbst schuld! Futtert zu viel und bewegt sich zu wenig!“ | Foto: LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com
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Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes: „Er/Sie hat Zucker: Selbst schuld! Futtert zu viel und bewegt sich zu wenig!“

Mindestens drei Stigmata finden sich in diesen wenigen Worten der Überschrift. Die Deutsche Diabetes Hilfe – Menschen mit Diabetes, Landesverband NRW e. V. hat gemeinsam mit dem Team von Diabetes TV ein informatives Video zum Thema „Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes“ realisiert und veröffentlicht. Dieser Film ist der Startschuss für eine Kampagne gegen die Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes.

Nähern wir uns doch dem Thema der Stigmatisierung in unserer Sprache. Je nachdem, wie wir einen Sachverhalt sprachlich einkleiden, aktivieren wir bei unserem Gegenüber unterschiedliche mentale Assoziationen und Bewertungen. So kann die gleiche Information je nach Formulierung als positiv oder als negativ wahrgenommen werden. Ein Stigma ist dem Grunde nach ein charakteristisches Merkmal, das eine Person von anderen unterscheidet. Die Verwendung einer stigmatisierenden und fachlich unangebrachten Sprache mag beim Sender unbedacht und ohne böse Hintergedanken erfolgen, löst jedoch beim Empfänger das Gefühl einer Vorverurteilung oder Diskriminierung aus.

Enorme Belastungen für die Betroffenen

Stigmatisierung in der Sprache ist eine typische Begleitform bei zahlreichen Erkrankungen. Häufig kommt sie vor zum Beispiel bei starkem Übergewicht (Adipositas), bei Sucht-Erkrankungen oder geistigen Einschränkungen. Der von uns erstellte Film konzentriert sich auf die Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes – immerhin einer Bevölkerungsgruppe in unserem Land von über 11 Millionen Menschen.

Die permanent steigende Zahl von Menschen insbesondere mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes stellt die Gesellschaft vor Herausforderungen, vor allem hinsichtlich der Vorbeugung (Prävention) und der Versorgung. Auch die Belastungen, die diese chronische Erkrankung für den Einzelnen mit sich bringt, sind enorm. Es gibt zahlreiche Faktoren, die den Blutzucker beeinflussen und in der Therapie berücksichtigt werden müssen. Seien es zum Beispiel die Tageszeit, die allgemeine körperliche Verfassung, bestehender Stress, körperliche Aktivität, Mahlzeiten mit Menge, Art und Zusammensetzung oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Dieses führt zwangsläufig zu teilweise Hunderten zusätzlichen bewussten oder unbewussten Entscheidungen, die Menschen mit Diabetes täglich eigenständig treffen müssen. Es ist erwiesen, dass sie demzufolge eine vergleichsweise geringere Lebensqualität haben und erhöhte krankheitsbezogene Stressoren aufweisen. Das Risiko, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken, ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes doppelt so hoch wie und mit Typ-1-Diabetes bis zu dreimal höher als bei Menschen ohne Diabetes.

Folge: psychische Belastungen

Ein negativer, fachlich nicht korrekter und stigmatisierender Gebrauch der Sprache fördert einerseits die negative Stereotype über den Diabetes und kann andererseits bei Menschen mit Diabetes zu psychischen Belastungen führen. Betrachten wir die durchaus geläufigen Stigmata in der Überschrift dieses Artikels. „Er/Sie hat Zucker!“ erweckt den Eindruck, dass der Konsum von zu viel Haushaltszucker den Diabetes auslöst. Dabei sind die Ursachen des Diabetes und die Stoffwechselprozesse abhängig vom Diabetestyp und weitaus komplexer. „Selbst schuld!“ vernachlässigt vollumfänglich, dass in den allermeisten Fällen die genetische Veranlagung und ein Autoimmunprozess wesentliche Auslöser dieser Erkrankung sind. Und die vollkommen unsachliche Äußerung „Futtert zu viel und bewegt sich zu wenig“ betrifft sicherlich weitläufige Gewohnheiten in unserer Gesellschaft in den aktuellen wohlhabenden Zeiten, jedoch keinesfalls allein die Bevölkerungsgruppe der Menschen mit Diabetes.

