Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes

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Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX
Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX
Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes

Caroline ist eine von wenigen Menschen, die auf Social Media offen über ihren Typ-2-Diabetes sprechen. Sie möchte als Diabetes-Awareness-Speakerin aufklären, Vorurteile ausräumen und anderen Betroffenen Mut machen.

Im Interview: Caro Spindler

Die Marketing-Managerin erhielt ihre Diagnose im Alter von 27 Jahren mitten in der Corona-Pandemie. Klassische Diabetes-Symptome hatte Caroline keine. Stattdessen entwickelte sie eine seltene Hauterkrankung, die erst über Umwege zur Diabetes-Diagnose führte. Heute, mit 32 Jahren, beschreibt sie ihr Leben mit Diabetes so: „Es läuft nicht immer so, wie man es sich vielleicht wünschen würde, aber ich lerne es zu akzeptieren. (…) Ich habe eben einen Diabetes mit Höhen und Tiefen.“

Caroline Spindler (Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX)

Austausch ermöglichen, Stigmatisierung bekämpfen

Auf Auf ihrem Instagram-Account @sweet.caromell.type2 teilt sie ihre Erfahrungen mit Typ-2-Diabetes. „Mit 27 haben die meisten in ihrem Freundeskreis niemanden, der in einer ähnlichen Situation ist“, erklärt sie. Caroline möchte das sein, was sie damals selbst vermisst hat: ein Vorbild, das zeigt, wie man mit Typ-2-Diabetes umgehen kann. Ihre Botschaft ist klar: „Die Diagnose ist nicht das Ende.“ Als Diabetes-Awareness-Speakerin kämpft sie außerdem gegen Stigmatisierung. Besonders Vorurteile über Ernährung und Lebensstil beschäftigen sie. Ihr Wunsch ist, dass die Gesellschaft mehr Mitgefühl zeigt und besser aufgeklärt ist.

Leben in Bewegung

In ihrer Freizeit spielt Bewegung eine wichtige Rolle. Caroline probiert sich immer wieder in verschiedenen Sportarten aus und geht gerne spazieren. Etwas, das sie während der Pandemie für sich entdeckt hat: „Über die Jahre habe ich gelernt, dass jede Form von Bewegung super ist“, sagt sie. Sie verbringt gern Zeit mit Freunden und ihrem Partner, der sie sehr unterstützt. Die beiden haben im Sommer 2025 geheiratet – ein Tag, an dem der Diabetes ausnahmsweise einmal Pause hatte.

Diabetes-Anker (DA): Caroline, Du bist schon lange Teil des Diabetes-Ankers und hast viel über deine Erfahrungen berichtet. Wie geht es dir aktuell mit deinem Diabetes?

Caroline: Im September hatte ich meinen fünften Diaversary. Man kann sagen, dass mein Diabetes mittlerweile in seinen Kinderschuhen steckt. Er hat einen eigenen Charakter entwickelt, ein eigenes Denken und Handeln, auch wenn man sich als „Mama“ eher mal zurücklehnen will. Ich glaube, das beschreibt meine Situation ganz gut. Es läuft nicht immer so, wie man es sich vielleicht wünschen würde, aber ich lerne es zu akzeptieren.

DA: Du bist auf Instagram in Bezug auf deinen Diabetes sehr aktiv. Was hat dich dazu bewogen, deinen Account @sweet.caromell.type2 zu erstellen?

Caroline: Das knüpft am Anfang meiner Diagnosezeit an. Ich wurde mit 27 Jahren diagnostiziert. Ich gehöre zur Generation Social Media und habe mir damals jemanden gewünscht, auf dessen Profil man schauen kann, wie es andere machen. Mit 27 haben die meisten in ihrem Freundeskreis niemanden, der in einer ähnlichen Situation ist – Gott sei Dank. Natürlich fühlt man sich trotzdem ein bisschen allein, deshalb sucht man sich Gleichgesinnte bzw. Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, um zu schauen, wie die damit umgehen. Das hatte ich damals nicht und das ist sehr schade.

