Shirin Valentine im Interview: Positiv durchs Leben gehen – und diese Botschaft an andere weitergeben

13 Minuten

Shirin Valentine im Interview: Positiv durchs Leben gehen – und diese Botschaft an andere weitergeben | Foto: Mike Fuchs
Foto: Mike Fuchs
Shirin Valentine im Interview: Positiv durchs Leben gehen – und diese Botschaft an andere weitergeben

Man kann die Diagnose Typ-1-Diabetes ignorieren. Dass das nicht lange funktioniert, musste Shirin Valentine erfahren. Aber sie ist ein durch und durch positiv eingestellter Mensch und möchte auch andere unterstützen und motivieren, wie sie im Interview verrät.

Im Interview: Shirin Valentine

Positiv durch das Leben gehen und negative Einflüsse nicht an sich ran zu lassen: Das ist das Lebens-Prinzip von Shirin Valentine. Bevor der Typ-1-Diabetes in ihr Leben trat, war die ehemalige Viva-Moderatorin ständig unterwegs, gab Konzerte, moderierte große Veranstaltungen …

Der Diabetes schlich sich ein bisschen an. Die ersten Anzeichen, die in den ersten Zwanzigern auftraten, wollte sie nicht wirklich wahrhaben.

Shirin Valentine (Foto: Mike Fuchs)

„Wasserflasche unterm Arm“

Mit extremem Sport und einer im Prinzip kohlenhydratfreien Ernährung hielt sie die Blutzuckerwerte in Schach. Bis es nicht mehr ging: Mit 27 moderierte sie für einen Kunden auf der Internationalen Funkausstellung (IFA). „Da hatte ich meine Wasserflasche unterm Arm – wenn mir die einer weggenommen hätte, hätte ich ihn umgebracht.“ Inzwischen wog sie nur noch 47 Kilogramm. Nun musste sie den Diabetes annehmen, musste eine Therapie beginnen.

Buch zum Vermeiden von Fehlern

Heute ist sie glücklich mit einem System zur automatisierten Insulin-Dosierung (AID-System) – und blickt kritisch auf ihre Start-Jahre und ihre damaligen Erfahrungen zurück. Diese hat sie auch in ihrem Buch „Weil du es kannst“, erschienen bei MedTriX, verarbeitet: „Ich bin keine Autorin, ich bin auch keine Schriftstellerin. Ich habe mir das von der Seele geschrieben, wie ich es gesehen habe – und dass man die Fehler, die ich gemacht habe, vielleicht durch das Lesen dieses Buches vermeiden kann.“ Ihr ultimativer Tipp bei Auftreten eines Diabetes: „Sich informieren, also sich ein gutes Grundwissen aneignen darüber, was sie haben, über verschiedenste Kanäle!“

Diabetes-Anker (DA): Shirin, als dein Typ-1-Diabetes auftrat, standest du voll im Leben. Wie sah dein Leben bis zu diesem Zeitpunkt aus?

Shirin Valentine: Sehr unstet beschreibt es eigentlich am besten. Ich habe zu der Zeit aktiv Musik gemacht, auf der Bühne viele Konzerte gespielt. Ich hatte ein Tonstudio, wo ich Musik, auch mit anderen Künstlern, produziert habe. Da hatte ich gerade meine Fernsehkarriere bei Viva beendet und hatte immer noch viele Aufträge, was Moderationen anbetraf. Das heißt, kein Tag glich dem anderen und das war für den Diabetes eine zusätzliche Herausforderung.

Eigentlich habe ich immer sehr gesund gelebt, habe immer Sport gemacht. Ich war, bis der Diabetes tatsächlich ausgebrochen ist, auch Spinning-Trainerin, weil ich das selbst immer gern gemacht habe. Um meinen Stoffwechsel anzuregen, um mit dem wenigen Insulin, was ich da noch hatte, auszukommen, habe ich Stunden gegeben. Das hat zwei, drei Jahre funktioniert für mich, wobei das immer enger wurde. Mit dem wenige Insulin musste ich immer krassere Sporteinheiten machen, bis es dann irgendwann gar nicht mehr ging. Ich hatte ein unstetes Leben, sehr ungleichmäßig.

DA: Auch verbunden wahrscheinlich mit vielen Reisen?