Es ist davon auszugehen, das jeder Mensch mit Diabetes im Verlauf der Krankheit stigmatisierenden Äußerungen ausgesetzt war. Ebenfalls ist aber auch davon auszugehen, dass jeder Mensch mindestens einmal bewusst oder unbewusst stigmatisierende Äußerungen gegenüber Mitmenschen getätigt hat. Diese durch die Sprache vermittelten Botschaften haben Folgen.

Verletzend und demotivierend

Der Sprachgebrauch kann einen tiefgreifenden Einfluss darauf haben, wie Menschen mit Diabetes in der Gesellschaft gesehen und behandelt werden. Eine vorurteilsfreie und sachliche Sprache kann bei den Menschen Selbstbewusstsein und Motivation stärken und somit die Widerstandskraft (Resilienz) und das Wohlbefinden fördern. Im Umkehrschluss werden aber auch die bereits zahlreichen negativen Stereotype über Diabetes durch unsensible Sprache verstärkt. Die Menschen verinnerlichen diese Botschaften und ihr Selbstbild und die Sichtweise auf den eigenen Diabetes kann dadurch negativ gefärbt werden. Unvorsichtige oder negative Sprache kann somit verletzen, demotivieren oder Ängste hervorrufen und sich somit auf die Fähigkeit, mit dem Diabetes umzugehen, negativ auswirken.

Video als Appell

Mit dem veröffentlichten Video „Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes“ und der folgenden Kampagne möchten wir als Verein unbedingt appellieren an alle Menschen aus dem Angehörigen-, Freundes- und Bekanntenkreis oder Arbeitsumfeld im Umgang mit Menschen mit Diabetes:

  • Bitte respektieren Sie die Eigenverantwortung eines Menschen mit Diabetes und halten Sie sich mit Kommentaren zum Verhalten oder äußeren Erscheinungsbild wie Körpergewicht oder sichtbaren Diabetes-Utensilien zurück.
  • Bemerkungen zum Verhalten z. B. beim gemeinsamen Essen werden häufig als Einmischen oder gar Bevormundung (z. B. „Du darfst ja keinen Kuchen essen“) empfunden. Fragen Sie als Gastgeber sachlich nach, ob Besonderheiten (wie auch bei Menschen mit Unverträglichkeiten) zu berücksichtigen sind.
  • Verwenden Sie keine urteilenden Aussagen wie „Du kümmerst dich zu wenig“ oder „Du strengst dich nicht genug an“. Geben Sie der Person das Gefühl, dass ihre Bemühungen gesehen und anerkannt werden und dass Sie um die Herausforderungen wissen, die mit der Behandlung von Diabetes verbunden sind.
  • Wenn Sie selbst einen ausreichend sensiblen Umgang entwickelt haben, machen Sie im Bedarfsfall auch andere auf ein unangemessenes Verhalten aufmerksam.

Wir möchten aber auch an alle Menschen mit Diabetes im Umgang mit stigmatisierenden Äußerungen appellieren. Gehen Sie davon aus, das die Äußerungen im Regelfall weder boshaft noch verletzend gemeint sind. Weisen Sie sachlich auf die Wirkung des Gesagten hin. Manchmal hilft es auch, unbedachte Äußerungen einfach mit Humor zu nehmen und sie „wegzulächeln“.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei der Krankenkasse IKK Classic für die finanzielle Unterstützung zum Erstellen dieses wertvollen Videos. Dieses Video finden Sie unter diabetesweb-tv.de/stigmatisierung-von-menschen-mit-diabetes oder folgendem QR-Code:

Bitte empfehlen und teilen Sie dieses Video und unterstützen somit unsere Kampagne gegen „Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes“.


von Michael Wolters

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (X) Seite 78-79

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  • bloodychaos postete ein Update vor 6 Tagen, 6 Stunden

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

  • sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
    Liebe Grüße
    Sayuri

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