Bis heute gibt es auf Social Media leider sehr wenige Menschen mit Typ-2-Diabetes, die sich öffentlich dazu bekennen. Deshalb war das die Idee hinter dem Profil @sweet.caromell.type2, dass ich eine der Ersten bin, die dazu steht, Typ-2-Diabetes zu haben und die eine Möglichkeit bietet, in den Austausch zu gehen. In erster Linie geht es mir darum aufzuklären, jemandem helfen zu können.

DA: Welche Reaktionen bekommst Du auf deinen Account @sweet.caromell.type2 und gibt es etwas, das dich überrascht hat oder was andere Menschen daran überrascht?

Caroline: Ich denke, dass die meisten mein Alter in Verbindung mit Typ-2-Diabetes überrascht. Also dass es kein Typ-1-Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes ist, was man in dem Alter eher erwarten würde. Das ist immer noch etwas, das Leute „fasziniert“, weil junge Menschen mit Typ-2-Diabetes in der Gesellschaft nicht die bekannte Norm sind. Generell sind die Leute in der Diabetes-Community, zumindest auf Instagram, sehr positiv. Es ist eine sehr unterstützende Community. Man kriegt sehr viel Wissen vermittelt und kann mega gut in den Austausch gehen.

DA: Welche Überschneidungen und Unterschiede haben die Typ-1-Diabetes- und Typ-2-Diabetes-Community aus deiner Sicht?

Caroline: Beides ist Diabetes, aber die Therapie und der Körper spielen unterschiedliche Rollen. Am Ende des Tages haben wir trotzdem ähnliche Herausforderungen und ich glaube, das darf man nicht unterschätzen. Es gibt immer noch das Vorurteil, dass ein Diabetes schlechter oder besser sei als der andere, was aber absolut nicht stimmt. Es ist ein 24-Stunden-Job für alle Diabetes-Typen und das ist etwas, das man sich immer wieder in Erinnerung rufen muss. Ich denke, in der Diabetes-Community ist es weitgehend angekommen, dass es natürlich einige Unterschiede gibt, aber am Ende des Tages doch nicht so große.

DA: Wird die Typ-2-Diabetes-Community aus deiner Sicht größer, wenn man die Zeit seit deiner Account-Gründung betrachtet?

Caroline: Stille Typ-2-Diabetes-Follower gibt es immer mal wieder welche, aber wenn ich aktiv nach Typ-2-Diabetes-Accounts bei Instagram suchen würde, dann würde ich nur eine handverlesene Auswahl an Menschen finden. Das finde ich sehr schade. Aber ich glaube, das liegt unter anderem daran, dass Typ-2-Diabetes so einen schlechten Ruf in der Gesellschaft hat und generell chronische Erkrankungen nichts sind, worauf man stolz ist oder das man gerne preisgibt. Es ist für viele ein Eingestehen von Schwäche, was absoluter Schwachsinn ist.

Deswegen braucht es noch ganz viel Aufklärung. Es geht nicht darum, dass man Typ-2-Diabetes schön redet, aber dass man es in der Gesellschaft normalisiert, dass Menschen davon betroffen sind, damit sich auch andere trauen, darüber zu sprechen.

DA: Du bist auch Diabetes-Awareness-Speakerin. Wie kam es dazu?

Caroline: Das hat viel mit dem Thema Stigmatisierung zu tun. Vor allem bei Typ-2-Diabetes gehören Vorurteile dazu, sei es über Gewicht, über Sport, Ernährung. Ich finde es sehr traurig, dass man von Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, aufs Äußere bezogen bewertet wird. Es ist nicht immer das, wonach es aussieht.

Ich finde es schade, dass alle über einen Kamm geschoren werden, zum Beispiel bei der Aussage, dass alle Menschen mit Adipositas irgendwann Typ-2-Diabetes bekommen. Meistens sind es nicht nur öffentliche Stigmatisierungen, sondern gerade Dinge, die im privaten Umfeld passieren. Zum Beispiel wenn man gefragt wird, ob das Stück Kuchen noch sein muss oder Aussagen wie „Ach guck mal, die isst schon wieder einen Schoko-Riegel“. Solche Aussagen tun weh, aber für Menschen mit Typ-2-Diabetes gehören sie zum täglich Brot dazu. Es gibt so viele Vorurteile. Daher fand ich es so wichtig, über Diabetes aufzuklären, um mit dem einen oder anderen Vorurteil aufzuräumen.