Shirin Valentine: Ja, Reisen auch. Das war in der Viva-Zeit natürlich heftiger. Da bist du teilweise für einen Tag nach LA geflogen für ein Interview. Du warst länger im Flieger als überhaupt in LA. Sowas war zu der Zeit, als der Diabetes ausgebrochen ist, zum Glück nicht mehr.

DA: Die Bühnenauftritte, wenn du bei Konzerten warst oder so, wie lange dauerten die in der Regel?

Shirin Valentine: Ein Auftritt als solcher vielleicht eine Stunde, aber du musst häufig viele Stunden Autofahrt auf dich nehmen. Und was bei einem Konzert oder auch bei Moderationen spannend ist, ist, dass du ein bisschen aufgeregt bist. Das merkst du auch am Diabetes, dass dir das Adrenalin mit reinkickt und in dem Moment deine Blutzuckerwerte steigen. Es ist ein Mix aus Anstieg und Sport – wenn du auf der Bühne singst, bewegst du dich sehr viel, was eigentlich den Blutzucker runterbringt.

Irgendwann mitten im Konzert kommt der Modus, wo du dich sicher fühlst und du weißt: Okay, es läuft alles, wir haben keinen Stromausfall, das Publikum hat Spaß. Dann beruhigt sich bei mir die Situation. Das war, nachdem der Diabetes aufgetreten war, immer ein kleines Wagnis, denn in der Zeit fällt mein Blutzucker auch krass ab, ohne dass ich korrigiert habe.

Das waren Situationen, die ich sehr schwer einschätzen konnte. Ich bin dann immer auf Sicherheit gefahren, weil eine Unterzuckerung dramatisch gewesen wäre für mich in so einer Situation. Ich habe lieber den Blutzucker hoch angesetzt und bin auch hoch von der Bühne runter. Da habe ich quasi mit „Gesundheitspunkten“ bezahlt“.

Ich muss auf jeden Fall allein meiner Band gegenüber und auch der Situation Konzert gegenüber eine Unterzuckerung tunlichst vermeiden. Aber was der Körper da macht, weiß man halt nicht so genau. Manchmal machen wir es bilderbuchmäßig, geben Insulin ab für genau die Menge an Kohlenhydraten, die vor dir liegen. Aber es geht manchmal nicht auf.

DA: Aber darüber hast du dir bis zu dem Zeitpunkt, als der Diabetes auftrat, überhaupt keine Gedanken machen müssen. Du hast einfach dein wirklich sehr bewegtes und aufregendes Leben geführt. Wie hat sich der Diabetes zuerst körperlich bemerkbar gemacht bei dir?

Shirin Valentine: Ich hatte keinen Zuckerschock, es war eigentlich ziemlich gut. Ich hatte Pfeiffersches Drüsenfieber und bin in die Klinik gekommen, weil ich so entzündete Mandeln hatte. Alle Drüsen waren ein bisschen in Mitleidenschaft gezogen. Im Krankenhaus haben die mir auch Kortison gegeben. Irgendwann habe ich im Krankenhaus routinemäßig auch eine Urinprobe abgegeben, wo Glukose drin war. Der HbA1c-Wert war bei 7,8 Prozent.

Dann stand im Raum, dass es nach Typ-1-Diabetes aussieht. Meine Reaktion: „Nee, Quatsch! Lasst mich mal raus aus dem Krankenhaus. Wenn ich hier rauskomme, wird alles gut.“ Ich wollte das gar nicht wahrhaben. Ich bin dann irgendwann etwas klapprig aus dem Krankenhaus raus, hatte noch Wochen danach mit dem Epstein-Barr-Virus zu kämpfen.

Ich hatte dann drei Jahre vor mir – ich habe übrigens sechs Monate später wieder Pfeiffersches Drüsenfieber bekommen. In diesen drei Jahren bis zum Ausbruch des Typ-1-Diabetes ging eine Odyssee los. Dann habe ich auch ein Blutzucker-Messgerät bekommen und habe immer wieder mal gemessen. Nach einem Big Mac ging der Blutzucker auf 240 mg/dl (13,3 mmol/l) hoch, auch abends nach einer Party war er hoch.


