- Aktuelles
Faktencheck zur Kritik der Industrie am Verbot für Kinder-Werbung für Ungesundes
5 Minuten
Zum gesetzlichen Vorhaben von Minister Özdemir, ein Verbot für an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel-Produkte zu verankern, kam heftige Kritik aus der Industrie. Doch diese lässt sich entkräften: Anhand von fünf Beispielen zu den Aussagen der Industrie stellen wir Fakten gegenüber, die ein wissenschaftlicher Experte erwidert.
Erwartungsgemäß bläst Bundesernährungsminister Cem Özdemir direkt der Wind der Werbe- und Lebensmittelindustrie entgegen: Für sein Bemühen, Kinder und Jugendliche künftig gesetzlich vor der Werbung für Ungesundes zu schützen, erntet er Widerspruch. Die „gut belegten Einwände“, die der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) – und ähnlich der Lebensmittelverband – gegen die Pläne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) anführt, erinnern Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK), an die Zeiten, als die Tabakindustrie gegen Auflagen zu Felde zog.
Kritik der Industrie zum geplanten Werbeverbot: Krankenkassen, Wissenschaftler und Verbraucherschützer unterstützen Özdemir
Es werden Zweifel an Zusammenhängen und der Wirksamkeit politischer Maßnahmen geschürt. Vor finanziellen Nachteilen für Staat und Dritte wird gewarnt, wenn Verbote Freiwilligkeit ablösen. Minister Özdemir und die Ampel sollen sich nicht durch solche Gesänge vom rechten Weg abbringen lassen, fordert DANK. In diesem Sinne haben sich Vertreterinnen und Vertreter von GKV, Verbraucherschutz und medizinischen Fachgesellschaften auch in der Bundespressekonferenz für die Gesetzespläne stark gemacht (siehe Foto).

Was ist von der Kritik der Industrie zu halten? Ein Experte liefert einen Faktencheck
Die Eckpunkte des BMEL besagen: Entsprechend der WHO-Kriterien sollen ungesunde Lebensmittel im Fernsehen und Internet zwischen 6 und 23 Uhr nicht mehr beworben werden dürfen. Die Außenwerbung soll ebenfalls eingeschränkt werden. Der ZAW glaubt nicht, dass solche Maßnahmen geeignet sind, „zu einer nachhaltigen Reduktion von Übergewicht bei Kindern beizutragen“. Er wettert auf seiner Homepage gegen die „untaugliche Verbotspolitik“ und präsentiert seinen Faktencheck.
Doch was ist von den Aussagen zu halten? Oliver Huizinga, Politischer Geschäftsführer der DANK-Mitgliedsorganisation Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG), hat sich die Argumente angeschaut und rückt sie wieder gerade:
Aussage des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft:
„Das WHO-Verbotsmodell ist weder ein verbreiteter noch erfolgreicher Politikansatz. In Portugal, dem einzigen Land, in dem es (modifiziert) herangezogen wird, liegt die Übergewichts- und Adipositasrate von Kindern doppelt so hoch wie in Deutschland. Ebenso ist die Lage in UK, wo knapp jedes dritte Kind betroffen ist – obwohl hier seit Jahren eine Verbotsregulierung gilt, die dem vorgestellten Ansatz des BMEL weitgehend entspricht.“
Fakt ist:
In diesem Passus stecken mehrere Falschaussagen. Anders als behauptet, sind die Übergewichtsraten in Portugal und Großbritannien nicht doppelt so hoch wie in Deutschland. Der ZAW verkennt, dass die Methodik in den Ländern eine jeweils andere ist. Kinder, die hierzulande noch als „normalgewichtig“ gelten, gelten in Portugal oder Großbritannien zum Teil bereits als „übergewichtig“. Die Zahlen sind schlichtweg nicht vergleichbar.
