Wie können Diabetespraxen Angehörige von Menschen mit Diabetes unterstützen?

5 Minuten

Community-Beitrag
Wie können Diabetespraxen Angehörige von Menschen mit Diabetes unterstützen?

[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Marken- und Produktnennung.]

Man hatte mir ja prophezeit, dass so etwas passieren könnte. „Wenn du ein Buch schreibst, dann giltst du als Expertin für ein Thema. Und dann wirst du auf einmal überallhin eingeladen und musst Vorträge halten.“ In meinem Fall dauerte es nach dem Erscheinen meines Buchs „In guten wie in schlechten Werten“ sogar nur wenige Tage, bis das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Dame, die den Kongress „Team Typ 2“ mitorganisierte. Dieser Kongress wird seit ein paar Jahren einmal im Jahr durch das Pharmaunternehmen AstraZeneca ausgerichtet und findet in Berlin statt. AstraZeneca hat viele orale Antidiabetika im Portfolio, die zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden. Doch dieses Mal wollte man auch einmal ein ganz anderes Thema abdecken: die Herausforderungen, mit denen die Angehörigen von Menschen mit Diabetes im Alltag konfrontiert werden.

Wo hakt es in den Praxen beim Umgang mit Typ-F-Diabetikern?

Ich freute mich sehr über diese Anfrage. Denn schließlich habe ich mein Buch ja vor allem deshalb geschrieben, weil diesem wichtigen Thema in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Also stimmte ich zu, hierzu gemeinsam mit dem Hamburger Diabetologen Dr. Jens Kröger beim „Team Typ 2“ einen Workshop für Ärztinnen und Ärzte sowie ihre Praxisteams zu moderieren. Dr. Kröger hatte mir schon bei der Arbeit an meinem Buch sehr geholfen und Expertenkommentare zu den darin geschilderten Fallbeispielen geliefert. Wir einigten uns darauf, zwei dieser Fallbeispiele aus dem Buch herauszugreifen und dem Publikum zu präsentieren – ergänzt durch Tipps und Hintergrundinformationen. Doch vor allem wollten wir mit dem Publikum darüber sprechen, wie sie den Umgang mit den Angehörigen von Menschen mit Diabetes erleben. Was häufige Probleme sind, wo es regelmäßig hakt und welche Lösungen sie Familien und Paaren anbieten können.

Intensive Gespräche und Diskussionen in kleiner Runde

Als ich am 2. Februar 2019 meine Powerpoint-Präsentation bei den Technikern abgegeben und mich im Vortragssaal eingefunden hatte, war ich ziemlich aufgeregt. Immerhin machte mein Diabetes keine Anstalten, den Workshop zu sabotieren. Doch ich hatte keine Ahnung, wie viele Menschen sich für das Thema „Typ F“ interessieren und welche Fragen sie stellen würden. In den Vortragssaal hätten locker 100 Leute reingepasst, doch letztlich waren nur etwa 25 der Stühle besetzt. Einerseits hätte ich mir natürlich mehr Resonanz auf mein Herzensthema gewünscht. Doch andererseits waren in dieser kleinen Runde natürlich intensivere Gespräche und Diskussionen möglich.

Kein Platz im Hort wegen der Diagnose Typ-1-Diabetes

Einer der beiden Fälle aus meinem Buch, die wir in unserem Workshop diskutierten, war der von Jamilah Fahel. Jamilah hat zwei Töchter, von denen eine im Alter von sieben Jahren die Diagnose Typ-1-Diabetes erhielt. Als Milena aus dem Krankenhaus entlassen wurde, weigerte man sich im Hort, das Kind weiter zu betreuen: Die Erzieherinnen weigerten sich, die Verantwortung für das Diabetesmanagement zu übernehmen. Gleichzeitig wollte man aber auch keinen Pflegedienst akzeptieren, der beim Diabetesmanagement hätte unterstützen können. Für Jamilah war das eine Katastrophe. Sie war nach der Diagnose mit dem Diabetesmanagement ohnehin schon mehr als ausgelastet. Außerdem war ihr befristeter Arbeitsvertrag gerade ausgelaufen. Weil sie keine Betreuungsmöglichkeit für Milena nach der Schule hatte, war Jamilah über zwei Jahre lang arbeitslos. Sie hätte zwar juristisch gegen die Kündigung durch den Hort vorgehen können. Doch sie wollte ihre Tochter auch nicht in einer Einrichtung betreuen lassen, in der sie unerwünscht war. Milena wiederum hatte durch diese Erfahrung von Ablehnung einen denkbar ungünstigen Start in ihren Alltag mit Diabetes. Sie hat die Erkrankung bis heute nicht wirklich akzeptiert und tut sich schwer, offen mit ihrem Diabetes umzugehen.