Ich war schlussendlich bei einem Gewicht von 47 Kilo und bestand eigentlich nur noch aus Haut, Knochen und Muskeln. Aber die Muskeln sind zuletzt auch weggegangen, weil der Körper sich alles geholt hat, was ging. Ich war rappeldürr, nicht weil ich essgestört war, sondern weil ich panische Angst vor dem Ausbruch des Typ-1-Diabetes hatte.


Dann hat mir ein Diabetologe gesagt: „Vielleicht haben Sie auch Typ-2-Diabetes.“ Ich habe überhaupt nicht verstanden, was ich habe. Er hat gesagt: „Ernähren Sie sich gesund, ernähren Sie sich kohlenhydratarm. Fangen Sie doch mal ein bisschen an mit Sport.“ Das habe ich gemacht und habe gemerkt, dass durch Sport der Zucker runtergeht wie nichts. Aber irgendwann hat eine halbe Stunde Joggen überhaupt nichts mehr gebracht.

Ich war schlussendlich bei einem Gewicht von 47 Kilo und bestand eigentlich nur noch aus Haut, Knochen und Muskeln. Aber die Muskeln sind zuletzt auch weggegangen, weil der Körper sich alles geholt hat, was ging. Ich war rappeldürr, nicht weil ich essgestört war, sondern weil ich panische Angst vor dem Ausbruch des Typ-1-Diabetes hatte.

An meinem 27. Geburtstag, das war im Jahr 2002, war ich auf IFA in Berlin und habe für die Telekom moderiert. Da hatte ich meine Wasserflasche unterm Arm – wenn mir die einer weggenommen hätte, hätte ich ihn umgebracht. Da hatte ich schon hohe Werte, ich konnte meinen Sport nicht treiben, ich war außerhalb meiner Routine. Am Buffet habe ich immer nur die Deko-Salatblätter gegessen. Auf dem Kudamm bin ich morgens rennen gegangen, habe im Hotelzimmer versucht, Jumping-Übungen zu machen, um irgendwie den Blutzucker runterzuholen – und der kam nicht mehr runter.

Im Nachgang weiß ich, das war gefährlich. Da bin ich bestimmt zehn Tage mit 300er, 400er Zucker rumgerannt.

DA: Aber du bist noch rumgerannt, das ist ja schon mal wichtig.

Shirin Valentine: Ja, aber ich war extrem müde und fertig, habe es aber durchgezogen. Ich wusste, das ist nicht gut. Dann bin ich an meinem Geburtstag in mein Krankenhaus in Bonn gegangen und der Diabetologe sagte: „Jetzt müssen wir dem Kind ins Auge gucken: Sie haben Typ-1-Diabetes.“ Bumm! Dann habe ich die erste Insulinspritze bekommen.

DA: Hat man nach Diabetes-spezifischen Antikörpern geguckt?

Shirin Valentine: Damals im Krankenhaus, ja. Die waren positiv.

DA: Wo hast du versucht, dir Informationen zu holen? Oder hast du einfach gesagt: Okay, die werden schon wissen und ich mach jetzt mal?

Shirin Valentine: Zunächst war ich bei einem Diabetologen, einem älteren Herrn, der ja auch gesagt hatte, dass ich vielleicht Typ-2-Diabetes hätte. Vielleicht hat er auch gedacht: „Okay, die kommt aus Indien, die ist schon 27.“ Das hat mich sehr verwirrt. Wo habe ich mir die Informationen geholt?

Meine erste Diabetes-Schulung war direkt nach Manifestation im Krankenhaus in Bonn. Da war ich die einzige Typ-1erin, ich war umzingelt von Typ-2ern. Ich habe mich voll fehl am Platz gefühlt, weil ich gedacht habe: „Die haben irgendwie was anderes als ich.“ Trotzdem war zunächst die Schulung meine erste Anlaufstelle, für eventuelle Rückfragen konnte ich den Diabetologen fragen. Diabetesberaterinnen gab es dort nicht. Und es gab niemanden, der mal sagte: „So, Shirin, jetzt zeige ich dir mal, welche Insuline und welche Pumpen es gibt.“ Das gab es nicht. Ich bekam einen Pen, ein Blutzucker-Messgerät.