„Bei der #SagEsLaut-Kampagne geht es um Solidarität, also dass man beide Typen gegenüberstellt, aber zeigt, ihr habt gemeinsame Themen, nur einen anderen Blickwinkel darauf. Das finde ich ganz wichtig, dass bei der Aufklärung kein Diabetes-Typ benachteiligt wird.“


DA: Du bist auch Teil der Kampagne #SagEsLaut#SagEsSolidarisch von diabetes.de – Deutsche Diabetes Hilfe. Was ist dir daran wichtig?

Caroline: Das gehört zum Thema Stigmatisierung dazu. Es geht darum, dass man auch innerhalb der Community mit Vorurteilen aufräumt und Diabetes nicht mehr als verschiedene Typen betrachtet, sondern als eine Erkrankung. Bei der #SagEsLaut-Kampagne geht es um Solidarität, also dass man beide Typen gegenüberstellt, aber zeigt, ihr habt gemeinsame Themen, nur einen anderen Blickwinkel darauf. Das finde ich ganz wichtig, dass bei der Aufklärung kein Diabetes-Typ benachteiligt wird.

DA: Deine eigene Diabete-Ddiagnose kam über einen etwas ungewöhnlichen Weg.

Caroline: Ja, bei mir fing das alles im Winter 2019 an. Ich hatte an meinen Unterschenkeln kleine rote Flecken bekommen. Am Anfang dachte ich, dass es blaue Flecken sind. Mit der Zeit wurden es immer mehr. Die waren sehr hartnäckig, wurden größer und dunkler. Ich war dann beim Hautarzt. Wir haben verschiedene Therapieansätze ausprobiert, aber nichts hat geholfen.

Irgendwann meinte eine Freundin von mir, ich sollte mal ein Blutbild machen lassen. Ich war beim Hausarzt, habe mir Blut abnehmen lassen und dann kam leider die Diabetes-Diagnose mit 27. Das war total unerwartet, weil ich sonst gar keine Symptome hatte, die man klassischerweise kennt. Aufgrund meines Alters war das etwas, was ich mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht vorstellen konnte. Damals kannte ich Typ-2-Diabetes nur von meinen Großeltern.

DA: Diese Hauterscheinung, die Du am Anfang hattest, nennt man Necrobiosis lipoidica. Kannst Du kurz erklären, was das ist?

Caroline: Das ist eine sehr seltene Hauterkrankung, die noch relativ unerforscht ist. Es gibt keine zielgerichteten Behandlungsansätze dafür. Diese Erkrankung haben weniger als ein Prozent aller Menschen mit Diabetes. Sie ist schwierig zu diagnostizieren, weil gerade bei Hauterkrankungen viele Dinge ähnlich aussehen. Woher es kommt, kann man bisher nicht genau sagen.

Meine persönliche Vermutung ist, dass es vielleicht eine chronische Entzündung im Körper ist. Ich habe mich mit ein paar Menschen aus der Community dazu ausgetauscht, die ein ähnliches Krankheitsbild haben. Ich glaube, wenn die Entzündungswerte im Körper relativ hoch sind plus der hohe Blutzucker dazukommt, verstärkt sich das Ganze gegenseitig. Es tut nicht weh, aber es ist kosmetisch unschön. Je schlechter der Diabetes eingestellt ist, desto schlimmer sieht die Haut bei mir leider aus.

DA: Deine Diagnose war zu Beginn der Corona-Lockdowns. Wie war das für dich mit dieser doppelten Herausforderung?

Caroline: Der erste Lockdown war glaube ich im März oder April. Da hatte ich meine Diagnose noch nicht, die kam erst im September, kurz vor dem nächsten Lockdown. In dieser Zeit war es schon so, dass Fitnessstudios geschlossen hatten. Bewegung hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen, weil man sich durch dieses viele zu Hause sein im Alltag kaum noch bewegen konnte. Ich fand das Thema Bewegung deshalb super herausfordernd. Da musste man kreativ werden.

