Du bist nicht allein! – Von zufälligen Diabetes-Begegnungen

4 Minuten

Community-Beitrag
Du bist nicht allein! – Von zufälligen Diabetes-Begegnungen

„Du bist nicht allein! Wir sind Millionen und wir werden noch mehr sein!“, sang vor einigen Jahren die Band „die ärzte“. Ein Lied, was mir viel bedeutet und mich seitdem begleitet. Denn es sprach mir auf vielen Ebenen aus der Seele. Als ich Teil der Diabetes-Community wurde, wusste ich endgültig, dass ich nicht alleine bin. Aber schon vorher gab es immer wieder Momente, in denen ich das dachte. Nämlich dann, wenn ich zufällig Diabetiker traf. Doch das ging mit anderen Unsicherheiten einher: Ansprechen oder nicht? Sich selber outen? Sagen, dass man gesehen hat, wie sich jemand unter dem Tisch den Blutzucker gemessen hat? Von vier zufälligen Diabetes-Begegnungen, die aus der Zeit vor dem Austausch in den sozialen Netzwerken stammen, möchte ich Euch berichten.

Wir lernten uns im Kindergarten kennen…

Der süße Begleiter war irgendwie schon immer Teil meines Lebens, doch persönlich lernten wir uns erst im September 1996 kennen. Ich bekam die Diagnose kurz vor meinem 13. Geburtstag. Neu war das Wort „Diabetes“ für mich aber nicht. Meine beste Freundin im Kindergarten hatte Typ-1-Diabetes und schon damals war ich immer sehr interessiert und fragte Sabrina viel. Sie war praktisch seit ihrer Geburt Diabetikerin und kannte es gar nicht anders. Sabrina und ihre Mutter erschienen mir schon damals als eingespieltes Team: messen, spritzen, essen. Naja, und dann weiterspielen.

Meine Erinnerungen daran sind etwas schwammig, da ich erst vier oder fünf Jahre alt war. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, dass Sabrina zu bestimmten Zeiten immer zu ihrer Mutter musste, damit diese Blutzucker messen konnte. Auch, dass manchmal Traubenzucker gefuttert werden musste, ist mir im Gedächtnis geblieben. Rückblickend werden mir vor allem die Unterschiede zu heutigen Therapieformen bewusst. In den 1980er Jahren sahen die Messgeräte noch anders aus. Sabrina konnte die Tasche gar nicht mit sich herumtragen. Heute passt so ein Ding in jede Tasche.

Leider haben wir uns nach dem Kindergarten aus den Augen verloren. Einige Jahre später fanden wir uns über ein soziales Netzwerk wieder, aber der Kontakt konnte nicht wiederaufgebaut werden. Ich weiß gar nicht, ob ich ihr bei dem kurzen Online-Wiedersehen überhaupt gesagt habe, dass ich nun auch zum Club gehöre. Denn manchmal ist es gar nicht so leicht, sich zu „outen“. Fällt man direkt mit der Tür ins Haus oder übt man sich in Zurückhaltung? Lange Zeit verschwieg ich es lieber. Das änderte sich, als ich das erste Mal in die große weite Welt hinauszog.

„Sorry, my Diabetes sucks today!“

2007 absolvierte ich ein Auslandssemester an einer kleinen italienischen Universität in Norditalien. Ich lernte viele neue Menschen kennen und es war eine aufregende Zeit. Da es sich meist aber um oberflächliche Begegnungen handelte, erzählte ich nicht sofort von meinem Diabetes. Eigentlich verriet ich es nie. Ich war inkognito. In meinem Sprachkurs freundete ich mich auch schnell mit mehreren anderen Gaststudenten an. Darunter war Linda – eine sportliche, lustige Schwedin, mit der ich mich auf Anhieb verstand. Eines Tages, nach Kursende, quatschte ich sie an und fragte, ob alles in Ordnung sei, da sie etwas blass war. In diesem Moment griff sie schon nach einem Apfel und sagte nur: „Sorry, my Diabetes sucks today!“

Ich brach in Begeisterung aus und quasselte wie ein Wasserfall los, wie toll das sei, hier einen anderen Typ1er zu treffen. Jeder, der schon einmal während einer Unterzuckerung genervt wurde, kann sich genau jetzt Lindas Blick vorstellen. Zum Glück nahm sie mir das nicht übel. Es folgte ein interessanter Austausch über den Diabetes, die unterschiedlichen Krankensysteme und die Vorbereitungen für den Auslandsaufenthalt. Linda war Pennerin und bekam den gesamten Jahresbedarf direkt mit. In ihrem WG-Kühlschrank stapelte sich das Insulin. Ich hingegen war gezwungen, meinen Auslandsaufenthalt einmal zu unterbrechen, um mir nach drei Monaten Nachschub holen zu können.