Portugal ist keinesfalls das einzige Land, in dem das WHO-Modell für Werbebeschränkungen herangezogen wird. Die Türkei, Slowenien, Österreich und Estland haben das Modell adaptiert und auch in Spanien soll es Anwendung finden. Sogar hierzulande nutzen bereits Lidl und Aldi Süd das WHO-Modell für ihre Selbstverpflichtungen.
Die in Großbritannien geltende Regelung entspricht keinesfalls weitgehend dem BMEL-Ansatz. Zwar gibt es seit 2007 eine Beschränkung der Lebensmittelwerbung im Umfeld von Kindersendungen. Eine umfassende Uhrzeiten-Regelung und ein Verbot der Online-Werbung für Ungesundes soll in Großbritannien aber erst noch in Kraft treten.
Aussage des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft:
„Werbung für Lebensmittel hat Einfluss auf die Marktanteile beworbener Produkte. Sie ist erwiesenermaßen nicht in der Lage, das Ernährungsverhalten von Kindern ungünstig in Richtung
Übergewicht zu beherrschen … In der Corona-Pandemie ist die Werbemenge über alle Kanäle hinweg deutlich gesunken. Das kindliche Übergewicht hat aber nach allen Schätzungen zugenommen.“
Fakt ist:
Die wissenschaftlichen Daten dazu sprechen eine klare Sprache. Die Werbung für unausgewogene Lebensmittel beeinflusst nicht nur die Markenwahl, sondern erhöht den Konsum, die Verkaufszahlen und die Präferenzen für verschiedene Produktkategorien wie Fast Food oder Softdrinks. Die Tabakindustrie hat lange Zeit versucht, mit dem gleichen Argument eine Regulierung der Tabakwerbung zu verhindern. Die US-amerikanischen Behörden kamen jedoch zu dem Schluss, dass das Argument „Werbung beeinflusst nur die Markenwahl“ nicht stichhaltig war.
Aussage des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft:
„Die Gründe für kindliches Übergewicht sind tatsächlich multikausal und deshalb nicht monokausal mit Werbeverboten zu lösen. Zielführend sind ganzheitliche Ansätze, die den gesamten Lebensstil in den Blick nehmen, die Ernährungs- und Medienkompetenz stärken und dabei der deutlich gestiegenen Bewegungsarmut von Kindern Rechnung tragen.“
Fakt ist:
Es ist weder die Position des BMEL noch die von Fachorganisationen im Bereich der Präventionspolitik, dass Werbebeschränkungen für Ungesundes die einzige zu ergreifende Maßnahme sind. Werbeschranken für Ungesundes sind aber ein wichtiger Baustein im Maßnahmenmix zur Förderung einer gesunden Ernährungsweise. Dazu besteht Konsens unter zahlreichen Fachorganisationen wie medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen, der WHO, Krankenkassen und des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik des BMEL.
Auch im Rahmen des deutschen Food Environment Policy Index, einer Expertenbefragung nach internationalen Standards des Policy Evaluation Networks, wurde die Regulierung des an Kinder gerichteten Marketings unter die fünf wichtigsten Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährungsweise gewählt. Dass zusätzlich weitere Maßnahmen benötigt werden, steht außer Frage und ist kein Argument gegen Werbebeschränkungen.
Aussage des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft:
„Die vom BMEL mitgeteilten Daten zur Werbemenge sind unzutreffend … Tatsächlich sieht die Lage nach den Daten der AGF im Bereich TV wie folgt aus: 98 % der Primetime-Zuschauer sind über 14 Jahre alt, unter 2 % sind zwischen 3 und 13 Jahre alt – über 365 Tage im Jahrr und alle Fernsehsender hinweg. 2019 bis 2022 waren von den 100 Sendungen mit der höchsten Sehbeteiligung bei den 3- bis 13-Jährigen nur 27 Sendungen mit Werbung.“
Fakt ist:
Wer so argumentiert, unterschlägt die Demografie in Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes machen Kinder unter 14 Jahren nur etwa 13 % der Bevölkerung aus. Der Kinderanteil an den Zuschauenden ist somit bei jedem Familienformat niedrig.