Ich war nicht der Mensch, der klassische YouTube-Workouts von berühmten Influencern gemacht hat. Ich habe mich an Hula-Hoop versucht und das Spazieren für mich entdeckt. Ich wohne umgeben von Weinbergen. Damals war ich ein Jahr vorher aus der Stadt hierher gezogen und hatte noch gar keine Gelegenheit, die neue Umgebung kennenzulernen. Da hat Corona tatsächlich etwas Positives beigetragen, weil ich jeden Tag eine Stunde spazieren gegangen bin, was nach der Diabetes-Diagnose natürlich das Beste war, was ich machen konnte, um in Bewegung zu bleiben, aber auch um Stress abzubauen.

Das hat sich auch in meinen Blutzuckerwerten widergespiegelt plus ich habe meine Heimat kennengelernt. Ich schaue mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diese Zeit zurück. Ich konnte mich damals sehr gut neu sortieren und habe viele Sachen für mich beibehalten.

DA: Wie war der Zugang zu den Ärzten? Hast Du Schulungen oder Beratungen bekommen?

Caroline: Eine Schulung hatte ich tatsächlich nicht, das habe ich aber auch nicht angefordert. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich einen schlechteren Zugang zu Ärzten hatte, es gab einfach strengere Hygiene-Kontrollen.

DA: Welche Behandlungsansätze hast Du seit deiner Diagnose ausprobiert bzw. was wurde dir ärztlich empfohlen?

Caroline: Ich habe eine orale Medikation, also keine Insulin-Therapie. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Ich habe eben einen Diabetes mit Höhen und Tiefen.

DA: Welche drei Tipps in Bezug auf deinen Diabetes hast Du für dich bisher mitgenommen aus allem, was Du ausprobiert hast?

Caroline: Tatsächlich ist Spazierengehen für mich das Nonplusultra, das kann ich gar nicht oft genug sagen. Wenn Menschen, die zuvor schon Mehrgewicht hatten, so eine Diagnose bekommen, muss man gerade wegen der vielen Vorurteile empathisch sein. Ich bin es gewohnt, seit jeher irgendeine Form von Diät zu machen, um mein Gewicht zu reduzieren.

Dass man es schon vor dem Ausbruch des Typ-2-Diabetes mit einer Insulinresistenz zu tun hat und sich deswegen mit der Gewichtsreduktion schwertut, weiß man ja meistens nicht. Wenn der Arzt dann sagt, dass man sich mehr bewegen und am besten Low-Carb ernähren muss, sind das vielleicht Sachen, die man in diesem Moment nicht abkann. Ich glaube, die meisten Leute, die auch noch Sportmuffel sind, ziehen direkt Scheuklappen auf und versuchen es erst gar nicht.

Aber ich finde, Sport ist nicht gleich Sport. Klar ist es besser, Muskeln aufzubauen und Kardio-Intervall-Training zu machen, aber für Leute, die vorher gar nichts gemacht haben, ist es auch schon ganz viel wert, kleine Schritte zu gehen. Deswegen finde ich Spazierengehen so effizient, weil man das selbst steuern kann und keinen Megasprint an den Tag legen muss, um stolz auf sich zu sein. Über die Jahre habe ich gelernt, dass jede Form von Bewegung super ist.


„Mir hilft es im Alltag, dass ich mir, wenn der Tag gut gelaufen ist, am Abend mal eine Kleinigkeit gönne, dass man sich auch ein bisschen dafür belohnt, dass man so gut gearbeitet hat. So inhaliert man nicht exzessiv Sachen in sich rein, die nicht so gut sind, sondern genießt in Maßen. “


Was das Thema Ernährung anbelangt, habe ich mich mir ein 80-20-Regelprinzip angewöhnt. Kompletter Verzicht, egal ob Zucker oder Kohlenhydrate generell, passt nicht zu mir. Sie gehören einfach zum Leben dazu. Nach der Diagnose ist man vielleicht ein bisschen motivierter, aber irgendwann schleicht sich die Regel wieder ein. Da muss man einen gesunden Mittelweg für sich finden.

