Warum sich viele Ärztinnen und Ärzte immer noch schwertun, DiGA zu verordnen

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Warum sich viele Ärztinnen und Ärzte immer noch schwertun, DiGA zu verordnen
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Warum sich viele Ärztinnen und Ärzte immer noch schwertun, DiGA zu verordnen

Bei einer Umfrage für die KBV im Herbst 2023 gab nur jede vierte Praxis an, Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zu verordnen. Die Gründe der Ärztinnen und Ärzte sind zum Teil verständlich, zum Teil aber auch nicht mehr haltbar, wie Vorträge auf der Diabetes-Herbsttagung der DDG zeigten.

Zweifel an der Wirksamkeit von Digitalen Gesundheitsan­wendungen (DiGA) sind – drei Jahre nach dem Start der Verordnungsfähigkeit auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung – nicht mehr angebracht, meint Professor Dr. Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim. Die methodischen Studienanforderungen für die Aufnahme neuer Produkte ins BfArM-Verzeichnis seien mittlerweile fast höher als im AMNOG-Verfahren. Sie seien eher zu streng als zu liberal, findet der Psychologe und Psychotherapeut.

Ärztinnen und Ärzte sind skeptischer gegenüber DiGA als Menschen mit Diabetes

Bei den ihm bekannten zugelassenen DiGA wurden stets mit randomisierten, kontrollierten Studien medizinische Endpunkte nachgewiesen. Das sei auch nicht verwunderlich, da diese einfacher zu erheben seien als sogenannte „patientenrelevante Struktur- und Verfahrensverbesserungen“. Der jährliche Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetes zeige jedoch, dass Diabetologinnen und Diabetologen die Nutzung von Apps deutlich geringer einschätzten als Menschen mit Diabetes – und damit wohl unterschätzten.

Prof. Kulzer ist erfreut, dass es mittlerweile zwei DiGA gegen Adipositas und drei im Diabetes-Segment gibt. Wichtig ist ihm, dass Adipositas-Programme abwechselnde Inhalte für mindestens ein Jahr haben. Denn mit einer App-Verordnung für lediglich drei Monate werde nichts erreicht. Wichtig sei die Unterstützung bei der Stabilisierung der Abnehmerfolge. Überhaupt sei es sinnvoll, wenn die Apps in die Behandlung integriert würden.

Mehr zum Thema
➤ Industrie-Verband VDGH zum Digital-Gesetz: „Verpasste Gelegenheit bei DiGA-Versorgung“

2024 scheint sich im Diabetes-Bereich noch einiges zu tun. Dr. Jens ­Kröger, niedergelassener Dia­betologe in Hamburg und Vorstandschef von diabetesDE, hat fünf bis sechs DiGA auf dem Zettel, die dieses Jahr auf den Markt kommen könnten. Er kennt aber auch das Zeitproblem der Ärztinnen und Ärzte, sich mit einzelnen Programmen ausführlich zu beschäftigen, um sich eine Meinung bilden und Patientinnen und Patienten profund informieren können.

Bei einer Umfrage der AOK aus dem Jahr 2022 gab nur ein Fünftel von rund 2.600 Befragten an, dass ihre Behandelnden sie vor Nutzung der DiGA über deren Funktionen ausführlich aufgeklärt habe. Zwei Fünftel sagten, das passierte nur kurz.

Jede*r Vierte steigt vorzeitig aus dem Programm aus

Dabei empfand über die Hälfte aller Befragten ihre DiGA als das für sie passende Angebot und als sinnvolle Therapieergänzung. Das könnten dieselben Personen gewesen sein, die mitteilten, ihre DiGA wie empfohlen zu nutzen. Allerdings: Ein Viertel aller Befragten brach nach eigenen Angaben die App-Nutzung vorzeitig ab. Zudem werden gar nicht alle DiGA-Verordnungen eingelöst, ergänzt Dr. Kröger.

Es gibt Versuche von ärztlichen Organisationen, die Informationsbürde für die Verordnenden zu reduzieren, z. B. mittels gesammelter Empfehlungen von Kolleginnen und Kollegen oder anhand von Bewertungen nach Kriterienkatalogen. Doch nach wie vor zeigen Umfragen eine Zurückhaltung in vielen Praxen.