Als meine Eltern mich im Krankenhaus besuchten, sind wir im Wald spazieren gegangen. Da hatte ich meine erste Unterzuckerung, weil ich gelaufen bin und natürlich Insulin im Blut hatte. Ich bin gelaufen und gelaufen und gelaufen und habe gedacht: „Boah, ist mir komisch.“ Irgendwann kam mir der Gedanke, weil ich das gerade frisch in der Schulung gelernt hatte, ob das vielleicht eine Unterzuckerung ist. Dann habe ich Blutzucker gemessen: 54 oder so. Dafür hatte ich Traubenzucker dabei. Es war ein bisschen wie ins offene Messer rennen.

Auch zum Beispiel, dass ich für eine Pizza nicht die sechs Einheiten auf einmal abgeben sollte, weil sie fettig ist, hat mir keiner gesagt. Ich lag dann zwei Stunden später in einem Hauseingang irgendwo in der Stadt und war vollkommen unterzuckert, weil noch 4 Einheiten wirkten und ich dagegenessen musste. So viel Traubenzucker konnte ich gar nicht so schnell essen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich auch Saft nehmen kann oder Gummibärchen. Das war schon dämlich.


Ein Mann sah mein Blutzucker-Messgerät und fragte mich, ob ich Diabetes hätte. Den habe ich gelöchert! Er gab mir den Tipp, in Düsseldorf in die Diabetes-Schwerpunkt-Klinik zu gehen. Kurze Zeit später war ich dort. Da waren zwei Diabetes-Beraterinnen und das waren meine Engel. Eine von denen hat selbst Typ-1-Diabetes.


Später war ich bei einer anderen Diabetologin. Sie sagte: „Sie hätten Ihre Remissionsphase um Jahre weiter verlängern können, wenn sie nicht nur diesen Sport gemacht hätten und die Diät, sondern von Anfang an schon ein bisschen Insulin gegeben hätten.“ Das hat mich auch wieder verwirrt. Und wenn du so allein bist auf weiter Flur, weißt du irgendwann nicht mehr, was jetzt stimmt. Und mit dem Pen hat es auch nicht funktioniert, weil ich ein Dawn-Phänomen hatte. Das war für mich ein leidvoller Weg.

Zwei, drei Jahre später war ich mal in der Stadt und habe Kaffee getrunken. Ein Mann sah mein Blutzucker-Messgerät und fragte mich, ob ich Diabetes hätte. Den habe ich gelöchert! Er gab mir den Tipp, in Düsseldorf in die Diabetes-Schwerpunkt-Klinik zu gehen. Kurze Zeit später war ich dort. Da waren zwei Diabetes-Beraterinnen und das waren meine Engel. Eine von denen hat selbst Typ-1-Diabetes. Die hatte die Ruhe weg. Wir haben das erste Mal einen Basalratentest gemacht. Sie hat mir die Pumpen gezeigt: „Wir stellen dich ein darauf.“ Das war wohltuend.

Da habe ich auch Sport gemacht, habe geguckt, wie sich der Zucker beim Sport verhält. Die haben auch mein Herz überprüft und festgestellt, dass ich mal eine Herzmuskelentzündung hatte. Die haben mich richtig auseinandergenommen? Ich hatte das Gefühl, gesehen zu werden. Die Kernaussage war eigentlich für mich, wie sehr du dich selber um deinen Diabetes kümmern musst. Mir wurde klar, dass der beste Diabetologe du ein Stück weit selbst bist, denn du bist 24/7 bei dir und nicht der Diabetologe. Der guckt alle drei Monate auf dich und deine Werte. Der gibt dir natürlich sehr, sehr wichtige und wertvolle Hinweise. Aber der tägliche Umgang, Tag und Nacht, das bist du selbst. Und deswegen war es mir wichtig, mich selbst gut zu briefen und ein hohes Maß an Interesse dafür zu entwickeln, dass ich damit in jeder Situation gewappnet bin.

DA: Wie waren deine weiteren Schritte bis zu deiner Therapie heute?

Shirin Valentine: Ich hatte die Pumpe und stellte mir immer vor, wie cool es wäre, wenn man eine Uhr hätte oder ein zusätzliches Gerät am Arm, wo man seine Blutzuckerwerte sehen könnte. Ich habe ja Veranstaltungen moderiert und 2013 war ich auf Europas größtem Frauenfestival oben im Norden. Da war ich auf der Bühne und hatte die Pumpe in der Hose.