Mir hilft es im Alltag, dass ich mir, wenn der Tag gut gelaufen ist, am Abend mal eine Kleinigkeit gönne, dass man sich auch ein bisschen dafür belohnt, dass man so gut gearbeitet hat. So inhaliert man nicht exzessiv Sachen in sich rein, die nicht so gut sind, sondern genießt in Maßen. Was auch supergut hilft, ist, eine gewisse Essensreihenfolge beizubehalten, also dass man erst die Ballaststoffe isst, dann die Eiweiße und dann die Kohlenhydrate.

Das in Kombination mit dem Spazierengehen hilft mir sehr. Es gibt Menschen, die haben krasse Schuldgefühle, wenn die Blutzuckerwerte hoch sind. Man kann das aber so gut mit Bewegung wieder runterregulieren. Das sind die drei Dinge, die ich eigentlich jedem, der neu diagnostiziert wird, mitgeben kann: die 80-20-Regel, Bewegung und vor allen Dingen auch Bewegung nach dem Essen.

DA: Du hast schon Erfahrungen mit einer „Abnehmspritze“ gemacht. Wie war das für dich?

Caroline: Abnehmspritze ist ein schwieriges Thema, weil es eine Art Hassliebe ist. Ich sehe zwar die Vorteile, aber es gibt meiner persönlichen Erfahrung nach auch viele Nachteile. Ich muss schon sagen, dass ich die besten Glukosewerte in meiner kompletten Diabetes-Zeit mit der Abnehmspritze parallel zu der Oralmedikation hatte. Mein HbA1c-Wert war noch nie so niedrig. Aber die Spritze schlägt mir mega auf den Magen.

So gern ich es mag, so niedrige Werte zu haben und beim Diabetologen zu sitzen, der dann sagt: „Herzlichen Glückwunsch“ – aber mein Körper verträgt das nicht so gut. Ich finde, das ist ein sehr wirksames Medikament, aber man muss die Nebenwirkungen aushalten. Ich weiß nicht, ob es mir das langfristig wert wäre, aber jeder Mensch ist unterschiedlich.

DA: Wie lange hast Du die Spritze benutzt?

Caroline: Beim ersten Mal ein Jahr. Das ist jetzt ungefähr zwei Jahre her und ich habe sie letztes Jahr im März etwa ein halbes Jahr gehabt, bevor die Nebenwirkungen wieder losgingen. Ich habe nie mit diesen Spritzen abgenommen, aber ich habe sie ja vor allem zur besseren Blutzuckerkontrolle bekommen.

Ich habe gemerkt, dass die Sättigung schneller eintritt und von den Glukosewerten her war es super. Die Blutzucker-Anstiege waren nicht mehr so krass. Und auch mit der Necrobiosis lipoidica hat es geholfen, mein Hautbild hat sich dadurch verbessert. Die Abnehmspritzen können auch entzündungshemmend wirken, ob das zusammenhängt, weiß ich nicht.

Aber wenn, wie in meinem Fall, Magenbeschwerden dazu kommen, ist das eine Form von Stress für den Körper, was wiederum dafür sorgen kann, dass die Blutzuckerwerte wieder hochgehen können. Wenn die Beschwerden langfristig auftreten, sollte man am besten absetzen, was ich auch gemacht habe. Aber es dauert danach einige Zeit, bis das Medikament wieder vollständig aus dem Körper weg ist.

DA: Nutzt Du irgendeine Form von Diabetes-Technologie, also Apps oder ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM)?

Caroline: Am Anfang habe ich es mit der mySugr-App probiert, wo man unter anderem händisch die Blutzuckerwerte eintragen kann. Aber was Apps anbelangt bin ich ein bisschen schludrig. Ich finde es zwar cool, wenn man das irgendwo dokumentieren kann, aber tatsächlich schaue ich es mir nicht mehr an. Irgendwann habe ich aufgehört. Es gibt auch Apps für CGM-Systeme, wo alle Werte zusammenlaufen. Das finde ich schon spannend. Damit lasse ich mir auch gerne mal den HbA1c-Durchschnittswert errechnen, bevor ich die große Überraschung beim Diabetologen erlebe.

