Bei unserem Eltern-Kind-Treff in Bad Harzburg wurde deutlich: Noch immer erhalten viel zu viele Kinder die Diagnose Typ-1-Diabetes erst nach einer gefährlichen Stoffwechsel-Entgleisung. Wir fordern mehr Sensibilisierung für die Symptome!
Unser diesjähriger Eltern-Kind-Treff im Bad Harzburger Känguroom war lebendig, bunt und informativ wie immer: spielende Kinder, viel gegenseitige Unterstützung und angeregte Gespräche an den Ständen der Hilfsmittel-Industrie. Doch zwischen Kaffee, Sensortest, Burger und Bällebad wurde schnell klar, dass viele Familien ähnliche belastende Erfahrungen teilen.
So scheint es noch immer weitgehend Normalität, dass Eltern trotz typischer Diabetes-Symptome bei ihrem kleinen Kind aus Kinderarztpraxen mit beruhigenden Worten nach Hause geschickt werden. Fehldiagnose Nummer 1: Harnwegsinfektion.
Die Nachfrage bei einer anwesenden Kinder-Diabetologin bestätigte den Eindruck. Sie schätzte die Zahl der Kinder, die erst nach einer Stoffwechsel-Entgleisung – bis hin zum Koma – bei ihr vorstellig werden, auf 80 bis 90 Prozent. Diese Zahl hat uns doch überrascht, hatten wir die Sensibilisierung für Symptome bei Ärzten und medizinischen Fachangestellten (MFAs) doch höher eingeschätzt.
Warnzeichen werden oft nicht erkannt
Die Geschichten ähneln sich: starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Gewichtsverlust. Manchmal nässen Kinder wieder ein oder wirken plötzlich apathisch – klassische Symptome eines beginnenden Diabetes Typ 1. Und dennoch werden Eltern häufig in den Kinderarztpraxen beruhigt und nach Hause geschickt. Es wird auf Infekte oder Wachstum verwiesen. Ein einfacher Blutzucker- oder Urintest? Fehlanzeige!
Dabei wäre die Diagnose unkompliziert möglich. Ein kurzer Test schafft Klarheit, bevor es kritisch wird. Stattdessen landen viele Kinder erst im Krankenhaus, wenn bereits eine diabetische Ketoazidose vorliegt, eine Stoffwechsel-Entgleisung mit Übersäuerung des Körpers. Dieser Zustand ist potenziell lebensbedrohlich und für Familien hoch belastend. Studien zeigen, dass bundesweit rund ein Drittel der Kinder bei Erstdiagnose bereits eine solche Entgleisung entwickelt hat.
Handlungsbedarf ist riesig
Wir fordern von allen Behandlern: Bei den genannten Symptomen muss Diabetes Typ 1 konsequent mitgedacht werden. Ein Blutzuckertest darf keine Ausnahme sein, sondern sollte selbstverständlich erfolgen. Mehrere Studien zeigen, dass Aufklärung wirkt. Durch gezielte Information von Praxis-Teams und Eltern ließ sich der Anteil schwerer Stoffwechsel-Entgleisungen z. B. in Italien durch eine forcierte Sensibilisierungs-Kampagne deutlich senken.
Unsere Gespräche beim Eltern-Kind-Treff haben uns vor Augen geführt, wie groß der Handlungsbedarf in Deutschland nach wie vor ist. Positivbeispiele, wie das von einer beherzten MFA, die sofort schaltete und den Kinderarzt auf die Möglichkeit eines Diabetes Typ 1 aufmerksam machte, zeigen, dass hier noch enormes Potenzial ist.
Universitäten, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Ärzteverbände und auch wir als Patientenvertreter sind jetzt gefragt: Sensibilisieren, Informieren und steter Dialog mit den Behandlern – das muss mit aller Konsequenz umgesetzt werden, damit irgendwann kein Kind mehr erst im Notfall erfährt, dass es an Diabetes Typ 1 erkrankt ist.
Interaktive Broschüre
Die Diabetiker Niedersachsen werden in diesem Jahr 50! Zum Auftakt des Jubiläumsjahres geben wir in einer interaktiven Broschüre einen Überblick über unsere Arbeit.
Jetzt im Web anschauen: 50.dia-aid.de
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (4) Seite 74-75