Und Sarah Weyers von Medtronic stand im Publikum und hat das gecheckt: zum einen, weil die Pumpe auf der Bühne gepiepst hat, zum anderen, weil man den Schlauch gesehen hat. Sie hat mich anschließend angeschrieben, ob ich ein Interview für ihr Bolus-Magazin geben würde. Im Gegenzug würde ich einen Sensor bekommen, denn inzwischen gab es die Sensor-Technologie. Das haben wir gemacht und ich bekam zehn Stück. Das Ganze hat sich weiterentwickelt und dann gab es die sensorgestützten Insulinpumpen.

Die Sensoren waren für mich ein Gamechanger. Mit dieser Technologiekonnte ich das erste Mal sehen, was mein Körper macht während des Sports, nach dem Sport, in der Nacht, vor Aufregung, wenn du verliebt bist, wenn Du was weiß ich – einfach in allen Lebenssituationen. Das trägt dazu bei, dass du Deinen Körper besser verstehst.

DA: Heute bist du bei einer AID-Therapie, wahrscheinlich mit der MiniMed 780G?

Shirin Valentine: Ja, ganz genau.

DA: Wie und wann kamst du in Kontakt mit der Diabetes-Community?

Shirin Valentine: Meine Diabetologin, Heinke Adamczewski, die jetzt leider in Rente ist, hat mir immer von der diatec und dem t1day erzählt. Sie war leidenschaftlich bei dieser Thematik dabei. Ich habe dann gedacht: Es ist schon wichtig, dass man da mal hingeht. Dann wurde ich beim t1day als Speakerin für einen Vortrag eingeladen, zusammen mit Andreas Liebl, einem Arzt aus Bad Heilbrunn.

Da bin ich natürlich in den Genuss gekommen, alles zu sehen: die Partner-Ausstellung und die Menschen, alles Typ1er, und habe gedacht: „Das ist krass! Was ist denn hier los?“ Als die Pandemie kam, suchten sie eine Fernsehmoderatorin, die moderieren kann und fernseherfahren ist. Und dann haben sie mich gefragt, ob ich die diatec und den t1day moderiere.

DA: Du moderierst ja heute noch den t1day.

Shirin Valentine: Ja, genau.

DA: Kannst du dieses „krass“ näher beschreiben?

Shirin Valentine: Ich habe zum Beispiel dieses Jahr beim t1day zwei Menschen gehabt, die neben der Bühne gewartet haben, bis wir runtergekommen sind und vor uns standen, vor Bastian, meinem Komderator, und mir, geheult und gesagt haben: „Ich war all die Jahre allein in meinem Dorf mit meinem Typ 1 und es gab keinen, mit dem ich sprechen konnte, und keinen, der mich versteht. Und jetzt sind hier alle, die dasselbe Schicksal teilen. Und es sind alle total lieb und total nett und das ist wie so eine Familie, die einen auffängt.“

Das beschreibt dieses „krass“ eigentlich am besten. Diese Menschen, die da geweint haben, waren so heilfroh und so ging es mir eigentlich auch. Das ist ein großer Gewinn, dass ich nicht allein bin und diese Menschen alle so ein Schwarmwissen mitbringen. Und du konntest zu jedem gehen mit deiner Frage und jeder konnte dir eine gute Antwort geben, eine fundierte, weil sie alle Erfahrung hatten.


„Ich versuche, andere mit dieser Positivität anzustecken, das ist meine Motivation dahinter. Ich kann mir den Diabetes zum Riesenproblem machen, wenn ich will, und alles schwarzmalen. Aber ich gucke auf das, was ich alles machen kann – und das ist eigentlich alles. Ich kann alles machen und mich beschränkt er in keinster Weise. Das schreibe ich ja auch in meinem Buch.“


Ich hing nie in den Seilen wegen des Diabetes. Das war schon ein Schock, aber ich habe mich nie unterkriegen lassen. Die erste Frage an meinen Diabetologen damals in Bonn im Krankenhaus war: „Bin ich in irgendeiner Weise beschränkt mit irgendwas?“ Er sagte: „Nein, du kannst jetzt vermutlich nicht mehr ins All fliegen als Astronaut, aber du kannst alles machen, wenn du ein bisschen auf deinen Diabetes achtest.“ Und diese Motivation ist immer noch auch 25 Jahre später da, weil ich sage: Eigentlich kannst du alles machen. Und das Glas ist halb voll und nicht halb leer.