Ansonsten messe ich ab und zu meinen Blutzucker und, wenn die Gelegenheit da ist, nutze ich auch mal ein CGM-System. Allerdings sind CGM-Systeme bei mir nur auf Selbstzahler-Basis möglich, weil man das von der Krankenkasse nicht bezahlt bekommt, wenn man als Mensch mit Typ-2-Diabetes keine Insulin-Therapie hat. Dadurch ist es ganz klar ein Kostenthema, denn kostengünstig ist es nicht.

DA: Würdest Du CGM gerne mehr nutzen?

Caroline: Ja, auf jeden Fall. Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich meinen ersten Sensor getragen habe. Am Anfang war ich immer der Meinung, dass ich das selber schaffen will, meinen Körper kennenzulernen, was ihm guttut und was nicht.

Ich hatte etwa das erste Dreivierteljahr kein Blutzucker-Messgerät und meine Diabetologin damals meinte, ich soll erstmal reinkommen. Ich bin mit sehr hohen Werten in die Diagnose gestartet. Mit der Zeit ist der HbA1c-Wert immer weiter runtergegangen. Dann hatte ich eine Operation und im Krankenhaus hat mich jemand gefragt, warum ich die Glukosewerte nicht selber messe und das war eigentlich der Auslöser, weil es schon stimmte, dass ich meinen Blutzucker bis dahin nie so richtig kennengelernt hatte. Seitdem messe ich ein-, zweimal am Tag blutig.

Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich meinen ersten Sensor und fand das total spannend, aber auch erschreckend. Nur weil man so ein Gerät trägt, heißt es ja nicht, dass man mit den Messwerten direkt etwas anfangen kann bzw. weiß, was im Körper nicht stimmt. Man lernt seinen Blutzucker unfassbar gut kennen, gerade wie er auf Bewegung oder Lebensmittel reagiert.

Aber bei Sachen, die man nicht sieht, also zum Beispiel Schlaf, Hormone, Stress, da kann es sein, dass man plötzlich hohe Werte hat und gar nicht weiß, warum. Auch das ist eine absolute Hassliebe: auf der einen Seite super für die Kontrolle, aber manchmal möchte man am liebsten den Kopf in den Sand stecken.


„Ich glaube, die Krankenkassen haben Angst, dass wenn sie CGM-Systeme für Menschen mit Typ-2-Diabetes auch ohne Insulin-Therapie erstatten würden, ihnen die Bude eingerannt wird. Aber gerade für jemanden wie mich, die eher zu hohe anstatt zu niedrige Werte hat und seit Jahren mit sehr hohen HbA1c-Werten kämpft, fände ich es schon sinnvoll, weil ich nicht in meinen Körper hineingucken kann. “


Ich glaube, die Krankenkassen haben Angst, dass wenn sie CGM-Systeme für Menschen mit Typ-2-Diabetes auch ohne Insulin-Therapie erstatten würden, ihnen die Bude eingerannt wird. Aber gerade für jemanden wie mich, die eher zu hohe anstatt zu niedrige Werte hat und seit Jahren mit sehr hohen HbA1c-Werten kämpft, fände ich es schon sinnvoll, weil ich nicht in meinen Körper hineingucken kann. Es gibt natürlich Zeiten wie im Urlaub, da nehme ich mental Abstand von meinem Diabetes, aber allein die Option zu haben wäre schön.

Ich möchte nicht immer im Hinterkopf haben müssen, dass ich wieder 300 Euro weniger auf dem Konto habe, wenn ich für einen Monat mit einem CGM-System schauen möchte, dass es meinen Glukosewerten gut geht. Das geht mit so vielen Entscheidungen einher. Ich würde mir wünschen, dass ich die nicht treffen muss. Ich würde das Geld lieber für etwas anderes ausgeben, wie Ernährung oder Sport, weil das in der heutigen Zeit alles teurer geworden ist. Da sollte man keine Abstriche machen müssen, finde ich.