Danach outete ich mich auch häufiger gegenüber anderen Austauschstudenten. Linda ging damit so offen um, dass ich richtig beeindruckt war und auch Mut fasste. Für sie stellte das alles gar kein Problem dar. Es beeindruckte mich, wie ungezwungen Linda mit dem Diabetes umging. Auf Partys trank und aß sie wie jeder andere. Ab und zu wurden Pen oder Messgerät gezückt und dann ging es weiter. Damals vermisste ich diese Freiheit beim Umgang mit meinem eigenen Diabetes. Linda war hier wirklich ein wichtiger Mensch für mich, der mir zeigte, dass es auch anders geht. Man muss es gewiss nicht jedem auf die Nase binden, aber dort, wo man sich wohl fühlt und mit Freunden eine tolle Zeit hat, da sollte man immer man selbst sein – eben auch mit Diabetes.

Dating mit Diabetes

Tja, wie ist das nun, mit dem Diabetes, wenn man einen Menschen kennenlernt, der auch ein Partner werden könnte. Seitdem ich offener mit dem Diabetes umgehe, habe ich es immer aus dem Bauch heraus entschieden, wann ich es sage. Manchmal ergeben sich von selbst passende Gelegenheiten. Trifft man jedoch jemanden, den man auch in einer romantischen Art interessant findet, dann wird das schon schwieriger. Man möchte sich ja von seiner besten Seite zeigen und nicht „die Kranke“ sein. So war ich auch etwas zurückhaltender, als ich Tom 2014 kennenlernte. Wir hatten uns in einem Forum online getroffen und verquatscht. Bald darauf telefonierten wir auch und schrieben uns beinahe täglich. Nach zwei Wochen dachte ich langsam, dass ich mal etwas sagen müsste, da das erste Treffen auch im Raum stand.

„Meine Eltern sind immer überfürsorglich, wenn es um mich geht. Liegt am Diabetes.“ Tom schrieb mir dies einfach in einem What’s App-Gespräch. Ich dachte, ich würde nicht richtig gucken, und fragte, ob wir eben telefonieren könnten. Er rief sofort an und ich sagte nicht einmal „Hallo“, sondern nur: „Pumpe oder Pen?“ Schweigen folgte am anderen Ende des Telefons und ich wiederholte die Frage. Ein zögerliches „Pumpe, aber woher kennst Du das?“ brach das Eis. Wir mussten sehr über die Situation lachen, da auch er seit Tagen überlegte, wie er es mal thematisieren könnte. Wir hatten uns beide vollkommen umsonst den Kopf zerbrochen und kamen beide zu dem Schluss, dass man es einfach immer direkt sagen sollte. Verheimlichen könnte man es eh nie.

Ein Paar wurde aus uns zwar nicht, aber es war eine lehrreiche und auch schöne Begegnung, die mir einmal mehr gezeigt hat, dass Diabetiker sich überall finden. Da man es uns nicht an der Nasenspitze ansieht, treffen wir vermutlich täglich Typ-1- und noch mehr Typ-2-Diabetiker, ohne es zu wissen.

Manchmal möchte man auch alleine bleiben…

Eine prägende Situation, in welcher ich mich gegen ein Outing entschied, habe ich an der Uni erlebt. Ich war auf der Toilette und hörte nebenan das bekannte Geräusch eines Pens, der gerade aufgezogen wurde, gefolgt von dem Klackern, wenn man sich spritzt. Unverkennbar. Wer sich entscheidet, sich Insulin auf einer Toilette zu spritzen, den sollte man auch nicht darauf ansprechen. Wenn es nicht nur eine Ausnahme, sondern eine bevorzugte Gewohnheit des Mädchens war, dann wäre es ihr wahrscheinlich auch unangenehm, wenn man sie darauf ansprechen würde. Man sollte so viel Diabetiker-Feingefühl haben, um auch dies respektieren zu können.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