Alltag als Alleinerziehende schon mit gesundem Kind herausfordernd genug

Mich hatte diese Geschichte damals ungeheuer wütend gemacht. Manch einer kann vielleicht nicht verstehen, warum Jamilah sich nicht zur Wehr setzte und sich das diskriminierende Verhalten des Horts ihrer Tochter einfach gefallen ließ. Doch ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie ihr zumute war. Schließlich habe auch ich meinen Sohn die längste Zeit seiner Kindheit allein erzogen. Die Organisation des Alltags ist als Alleinerziehende schon mit einem gesunden Kind herausfordernd genug. Jamilah hat aber zwei Kinder, von denen eines gerade die Diagnose Typ-1-Diabetes erhalten hatte. Eine chronische Erkrankung, die ganz besonders am Anfang viel Lernen und Training, ständige Aufmerksamkeit und Energie einfordert. Jamilah hatte in dieser Situation keinen Partner an der Seite, der all das mittragen konnte und wollte. Ich kann gut nachempfinden, dass sie schlicht keine Energie mehr übrig hatte, um sich die Nachmittagsbetreuung ihrer Tochter zu erstreiten.

Menschen mit Behinderungen immer noch oft von Teilhabe ausgeschlossen

Die Diskussion beim Kongress „Team Typ 2“ zeigte mir, dass die Geschichte von Jamilah und Milena leider kein Einzelfall ist. Auch die Diabetesberaterinnen im Publikum berichteten von Fällen, in denen Kinder mit Diabetes von schulischen Aktivitäten ausgeschlossen werden oder erst gar keinen Platz in einer Kita bekommen. Auch knapp zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ist es noch keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit Behinderungen dieselben Möglichkeiten zur Teilhabe offenstehen wie allen anderen.

Quelle: Pixabay

Was Eltern von Kindern mit Diabetes wissen sollten

Und auch die Diabetespraxen stehen häufig recht hilflos vor den vielen ausgrenzenden Erfahrungen, die Menschen mit Diabetes und ihre Familien erfahren. Es ist in den Bundesländern zum Teil völlig unterschiedlich geregelt, welche Hilfen Eltern von Kindern mit Diabetes in Anspruch nehmen können und wo sie diese beantragen können. Eltern von Kindern mit Diabetes sollten deshalb Folgendes wissen:

  • Kinder mit Diabetes haben Rechtsanspruch auf Betreuungsplatz wie andere Kinder auch.
  • Gleiches gilt für eine Schulbegleitung, die das Kind hinsichtlich des Diabetes betreut, wenn das pädagogische Personal dies nicht tun möchte.
  • Betreuungspersonen sind zu dieser kontinuierlichen Routinebetreuung nicht verpflichtet – sie müssen lediglich im medizinischen Notfall Erste Hilfe leisten.
  • Eltern dürfen nicht wegen Erkrankung eines Kindes vom Erwerbsleben ausgeschlossen werden.
  • Ansprüche können juristisch zur Not im Eilverfahren durchgesetzt werden, damit das Kind nicht unnötig lange vom Schul- oder Kitabesuch ausgeschlossen ist.

Und auf welchen Gesetzen basiert das alles?