Ich versuche, andere mit dieser Positivität anzustecken, das ist meine Motivation dahinter. Ich kann mir den Diabetes zum Riesenproblem machen, wenn ich will, und alles schwarzmalen. Aber ich gucke auf das, was ich alles machen kann – und das ist eigentlich alles. Ich kann alles machen und mich beschränkt er in keinster Weise. Das schreibe ich ja auch in meinem Buch. Und wenn du denkst, es ist alles schlecht, dann ist alles schlecht. Und wenn alles gut ist, dann kannst du auch eine positive Energie daraus ziehen.

Ich habe über den Diabetes auch ganz viel über meinen Körper gelernt – wer ich bin, wie ich bin. Es ist ein wahnsinniges Wunderwerk, was im Körper von Stoffwechselgesunden abgeht, wovon der gar nicht weiß, was dort passiert. Es ist unglaublich, was wir von außen steuern müssen. Und das ist etwas, da gehe ich vor Demut in die Knie und sage: „Die Natur, das Immunsystem, diese körperlichen Prozesse, die Beta-Zellen und all das, das ist etwas, das werden wir nie mit KI wirklich nachbauen können in der Perfektion, in der der Körper das macht.“

DA: Du hast dein Buch erwähnt, das den Titel „Weil du es kannst“ trägt und vor Kurzem bei MedTriX erschienen ist. Was war der Anlass, dieses Buch zu schreiben?

Shirin Valentine: Es war eine Situation mit Sarah und ihrer Freundin. Wir haben zusammengesessen und ich habe über mein Leben, das ich führe, gesprochen. Irgendwann hat Sarah gefragt: „Warum schreibst du darüber nicht ein Buch? Und schreib doch mal diese ganzen Eskapaden auf, damit andere vielleicht davor gewarnt sind, dass das denen nicht passiert.“ Das fand ich eine gute Idee. Aber: Wie fange ich das an? Wie setze ich das um? Und wie mache ich das?

In der Pandemie habe ich dann angefangen damit, dass ich Sachen mal runtergeschrieben habe, ohne zu wissen, wie ich das strukturieren soll. Ich habe versucht, in mich reinzuhorchen, was meine ersten Fragen waren. Dieses Grundsätzliche: Was ist Typ-1-Diabetes überhaupt? Was habe ich als Diagnose? Was läuft in meinem Körper ab?

Ich habe versucht, eine gesunde Mischung aus denen zu finden, die es medizinisch etwas genauer wissen wollen, und dann aber auch in bildhaften Worten zu erklären, was hier der Missstand ist. Dann habe ich Situationen beschrieben, was es jetzt gerade bedarf: zum Beispiel einen Basalratentest – und ich habe einen Schwenk aus meinem Leben dazugegeben, weil ich diese persönliche Note mit reingeben wollte.

Ich bin keine Autorin, ich bin auch keine Schriftstellerin. Ich habe mir das von der Seele geschrieben, wie ich es gesehen habe – und dass man die Fehler, die ich gemacht habe, vielleicht durch das Lesen dieses Buches vermeiden kann. Dass man zum Beispiel weiß, dass es auch Fett-Protein-Einheiten gibt, dass man eine Pizza nicht sofort spritzt, sondern nacheinander nach ein paar Stunden. Ich finde wichtig, dass man das Grundbesteck beherrscht wie Pen und Blutzucker-Messgerät, wenn die Pumpe aussteigt.

DA: Wen möchtest du vor allem mit dem Buch erreichen?

Shirin Valentine: Genau die, die gerade in diesem Gewitter sind, wo Typ-1-Diabetes im Raum steht als Diagnose, die sich informieren wollen. Ich habe damals ein Buch gesucht und habe keins gefunden. Dann habe ich die Diabetes- und Sportfibel von Ulrike Turm und Bernhard Gehr gelesen und habe, muss ich ganz offen sagen, nur Bahnhof verstanden.

Das war Fachsimpelei, sodass ich nicht begriffen habe, was ich eigentlich machen muss. Was ist eine Keto oder was ist Polyneuropathie? Das musste ich alles erst mal nachlesen, ich hatte davon keine Ahnung. Das war zu viel, zu schnell, zu tief. Die Zwischenstufe, die wollte ich mit meinem Buch liefern, als kleiner Wissens-Snack?