DiaNet(t)-Treffen: Aktiv, laut, solidarisch mit der Diabetes-Community

Etwa 50 Engagierte aus der Diabetes-Community trafen sich beim DiaNet(t)-Treffen der Social-Media-Kampagne #SagEsLaut #SagEsSolidarisch in Berlin. Das Thema des Zusammenkommens war dieses Mal „Stärke“.
DiaNet(t)-Treffen: Aktiv, laut, solidarisch mit der Diabetes-Community | Foto: diabetesDE

3 Minuten

Diabetes-Anker-Podcast – „Höhen & Tiefen“: Welche Technologie hilft bei welchem Diabetes-Typen?

Im Community-Format „Höhen & Tiefen” lernt ihr auch dieses Mal wieder zwei Menschen mit Diabetes kennen: Hört zu, wie sich Kathi Korn und Ümit Sahin zusammen mit Moderatorin Stephanie Haack im Diabetes-Anker-Podcast über Diabetes-Technologie für verschiedene Diabetes-Typen austauschen.
Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Welche Technologie hilft bei welchem Diabetes-Typen? | Foto: MedTriX/privat

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • Liebe Leute, ich habe zwei neue Erfahrungen mach dürfen, die Ursächliche nicht so schön, woraus die 2. Erfahrung (notwendig gut) resultiert!

    Ich bin kein Liebhaber von Zahnärzten und meine dort geführte Gesundheitsakte ist mit einem riesigen “A” für Angspatient gezeichnet. Ende letzten Jahres ist mir beim letzten verbleibenden Weisheitszahn (nie Schmerzen gemacht) größeres Teil abgebrochen, ZA meint, da geht er nicht bei, weil Zahn quer liegt, allso OP, und danach könnte man sich über Zahnersatz unterhalten … ich natürlich in Schockstarre gefallen, – gleich am selben Tag bei OP-Zahnarzt Termin gemacht, vor Weihnachten nix mehr möglich, gleich Anfang Januar Termin bekommen, Röntgenbild lag dem Chirugen bereits vor. Vieles wurde besprochen, auch der Zahnersatz, wobei der Chirug gleich meinte, dass ausser WZ wohl 3 weitere Zähne raus müssten. Schock nr. 2! Ich wollte mir aber noch 2Meinung einholen und fand Dank guten Rat von Bekannten, einen anderen Zahnarzt, dem ich mein Leid und Angst ausführlich schildern konnte und der auch zum erstenmal die Diabetes in Spiel brachte … kurz um ein bisher bestes aufklärendes Gespräch, wie weit Diabetes auch auf die Zahne und Zahnfleisch gehen kann. Bei mir Fazit Paradontites. (die 1. unschöne Erfahrung). Der Weisheits- und daneben liegende Zahn sind inzwischen raus, – war super gute und schmerzfreie OP, danach keinerlei Schmerzen, durfte allerdings auch Antibiotika nehmen. Die 2. Erfahrung: ich konnte meine Insulindosies halbieren, – bei 10 Tg. Antbiotika, und nun 15 ohne Medizin noch anhaltend niedrige Insulinmenge, mit steigender festen Nahrungsaufnahme.

    Heute bei Diabetologen bestätigt, das Diabetiker besonders auf Ihre Zähne und Zahlfleich achten sollten. Da frage ich mich warum der Zahnarzt da nicht im Vorsorgekatalog von DMP aufgenommen ist.