Zwei weitere Argumente – neben Zweifeln an der Evidenz der Programme und dem Zeitmangel, DiGA selbst zu testen – sind die Sorge um den Datenschutz der Apps und deren Kosten. Dass der Datenschutz gewährleistet ist, macht Dr. Kröger an den Zulassungsvorgaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte fest. Und bezüglich der Kosten verweist Prof. Kulzer auf Quartalspreise von 220 bis 250 Euro, wenn sich GKV-Spitzenverband und Hersteller über die Erstattung geeinigt haben oder die Schiedsstelle entschieden hat.

Aufwendiger Nutzennachweis führt zu hohen Marktpreisen

Die Kassen klagen allerdings weiterhin über hohe Preise im ersten Jahr (freie Preissetzung), insbesondere bei vorläufig zugelassenen DiGA. Die Hersteller erklären dies mit ihren Studienaufwendungen. Prof. Kulzer geht davon aus, dass erst wenige Anbieter im Markt schwarze Zahlen schreiben. Bezüglich der Integration von DiGA in die Behandlung könnten sich immerhin künftig Änderungen ergeben, denn das Digitalgesetz sieht diese Entwicklung vor.



von Michael Reischmann

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  • cesta postete ein Update vor 5 Tagen, 19 Stunden

    Hallo zusammen, ich habe eine Frage an euch. Ich habe seit 4 Jahren Typ 1 LADA und bisher nur mit Basalinsulin ausgekommen. Seit 3 Wochen muss ich nun auch zu jeder Mahlzeit Humalog spritzen. Für die Berechnung wiege ich immer alles ab. Könnt ihr eine App empfehlen, die bei der Berechnung der Kohlenhydrate unterstützt? Oder habt ihr andere Tipps wie man sich daran gewöhnt? Ich wiege bisher alles ab und kann mir gar nicht vorstellen, dass ich mir das zukünftig merken kann bzw. wie ich die Kohlenhydrate schätzen kann. Vielen lieben Dank für eure Hilfe! Liebe Grüße, Christa

    • kw antwortete vor 4 Tagen

      Hallo cesta, ich habe gute Erfahrungen mit der WETID App gemacht. Hier erhältst du für fast alle Lebensmittel BE – Werte. Man kann auch das Portionsgewicht eingeben und erhält dann die entsprechenden BE’s.
      Die App mit Werbung war bisher kostenlos. App ohne Werbung und im Abo ist besser.

      LG von kw = Kurt mit Diabetes Typ 3c

    • Hallo Christa! Ich verwende die FDDB app. LG Sarah (Lada)

    • @kw: Vielen lieben Dank für den Tipp!

    • @moira: Vielen lieben Dank für den Tipp!

  • hallo, ich hab schon ewig Diabetes, hab damit 4 Kinder bekommen und war beruflich unterschiedlich unterwegs, in der Pflege und Pädagogik. Seit ein paar Jahren funktioniert nichts mehr so wie ich das möchte: die Einstellung des Diabetes, der eigentlich immer gut lief, Sport klappt nicht mehr….ich bin frustriert und traurig..so kenne ich das nicht.. Geht es jemanden ähnlich? Bin 53…Viele grüße. Astrid

    • Liebe Astrid! Ich gerade 60 geworden und habe seit 30 Jahren Typ 1, aktuell mit Insulinpumpe und Sensor versorgt. Beim Diabetes läuft es dank des Loop gut, aber Psyche und Folgeerkrankung, Neuropathie des Darmes und fehlende Hypoerkennung, machen mir sehr zu schaffen. Bin jetzt als Ärztin schon berentet und versuche ebenfalls mein Leben wieder zu normalisieren. Kann gut verstehen, wie anstrengend es sein kann. Nicht aufgeben!! Liebe Grüße Heike

    • @mayhe: Hallo liebe Heike, danke für deine schnelle Antwort, das hat mich sehr gefreut. Nein aufgeben ist keine Option, aber es frustriert und kostet so viel Kraft. Ich hoffe dass ich beruflich noch einen passenden Platz finde. Und danke dass du dich gemeldet hast und von deiner Situation berichtet. Das ist ja auch nicht einfach. Und ich wünsche auch dir eine gewisse Stabilisierung…jetzt fühle ich mich mit dem ganzen nicht mehr so alleine. Was machst du denn sonst noch? Viele Grüße Astrid