DA: Würdest du sagen, das Buch ist auch etwas für medizinisches Fachpersonal, mindestens zum Weiterempfehlen?

Shirin Valentine: Vielleicht. Wir stehen ja nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern wir stehen ja auf zwei Beinen. Da ist auch die psychische Komponente. Und ich finde, dass du lesen kannst, dass es da draußen Menschen gibt, denen es genauso ging wie dir gerade, etwas ist, was Menschen Mut macht. Ich will das niemandem vorschreiben, aber wenn man jemandem sagen kann, „ich gebe dir hier was an die Hand, da sind Empfehlungen von vielen Menschen, die auch Typ-1-Diabetes haben, oder aber auch Tipps geben“, würde ich unter dem Aspekt sagen: Ja!

DA: Du bist ja nicht nur Shirin mit Diabetes, sondern hast daneben ein aktives Leben. Was machst du neben deinen beruflichen Aktivitäten noch gern?

Shirin Valentine: Ich habe tatsächlich wenig Zeit für Hobbys, weil ich fünf Firmen habe. Aber ich mache Sport. Ich merke, wie wichtig das ist. Mittlerweile mache ich eine Mischung aus Cardio, aber vor allem Krafttraining. Muskeln zu erhalten, dafür musst du echt was tun. Und was ich sehr genieße, sind gute Gespräche mit Menschen, die gute Energie haben. Ich bin sehr sensibel geworden, was Negativität anbetrifft. Das tut mir nicht gut. Ich merke, dass sich das auch körperlich bei mir äußert.

DA: Zum Abschluss: Welche Tipps würdest du heute anderen Menschen geben, die gerade erfahren haben, dass sie von jetzt an mit Typ-1-Diabetes leben werden?

Shirin Valentine: Sich informieren, also sich ein gutes Grundwissen aneignen darüber, was sie haben, über verschiedenste Kanäle. Seine Psyche gesund zu halten und positiv zu bleiben in all dem.

DA: Herzlichen Dank, Shirin!


Interview: Dr. med. Katrin Kraatz

Avatar von katrin-kraatz
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 4/2026
Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Dr. Katrin Kraatz aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 4/2026 vor. U.a. geht es um die Früherkennung des Typ-1-Diabetes, präventive Maßnahmen, um das erhöhte Krebsrisiko durch Diabetes zu senken sowie Tipps für abwechslungsreiches Kochen im Single-Haushalt.
Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 6/2026 | Foto: Mike Fuchs / Konstantin Yuganov – stock.adobe.com / MedTriX

4 Minuten

Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann?
Ist mehr als ein Diabetes-spezifische Antikörper bei einem Bluttest nachweisbar, liegt ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes vor. Wie geht es einer Familie, in der eine der Töchter drei Diabetes-spezifische Antikörper und somit ein hohes Risiko hat, bald einen Diabetes zu entwickeln? Das berichten Katrin, Jule und Angelina Hellmann im Interview.
Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann? | Foto: privat

17 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
    📧 moin@hanseatic-kids.de
    📞 040 851 59 747

    Uploaded ImageUploaded Image
  • Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/

  • Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.

    Genau hier setzt die TIMES-Studie an. Wir möchten besser verstehen, wie sich der Zyklus auf Glukosewerte und Insulinbedarf auswirkt – und wie Betroffene damit im Alltag umgehen.

    👉 Wen suchen wir?
    Personen mit Typ-1-Diabetes (18–40 Jahre), wohnhaft in Deutschland, mit regelmässigem Menstruationszyklus und Nutzung eines automatisierten Insulinabgabesystems.

    👉 Was bedeutet die Teilnahme?
    Dauer: 6 Monate, bequem alles von zu Hause aus
    Erfassung von Insulin-, Zyklus- und Aktivitätsdaten
    Als Dankeschön: Clue-Abo (1 Jahr), Garmin-Uhr (zum Behalten) + Aufwandsentschädigung (siehe Flyer)

    Mit eurer Teilnahme helft ihr, Diabetes-Technologien zukünftig besser an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen 💙

    Mehr Infos im Flyer 👇

    Uploaded Image
Verbände