DA: Du hast im Sommer letztes Jahr geheiratet. Wie geht denn dein Partner mit deinem Diabetes um? Hat sich eure Beziehung durch die Diagnose verändert?

Caroline: Ich bin sehr lucky, weil ich jemanden als Partner habe, der sehr interessiert an einem gesunden Leben ist. Das war schon immer ein Gewinn, weil ich mir ganz viel Wissen über Ernährung aneigne und nicht jemanden habe, der nicht so viel Wert darauf legt oder doch eher mal zum Fast-Food oder zu Süßigkeiten greift. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und beispielsweise für mich gekocht wurde, kann ich mir immer sicher sein, dass es etwas Gesundes ist. Er ist da eine große Hilfe.

Beziehungstechnisch würde ich nicht sagen, dass der Diabetes eine Belastung ist, aber ich glaube, das liegt daran, dass ich konstant aktiv an meinem Diabetes arbeite. Das ist meinem Partner wichtig, dass er nicht das Gefühl hat, dass ich mich gehen lasse, sondern aktiv was mache und wenn ich Hilfen brauche, bekomme ich seine Unterstützung. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar für das Backup, was ich hier zu Hause habe.

DA: Habt ihr bei eurer Hochzeitsplanung besondere Überlegungen angestellt aufgrund des Diabetes, z. B. beim Essen oder bei der Tagesplanung?

Caroline: Der Tag war wirklich zum Genießen da. Ich komme aus einer Diabetiker-Familie. In jeder Generation leben bei uns Menschen mit Typ-2-Diabetes. Ich glaube, die Hochzeit ist ein Tag wie Weihnachten und Geburtstag, da will man es sich einfach gut gehen lassen. Fragen rund um die Krankheit haben da keinen Vorrang. Und das ist auch vollkommen in Ordnung.

DA: Wenn Du in die Zukunft blickst, welche Wünsche hast Du in Bezug auf den Diabetes sowohl für dich persönlich als auch gesellschaftlich?

Caroline: Für mich persönlich würde ich endlich gerne die magische Formel finden, um zu erkennen, warum ich immer so hohe Wert habe. Nach der Diagnose war immer ein Wunsch, dass ich meinen Diabetes in Remission bringe [Remission: anhaltende Verbesserung bei Typ-2-Diabetes auf normnahe Blutglukosewerte; Anm. d. Red.]. Davon habe ich mich mittlerweile verabschiedet. Aber ich will verstehen, warum es bei mir nicht so klappt. Vielleicht ist es eine Form von Druck, den man sich selbst aufbaut, was auch wieder kontraproduktiv ist, aber es ist etwas, das mich sehr beschäftigt.

Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass jeder Mensch mit Diabetes, egal welcher Typ, die individuelle Therapie bekommt, die er sich wünscht und die er verdient, dass man dafür nicht kämpfen muss, dass man keine Geldsorgen haben muss und sich was anderes nicht leisten kann, weil man das Ziel hat, alt zu werden.

Ich würde mir auch wünschen, dass die Gesellschaft ein bisschen Typ-2-Diabetes-freundlicher wird. Niemand hat sich absichtlich sein Mehrgewicht angefressen, weil er lustig drauf war, hinter so einem Essverhalten liegen wirklich tiefere Gründe. Was ich mir wünschen würde ist, dass man innerhalb der Gesellschaft ein bisschen mehr Mitgefühl zeigt, mehr Interesse und sich Wissen aneignet, damit mit Vorurteilen aufgeräumt werden kann.

DA: Gibt es etwas, das Du anderen Menschen mit Typ-2-Diabetes mit auf den Weg geben möchtest, die ihre Diagnose gerade erhalten haben?