Entscheidend zur Bewertung, inwiefern eine Zielgruppe in einem werblichen Umfeld erreicht wird und in großer Zahl einer Werbung ausgesetzt ist, sind Angaben zur Einschaltquote der Bezugs- bzw. Altersgruppe. Daten der AGF-Videoforschung zeigen über viele Jahre hinweg, dass zwischen 18 und 22 Uhr der größte Anteil der Zielgruppe Kinder unter 14 Jahre über Massenmedien erreicht werden kann. Zudem ist unter den bei Kindern unter 14 Jahren beliebtesten Sendungen jede dritte kein klassisches Kinderformat, sondern Unterhaltungsshow oder Fußballspiel.
Aussage des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft:
„Beispielweise konsumieren 6- bis 11-jährige Mädchen und Jungen mit hohem sozioökonomischen Status im Mittel signifikant ausgewogener als die Vergleichsgruppe in sozial benachteiligten und bildungsferneren Milieus. Hier weist das gesamte Ernährungsverhalten ungünstigere Muster auf. Und die Bewegungsarmut ist besonders ausgeprägt. Werbeverbote ändern aber an den sozialen Umständen nichts.“
Fakt ist:
Natürlich wird eine Werbebeschränkung die soziale Ungleichheit nicht in Luft auflösen. Keine Einzelmaßnahme vermag das, auch keine aus der Sozialpolitik im engeren Sinne. Die soziale Ungleichheit als Argument gegen Werbeschranken ins Feld zu führen, entbehrt trotzdem jeder Logik. Maßnahmen der Verhältnisprävention wie Werbebeschränkungen zeichnet es geradezu aus, dass sie ihren Wirkungsgrad bei allen sozioökonomischen Gruppen entfalten können – im Gegensatz zur Verhaltensprävention, z.B. Ernährungsbildung. Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien weisen zudem ein stärker ausgeprägtes Mediennutzungsverhalten aus, sind somit in einem höheren Maß werblichen Einflüssen ausgesetzt und besonders vulnerabel. Eine Werbebeschränkung wäre daher ein Beitrag gegen die soziale und gesundheitliche Ungleichheit.
von Redaktion Diabetes-Anker
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aktuelles
Weltdiabetestag und „Meilensteine der modernen Diabetologie“: großes Diabetes-Event im November
2 Minuten
- Aktuelles
22. Düsseldorfer Diabetes-Tag: vielfältiges Programm für Menschen mit Diabetes und Interessierte
2 Minuten
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
lelolali postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 4 Tagen, 21 Stunden
Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂
-
jasminj postete ein Update vor 5 Tagen, 4 Stunden
Hi,
Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!-
lelolali antwortete vor 4 Tagen, 21 Stunden
Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂
-
jasminj antwortete vor 4 Tagen, 20 Stunden
@lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
Wie hat Dir der Tag gefallen? -
lelolali antwortete vor 4 Tagen, 19 Stunden
@jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂
-
jasminj antwortete vor 4 Tagen, 18 Stunden
@lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂
-
gregor-hess antwortete vor 4 Tagen
@jasminj & @lelolali: Leider funktionieren die DM aktuell tatsächlich nicht, sorry! Wir kümmern uns schnellstmöglich darum!
LG Gregor aus der Redaktion -
gregor-hess antwortete vor 3 Tagen, 10 Stunden
-
jasminj antwortete vor 3 Tagen, 9 Stunden
@gregor-hess: vielen lieben Dank! Hab es direkt ausprobiert und es sieht gut aus 🙂
-
-
galu postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
hallo,
ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus-
connyhumboldt antwortete vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!
-

Hey, ich bin Lara und 23 Jahre alt. Ich komme zwar nicht aus Berlin, aber bin im Mai wieder dort. Freue mich trotzdem immer über Austausch, auch wenn es digital ist. Liebe Grüße
@laratyp1life: Hallo, über digitalen Austausch freue ich mich natürlich auch 🙂