    • Liebe Astrid! Ja, das Leben mit Diabetes ist echt anstrengend. Es kommt ja auf den normalen Wahnsinn noch oben drauf. Ich habe den Diabetes während der Facharztausbildung bekommen und ehrgeizig wie ich war auch damit beendet. Auch meinen Sohn, 26 Jahre, habe ich mit Diabetes bekommen. Hattest bei den Kindern auch schon Diabetes? Leider bin ich von Schicksalsschlägen dann nicht verschont geblieben. Was dann zu der heutigen Situation geführt hat. Ich habe durchgehalten bis nichts mehr ging. Jetzt backe ich ganz kleine Brötchen, freue mich wenn ich ganz normale kleine Dinge machen kann: Sport, Chor, Freunde treffen, usw. Ich würde mich zwar gerne aufgrund meiner Ausbildung mehr engagieren, dazu bin ich aber noch nicht fit genug. Was machst du so und wie alt sind deine Kinder? Bist du verheiratet? Liebe Grüße Heike

    • @mayhe: Hallo Heike, oh da hast du aber auch viel geschafft. Ja ich habe die Kinder mit Diabetes bekommen und meine Kinder sind 26,25,23 und bald 19 🥰….und wie du hoffe bald wieder fit zu sein. Beruflich wechsle ich jetzt vom Kinderhospiz wieder in die Krippe da es dort vorausschaubarer ist als im Schichtdienst. In der Hoffnung der Diabetes lässt sich dort wieder besser einstellen. Eigentlich sollte ich auch die Ernährung wieder umstellen, das weiß ich aber es fällt mir so schwer. Wie ist das da bei dir. Was machen deine Werte ? Viele Grüße Astrid

    • @sveastine: Hallo liebe Astrid, sag mal kann es sein, daß du in den Wechseljahren bist? Ich habe meine schon hinter mir, aber das war zuckertechnisch eine der schwierigsten Zeiten, weil ständig alles durcheinander war. Damals war ich allein 2 x in der Diabetes Klinik Bad Mergentheim zum Anpassen innerhalb von 3-4 Jahren. Die Hormonwirkungen waren der Wahnsinn. Jetzt ist es wieder deutlich ruhiger. Was hast du eigentlich für eine Versorgung? Pen? Pumpe? Insulin? Sensor?
      Ich habe die Tandem tslim mit Sensor und Novorapid. Und das ist für mich der game changer gewesen. Seitdem werden die zuckertechnischen Anstrengungen auch mit guten Werten belohnt. Liebe Grüße Heike

    • @mayhe: Hi, ja ich bin in den Wechsel Jahren schon eine ganze Weile und nehme Hormone. Das ist denke ich ist der Hauptgrund der Schwankungen, aber das geht schon seit ca 3 Jahren so, was doof ist. Ich hab das gleiche System wie du tslim und Dexcom, trotzdem schwierig.aber für Bad Mergentheim lt. Diabetologe zu gut um die Genehmigung dafür zu bekommen 🤷🏻‍♀️

    • @sveastine: Das ist ja witzig, das du dieselbe Versorgung hast. Also bist du da optimal versorgt. Jetzt verstehe ich deinen Frust. Nach den Behandlungen in Bad Mergentheim war es wenigstens eine Weile besser. Warst du schon mal in Reha wegen dem Zucker? Ist zwar nicht Bad Mergentheim, aber manche Rehakliniken machen das wohl echt gut. Du musst “nur” darauf achten, dass sie ein spezielles Angebot für Typ1er haben. Ich war 2019 in der Mediclin Klinik Stauffenberg, Durlach. Das war okay. Am wichtigsten fand ich den Austausch mit den Mitpatienten. Aber natürlich ist der Aufwand für dich bei 4 Kindern für 3 Wochen, sehr hoch. Und eine Garantie dafür das dann länger besser läuft gibt es nicht. Ich fand es aber immer wichtig, den zuckertechnischen Input und die Solidarität zu erfahren. Liebe Grüße Heike

    • @mayhe: Nicht Durlach, sondern Durbach.

  • Wir freuen uns auf das heutige virtuelle Community-MeetUp mit euch. Um 19 Uhr geht’s los! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-november/

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