Caroline: Die Diagnose ist nicht das Ende. Ich weiß, am Anfang fühlt es sich an, wie ein schwarzes Loch, das sich auftut, und als ob man schon mit einem Bein im Grab steht. Es ist viel, was auf einen zukommt, es sind viele Dinge, die man neu im Alltag sortieren muss, auch mental. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, ein gutes Diabetes-Management zu haben und trotzdem nicht an Lebensqualität einzubüßen. Man sollte davor nicht zurückschrecken.

Wie ich es am Anfang schon gesagt hatte, Sport heißt nicht, dass man eine Stunde auf dem Laufband joggen muss. Sport kann auch sein, dass man eine Stunde lang auf dem Laufband geht oder schneller walkt. Es gibt so viele verschiedene Optionen, Alternativen, die man machen kann. Wichtig ist, dass man dafür offen ist und nicht direkt Scheuklappen aufsetzt.

Aber ich glaube, was auch ganz wichtig ist – egal für welchen Diabetes-Typen – ist, dass man seine eigenen Erfahrungen macht. Gerade bei Diabetes Typ 2 hat jeder Mensch eine Meinung und jeder will dir sagen, wie es richtig geht. Jeder Diabetes, jeder Blutzucker reagiert anders, sonst hätten wir alle dieselben Werte. Ich glaube, was vielen nicht so bewusst ist, ist, dass es diese eine Formel nicht gibt, wie man perfekt eingestellt ist, sondern dass man das selber ausprobieren muss – bestmöglich unterstützt mit einem CGM-System, damit man das auch monitoren kann.

DA: Bei welchen Aktivitäten kannst Du im Alltag abschalten?

Caroline: Wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, da herrscht alles, nur nicht der Diabetes. Sich untereinander auszutauschen, mit jemandem Quality-Time zu verbringen, das ist mir ganz viel wert, weil das auch Stress abbaut, weil man von Menschen umgeben ist, die es sehr gut mit einem meinen. Ich gehe wie gesagt sehr gerne spazieren, ich lese sehr gerne, das hilft mir abzuschalten.

Generell finde ich es wichtig, auch mal etwas Leckeres zu kochen, sich einfach etwas Gutes zu tun und sich nicht davor zu scheuen, mal nicht die produktivste Bohne des Tages zu sein, sondern sich wirklich zu entspannen und sich diese bewussten Auszeiten zu nehmen.

DA: Vielen Dank, Caroline.


Interview: Janina Seiffert

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  • diahexe postete ein Update vor 6 Tagen, 21 Stunden

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

  • ckmmueller postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Ich habe ein Riesenproblem mit den Sensoren Guardian 4 von Medtronic. Es klappt nicht. Transmitter neu, aber auch das hilft nicht. Fast jeder Sensor braucht 2 Stunden, normale Wartezeit, dann beginnt er zu aktualisieren …. Nix passiert, außer das mein BZ unkontrolliert ansteigt. Vorletzte Woche über 400, letzte Woche hatte ich BZ 510 – ein Wert, den ich über 25 Jahre nicht mehr hatte. Ich bin sehr verzweifelt, weil es mit CGM von Medtronic nicht funktioniert. Gerade warte ich mal wieder darauf, dass der neue Sensor arbeitet. Heute habe ich mich über ChatGPT über andere Pumpen und Sensoren informiert. Tandem und Dexcom 7 soll gut sein und die Wartezeit des Sensors braucht nur 30 minuten. Kennt sich jemand damit aus? Hat ähnliche Probleme mit Medtronic wie ich? Dank für Antworten / Infos

    • Hallo, ich habe ein ähnliches Problem gehabt. Samstags neuen Sensor gesetzt, hat nach 2 Stunden aktualisiert, lief dann ein paar Stunden, wieder aktualisiert und dann aufgefordert den Sensor zu wechseln. Bis Montag hatte ich dann 4!Sensoren verbraucht. Habe dann einen neuen Transmitter geben lassen und eine völlig neue Einstichstelle gewählt. Danach ging es. Mein neustes Problem ist, dass sich meine Pumpe und mein Smartphone dauernd entkoppelt und sich dann stundenlang nicht mehr koppeln lassen. Manchmal muss ich dann die App neu laden bis es wieder funktioniert.

  • anseaticids postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
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