Nicht selten fällt ein erhöhter Langzeit-Blutzuckerwert im Rahmen des regelmäßigen Check-ups auf. Andere führt ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen zur Hausärztin. Manchmal bemerkt der Augenarzt Veränderungen am Augenhintergrund. Was bedeutet es, die Diagnose Typ-2-Diabetes zu erhalten?
Lautet die Diagnose „Typ-2-Diabetes“, bedeutet das für viele Betroffene erst mal einen großen Schreck und Unsicherheit. Manche ignorieren oder verleugnen die Krankheit anfänglich. Auch Wut und Frustration können Menschen in der Zeit nach der Diagnose ergreifen und sie geradezu lähmen.
Diese Gefühle sind berechtigt und gehören zum Verarbeiten der Diagnose. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Betroffenen in dieser Phase nicht alleingelassen sind. Denn um die Erkrankung gut zu managen und Komplikationen möglichst zu verhindern, ist es besonders wichtig, dass Menschen mit Diabetes gut informiert sind, ihren eigenen Körper gut verstehen und sich und ihre Gewohnheiten auf dessen Bedarfe einstellen.
Schulung: Rüstzeug für Selbstmanagement
Ein Herzstück des Behandlungsplans ist die Schulung für Menschen direkt nach der Diagnose, die Grundlagen des Selbstmanagements vermittelt. „Hier bekommen Patienten das Rüstzeug für das Leben mit der Erkrankung“, sagt Dr. Kerstin Pirlich, Fachärztin am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Stoffwechselmedizin in Leipzig. „Sie lernen, die Krankheit besser zu verstehen, und werden über Therapie-Möglichkeiten aufgeklärt. Und sie erfahren, wie wichtig es ist, Eigenverantwortung zu übernehmen.“
Erfolgt die Schulung in einer Diabetes-Schwerpunktpraxis, werden die Schulungen von Diabetesberaterinnen und -beratern oder auch von Diabetesassistentinnen und -assistenten unter ärztlicher Leitung durchgeführt. Dr. Kerstin Pirlich hält es für sinnvoll, Schulungen in Gruppen durchzuführen, in denen Menschen ähnlichen Alters oder mit vergleichbarem Krankheitsbild gemeinsam lernen.
Grundbausteine des Managements und der Therapie sind praktisch immer eine ausgewogene Ernährung und das richtige Maß an Bewegung. Wichtig ist es auch, die eigenen Glukosewerte und ihren Verlauf kennenzulernen. Wie reagiert der Körper, wenn ich bestimmte Lebensmittel zu mir nehme, Alkohol trinke oder nach der Mahlzeit einen Spaziergang mache? „Nur wenn Patienten diese Zusammenhänge verstehen, können sie die Therapie erfolgreich umsetzen“, sagt Dr. Kerstin Pirlich. Die Schulungen klären aber auch über die medikamentösen Möglichkeiten auf, wenn Ernährung und Bewegung nicht (mehr) ausreichen, um die Blutzuckerwerte im Griff zu haben.
Die eigenen Möglichkeiten kennen
Damit Patientinnen und Patienten einen guten Eindruck davon bekommen, wie ihr Blutzucker auf Ernährung und Bewegung anspricht, bemühen sich die Ärztinnen und Ärzte im MVZ Stoffwechselmedizin, alle Teilnehmenden der Schulungen einmalig mit einem Glukose-Sensor auszustatten. Dieser ermittelt etwa zwei Wochen lang kontinuierlich den Glukosewert.
„Den Verlauf beobachten zu können, das macht etwas mit den Menschen“, ist Pirlich überzeugt. Oft sind sie überrascht, wie stark die Werte bei bestimmten Nahrungsmitteln ansteigen. Oder auch, wie nützlich eine kleine Bewegungs-Einheit nach dem Essen sein kann. „Das schärft das Bewusstsein für die eigenen Einfluss-Möglichkeiten auf den Verlauf der Erkrankung.“
Menschen, deren Typ-2-Diabetes bereits medikamentös behandelt wird, empfiehlt Pirlich, etwa alle drei bis sechs Monate für einige Zeit einen Glukose-Sensor zu tragen. „Dadurch sehen sie: Wie weit bin ich gekommen? Was konnte ich umsetzen?“ Auch wenn die Kosten von den gesetzlichen Krankenversicherungen nicht erstattet werden, rät die Medizinerin zu diesen regelmäßigen Selbstkontrollen.
Dauerhaft einen Sensor zu tragen, hält sie für diese Patientengruppe dagegen nicht für sinnvoll. Für die Therapie sei das nicht nötig und das ständige Beobachten der Werte könne Menschen auch verunsichern. Der potenzielle Nutzen sei deshalb gegen Kosten und möglichen Stress abzuwägen. „Kurzzeitig erhöhte Glukosewerte nach Mahlzeiten sind zum Beispiel bei jungen und älteren Menschen unterschiedlich relevant für den weiteren Verlauf“, sagt sie.
Schulung im DMP
Wer sich bei seiner gesetzlichen Krankenversicherung in ein strukturiertes Behandlungs-Programm (Disease-Management-Programm, DMP) einschreiben lässt, kann und muss regelmäßig an zertifizierten Schulungen teilnehmen.
Austausch mit Betroffenen
Wichtig für alle Betroffenen findet Dr. Kerstin Pirlich dagegen den Austausch mit anderen Betroffenen. „Selbsthilfegruppen sind ein wichtiger Anlaufpunkt für Menschen kurz nach der Diagnose.“ Hier teilen „alte Hasen“ nicht nur ihre Erfahrungen mit Bewegung, Ernährung oder Medikamenten.
In der Gruppe gibt es wichtige Tipps für alle Facetten des Lebens mit Diabetes: Welche Rolle spielt die Erkrankung für meine Arbeit? Welche Ansprüche kann ich gegenüber der Krankenkasse geltend machen? Wer sind meine Ansprechpartner für die vielen verschiedenen Fragen, die im Alltag auftreten können? Gruppen vor Ort und die vielfältigen Online-Angebote können wichtige Unterstützung bieten für Menschen mit Diabetes.
von Dr. Ulrike Schneeweiß
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (5) Seite 60-61