Und wer nun noch genau wissen möchte, in welchen Paragraphen diese Dinge geregelt sind bzw. auf welche Gesetze sich Eltern von Kindern mit Diabetes bei der Durchsetzung ihrer berechtigten Interessen berufen können, der möge einmal die Links in diesen Quellen anklicken:

  • In Artikel 3, Absatz 3, Grundgesetz steht u. a.: Niemand darf wegen (…) seiner Behinderung benachteiligt werden. Typ-1-Diabetes ist eine Behinderung, deshalb gilt dieser Passus natürlich auch für Kinder mit Typ-1-Diabetes.
  • § 53 und § 54 SGB XII: Menschen mit Behinderungen haben Anspruch auf Eingliederungshilfe. Dies können verschiedene Leistungen unterschiedlicher Träger sein und sollte von den Gegebenheiten des Einzelfalls abhängig gemacht werden.
  • § 22a Absatz 4 SGB VIII: Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam gefördert werden. Kinder mit Typ-1-Diabetes sollen also nicht ausgegrenzt und aus der Regelbetreuung in Schulen und Kitas ausgeschlossen werden.
  • § 4 Absatz 3 SGB IX: Leistungen sollen so gestaltet werden, dass Kinder nicht von ihrem sozialen Umfeld getrennt werden. Hierauf können sich Eltern z. B. berufen, wenn ihnen nahegelegt wird, ihr Kind mit Typ-1-Diabetes lieber in einer gesonderten Betreuungseinrichtung anstelle der gewohnten Kita anzumelden.
  • § 104 ff. SGB VII: Eine zivilrechtliche Haftung pädagogischer Fachkräfte z. B. wegen fehlerhafter Medikamentengabe ist ausgeschlossen. Dieser Haftungsausschluss ist ungemein wichtig. Denn nach wie vor glauben viele Angestellte in Kitas, Kindergärten oder Schulen, dass sie von den Eltern eines Kindes mit Diabetes persönlich juristisch belangt werden können, wenn sie dem Kind z. B. bei der Insulindosierung helfen und ihnen dabei ein Fehler unterläuft. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat hierzu Broschüren herausgegeben. Darin kann man nachlesen, dass Fehler bei der Medikamentengabe, die beim betreuten Kind zu gesundheitlichen Schäden führen, wie ein Arbeitsunfall gewertet werden. Solange sie nicht vorsätzlich gehandelt haben, können die pädagogischen Fachkräfte also nicht persönlich haftbar gemacht werden.

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich diese Dinge sowohl in den Diabetespraxen als auch in den betreuenden Einrichtungen endlich einmal herumsprechen, damit Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht länger ausgegrenzt und ihre Angehörigen endlich unterstützt werden!


Was tun, wenn blöde Sprüche über den Diabetes kommen? Nadja hat Tipps: Unschöne Kommentare und wie man damit umgeht

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast: „Weil du es kannst“ – im Gespräch mit Shirin Valentine über ihr neues Buch
In dieser Podcast-Episode spricht Steffi mit der Musikproduzentin, Moderatorin und Autorin Shirin Valentine über das Leben mit Diabetes. Shirin berichtet von ihrer Diagnose, ihrem Buch-Ratgeber für Neudiagnostizierte und der Rolle von Austausch und Online‑Communitys für einen selbstbestimmten Umgang mit der Erkrankung.
Diabetes-Anker-Podcast: „Weil du es kannst“ – im Gespräch mit Shirin Valentine über ihr neues Buch | Foto: Mike Fuchs / MedTriX

2 Minuten

Leben mit Diabetes: Diese Bücher und Materialien helfen weiter
Leben mit Diabetes bedeutet, den Alltag neu zu gestalten – mit Wissen, Motivation und guter Begleitung. Diese Bücher und Materialien zeigen, wie Betroffene ihren Weg finden, Herausforderungen meistern und Lebensqualität zurückgewinnen können.
Leben mit Diabetes: Diese Bücher und Materialien helfen weiter | Foto: Pixel-Shot – stock.adobe.com

5 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • moira postete ein Update vor 1 Tag, 11 Stunden

    Meine Tochter ist ein großer Fan der Buchreihe Woodwalkers. In einem Band kommt wohl ein Woodwalker mit Diabetes typ 1 vor. Fand ich cool. Es wird Blutzucker gemessen und ein Unterzucker behandelt.
    (Wen es interessiert Band 2.3)

  • moira postete ein Update vor 3 Wochen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 4 Wochen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

Verbände