    LG Wolfgang

  • Hallo ihr Lieben….Mein Name ist Laila…Ich bin neu hier…Ich wurde seit 2017 mit Diabetes 2 diagnostiziert.Da bekam ich den Diabetes durch laufen ohne Medies in den Griff.Das ging so bis Januar 2025.Ich weiss heute nochicht warum…aber ich hatte 2024 den Diabetes total ignoriert und fröhlich darauf losgegessen.Mitte 2025 ging ich Sport machen und gehen nach dem Essen.Und nahm immer megr ab.Htte einen Hb1C Wert von 8…Da ich abnahm, dachte ich, das der Wert besser ist…Bis Januar 2025…Da hatte ich einen HbA1C Wert von 14,8…Also Krankenhaus und Humalog 100 zu den Malzeiten spritzen…Und Toujeo 6 EI am Morgen…Irgendwann merkte ich, das mich kein Krankenhaus einstellen konnte.Die Insulineinheiten wurden immer weniger.Konnte kein Korrekturspritzen megr vornehmen.Zum Schluss gin ich nach 5 Mon. mit 2 Insulineinheiten in den Hypo…Lange Rede …kurzer Sinn.Ich ging dann auf Metformin…Also Siofor 500…Ich war bei vielen Diabethologen….Die haben mich als Typ 1 behandelt.Mit Metformin ging es mir besser.Meine letzte Diaethologin möchte, das ich wieder spritze.Ich komme mit ihr garnicht zurecht.Mein HbA1C liegt jetztbei 6,5…Mein Problem ist mein Gewicht.Ich wiege ungefähr 48 Kilo bei 160 m…Ich bräuchte dringend Austausch…Habe so viele Fragen…Bin auch psychisch total am Ende. Achso…Ja ich habe seit 1991 eine chronisch kalfizierende Pankreatitis…Und eine exokrine Pankreasinsuffizienz…Also daurch den Diabetes 3c.Wer möchte sich gerne mit mir austauschen?An Michael Bender:” Ich habe Deine Geschichte gelesen . Würde mich auch gerne mit Dir austauschen, da Du ja auch eine längere Zeit Metformin eingenommen hast.” Ich bin für jeden, mit dem ich mich hier austauschen kann, sehr dankbar. dankbar..Bitte meldet Euch…!!!

    • Hallo Leila, ich bin Suzana und auch in dieser Gruppe. Meine Geschichte kannst du etwas weiter unten lesen.
      Es ist sicher schwer aus der Ferne Ratschläge zugeben, dennoch: ich habe mich lange gegen Insulinspritzen gewehrt aber dann eingesehen, dass es besser ist. Wenn die Pankreas nicht mehr genug produziert ist es mit Medikamenten nicht zu machen. Als ich nach langer Zeit Metformin abgesetzt habe, habe ich erst gemerkt, welche Nebenwirkungen ich damit hatte.
      Ja auch ich muss aufpassen nicht in den unterzucker zu kommen bei Sport und Bewegung aber damit habe ich mich inzwischen arrangiert. Traubensaft ist mein bester Freund.
      Ganz wichtig ist aber ein DiabetologIn wo du dich gut aufgehoben fühlst und die Fragen zwischendurch beantwortet.
      Weiterhin viel Kraft und gute Wegbegleiter!

    • @suzana: Ich danke Dir für die Nachricht.Könnten wir uns weiterhin austauschen?Es wäre so wichtig für mich.Vielleicht auch privat? Gebe mir bitte Bescheid…Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus…Wäre echt super…😊

    • Hallo Leila, auch von mir ein herzliches willkommen. Auch meine Geschichte liest du im weiteren Verlauf.
      Zur “chronisch kalfizierende Pankreatitis” kann ich nix sagen, da ist immer das Gespräch mit dem Arzt/Diabetologen vorzuziehen, wie in allen Gesundheitsfragen. Was sagen Ärzte dazu, auch wg. der NICHTzunahme an Gewicht. Wenn ich mit einem Arzt nicht kann, oder dieser mir nicht ausreichende Infos gibt, schaue ich mich nach einem anderen Arzt/Diabetologen um, das ist Dein Recht, es geht um Deine Gesundheit!
      Sollte mit der Nichtzunahme noch mehr dahinter Stecken, vielleicht
      auch mal einen Psychologen in Deine Überlegung ziehen. Oder eine auf dich zugeschnittene Diabetes Schulung o.Ä., auch hier sollte Dich ein guter Diabetologe aufklären können.

      Soweit was mir im Moment einfällt. Lass es Dir gut gehen.

      Gruss Wolfgang

    • Hey Laila, du kannst mir gerne hier im Typ 3c Bereich oder via PN schreiben. Ich bin gerade zwar etwas gesundheitlich angeschlagen, versuche aber, so gut es geht zu antworten.

  • vio1978 postete ein Update vor 2 Tagen, 9 Stunden

    Habe wieder Freestyle Libre Sensor, weil ich damit besser zurecht kam als mit dem Dexcom G 6. ist es abzusehen, ob und wann Libre mit d. Omnipod-Pumpe kompatibel ist?🍀

Verbände